Der junge Edelmann, den wir nun schon hinreichend kennen, war jedenfalls noch nie der Person der Königin so nahe gekommen, und er drängte sich so weit vor, wie es das Spalier der Wärter nur ermöglichte, um sich die Gelegenheit zu nutze zu machen. Sein Gefährte verwünschte dagegen seine Unklugheit und zog ihn zurück, bis Walter sich ungeduldig von ihm losriß, wobei ihm der prachtvolle Mantel von der Schulter fiel. Dieser Umstand diente dazu, seine wohlgebaute Gestalt in sehr vorteilhafter Weise zu enthüllen. Gleichzeitig nahm er die Mütze ab und heftete die Augen fest und gespannt auf die Königin, mit einer Mischung ehrfürchtiger Neugierde und bescheidner, doch glühender Bewunderung, die seinem seinen Gesicht so gut stand, daß die Wärter, von seiner reichen Kleidung und edeln Erscheinung bestochen, ihn näher heranließen, als sie Wohl sonst einen gewöhnlichen Zuschauer an den Platz herangelassen hätten, über den die Königin zu gehen hatte.
So stand der waghalsige Jüngling voll vor Elisabeths Auge – einem Auge, das nie für die ihr von ihren Untertanen verdientermaßen gezollte Bewunderung unempfindlich und auch für das Ebenmaß einer schönen Gestalt bei irgend einem ihrer Höflinge nie gleichgültig war. Sie heftete daher ihren scharfen Blick auf den Jüngling, als sie dem Platz, wo er stand, sich näherte, und in ihrem Blick lag Erstaunen über seine Kühnheit, doch ohne Verdruß, indessen ereignete sich ein Zufall, der ihre Aufmerksamkeit noch stärker auf ihn lenkte. Die Nacht war regnerisch gewesen, und grade, wo der junge Edelmann stand, sperrte eine kleine Pfütze der Herrscherin den Weg. Sie zauderte, sie zu überschreiten, und der junge Fant warf den Mantel von den Schultern und legte ihn über die schmutzige Stelle, so daß Elisabeth trocknen Fußes weiterschreiten konnte. Sie sah den jungen Mann an, der diese Handlung tief ergebner Höflichkeit mit einem Gebaren untertänigster Ehrfurcht verrichtete, während hohe Röte dabei sein Gesicht bedeckte. Die Königin war verwirrt, errötete selber, nickte mit dem Kopfe, schritt hastig weiter und bestieg ihre Barke, ohne weiter ein Wort zu sagen.
»Komm nur jetzt, Junker Hanswurst,« sagte Blount, »Dein fescher Mantel bedarf heute der Bürste, möcht ich wetten.«
»Dieser Mantel,« sagte der Jüngling, nahm ihn auf und faltete, ihn zusammen, »soll nie wieder ausgebürstet werden, so lange er mir gehört.«
»Und das wird er nicht mehr lange, sofern Du nicht« mehr Sparsamkeit lernst.«
Ihr Gespräch wurde unterbrochen durch einen Mann von der Ehrenwache.
»Ich bin geschickt worden,« sagte er, nachdem er sie aufmerksam betrachtet hatte, »zu einem Herrn, der keinen Mantel hat oder einen schmutzigen. Ihr, Herr,« – indem er sich an den Junker wendete – »seid der Mann; Ihr wollt mir gefälligst folgen.«
»Er gehört zu mir,« sagte Blount, »dem Stallmeister des edeln Grafen von Sussex.«
»Das geht mich nichts an,« antwortete der Bote, »mein Befehl ist direkt von Ihrer Majestät und betrifft allein diesen Herrn.«
Mit diesen Worten ging er fort, und Walter folgte ihm, während die andern ihm sprachlos nachgafften. Blount wollten die Augen vor Erstaunen fast aus den Höhlen treten, und endlich machte er seiner Verblüffung in dem Rufe Luft: »Wer zum Kuckuck hätte das gedacht!« Und geheimnisvoll den Kopf schüttelnd, ging er zu seinem eignen Boot, stieg ein und fuhr nach Deptford zurück.
Der junge Ritter wurde inzwischen von dem Mann der Ehrenwache nach dem Wasser geführt. Der Mann, der ihm.– was als ein sehr bedeutsames Zeichen angesehen werden durfte –, nicht geringe Ehrerbietung erwies, führte ihn in einen der Kähne, die bereit waren, der königlichen Gondel zu folgen, die schon auf dem Flusse schwamm. Die beiden Ruderer brauchten ihre Riemen mit solcher Emsigkeit, daß sie ihr kleines Boot rasch an die königliche Barke herangebracht hatten. Die Fürstin saß unter einem Baldachin, und um sie her einige Damen und die Edelherren ihres Gefolges. Sie sah oft nach dem Kahne, in dem der junge Edelmann saß, sprach dann zu ihrer Umgebung und schien zu lachen. Endlich gab einer aus dem Gefolge, augenscheinlich auf der Königin Befehl, dem Kahn ein Zeichen, an die Längsseite der Bark zu kommen, und der junge Mann wurde aufgefordert, aus dem Kahn in die Gondel zu treten, was er mit graziöser Gewandtheit tat. Er trat dann der Königin näher, wahrend der Kahn wieder hinter der Barke hersteuerte. Der junge Mann hielt den Blick der Majestät aus und erschien dabei um so anmutiger, als eine leichte Verlegenheit sich in sein Selbstbewußtsein mischte. Der beschmutzte Mantel hing noch über seinem Arm und bildete den natürlichen Gegenstand, über den die Königin zu sprechen begann.
»Ihr habt heute einen schmucken Mantel in unserm Dienste verdorben, junger Mann. Wir danken Euch für Euern guten Dienst, wenn auch die Art und Weise ein wenig ungewöhnlich, ja sogar kühn war.«
»Wenn es der Dienst einer Landesherrin erfordert,« antwortete der Jüngling, »ist Kühnheit jedes Untertanen Pflicht.«
»Bei Gott! Das war wohl gesprochen, Mylord!« sagte die Königin und wandte sich an einen ernsten Mann, der neben ihr saß und mit einer ernsten Neigung des Kopfes antwortete, ein paar Worte der Zustimmung murmelnd.
»Nun, junger Mann, Eure Galanterie soll nicht unbelohnt bleiben. Geht zu unserm Garderobier, er soll Anweisung erhalten, Euch das Kleidungsstück zu ersetzen, das Ihr in unserm Dienst weggeworfen habt. Ihr sollt einen Anzug nach dem neuesten Schnitt haben, darauf geben wir Euch unser fürstliches Wort.«
»So es Euer Majestät gefiele,« sagte Walter zögernd, »es geziemt freilich einem so niedrigen Diener Eurer Majestät nicht, ein Maß an Eure Güte zu legen; doch wenn es mir »erlaubt wäre, zu wählen ...«
»So würdest Du lieber Gold haben, wette ich,« sagte die Königin, ihn unterbrechend. »Pfui, junger Mann! Ich sage es mit Beschämung, in unsrer Hauptstadt sind die Gelegenheiten zu verschwenderischen Torheiten so zahlreich und mannigfach, daß einem jungen Mann Geld geben Kohlen ins Feuer tun heißt. Das heißt nur sie auf den Weg der Selbstverderbung führen. So lange ich am Leben und an der Regierung bin, sollen diese Gelegenheiten zu unchristlicher Ausschweifung eingeschränkt werden. Doch Du magst wohl arm sein,« setzte sie hinzu, »oder Deine Eltern sind arm. Du sollst Gold haben, wenn Du willst – aber Du sollst mir dafür stehen, daß es nicht vergeudet wird.«
Walter wartete geduldig, bis die Königin ausgeredet hatte, und versicherte ihr dann, daß ihm der Sinn ebenso wenig nach Geld stünde, wie nach dem Gewände, daß Ihre Majestät ihm vorher angeboten hätte.
»Wie, Knabe?« rief die Königin. »Weder Gold noch Kleidung? Was willst Du denn von mir?«
»Nur Erlaubnis, Majestät, – sofern es nicht eine zu hohe Ehre ist – den Mantel zu tragen, der Euch diesen geringfügigen Dienst erwiesen hat.«
»Erlaubnis, Deinen eignen Mantel zu tragen, Du törichter Knabe!« rief die Königin.
»Er ist nicht länger mein« sagte Walter, »seit Eurer Majestät Fuß ihn berührt hat, ist er eines Fürsten würdig und viel zu kostbar für seinen bisherigen Eigentümer.«
»Habt Ihr je dergleichen gehört, Mylords?« fragte die Königin, die abermals errötete und ihre angenehme Ueberraschung und leise Verwirrung unter einem Lachen zu verbergen suchte. »Der Jüngling hat sich durch Romanlektüre ein wenig den Kopf verdreht. Ich muß Näheres über ihn erfahren, damit ich ihn ein wenig ins Gebet nehmen kann. Wer bist Du?«