»Warum hast Du denn Deine Einkäufe nicht sämtlich im gleichen Laden gemacht?« fragte Tressilian; »wir haben dadurch beinahe eine Stunde eingebüßt, daß wir von einem Drogisten zum andern haben laufen müssen.«
»Lasset das gut sein, Herr,« versetzte Wieland, »es soll mir niemand mein Geheimnis ablernen; ich würde es aber bald los sein, wollte ich alle Medikamente, die dazu gehören, zusammen in einem und demselben Laden kaufen.«
Nun begaben sie sich zurück nach ihrem Gasthofe, dem beliebten »Zum wilden Mann«; und während dort der Diener des Lord Sussex die Pferde anschirrte, ließ sich Wieland Schmied vom Koch einen Mörser geben, schloß sich in ein besonderes Stübchen ein und zerstieß und mischte und wog und brachte die Drogen, die er eingekauft hatte, in das richtige Verhältnis zu einander, mit einer Fertigkeit und Schnelligkeit, daß niemand, der ihn dabei beobachtet hätte, im Zweifel gewesen wäre über seine Eigenschaft als Apotheker oder Pharmazeut.
In der Zeit, die Wieland zur Bereitung seines Heilmittels brauchte, war der Diener auch mit dem Anschirren der Pferde fertig. Ein Ritt von knapp einer Stunde brachte sie zum gegenwärtigen Wohnsitz des Earl of Sussex, einem alten Schlosse in der Nähe von Deptford, Say's-Hof mit Namen, das lange der Familie dieses Namens gehört hatte, aber seit etwa einem Jahrhundert der alten und ehrlichen Familie Evelyn gehörte.
Das dermalige Oberhaupt dieser Familie nahm lebhaften Anteil an dem Schicksal des Earl of Sussex und hatte ihm und seinem zahlreichen Gefolge diese gastliche Stätte geöffnet.
Vierzehntes Kapitel
Say's-Hof wurde bewacht, wie eine belagerte Festung; und Argwohn beherrschte zu damaliger Zeit die Gemüter in so hohem Maße, daß Tressilian und seine Begleiter, als sie in die Nähe des kranken Grafen gelangten, wiederholt von Schildwachen angehalten und ausgefragt wurden, von berittnen sowohl wie von solchen zu Fuß. Wirklich machte auch der hohe Rang, den Sussex in der Gunst der Königin einnahm, wie auch seine Rivalität gegen den Earl of Leicester, die in ganz England bekannt und von der Königin gelitten war, sein Wohlbefinden zu einer Sache von höchster Wichtigkeit, denn zu der Zeit, da unsere Erzählung spielt, herrschte in allen Gemütern noch Zweifel darüber, ob er oder der Earl of Leicester den höhern Rang in ihrer Gunst besitzen würde.
Königin Elisabeth liebte es, wie manch andre ihres Geschlechts, die Parteien gegen einander auszuspielen und, je nachdem es das Staatsinteresse erheischte, manchmal wohl auch, wie es ihrer weiblichen Eitelkeit gefiel, denn sie war von dieser Schwäche durchaus nicht frei, bald diese, bald jene ans Ruder kommen zu lassen. Klug zu erwägen, die Karten nicht aus der Hand zu geben, das eine Interesse gegen das andre zu setzen, den Höfling, der in ihrer Wertschätzung sich der höchsten Stelle sicher wähnte, durch die Furcht im Schach zu halten, es könne ein andrer, wenn auch nicht in ihrer Gunst, so doch in ihrem Vertrauen, ihm an die Seite treten, waren Künste, die sie während ihrer Regierung zu üben verstand und die ihr, so oft sie in die Schwäche der Günstlingswirtschaft sank, die Möglichkeit und die Fähigkeit ließen, die schlimmen Einwirkungen derselben auf ihr Königreich und ihre Regierung zum größten Teile zu verhindern.
Die beiden Edelleute, die sich zurzeit in ihrer Gunst als Nebenbuhler gegenüberstanden, besaßen äußerst verschiedene Ansprüche auf diesen Besitz; es möge indessen hier die allgemeine Bemerkung genügen, daß der Graf von Sussex Elisabeth als Königin die größten Dienste geleistet hatte, während Leicester ihr als Mensch näher stand. Sussex war, wie damals im britischen Königreiche gesagt wurde, ein »Martialist«, ein Mann des Krieges. Er hatte Hervorragendes geleistet in Irland sowohl als in Schottland, vor allem aber in dem großen Aufstand im Norden des Landes, der im Jahre 1569 ausgebrochen und zumeist durch seine soldatische Tüchtigkeit unterdrückt worden war. Infolgedessen scharten sich um ihn all jene Elemente, die durch das Waffenhandwerk sich zu Macht und Ansehen bringen wollten. Dazu kam, daß der Graf von Sussex aus älterm und edlerm Geschlechte stammte als sein Nebenbuhler, denn er vereinigte in seiner Person sowohl das Geschlecht der Fitz-Walters, wie das der Ratcliffes, während das Wappenschild Leicesters befleckt war durch die Degradation seines Großvaters, des herrschsüchtigen Ministers Heinrich des Siebenten, und wohl kaum wieder gereinigt durch jene andre seines Vaters, des unglücklichen, am 22. August 1553 im Tower hingerichteten Dudley, Herzogs von Northumberland. Aber in seiner Person, seiner Wohlgestalt, seinem Angesicht, seiner Haltung und Führung – Waffen, die am Hofe einer Herrscherin von so ausschlaggebender Bedeutung find – besaß Leicester Vorzüge, die mehr als ausreichend waren, die soldatischen Dienste, das edlere Blut und das freie und offne, vielleicht manchmal derbe Wesen des Grafen von Sussex in Schatten zu stellen oder doch auszugleichen. Leicester besaß auch in Hofkreisen, zum Teil sogar im Königreiche, das Ansehen, daß ihm die Gunst der Königin in höherem Maße gehöre als Sussex, wenngleich die Königin auch in diesem Falle Klugheit genug besaß, ihre Gesinnung nicht vollständig an den Tag zu legen, um den Grafen immer in der Meinung zu halten, daß zuletzt doch vielleicht der andre an die erste Stelle gelangen könne. Die Erkrankung des Grafen von Sussex kam Leicester deshalb um so gelegner, als sich in der Bevölkerung die sonderbarsten Kombinationen daran knüpften, wahrend die, Parteigänger des einen Grafen von den tiefsten Befürchtungen, diejenigen des andern von den stärksten Hoffnungen wegen des wahrscheinlichen Ausgangs der Krankheit erfüllt wurden. Inzwischen – denn zu damaliger Zeit rechnete man immer mit der Wahrscheinlichkeit, daß solcher Zwist mit dem Schwerte beigelegt werden würde – scharten sich die Parteigänger der beiden Männer um deren Fahnen, erschienen wohlbewaffnet selbst in der Nahe des Hofes und verwirrten das Ohr der Herrscherin durch ihre häufigen und beunruhigenden Auseinandersetzungen und Streitereien, die von ihnen sogar in den engern Räumen des königlichen Palastes geführt wurden. Diese Verhältnisse zu schildern, war notwendig, um die nun folgenden Vorgänge dem Leser verständlich zu machen:
Tressilian fand bei seiner Ankunft in Say's-Hof Parteigänger des Grafen von Sussex und Edelleute, die gekommen waren, sich nach dem Befinden ihres Gönners zu erkundigen, in Scharen, so daß das Haus sie kaum zu fassen vermochte. Aller Hände waren bewaffnet, und aller Gesichter zeigten düstern Ernst, gleich als ob auf allen die Furcht vor einem sofortigen heftigen Angriffe lastete. In der Halle dagegen, wohin Tressilian von einem Diener des Grafen geführt wurde, während ein andrer sich zu dem Grafen begab, um die Ankunft Tressilians zu melden, warteten nur zwei Edelleute. In der Kleidung, Erscheinung und im Wesen derselben bestand ein auffälliger Gegensatz. Die Haltung des ältern, augenscheinlich eines hohen Standesherrn, der in, der Vollkraft des Mannesalters stand, war schlicht und soldatisch; er war von untersetzter Gestalt, von kräftigem Gliederbau; sein Wesen ermangelte jeglicher Milde, und sein Gesichtsausdruck war von jener Art, die einen kerngesunden Menschenverstand ausdrückt, ohne ein Korn von Lebhaftigkeit oder Einbildungskraft. Der jüngere, der anfangs oder Mitte der Zwanziger zu stehen schien, war in die munterste Tracht gekleidet, die zu damaliger Zeit von Standespersonen getragen wurde: hervorstechend durch ein Mäntelchen aus karmesinrotem Sammet, das reich besetzt war mit Spitzen und Stickereien, eine Kappe aus dem gleichen Stoffe, umschnürt mit einer dreifach gewundenen, durch eine Medaille befestigten, güldnen Kette. Sein Haar war frisiert, wie man es in unsrer Zeit bei manchen vornehmen Edelleuten trifft, nämlich kurz geschnitten und energisch in die Höhe gekämmt; in den Ohren trug er silberne Ringe, und in jedem der Ringe prangte eine Perle von erheblicher Größe. Das Gesicht dieses Jünglings, das übrigens von regelmäßiger Schönheit war und dessen Ausdruck durch eine elegante Erscheinung erhöht wurde, war lebhaft und munter und von einer Offenheit, daß man die Festigkeit eines entschlossenen und das Feuer eines unternehmenden Charakters zugleich mit Ueberlegungskraft und Raschheit des Entschlusses davon hätte ablesen können.