Edward drängte sich durch die dichten Menschenreihen in den Gerichtssaal. Zwei Männer standen vor den Schranken. Das Schuldig war eben gesprochen worden. Fergus Mac-Ivors hohe Gestalt und edle Züge waren noch immer imposant, trotzdem sein Gesicht die gelbe Farbe langer Gefängnishaft und seine Kleidung die Spuren des Kerkerschmutzes zeigte. An seiner Seite stand Evan Mac Dhu. Edward fühlte sich einer Anwandlung von Schwäche nahe, als er sie erblickte. Aber seine Besinnung kehrte schnell wieder, als er den Gerichtspräsidenten jetzt verkünden hörte:
»Fergus Mac-Ivor von Glennaquoich, alias Vich-Ian-Vohr, und Evan Mac-Ivor, aus dem Tarrascleugh, alias Evan Dhu, alias Evan Maccombich, Ihr beide zusammen und jeder von Euch beiden besonders, seid des Hochverrats überwiesen und für schuldig erkannt worden in dreitägiger Gerichtsverhandlung. Was habt Ihr noch vorzubringen?«
Daraufhin bedeckten die todverkündenden Richter ihr Haupt mit der Mütze, und auch Fergus Mac-Ivor setzte sich die Mütze aufs Haupt. Sodann nahm Fergus das Wort und sprach fest und kalt:
»Was ich zu sagen hätte, das möchtet Ihr doch nicht anhören, da es Euer Urteil sein würde aus meinem Munde. Fahrt also fort in Eurem Tun, da Gott es Euch nicht wehrt. Ihr habt gestern und vorgestern loyales Blut schon stromweis vergossen. Schont also auch meines nicht! Und wenn alles Blut meiner Ahnen in meinen Adern flösse, so wagte ich es doch immer und immer wieder in solchem Kampfe!« Evan Maccombich stand jetzt auf. Es schien, als wenn er sprechen wolle. Aber es schien ihm schwer zu werden, Gedanken, die er auf gälisch fühlte, in andrer Sprache zum Ausdruck zu bringen. Unter dem Publikum erhob sich Gemurmel, das auf eine Regung von Mitleid schließen ließ. Wahrscheinlich glaubte man, der Fähnrich wolle die Gnade des Gerichts für sich anrufen unter Hinweis darauf, daß er seinem Herrn, nach der Sitte der hochschottischen Clans über Leben und Tod, den Gehorsam nicht habe weigern dürfen.
Der Vorsitzende gebot Schweigen und forderte den Fähnrich zum Reden auf, der einen tiefernsten Blick auf seinen Häuptling heftete.
»Ich wollte dem Gerichtshof,« hub er an, wie er meinte, in einer bittenden Weise, »bloß melden, daß sich sechs der besten Männer des Clans Mac-Ivor bereit erklären, den Tod, sei es durch Köpfen, Hängen, Vierteilen oder Pfählen, als Strafe zu erleiden, wenn der Gerichtshof dem Häuptlinge des Clans, Fergus Mac-Ivor, das Leben und die Erlaubnis erteilen wollte, sich auf Urfehde nach Frankreich zu begeben, wo er die Regierung König Georgs in keiner Weise mehr beunruhige würde.«
Ob dieses seltsamen Vorschlages erklang, so feierlich der Ort der Handlung und so unheimlich diese selbst war, doch etwas wie Gelächter. Der Vorsitzende verwies dem Publikum das Geräusch und dem Fähnrich das Ungebührliche seiner Rede. Da sah sich dieser im Saale um und sprach, düstrer und feierlicher als vordem:
»Wenn die sächsischen Männer drüber lachen, daß ich mein Leben und das von sechs andern meines Clans dem Leben Vich-Ian-Vohrs gleich erachte, dann mögen sie mich auslachen mit Recht; aber wenn sie lachen, weil sie vielleicht denken, ich möchte mein Wort nicht halten, dann sage ich ihnen, daß sie weder das Herz eines Hochländers noch die Ehre eines Edelmanns kennen.«
Jetzt zeigte niemand mehr Verlangen zu lachen, sondern, Totenstille trat ein. Dann sprach der Richter das Urteil über die beiden Angeklagten wegen Hochverrats mit all dem üblichen, damals schreckhaften Zubehör aus und bestimmte für die Hinrichtung den nächstfolgenden Tag.... »Für Euch, Fergus Mac-Ivor,« setzte er hinzu, »kann ich andres nicht mehr hoffen. Ihr müßt Euch zu diesem letzten Leidensgange und zum Verhör vor Eurem höchsten Richter bereiten.«
»Ich erwarte nichts weiter,« versetzte der Häuptling in dem gleichen festen Tone seiner Worte.
In Evans Augen, die noch immer mit tiefem Ernst auf seinem Häuptling ruhten, stahl sich jetzt eine Träne.
»Für Euch, armer unwissender Mann,« nahm der Richter wieder das Wort, »fühle ich aufrichtiges Mitleid, denn Ihr seid ein Opfer falschen Wissens und irriger Vorstellungen, die in Euren unglückseligen Clanschaftsbegriffen fußen. Ihr habt den Gehorsam, den Ihr allein Eurem Könige schuldet, auf eine Person übertragen, die ihn in ihrem eignen Interesse ausgenützt und Euch dadurch unglücklich gemacht hat. Sofern Ihr Euch entschließen wollt, die Gnade ...«
»Nichts von Gnade für mich,« fiel ihm Mac Dhu ins Wort, »da Ihr nun einmal das Blut unsers edlen Vich-Ian-Vohr, der unser angestammter Häuptling ist, vergießen wollt, so ist die einzige Gunst, die ich von Euch annehmen würde, die, mir auf Zeit von einer Minute meinen Claymore wieder in die Hand zu geben und mich meiner Fesseln frei zu machen.«
»Führt die Gefangenen ab!« befahl der Richter. »Ihr Blut komme über sie!«
Unter einer erdrückenden Last von Empfindungen sah Edward sich von der Menschenflut im Saale auf die Straße hinausgedrängt. Ein unsägliches Verlangen, den Häuptling noch einmal zu sehen und zu sprechen, überkam ihn, und er meldete sich bei der Wache am Schloßeingange. Der Sergeant beschied ihn, daß der Gouverneur für jedermann, außer dem Beichtvater und seiner Schwester, den Zutritt verboten habe.
»Und wo ist seine Schwester?« fragte Waverley.
Der Sergeant nannte ihm das Haus einer ehrenhaften katholischen Familie. Er begab sich in den Gasthof zurück, wo er abgestiegen war, und schrieb ein paar Worte an Flora Mac-Ivor, um die Erlaubnis eines kurzen Besuchs bittend. Der Bote kam mit der Antwort zurück, »daß sie dem teuren Freunde des teuren Bruders den Wunsch nicht abschlagen könne, den er an sie richte, trotz des unsäglichen Jammers, der in ihrem Herzen herrsche«.
Edward wurde sogleich vorgelassen, als er zur bezeichneten Abendstunde bei der Name sich melden ließ. Flora saß in einem großen düstern Zimmer an einem Gitterfenster und nähte an einem langen Gewande, scheinbar aus weißem Flanell. In knappem Abstande von ihr saß eine ältliche Frau, scheinbar eine Nonne. Sie las in einem Gebetbuch; aber als Waverley eintrat, legte sie es auf den Tisch und ging aus der Stube.
Flora erhob sich und trat Waverley entgegen. Sie reichte ihm die Hand, aber sie konnte kein Wort sprechen. Ihre schöne, frische Gesichtsfarbe war verschwunden, sie war stark abgemagert, und Gesicht und Hände waren so weiß wie Marmor. Von dem dunklen Haar und der schwarzen Kleidung, die sie trug, stach dieses Weiß unheimlich ab. Die ersten Worte, deren sie mächtig wurde, waren:
»Waverley, habt Ihr ihn gesehen?«
»Nein, Miß Flora, ich bin nicht zu ihm gelassen worden.«
»Das entspricht der bisherigen Weise, aber wir müssen gehorchen. Habt Ihr noch Hoffnung?«
»Nein, wenn ich aufrichtig sein will.«
»Waverley, er hat Euch immer geliebt, mit ganzem Herzen, bis zuletzt, trotz jenes Zwistes – doch lassen wir die Vergangenheit ruhen. Es ist müßig, ihrer sich zu erinnern.«
»Ja, Flora,« erwiderte Waverley mit tiefer Inbrunst, »müßig ... leider ... leider!«
»Auch von der Zukunft, Freund, zu sprechen, ist müßig, wenigstens soweit sie auf irdische Dinge sich richtet. Denn wie oft habe ich an solche schreckliche Möglichkeit gedacht, wie oft mich gezwungen, ihr ins Auge zu sehen; und doch, wie wenig erreichte meine Phantasie die unsägliche Bitterkeit, diesen gräßlichen Wermut solcher Stunden!« »Teuerste Flora! wenn Eure Seelenstärke ...«
»Das eben ists,« fiel sie ihm ins Wort, »ein rühriger Teufel rumort in meinem Herzen, der mir zuflüstert ... doch Wahnsinn überkäme mich, wollt ich ihm lauschen ... daß eben die Seelenstärke, auf die sich Flora Mac-Ivor einst so viel zu gute tat, ihren Bruder gemordet hat.«
»Wie könnt Ihr solch gräßlichem Gedanken Ausdruck geben?«