In dieser Hinsicht erwies sich Wieland als der richtige Prophet. Fabeln entstehen tatsächlich so leicht und so geschwind, daß man bis heutigen Tags zu erzählen weiß dort und in der Umgegend von einem Hufschmied, der ein richtiger Teufelskerl gewesen sei und in allen Künsten Gewandtheit besessen habe; ja selbst die Sage von dem großen Siege des Königs Alfred oder die andre von dem berühmten Wunderhorn haben sich in Berkshire nicht so kräftig erhalten, wie die Sage von Wieland, dem Schmied.
Die Eile, mit der die Reiter ihrem Ziele zustrebten, gestattete ihnen keinen längeren Aufenthalt, als zum Füttern ihrer Tiere notwendig war, und da manche von den Ortschaften, durch die sie ihr Weg führte, unter dem Einflüsse des Grafen von Leicester stand, erachteten sie es für klug, ihre Namen für sich zu behalten, wie auch den Zweck ihrer Reise. Bei solchen Anlässen war nun die Fertigkeit und Gewandtheit Wieland Schmieds, wie wir den Mann hinfort nennen wollen, ob er gleich mit seinem richtigen Namen Lancelot Wieland hieß, von außerordentlicher Verwendbarkeit. Er schien wirklich Freude daran zu haben, wenn er bei Wirten und Hausknechten durch sein geschicktes Verhalten recht große Neugierde wachgerufen und sie gehörig an der Nase herumführen konnte. Dreierlei verschiedene Gerüchte kamen in Umlauf während der Dauer ihrer Reise: erstens daß Tressilian der Lorddeputierte von Irland sei und in Verkleidung käme, um den Willen der Königin in Sachen des großen Rebellen Rory Oge Mac-Carthy Mac-Mahon zu vernehmen; zweitens daß Tressilian ein Geschäftsträger sei von »Monsieur«, der für Seine königliche Hoheit um die Hand der Königin Elisabeth anhalten soll; drittens, daß er der Herzog von Medina sei, der inkognito nach England gekommen, um den Streitfall zwischen Philipp dem Zweiten von Spanien und der Herrscherin von England beizulegen.
Tressilian wurde hierüber sehr ärgerlich und legte Wieland Schmied die mancherlei Scherereien und vor allem den unnötigen Grad von Aufsehen, den sie um solcher Märchen willen machten, zur Last. Aber er ließ sich beruhigen ... und wer hätte solchem Grunde sein Ohr verschließen können? ... durch die Versicherung des Schmieds, die Schuld läge einzig und allein an ihm selber und an seinem vornehmen, ritterlichen Aussehen, so daß es gar nicht zu umgehen gewesen sei, einen auffälligen Grund für die Eile und die Heimlichkeit des Rittes anzugeben.
Endlich kamen sie der Hauptstadt näher, und je mehr sie sich ihr näherten, desto geringer wurde infolge des Fremdenschwalls, der dieselbe umlagerte, das Interesse für die beiden Reiter.
Tressilians Absicht war, direkt, nach Deptford sich zu begeben, wo Lord Sussex residierte, um dem Hofe, der zurzeit in Greenwich gehalten wurde, dem Lieblingswohnsitze der Königin Elisabeth und besonders geschätzt von ihr als Stätte ihrer Geburt, so nahe wie möglich zu sein. Indessen war ein kurzer Aufenthalt in London nicht zu umgehen, und durch die ernstlichen Bitten Wieland Schmieds, der sich in der Stadt umsehen wollte, zog sich dieser Aufenthalt sogar noch etwas in die Länge.
»Nimm Dein Schwert,« sagte Tressilian, »und Deinen Schild und folge mir! Ich muß gleichfalls ausgehen, wir können uns also zusammen auf den Weg machen.«
Er sagte das um deswillen, weil er sich noch immer nicht recht auf die Treue seines neuen Gefolgmanns verlassen zu dürfen meinte; wenigstens erschien es ihm nicht für geraten, ihn in diesem wichtigen Augenblick, da sich die Parteien am Hofe der Königin in solch regem Wettkampfe um die Herrschaft befanden, aus dem Gesicht zu lassen. Wieland Schmied ließ sich diese Vorsichtsmaßregel willig gefallen, deren Grund er wahrscheinlich vermutete, aber er bedang sich bloß aus, daß sein Herr in die Läden derjenigen Doktoren der Chemie und der Apotheker mitgehe, die er namhaft machen werde, wenn sie ihren Weg durch die Fleet Street nähmen, und ihm ein paar Einkäufe dort erlaubte von Dingen, deren er dringend benötige. Tressilian erklärte sich damit einverstanden und ging mit in die Läden, die der Schmied bezeichnete; es waren ihrer vier bis fünf, und in jedem kaufte Wieland Schmied, wie Tressilian zu seiner Verwunderung wahrnahm, immer bloß ein, aber immer ein andres Arzneimittel. Was er davon zuerst einkaufte, war immer gleich bei der Hand; was er später verlangte, brauchte immer einige Zeit, bis er es erhalten konnte... ebenso machte Tressilian die Wahrnehmung, daß Wieland mehr als einmal, zum lebhaften Erstaunen der Ladeninhaber, die ihm verabfolgte Droge oder Pflanze zurückgab und sich die richtige dafür ausbat, oder den Laden verließ, um sie anderswo einzukaufen. Ein Ingrediens aber schien sich gar nicht auftreiben zu lassen. Einige Drogisten gaben ohne Zaudern zu, dasselbe noch nie im Leben gesehen zu haben. Andre stellten in Abrede, daß es eine solche Arznei überhaupt gäbe, außer in der Einbildung ganz verschrobener Alchimisten, Die meisten versuchten, dem Schmied eine andre Arznei dafür zu verkaufen, ohne daß es ihnen aber gelingen wollte, denn dieser wies all die untergeschobene Ware als nicht das, wonach er frage, zurück, so viel auch die Verkäufer ihm einreden wollten, daß sie ihm doch gäben, was er verlange, und nichts anders, oder daß das, was sie ihm gäben, die gleichen Eigenschaften besitze, wie das von ihm Verlangte. Durchschnittlich waren sie aber alle erpicht darauf, zu erfahren, wozu der Schmied diese Arznei haben wolle. Ein alter, dürrer Drogist, an den der Schmied das gleiche Ansuchen richtete, aber in Ausdrücken, für die es Tressilian an Verständnis gebrach, und die er sich nie im Leben erinnerte gehört zu haben, antwortete frei und offen, die Arznei dürfe sich in ganz London wohl kaum ausfindig machen lassen, wenn sie nicht etwa Yoglan, der Jud', führte.
»Hab ich es mir doch gedacht!« sagte Wieland. Und sobald sie aus dem Laden getreten waren, sagte er zu Tressilian: »Ich muß Euch, gestrenger Herr, um Verzeihung bitten, aber es ist kein Arbeiter im stande, etwas zu machen, wenn es ihm an dem Werkzeug dazu gebricht. Ich muß deshalb noch zu diesem Yoglan gehen, und gelobe Euch, daß der Gebrauch, den ich von dieser seltnen Arznei machen will, Euch reichliche Entschädigungen bringen wird für den Aufenthalt, den ich Euch jetzt verursache. Erlaubt mir also, jetzt vorauszugehen,« setzte er hinzu, »denn wir müssen jetzt die breite Hauptstraße verlassen und kommen, wenn ich den Führer mache, noch einmal so geschwind vom Flecke.«
Tressilian erklärte sich einverstanden, der Schmied bog in eine Seitengasse ein, die linker Hand zum Flusse hinunterging. Es kam ihm vor, als ob sein Führer mit besonderer Geschwindigkeit seinen Weg verfolge und als ob er sehr bekannt in der großen Stadt sein müsse, denn er wußte den Weg ganz genau durch alle Seiten- und Nebengäßchen. Endlich blieb Wieland stehen, mitten in einem besonders engen Winkelgäßchen, das seinen Ausgang nach der Themse hinunter hatte, die hier recht düster und schmutzig aussah. Dieser Hintergrund wurde, wie Meister Mumblazen gesagt hätte, »quer geteilt« durch die Masten von zwei Leichterschiffen, die dort vor Anker lagen und auf die Flut warteten.
Der Laden, vor dem der Schmied stehen blieb, besaß, wie es zurzeit Mode ist, kein Schaufenster, sondern war nichts weiter als eine mit Glanzleinwand gedeckte Bude, wie sie jetzt zumeist Schuhflicker halten. An der Vorderseite war sie offen, und erinnerte hierin an die Fischbuden unsrer Tage.