»Ein Edelmann vom Gefolge des Grafen Sussex – ich bin mit Verlaub Eurer Majestät zusammen mit seinem Stallmeister hergeschickt worden – wir haben einen Auftrag an Euer Majestät.«
Der huldvolle Ausdruck, den Elisabeths Gesicht bisher gezeigt hatte, wich im Augenblick einem Ausdruck des Hochmuts und der Strenge.
»Mylord von Sussex,« sagte sie, »hat uns gelehrt, wie wir seine Botschaften aufzunehmen haben, denn er selber legt den unsern keinen Wert bei. Wir sandten eben heute morgen erst unsern Leibarzt zu ihm, und das zu ganz ungewohnter Zeit, da wir hörten, daß seine Erkrankung gefährlicher sei, als wir zuerst gefürchtet hatten. An keinem Hofe in Europa gibt es einen in dieser heiligen und nützlichen Wissenschaft besser bewanderten Mann als Doktor Masters, und er war von Uns an Unsern Untertan gesandt. Und doch ist ihm der Eintritt verwehrt worden. Für diese abweisende Annahme einer Freundlichkeit, in der nur zu viel gütige Herablassung lag, wollen wir, wenigstens vorderhand, keine Entschuldigung annehmen, und eine solche auszurichten, ist doch wohl der Zweck von Lord Sussexs Sendung.«
Dies wurde in einem Tone und mit einer Gebärde gesprochen, daß die an Bord der Barke befindlichen Freunde des Grafen von Sussex zitterten. Er aber, an den diese Worte gerichtet waren, zitterte nicht, sondern antwortete, sobald der Zorn der Königin es ermöglichte, mit Unterwürfigkeit:
»Mit Verlaub Eurer Majestät, ich bin mit keiner Entschuldigung vom Grafen von Sussex hergesandt worden.«
»Nun, was ist Dir denn aufgetragen worden?« rief die Königin in jenem Ungestüm, das neben edeln Eigenschaften in ihrem Charakter besonders stark hervortrat. »Mit einer Rechtfertigung wohl gar – oder, Gottes Tod! Mit einer neuen Verhöhnung.«
»Allergnädigste Fürstin,« sagte der junge Mann, »Mylord von Sussex weiß, daß eine Kränkung an Hochverrat grenze, und er konnte keinen andern Gedanken hegen, als sich des Beleidigers zu versichern und ihn Eurer Majestät auf Gnade oder Ungnade auszuliefern. Der edle Graf lag in festem Schlafe, als Eure höchst huldvolle Botschaft ihn erreichte – ein Schlaftrunk war ihm von seinem Arzte eingegeben worden, und seine Lordschaft hat erst heute morgen nach seinem Erwachen davon gehört, daß Eurer Majestät höchst erfreuliche Sendung in so unschicklicher Weise abgewiesen worden ist.«
»Und welcher von seinen Dienern im Namen des Himmels hat die Dreistigkeit gehabt, meine Botschaft zurückzuweisen, ohne auch nur den Arzt, den ich zu seiner Pflege sandte, vor ihn zu lassen?« fragte die Königin, sehr überrascht.
»Der Beleidiger steht vor Euch, allergnädigste Königin,« erwiderte Walter mit einer tiefen Verbeugung. »Der Tadel trifft ganz allein mich, und Mylord hat nur gerecht gehandelt, indem er mich hergeschickt hat, daß ich die Folgen eines Vergehens, an dem er ganz unschuldig ist, auf mich nehme.«
»Was? Du warst es – Du selber hast meinen Boten und meinen Arzt von Says-Hofe abgewiesen?« sagte die Königin. »Was konnte einen Mann, der doch – dem Aeußern nach zum mindesten – seiner Landesherrin treu ergeben zu sein scheint, zu einer solchen Kühnheit veranlassen?«
»Allergnädigste,« sagte der Jüngling, der trotz des erkünstelten Zuges von Strenge im Antlitz der Königin einen Ausdruck zu sehen glaubte, der nichts weniger als unversöhnlichen Zorn verkündete, »wir sagen bei uns zu Lande, der Arzt sei der Lehnsherr des Patienten. Nun stand mein edler Herr unter der Hut eines Arztes, dessen Rat ihm bisher sehr gut getan hatte, und dieser Arzt hatte ausdrücklich befohlen, daß der Kranke in der Nacht nicht gestört werden solle – sofern man nicht sein Leben ernstlich gefährden wollte.«
»Dein Herr hat sich einem Charlatan anvertraut,« sagte die Königin.
»Das weiß ich nicht, Majestät, Tatsache ist aber, daß er heute morgen nur nach dem Schlaf von vielen Stunden sehr erfrischt und gestärkt erwacht ist.«
Die Edelleute sahen einander an, aber mehr, um zu erfahren, was jeder von dieser Neuigkeit dächte, als irgend eine Bemerkung darüber zu äußern. Die Königin antwortete schnell und ohne sich Mühe zu geben, ihre Genugtuung zu verhehlen:
»Bei meinem Worte, es freut mich, daß er sich wohler fühlt. Du aber warst mehr als kühn, meinem Doktor Masters den Zutritt zu verwehren. Wie heißt Du, junger Mann, und von welcher Herkunft bist Du?«
»Raleigh ist mein Name, allergnädigste Königin, ich bin der jüngste Sohn einer großen, doch ehrenwerten Familie in Devonshire.«
»Raleigh?« sagte Elisabeth, nachdem sie ein Weilchen nachgedacht hatte. »Haben wir nicht gehört, daß Du uns in Irland gute Dienste geleistet hast?«
»Ich bin allerdings so glücklich gewesen, dort Dienst tun zu können, Majestät,« erwiderte Raleigh, »indessen doch wohl in zu bescheidnem Maße, als daß es Eurer Majestät zu Ohren hätte kommen können.«
»Dies Ohr reicht weiter, als Du denken magst,« sagte die Königin huldvoll, »und es hat von einem jungen Burschen gehört, der in Shannon eine Furt gegen eine ganze Bande irischer Rebellen verteidigte, bis der Strom purpurn floß von ihrem Blute und dem seinen.«
»Ein bißchen Blut mag ich verloren haben,« sagte der Jüngling, den Blick niederschlagend, »aber es floß, als das Beste hergegeben werden mußte – im Dienste Eurer Majestät.«
Die Königin schwieg und sagte dann rasch:
»Ihr seid sehr jung, wenn man bedenkt, daß Ihr schon so gut gefochten habt und so trefflich zu sprechen wißt. Aber dafür, daß Ihr Masters abwieset, dürft Ihr der Strafe nicht entgehen – hört also, Junker Raleigh, tragt zum Zeichen der Buße Euern schmutzigen Mantel, bis wir kund tun werden, was uns weiterhin belieben wird. Und hier,« setzte sie hinzu und gab ihm einen goldnen Schmuck, »dies gebe ich Euch, tragt es am Halse.«
Raleigh, dem die Natur die höfischen Künste, die manche erst nach langer Erfahrung sich aneignen, mit auf den Weg gegeben hatte, kniete nieder, und indem er aus ihrer Hand das Juwel entgegennahm, küßte er die Finger, die es ihm gaben. Sein Herr und Gebieter, Graf von Sussex, genoß den vollen Vorteil dieser von Elisabeth dem Junker gewidmeten Gunst.
»Mylords und Ladys,« sagte die Königin und sah sich unter ihrem Gefolge um, »mich dünkt, da wir auf dem Flusse sind, wäre es angebracht, wir ließen unsre ursprüngliche Absicht, nach der Stadt zu fahren, fallen und überraschten diesen armen Earl of Sussex mit einem Besuch. Er ist krank und leidet ohne Zweifel unter der Furcht vor unsrer Ungnade, vor der er bewahrt worden ist durch das Geständnis dieses naseweisen Burschen. Was denkt Ihr?, Wäre es nicht ein Akt der Barmherzigkeit, ihm zum Trost den Dank seiner Königin zu überbringen, die ihm sehr verbunden ist für seine getreuen Dienste?«
Selbstverständlich wagte keiner von denen, an die diese Worte gerichtet waren, dem Vorschlag zu widersprechen. Die Barke erhielt daher Befehl, die königliche Bürde an dem nächsten passenden Orte abzusetzen, von dem aus Says-Hof bequem zu erreichen war, damit die Königin ihrer königlichen und landesmütterlichen Anteilnahme durch persönliche Nachfrage nach dem Befinden des Earl of Sussex Genüge tun könnte.
Raleigh, der bei seinem scharfen Verstände wichtige Folgen aus den nebensächlichsten Ereignissen vorhersah oder vorausahnte, bat rasch die Königin um Erlaubnis, den leichten Kahn zu besteigen und den königlichen Besuch seinem Herrn anzumelden, denn er vermutete in seiner Klugheit, daß die freudige Ueberraschung der Gesundheit seines Herrn nachteilig sein könne. Aber ob die Königin es für zu anmaßend von einem so jugendlichen Höfling hielt, daß er ungefragt seine Meinung äußre, oder ob in ihr der Argwohn wieder erwachte, der durch das Gerücht, daß der Graf von Sussex bewaffnete Männer um sich hielt, ihr eingeflößt worden war – jedenfalls äußerte sie in schroffem Tone den Wunsch, Raleigh möchte seinen Rat für sich behalten, bis er danach gefragt würde, und wiederholte ihren Befehl, in Deptford zu landen, indem sie hinzufügte:
»Wir wollen mit eignen Augen sehen, was für eine Art von Gefolge Mylord von Sussex um sich hat.«