Die königliche Barke machte in Deptford Halt, und unter dem lauten Jubel des Volkes, den ihr Erscheinen stets wachrief, ging die Königin unter einem ihr zu Häupten getragnen Baldachin nach Says-Hof, wo das ferne Geschrei zuerst von ihrer Ankunft Kunde gab. Sussex, der eben dabei war, mit Tressilian zu beraten, wie er den vermeintlichen Bruch mit der Königin wieder gut machen sollte, war unendlich überrascht, als er, von ihrer Herkunft unterrichtet wurde. Daß die Königin die hervorragenderen Vertreter des Adels oft zu besuchen pflegte, konnte ihm nicht unbekannt sein, aber die so plötzliche Mitteilung ließ ihm keine Zeit zu den Vorbereitungen, mit denen seiner Erfahrung gemäß Elisabeth sich gern empfangen sah, und bei der Roheit und Verwirrung seines militärischen Haushalts, die durch seine Krankheit nur noch vermehrt worden war, war es ihm ganz unmöglich, zu ihrem Empfang irgendwelche Zurüstungen zu treffen. Innerlich den Zufall verwünschend, der ihm unerwartet diesen huldvollen Besuch zuführte, eilte er mit Tressilian hinunter, dessen ereignisreiche und interessante Erzählung er eben mit großem Interesse angehört hatte.
»Wein würdiger Freund,« sagte er, »soweit ich, Euch in Eurer Klage wider Varney unterstützen kann, soweit dürft Ihr meinen Beistand erwarten, um der Gerechtigkeit und der Dankbarkeit willen. Der Zufall wird uns sogleich zeigen, ob ich bei unsrer Königin etwas erreichen kann oder ob es Euch nicht vielmehr eher von Nachteil als von Nutzen sein wird, wenn ich mich in Eure Angelegenheit mische.«
So sprach Sussex, während er in aller Eile ein loses Pelzgewand um sich warf und sein Aeußeres, soweit es irgend anging, in Ordnung brachte, um dem Auge seiner Königin begegnen zu können. Aber er vermochte doch die bleichen Spuren einer langen Krankheit nicht von einem Gesicht zu verwischen, das von Natur wohl mit kraftvollen, aber doch nicht anmutigen Zügen begabt war. Obendrein war er klein von Gestalt und breitschultrig, athletisch und der geborne Kriegsmann – aber seine Erscheinung in einer Halle des Friedens war nicht derartig, daß die Damen sie mit Gefallen hätten betrachten können – ein persönlicher Nachteil, in dessen Folge Sussex wahrscheinlich, so hoch ihn die Königin auch schätzte und ehrte, doch sehr gegen Leicester zurückstand, welcher durch Grazie des Benehmens wie durch Schönheit der Person gleich ausgezeichnet war. Bei all seiner Eile war es dem Grafen doch erst möglich, der Königin entgegenzugehen, als sie schon die Halle betreten hatte, und er bemerkte auf den ersten Blick, daß eine Wolke auf ihrer Stirn lag. Ihr argwöhnisches Auge hatte die kriegerische Schar bewaffneter Edelherren und Vasallen gesehen, von der das Herrenhaus angefüllt war, und ihr erstes Wort sprach auch ihr Mißfallen aus.
»Ist dies eine königliche Garnison, Mylord von Sussex, daß hier so viele Piken und Gewehre sind? Oder haben wir zufällig Says-Hof verfehlt und sind an unserm Tower zu London ausgestiegen?«
Lord Sussex sprach rasch einige Worte der Entschuldigung.
»Nicht nötig,« unterbrach sie ihn. »Mylord, wir beabsichtigen, einen gewissen Zwist zwischen Euch und einem andern großen Lord unsers Gefolges zu schleunigem Ende zu bringen. Gleichzeitig wollen wir die unzivilisierte und gefährliche Maßregel aufheben, sich hier mit einem Gefolge von bewaffneten und sogar ziemlich hagebuchnen Gesellen zu umgeben, als wolltet Ihr in der Nähe unsrer Hauptstadt, ja an der Schwelle selber unsrer königlichen Residenz in Bürgerkrieg gegeneinander entbrennen. Es freut uns, daß Ihr Euch soweit erholt habt, Mylord, wenn auch ohne den Beistand des gelahrten Arztes, den wir Euch gesandt haben – bringt keine Entschuldigung vor – wir wissen bereits, wie das zugegangen ist, und haben dem Wildfang, dem jungen Raleigh, deshalb seine Lektion erteilt. – Nebenbei, Mylord, wir wollen eiligst Euer Haus von ihm befreien und ihn zu uns nach Hofe nehmen. Er hat etwas an sich, was einer bessern Ausbildung wert ist, als sie ihm unter Euerm militärischen Gefolge zuteil werden kann.«
Auf diesen Vorschlag konnte Sussex – obwohl er nicht wußte, wie die Königin dazu kam, ihn zu machen – nur mit einer Verneigung und dem Ausdruck seines Einverständnisses antworten. Er ersuchte sie dann zu verweilen, bis ihr Erfrischungen angeboten werden konnten, aber dies vermochte er nicht zu erreichen. Und nach ein paar Komplimenten weit kälterer und herkömmlicher Art, als sie anläßlich einer so ausgesprochenen Gunstbezeigung, wie es ein persönlicher Besuch war, eigentlich hätten erwartet werden sollen, verabschiedete sich die Königin von Says-Hof. Verwirrung hatte sie mit sich gebracht, Furcht und Zweifel ließ sie zurück.
Sechzehntes Kapitel
»Für morgen bin ich zu Hofe befohlen,« sagte Leicaster zu Varney, »ich soll dort vermutlich mit Mylord von Sussex zusammentreffen. Die Königin beabsichtigt, unsern Zwist beizulegen. Das kommt von ihrem Besuch zu Says-Hof, von dem Du noch dazu so obenhin sprichst.«
»Ich bleibe auch dabei, daß er nichts zu bedeuten hat,« sagte Varney. »Ich weiß von einem zuverlässigen Kundschafter, der vieles, was gesprochen worden ist, mit angehört hat, daß Sussex durch diesen Besuch eher verloren als gewonnen hat. Als die Königin in die Barke zurückkehrte, sagte sie, in Says-Hof sähe es aus, wie in einer Wachtstube, und es röche darin, wie in deinem Hospital.«
»Du hast vielerlei Nachrichten gesammelt,« sagte Leicester, »aber das Wichtigste hast Du vergessen oder ausgelassen. Sie hat zu den tändelnden Satelliten, die sie zu ihrem Gefallen die Kreise um ihre Sonne ziehen läßt, einen neuen hinzugefügt.«
»Euer Lordschaft meint jenen Raleigh, den Jüngling aus Devonshire,« sagte Varney, »den Ritter vom Mantel, wie sie ihn bei Hofe nennen.«
»Er wird vielleicht eines Tages noch Ritter vom Hosen-, bände,« sagte Leicester, »denn er macht schnell Fortschritte – sie hat Verse mit ihm gelesen und solche Torheiten. Ich möchte aus freiem Willen gern den Stein aufgeben, den ich im Brett ihrer wankelmütigen Gunst habe, aber ich möchte mich nicht so durch einen Rippenstoß hinausschieben lassen von diesem Hanswurst Sussex oder diesem neuen Emporkömmling. Ich höre, auch Tressilian ist bei Sussex und steht hoch in seiner Gunst. Ich würde ihn gern schonen – aus Rücksicht, aber er rennt allein in sein Schicksal – Sussex ist jetzt wieder so wohl auf wie nur je.«
»Mylord,« erwiderte Varney, »Unebenheiten gibt es auf dem glattesten Wege, zumal wenn er bergan führt. Sussex' Krankheit war für uns eine Sendung des Himmels, von der ich viel erhoffte, Er hat sich allerdings erholt, aber er ist jetzt nicht mehr zu fürchten, als vor seiner Erkrankung. Und damals schon ist er im Kampfe gegen Euer Lordschaft oft abgeführt worden. Nur den Mut darf Euer Lordschaft nicht sinken lassen, dann wird alles gut gehen.« »Mir ist der Mut noch nie gesunken. Mann,« sagte Leicester.
»Nein, Mylord,« sagte Varney, »doch hat Euer Herz Euch schon manchen Streich gespielt. Wer einen Baum erklimmen will, muß bei den Zweigen zupacken, nicht bei den Blüten.«
»Gut, gut, gut,« sagte Leicester ungeduldig, »ich verstehe, wie Du es meinst. – Sorge dafür, daß mein Gefolge in Ordnung ist – sieh zu, daß der Aufputz meiner Mannen prächtig genug ist, um nicht nur die vierschrötigen Gesellen von Ratcliffe auszustechen, sondern auch die Vasallen jedes andern Edelmanns und Höflings. Du selber bleib in meiner Nähe, es gibt vielleicht noch etwas für Dich zu tun.«
Sussex und seine Partei trafen nicht weniger emsige Vorbereitungen.
»Eure Bittschrift, die Varney der Verführung bezichtigt,« sagte der Earl zu Tressilian, »ist jetzt schon bei der Königin – ich habe sie durch sichre Vermittlung hingeschickt. Mich dünkt, Euer Gesuch müßte Erfolg haben, denn es fußt auf Gerechtigkeit und Ehre, und Elisabeth ist das wahre Muster von beiden. Aber ich weiß nicht, wie es kommt, der Zigeuner« – so nannte Sussex seinen Nebenbuhler wegen seiner dunkeln Hautfarbe – »hat jetzt viel bei ihr zu sagen in den faulen Friedenszeiten. Stünde der Krieg am Tore, dann wäre ich ihr Bester, aber in Friedenszeiten kommen Soldaten aus der Mode. Na, wir dürfens uns nicht verdrießen lassen – es ist nun einmal die Mode so. –Blount, hast Du dafür gesorgt, daß unser Gefolge die neuen Uniformen angelegt hat?«