Die beiden Edelleute lehnten ziemlich in der gleichen Stellung unfern von einander auf Bänken, aber jeder schien in seine besondern Betrachtungen vertieft zu sein, jeder blickte starr auf die Wand, die ihnen gegenüber sich erhob, und keiner sprach zum andern ein Wort. Die Blicke des ältern der beiden ließen keinen Zweifel, daß er, wenn er sich die Wand ansah, nichts weiter darin sah, als den mit Waffenröcken, Geweihen, Schilden, alten Rüstungen, Partisanen und dergleichen Dingen, die gewöhnlich den Schmuck solcher Stätte bilden, behangenen Teil eines Gemachs. Die Miene des jüngern Stutzers verriet eine gewisse Phantasie: er war versunken in träumendes Sinnen, und es sah ganz so aus, als ob der leere Bodenraum zwischen ihm und der Wand die Bühne eines Theaters sei, auf der sein Geist seine eignen dramatischen Personen auftreten ließe, und ihm Szenen vorführte von ganz andrer Art und ganz anderm Charakter, als jene, die ihm sein leibliches Auge und irdisches Leben hätten zeigen können.
Bei Tressilians Eintritt fuhren beide Edelleute aus ihrem Sinnen auf und entboten ihm ihren Gruß; der jüngere vornehmlich mit großem Aufwand von Munterkeit und Herzlichkeit.
»Willkommen, willkommen, Tressilian,« sagte der Jüngling, »Deine Philosophie raubte Dich uns, als diese Stätte dem Ehrgeiz Ziele zu eröffnen schien ... aber sie ist manierlich und läßt sich ertragen, da sie Dich uns wieder zuführt zu einer Zeit, da hier bloß Gefahren zu teilen sind.«
»Ist denn mein lieber Herr so gefährlich erkrankt?« fragte der Junker.
»Wir befürchten das Schlimmste,« antwortete der ältere Edelmann, »und zwar darum, weil hier die schlimmsten Praktiken gelten.«
»Pfui,« rief da Tressilian, »der Graf von Leicester ist doch ein Ehrenmann.«
»Was will er dann mit all den Mannen, die er um sich schart?« sagte der jüngere. »Wer den Teufel weckt, mag ja ein Ehrenmann sein, aber er ist verantwortlich für das Unheil, das er stiftet, trotz allem.«
»Versteht Ihr unter diesem »trotz allem« Euch selbst, meine Herren?« fragte Tressilian, »seid Ihr es allein, die meinem lieben Herrn beistehen in seiner äußersten Not?«
»Nein, nein,« versetzte der ältere Edelmann, »Tracy, Markham und manch andre mehr sind da, aber wir halten hier paarweise Wacht, und manche sind müde und schlafen oben in der Galerie.«
»Und manche,« setzte der Jüngling hinzu, »sind unterwegs nach Deptford zum Dock hinüber, um nach einem Schiff Ausschau zu halten, zu dessen Ankauf die Trümmer ihres Vermögens noch ausreichen; und sobald hier alles vorbei ist, wollen wir unsern edlen Herrn in ein edles, grünes Grab betten, dann bei schicklichem Anlaß über die herfahren, die ihn in solchen Zustand gejagt haben, und dann mit schwerem Herzen und leichtem Beutel nach Indien segeln.«
»Meinetwegen,« versetzte Tressilian, »und sobald ich mein Geschäft am Hofe erledigt habe, will ich mich Eurem Vorhaben gern anschließen.«
»Du hast Geschäfte bei Hofe?« riefen beide, wie aus einem Munde, »und machst die Reise mit nach Indien?«
»Ey ei, Tressilian,« rief der jüngere Mann, »bist Nu nicht versprochen, verlobt? Und hinweg über jene Glücksfahrten, die andres junges Volk hinaus auf hohe See treiben, wenn ihre Barke bloß ein paar Ruderschläge noch bis zum Hafen hatte? ... Was ist aus der holden Indamira geworden, die meinem Amoret in Treue und Schönheit sollte vereinet sein?«
»Sprich von ihr nicht!« sagte, sich abwendend, Tressilian.
»Ei, ei, steht es so mit Euch beiden?« rief der Jüngling, indem er mit aller Herzlichkeit und Liebe des andern Hand ergriff; »dann fürchte nicht, daß ich den Finger wieder auf die frische Wunde lege! Aber das ist eine seltsame Kunde! Seltsam und traurig! Kann denn keiner von uns muntern, fröhlichen Gesellen in diesem jähen Gewittersturm glücklich im Hafen landen, sondern müssen alle von uns schmählichen Schiffbruch leiden? Von Dir wenigstens, mein lieber Edmund, hatte ich gehofft, Du würdest glücklich landen; aber sagt nicht ein andrer lieber Freund Deines Namens:
»Wer sieht Fortunens Rad zerstören, Ein Glück, das er für sicher hält; Der fühlt es, daß wir angehören Dem Wankelmut in dieser Welt, Der im Zertrümmern sich gefällt!«
Der ältere Edelmann war von seiner Bank aufgestanden und schritt mit merklicher Ungeduld durch die Halle, während der Jüngling mit hohem Ernst und tiefer Empfindung diese Strophen zitierte. Als er damit fertig war, hüllte der andre sich in seinen Mantel ein und streckte sich wieder hin mit den Worten:
»Mich wundert es, Tressilian, daß Ihr den albernen Kram mit anhören könnt. Was soll wohl ein vernünftiger Mensch denken von einem so tugendsamen und ehrbaren Hause, wie dem meines Herrn, wenn er hier solch weinerliches, läppisches, kindisches Gereimsel hört? Solches Gefasel, das mit Junker Walter Klingelbeutel den Weg gefunden hat in unser ehrenfestes, kernfestes Englisch? Das uns Gott geschenkt hat, damit wir uns schlicht und verständlich ausdrücken? Und das sollen wir uns verdrehen und verschnörkeln lassen in solch unreifes, unfaßliches Geplapper?«.
»Blount meint,« sagte sein Kamerad lachend, »der Teufel habe um Eva in Versen gefreit,, und die mystische Bedeutung vom Baume der Erkenntnis beziehe sich einzig und allein auf die Fertigkeit, Reime zu drechseln und Hexameter zu bilden.«
In diesem Augenblick trat der Kammerherr des Grafen in die Halle und benachrichtigte Tressilian, daß der Graf ihn zu sich entbieten lasse.
Tressilian fand Lord Sussex angekleidet, aber frei von Arm- und Beinschienen auf seinem Ruhebett. Ueber die Veränderung, die durch die Krankheit mit ihm vorgegangen war, fühlte er sich tief betroffen. Der Graf begrüßte ihn aufs herzlichste und erkundigte sich sogleich, wie es um seine Herzenssachen stände. Tressilian ging der Antwort einen Augenblick aus dem Wege und lenkte die Rede auf den Gesundheitszustand des Grafen. Zu seinem nicht geringen Erstaunen machte er die Beobachtung, daß die Symptome seiner Krankheit sich genau mit der Schilderung deckten, die der Schmied von ihr gegeben hatte. Darum zauderte er nicht, dem Grafen genau zu erzählen, wie es sich um seinen neuen Gefolgsmann verhielt, und daß sich derselbe anheischig gemacht hätte, die Krankheit zu heilen, an der der Graf litte.
Dieser hörte aufmerksam, aber ungläubig zu, bis der Name Demetrius vorkam. Da rief er plötzlich seinem Sekretär zu, ihm ein Kästchen zu bringen, worin sich Papiere von Wichtigkeit befanden.
»Nimm die Aussage heraus,« sagte er zu dem Sekretär, »die der Schurke von Koch, den wir im Verhör hatten, abgegeben hat, und sieh sorgfältig zu, ob darin nicht der Name Demetrius vorkommt.«
Der Sekretär hatte die Stelle im Nu gefunden und las:
»Und der Inkulpat, als er befragt wird, sagt aus: daß er sich erinnre, die Sauce zu dem erwähnten Stör bereitet zu haben, nach dessen Genuß der besagte edle Lord von Uebelkeit befallen wurde; und er tat die üblichen Ingredienzien und Gewürze hinzu und zwar ...«
»Uebergehe diese nebensächlichen Dinge,« sagte der Graf, »und sieh zu, ob er nicht durch einen gewissen Demetrius, seines Zeichens Kräuterhändler, mit den betreffenden Materialien versorgt worden ist.«
»Das ist durchaus richtig,« antwortete der Sekretär, »und er fügt bei, daß er seitdem besagten Demetrius nicht gesehen habe.«
»Dies stimmt überein mit der Geschichte Deines Burschen,« erwiderte der Graf, »laß ihn herholen, Tressilian!«