Vor den Grafen geführt, erzählte Wieland, der Schmied, sein Vorleben mit Festigkeit und Ruhe.
»Es kann ja sein,« sprach der Earl, »daß Du abgesandt worden bist von denen, die dies Werk begonnen haben, zu dem Zwecke, es zu vollenden. Aber bedenke, daß es Dir hart ergehen wird, wenn ich an Deiner Arznei zugrunde gehe.«
»Das wäre gestrenges Maß,« erwiderte der Schmied, »da doch die Wirkung von Arzneien und das Ende des menschlichen Lebens in Gottes Hand ruht. Aber ich will die Gefahr laufen. Ich habe nicht so lange unter der Erde gelebt, um Bange vor dem Grabe zu haben.«
»Nun denn, da Du so zuversichtlich bist, will ich die Gefahr desgleichen auf mich nehmen,« sprach der Graf, »denn die studierten Aerzte sind mit ihrem Latein bei mir zu Ende. Sage mir, wie die Arznei eingenommen werden muß.«
»Das soll sogleich geschehen,« antwortete Wieland, »erlaubt mir jedoch noch eine Bedingung, daß es, weil ich alle Gefahr der Kur auf mich nehme, keinem Arzt erlaubt sein solle, sich einzumischen.«
»Das ist nur recht und in Ordnung,« entgegnete der Graf, »und nun bereite Deine Arznei.«
Während Wieland die Befehle des Grafen zur Ausführung brachte, entkleideten die Diener auf Weisung des Schmieds den Grafen und brachten ihn zu Bett.
»Ich sage Euch im voraus,« bemerkte der Schmied, »daß die erste Wirkung dieser Arznei sich durch einen tiefen Schlaf äußern wird, und während dieser Zeit darf die Ruhe im Zimmer durch nichts gestört werden, weil sich sonst verhängnisvolle Folgen einstellen werden. Ich werde selbst bei dem Herrn Grafen, wachen mit einem der Kammerherren vom Dienste.«
»Es sollen alle das Zimmer verlassen mit einziger Ausnahme von Stanley und diesem braven Manne,« sprach der Earl.
»Und mit Ausnahme von mir,« sagte Tressilian, »denn ich nehme das lebhafteste Interesse an den Wirkungen dieses Trankes.«
»Einverstanden, mein lieber Freund,« sagte der Earl; »und nun zu unsrer Kur; aber zuvor ruft mir meinen Sekretär und meinen Kammerherrn.«
»Ihr seid Zeugen dafür,« sprach er, als diese Herren eintraten, »Ihr seid mir Zeugen dafür, daß unser ehrenwerter Freund Tressilian in keiner Weise verantwortlich ist für die Wirkungen, die diese Arznei auf mich äußern wird, denn ich nehme sie aus meinem eignen freien Willen und zufolge meiner eignen freien Wahl, aus dem Grunde, weil ich sie für eine Arznei halte, die mir mein gnädiger Gott sendet auf einem weder von mir noch von andern vermuteten Wege, zu dem Zwecke, mich von meiner Krankheit genesen zu machen. Meldet meiner edlen, fürstlichen Gebieterin meine untertänigen Empfehlungen, und beteuert ihr, daß ich lebe und sterbe als ihr getreuer Diener, und daß ich allen, die um ihren Thron sich scharen, die gleiche Herzensaufrichtigkeit, den gleich guten Willen, ihr dienstbar zu sein, wünsche im Verein mit größerer Fähigkeit und Geschicklichkeit, als verliehen war dem armen Thomas Ratcliffe.«
Er faltete, nun die Hände und schien auf die Zeit von einigen Sekunden in stilles Gebet zu versinken, dann nahm er die Medizin in die Hand, verhielt sich ein paar weitere Sekunden lang still und betrachtete Wieland mit einem Blicke, der ihm durch die Seele dringen sollte, aber in dem Benehmen des Schmieds und in seiner Handlungsweise weder Unruhe noch Zaudern bewirkte.
»Hier ist keine Ursache vorhanden zu Furcht oder Besorgnis,« sprach der Graf zu Tressilian und schluckte die Medizin ohne weitres Besinnen hinunter.
»Und nun bitte ich Eure Herrlichkeit,« sagte Wieland, »sich so bequem wie nur möglich zur Ruhe hinzustrecken; und Euch, meine edlen Herren, ersuche ich, sich so still wie möglich zu verhalten, und ganz so stumm, wie wenn Ihr am Sterbebette Euerer leiblichen Mutter verweiltet.«
Der Kammerherr und der Sekretär verließen nun das Gemach und erteilten draußen Befehl, daß alle Türen geschlossen bleiben und aller Lärm im Hause auf das strengste vermieden werden solle. Verschiedne Edelleute blieben, weil es ihr Wille war, in der Halle als Wache, aber das Gemach, in welchem der kranke Graf lag, wurde von niemand betreten, ausgenommen von seinem Leibdiener Stanley, von Wieland und von Tressilian. Die Anordnungen Wielands wurden flugs erfüllt, und ein tiefer Schlaf senkte sich auf den Grafen, ein Schlaf, so tief und fest, daß die beiden, die abwechselnd an seinem Bette wachten, Tressilian und Stanley, ernstlich zu fürchten anfingen, er möchte bei dem geschwächten Zustande, in dem er sich befand, in die Ewigkeit hinübergehen, ohne aus seiner Lethargie zu erwachen. Wieland, der Schmied, schien selbst Unruhe zu fühlen, betastete von Zeit zu Zeit mit leichtem Druck die Schläfen des Grafen – und verfolgte mit besondrer Aufmerksamkeit die Atemzüge des Patienten, die tief aus der Brust heraufkamen, aber leicht und regelmäßig waren.
Fünfzehntes Kapitel
Es gibt keine Zeit, wo die Menschen einander häßlicher vorkommen, als wenn das erste Tagesgrauen sie noch wach und schlaflos findet. Selbst eine Schönheit erster Klasse, nach durchtanzter Nacht vom Morgengrauen überrascht, würde besser daran tun, sich vor dem Blick selbst ihres ergebensten und blindesten Verehrers zu verbergen. So wirkte auch das bleiche, unheimliche und unangenehme Licht, als es Tag zu werden anfing um die Männer her, die die ganze Nacht hindurch Wache gehabt hatten in der Halle von Says-Hof. Der kalte, blasse Schimmer vermischte sich mit dem roten, gelben und qualmigen Schein verlöschender Lampen und Fackeln. Der junge Edelmann, der in unserm letzten Kapitel aufgetreten ist, war auf ein paar Minuten hinausgegangen, um nachzusehen, weshalb an der Außentür geklopft wurde, und als er wieder hereinkam, erschrak er fast über das trostlose, gespenstische Aussehen seiner Wachtkameraden und rief aus:
»Herr, Du meine Güte! Ihr Herren, Ihr seht aus wie die Eulen! Mich dünkt, wenn die Sonne aufgeht, sehe ich Euch mit verschleierten Augen aufflackern und Euch im nächsten Efeugestrüpp oder einem verfallnen Gemäuer verstecken.«
»Halt den Schnabel, Du Hansnarr,« sagte Blount, »halt den Schnabel. Ist jetzt eine Zeit zum Witzereißen, wo das Mannestum von England eine Mauer breit von uns am Ende verstirbt?«
»Da lügst Du,« erwiderte der junge Mann. »Was, lügen?« rief Blount und fuhr auf. »Lügen! Mir das!«
»Ja, das hast Du getan, Du zänkischer Narr,« antwortete der Jüngling, »liegst Du nicht noch auf der Bank dort? Aber bist Du nicht ein Brausekopf, daß Du gleich bei einem schlecht angebrachten Worte auffährst in Zorn und Grimm? Aber so sehr ich auch Mylord liebe, und gewiß ebenso aufrichtig wie Ihr, so sage ich doch, wenn der Himmel ihn von uns nimmt, so stirbt doch nicht Englands ganzes Mannestum mit ihm.«
»Gewiß,« versetzte Blount, »ein gutes Teilchen bleibt mit Dir am Leben.«
»Und ein gutes Teil mit Dir selber, Blount, und mit dem stämmigen Markham hier und mit Tracy und mit uns allen. Aber ich will sicherlich die Talente, die der Himmel uns allen gegeben hat, am vorteilhaftesten verwerten.«
»Wie denn, bitte?« sagte Blount. »Teil uns doch Dein Geheimnis der Multiplikation mit.«
»Nun Ihr Herren,« antwortete der Jüngling, »Ihr seid wie gutes Land, das noch kein Korn trägt, weil es nicht durch Dünger gehoben worden ist. Ich aber habe diesen anspornenden Geist in mir, der meine bescheidnen Fähigkeiten schon mit sich fortreißen wird. Mein Ehrgeiz wird mein Hirn in steter Tätigkeit halten, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«
»Ich bitte Gott, daß Dich der Ehrgeiz nicht um den Verstand bringen möge,« sagte Blount, »ich meinesteils – wenn wir unsern edeln Lord verlieren – ich sage dem Hof und dem Lager Valet. Ich habe fünfhundert Aecker in Norfolk, und dorthin gehe ich dann und tausche den Höflingspantoffel gegen ein Paar derbe Ackerbauerstiefel um.«
»Eine klägliche Veränderung!« rief der andre. »Du hast auch schon so recht den Schlendrian eines Ackerbauers an Dir – die Schultern hängen Dir herab, als wenn Deine Hände auf dem Pfluge lägen, und Du hast eine Art Erdgeruch an Dir, statt nach Parfüm zu duften, wie ein galanter Stutzer und Höfling. Deine einzige Entschuldigung wäre, daß Du bei diesem Schwerte schwörtest, Dein Pächter habe eine hübsche Tochter.«