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Ein altes, kleines Männchen mit schmutzfarbenem Gesicht, sonst aber von keiner Ähnlichkeit mit einem Juden, denn er war ganz blond und hatte gar keinen Bart, zeigte sich und er fragte Wieland unter allerhand Höflichkeitsbezeugungen, was ihm die Ehre seines Besuches verschaffe. Kaum hatte er die Arznei genannt, die er suchte, als der Jude zusammenfuhr und sehr verwundert dreinschaute.

»Und wozu will Euer Gnaden wohl haben diese Arznei? Ich habe nun meinen Laden an die vierzig Jahr, aber, mein Gott, es ist in dieser ganzen Zeit gewesen nicht ein einziges Mal Nachfrage bei mir danach.«

»Diese Frage Euch zu beantworten, dazu habe ich von meinem Besteller keinen Auftrag,« entgegnete Wieland; »ich will bloß von Euch hören, ob Ihr führt, was ich will haben, und ob Ihr, wenn dies der Fall ist, mir von der Arznei was käuflich wollt ablassen.«

»Ei, Du mein Gott, freilich führe ich die Arznei und führe sie nicht zum Vergnügen, sondern zum Verkaufe; also könnt Ihr auch haben, soviel Ihr wollt, wie ich verkaufe als Drogist alles, was ich führe in meinem Laden.«

Also sprechend, schüttete er ein Pulver auf den Ladentisch und fuhr dann fort:

»Aber die Arznei wird kosten viel Geld, denn was sie mich kostet, das geht nicht bloß ins Geld, das geht ins Gold ... ja, sie muß gewogen werden mit Gold, muß gewogen werden sechsfach mit Gold ... denn sie kommt vom Berge Sinai, wo gegeben worden ist uns das heilige Gesetz. Und die Pflanze blüht nur einmal im Jahrhundert.«

»Ich weiß nicht, wie oft sie gesammelt wird auf dem Berge Sinai,« erwiderte Wieland, nachdem er die ihm gezeigte Droge mit tiefer Verachtung betrachtet hatte; »aber ich will mein Schwert und meinen Schild gegen Euren Mantel setzen, daß das Zeug, das Ihr mir da gebt, statt dessen, was ich fordere, in Aleppu im Schloßgraben umsonst gepflückt werden kann.«

»Ihr seid ein rauher Mann,« sagte der Jude, »und zudem habe ich nichts, was besser wäre als das, in meinem ganzen Laden ... oder wenn ich noch hätte, was besser wäre, so würde ich es Euch nicht ablassen wollen ohne eine ärztliche Verordnung, Ihr müßtet mir denn sagen, was Ihr wollt machen für einen Gebrauch davon.«

Wieland gab ihm nun Bescheid in einer Sprache, von der Tressilian nichts verstand und die den Juden mit dem größten Erstaunen erfüllte. Er starrte den Schmied an, wie jemand, der plötzlich irgend einen gewaltigen Helden oder gefürchteten Gewalthaber in der Person eines unbekannten und bislang für nichts gehaltenen Fremden erkannt hat.

»Heiliger Elias!« rief er aus, als er sich von den ersten Wirkungen seines Staunens erholt hatte, und dann ging er mit einem Male aus seiner bisherigen argwöhnischen und bedächtigen Weise zu der äußersten Höflichkeit und zu dem verbindlichsten Wesen über, machte einen Bückling über den andern vor dem Schmied und ersuchte ihn, in seine arme Behausung einzutreten, um seiner elenden Schwelle nicht den Segen zu rauben.

»Ihr wollt keinen Becher leeren mit dem armen Juden Zacharias Yoglan? ... Kann ich dienen mit einem Glas Tokayer? ... Wollt Ihr kosten von meinem Lachrymae Christi? ... Wie?«

»Ihr beleidiget mich mit Euren Angeboten,« versetzte Wieland, »gebt mir, was ich begehre und erspart Euch alles weitere Reden.«

Also in seine Schranken verwiesen, griff der Jude nach seinem Schlüsselbund und schloß behutsam ein Schränkchen auf, das fester verschlossen zu sein schien als die andern Schubladen und Kästen, in denen er seine Drogen und, Arzneien verwahrt hielt und zwischen denen es stand; dann zog er ein geheimes Fach auf, das mit einer Glastafel bedeckt war, und das eine geringe Portion eines schwarzen Pulvers enthielt.

Dieses Pulver reichte er dem Schmied, und sein Wesen bezeugte dabei die tiefste Ehrerbietung, wenn er auch mit einem geizigen, eifersüchtigen Ausdruck im Gesicht und mit ängstlicher Behutsamkeit, als wenn es ihm leid sei um jedes Gran, das er seinem Kunden zuviel abgeben könne, die Menge in der Hand wog: ein seltsamer Gegensatz zu der Unterwürfigkeit, deren er sich sonst dem Schmied gegenüber beflissen zeigte, und durch den diese an Wert erheblich verlor.

»Habt Ihr eine Wage?« fragte Wieland.

Der Jude zeigte auf die Wage, die er sonst in seinem Laden zu benutzen pflegte, aber mit einem so deutlichen Zeichen von Zweifel und Furcht, daß es dem Schmied nicht entgehen konnte.

»Es muß eine andre Wage sein als diese,« sagte Wieland in strengem Tone; »wisset Ihr nicht, daß heilige Dinge ihre Kraft einbüßen, wenn sie gewogen werden auf ungerechter Wage?«

Der Jude ließ den Kopf hängen, nahm aus einem mit Stahl plattierten Kästchen eine andre, elegant verzierte Wage und sagte, indem er sie für den Gebrauch zurecht machte und dem Schmied gab:

»Diese Wage dient mir zu meinen eignen Experimenten ... ein Haar von des Hohenpriesters Bart würde ins Schwanken bringen ihr Zünglein.«

»Die genügt,« erwiderte der Schmied und wog zwei Drachmen von dem schwarzen Pulver für sich ab, die er hierauf auf das sorgsamste zusammendrückte, in ein festes Blatt Papier wickelte und zu den übrigen Medikamenten in die Tasche schob. Dann fragte er den Juden, was die beiden Drachmen kosteten; der Jude aber schüttelte den Kopf und verneigte sich tief zur Erde. ...

»Keinen Preis, nein, keinen ... nichts, nichts von solchen wie Ihr seid ... aber Ihr werdet Wohl wieder besuchen den armen Juden und werdet Euch ansehen sein Laboratorium, wo er, Gott helfe ihm, zusammen ist geschrumpft zu dem Stoffe, aus welchem bestanden hat der verdorrte Kürbis des Propheten Jonas, des heiligen ... ja, Ihr werdet haben Mitleid mit ihm und ihm helfen einen Schritt weiter auf der großen Straße.«

»Pst!« machte Wieland und legte geheimnisvoll den Finger an den Mund, »es kann sein, daß wir uns wieder begegnen ... Du hast beinahe den Schamajm, wie Deine eignen Rabbis es nennen ... die große Schöpfung ... wache also und bete, denn Du mußt die Weisheit des Alkahest erlangen und des Elixiers und des Samech ... ehe ich mich weiter einlasse mit Dir.«

Dann erwiderte er die tiefe Verbeugung des Juden mit einem Nicken und schritt hoheitsvoll durch das Gäßchen von bannen, hinter ihm sein Herr, dessen erste Bemerkung über den Auftritt, dessen Zeuge er gewesen war, lautete: daß Wieland dem Juden für das Pulver etwas hatte bezahlen müssen, sei es noch so wenig gewesen.

»Ich ihn bezahlen?« versetzte dieser; »soll mich der böse Feind und sich holen, wenn ich es tue! ... Hätte ich, nicht befürchtet, Euer Gnaden Unwillen wachzurufen, so hätte ich ihm noch ein paar Unzen Goldstaub für das gleiche Gewicht Ziegelstaub abgenommen!«

»Ich rate Dir, solche Streiche zu unterlassen, so lange Du bei mir in Diensten stehst!« sprach Tressilian.

»Ich sage ja doch, daß ich es bloß unterlassen habe um Euretwillen,« antwortete Wieland Schmied, »Streiche saget Ihr? ... ei, ei! Das alte, dürre Skelett ist reich genug, die enge Gasse, in der es wohnt, mit Talern zu pflastern. Aber er läßt sie nicht aus seinem eisernen Kasten heraus, und doch wird er närrisch wegen des Steins der Weisen! Außerdem wollte er mich zuerst betrügen, da er mich für einen armen Gefolgsmann ansah, mit einem Quark, der keinen Heller wert war. Wurst wider Wurst! sagte der Teufel zum Kohlenmann. Wenn seine schlechte Droge meine echten Kronen wert sein sollte, so galt das gleiche von meinem Ziegelstaub und seinem Gold.«

»Du magst recht haben, wenn Du einen Juden so traktierst und mit den Drogisten feilschest,« erwiderte Tressilian, »aber merke Dir, dergleichen Manöver, von einem meiner Leute ausgeübt, beeinträchtigen meine Ehre, und darum kann ich sie nicht erlauben. Nun bist Du hoffentlich fertig mit Deinen Einkäufen?«

»Das bin ich, gestrenger Herr,« erwiderte Wieland; »und mit diesen Drogen gedenke ich noch heute das wahre Gegengift, jene edle Arznei zu bereiten, die man in so seltenen Fällen nur als wirksam und echt findet in den Ländern des europäischen. Kontinents, wo jenes so äußerst seltne und kostbare Arzneimittel nicht zur Verfügung steht, das ich eben von dem Juden Yoglan gekauft habe. [Orvietan oder venetianisches Tränkchen, wie es bisweilen auch genannt wird, stand im Rufe eines vornehmen Heilmittels gegen Gift; und der Leser muß sich für die Lektüre dieses Buches darein finden, diese Meinung zu teilen, die ehedem verbreitet war sowohl in der gelehrten Welt wie beim großen Volk.]