»Es ist besorgt, und Eurer Lordschaft wackre Verwandten und Freunde kommen zu Dutzenden heran, um Euch zu Hofe zu begleiten, und wir werden in Reih und Glied ebenso stattlich erscheinen wie Leicesters Sippschaft, mag er sie noch so protzig herausstaffieren.«
Der Earl of Sussex gab seine Anweisungen in solcher Hast, daß Tressilian nur mit Mühe endlich Gelegenheit fand, sein Erstaunen auszusprechen, daß er in der Angelegenheit Sir Hugh Robsarts so weit gegangen sei, die Bittschrift gleich der Königin vorzulegen. Es sei die Meinung der Freunde der jungen Dame gewesen, sagte er, daß man sich zuerst an Leicesters Gerechtigkeitsgefühl wenden solle, da die Beleidigung durch einen seiner Offiziere begangen worden sei, und dies habe er ja auch Sussex ausdrücklich mitgeteilt.
»Dies hätte geschehen können, ohne sich an mich zu wenden,« sagte Sussex, ein wenig hochmütig. »Ich wenigstens hätte nicht zum Ratgeber genommen werden dürfen, wenn es sich um ein erniedrigendes Ansuchen bei Leicester handelte, und ich bin erstaunt, daß Ihr, Tressilian, ein Mann von Ehre und mein Freund, einen solchen niedrigen Weg einschlagen wolltet. Wenn Ihr mir das gesagt habt, so habe ich es gewiß nicht in einem Euch so unähnlichen Sinne verstanden.«
»Mylord,« sagte Tressilian, »der Weg, den ich einschlagen wollte, wenn es nur nach mir gegangen wäre, ist der, den Ihr gewählt habt, aber die Freunde dieser unglücklichen Dame ...«
»O, die Freunde, die Freunde,« unterbrach ihn Sussex, »müssen uns in dieser Sache den Weg einschlagen lassen, den wir für den besten halten. Dies ist die Zeit und die Stunde, alles, was gegen Leicester und sein Gefolge aufgebracht werden kann, aufzuhäufen, und Eure Beschwerde wird die Königin für eine sehr schwerwiegende halten. Aber auf jeden Fall liegt ihr jetzt die Klage vor.«
Während die staatsmännischen Nebenbuhler sich so geschäftig auf ihr bevorstehendes Zusammentreffen vor der Königin vorbereiteten, war Elisabeth selber nicht ohne Befürchtungen, was wohl aus dem Zusammenstoß zweier so feuriger Geister sich ergeben könne, von denen jeder eine so starke und zahlreiche Gefolgschaft hinter sich hatte und unter die, insgeheim oder offenkundig, die Hoffnungen und Wünsche der meisten Edelmänner ihres Hofes geteilt waren. Die Ehrenwache war ganz ins Gewehr getreten, und eine Abteilung Yeomen war aus London auf der Themse hergebracht worden. Ein königlicher Erlaß wurde ausgegeben, der streng allen Edelmännern, welches Ranges sie auch seien, untersagte, sich dem Palast mit Lehnsmännern oder Gefolge in kurzen oder langen Waffen zu nahen.
Die kritische Stunde, die auf allen Seiten mit so großer Spannung erwartet wurde, kam endlich heran, und begleitet von ihren langen, prunkenden Zügen von Freunden und Lehnsmännern, betraten die beiden gräflichen Rivalen pünktlich zur Mittagsstunde den Schloßhof zu Greenwich.
Wie nach vorheriger Vereinbarung, oder vielleicht, weil die Grafen vermuteten, daß dies der Königin angenehm sei, kam Sussex und sein Gefolge von Deptford zu Wasser nach dem Palast, wahrend Leicester zu Lande kam. So betraten sie den Schloßhof von verschiedenen Seiten. Die beiden Grafen tauschten keinen Gruß miteinander aus, doch sahen sie sich fest und scharf ins Gesicht, und beide erwarteten vielleicht einen Austausch von Höflichkeiten, mit denen keiner den Anfang machen wollte. Fast zur selben Minute, als sie eintrafen, läutete die Schloßglocke, die Tore öffneten sich, und die Grafen traten herein – mit einem zahlreichen Gefolge solcher Edelherren aus ihrer Sippschaft, die ihrem Range nach hierzu befugt waren. Die Yeomen und geringeren unter der Gefolgschaft blieben im Hofe, wo die feindlichen Parteien einander mit Blicken des Hasses und der Verachtung maßen, als warteten sie voller Ungeduld auf eine Gelegenheit zu offnem Tumult. Aber sie wurden durch die strengen Befehle ihrer Führer in Zaum gehalten, auch flößte eine bewaffnete Wache ihnen Respekt ein.
Inzwischen folgten die hervorragenderen eines jeden Zuges ihren Lehnsherren in die hohen Hallen und Vorzimmer des königlichen Palastes – sie rannen im selben Bette wie zwei Ströme, die in einen Kurs gezwungen werden und doch ihre Wässer nicht vermischen wollen.
Die Flügeltüren am obern Ende wurden gleich darauf geöffnet, und flüsternd wurde verkündet, die Königin sei im Audienzzimmer, zu dem diese Räume führten. Beide Grafen gingen langsam und feierlich auf den Eingang zu, Sussex war von Tressilian, Blount und Raleigh begleitet, hinter Leicester ging nur Varney her. Der Stolz Leicesters mußte sich vor den Hofformalitäten beugen, und er blieb stehen, bis sein Nebenbuhler, ein Graf von höherm Alter als er, vor ihm hereingetreten war. Tressilian und Blount wollten dem Grafen von Sussex folgen, aber es wurde ihnen nicht gestattet, der Kammerherr mit dem schwarzen Stabe ersuchte um Entschuldigung, aber er habe strengen Befehl, heute bei den Vorlassungen scharf auf alle Formalitäten zu achten. Zu Raleigh, der zurücktrat, als seine Gefährten abgewiesen wurden, sagte er: »Ihr, Junker, dürft herein,« und Raleigh trat daher herein.
»Folgt mir auf dem Fuße, Varney,« sagte der Earl of Leicester, der auf einen Augenblick vorsichtig zurückgetreten war, um zu sehen, wie Sussex empfangen würde; und eben wollte er hereintreten, als Varney, der in prunkvollste Galauniform gekleidet war, von dem Kammerherrn angehalten wurde, wie vor ihm Tressilian und Blount.
»Was bedeutet das, Herr Bowyer?« fragte Graf Leicester. »Wißt Ihr, wer ich bin, und daß dieser hier mein Freund und Vasall ist?«
»Euer Lordschaft wird mir verzeihen,« versetzte Bowyer mit Entschiedenheit, »ich habe strengen Befehl und halte mich nur an die gewissenhafte Erfüllung meiner Pflicht.«
»Schurke! Es ist ungerecht von Euch,« sagte Leicester, indem ihm das Blut ins Gesicht stieg, »mir diese Schmach anzutun, da Ihr soeben einen vom Gefolge des Grafen von Sussex hereingelassen habt.«
»Mylord,« sagte Bowyer, »Junker Raleigh ist seit kurzem als ergebner Diener Ihrer Majestät zugelassen worden, und auf ihn bezieht sich meine besondre Weisung nicht.«
»Du bist ein Schuft – ein undankbarer Schuft,« sagte Leicester, »aber der, der Dich in die Höhe gebracht hat, kann Dich auch wieder stürzen – Du sollst Dich nicht länger mit Deiner Würde brüsten.«
Diese Drohung sprach er laut aus, seine gewöhnliche Klugheit und Vorsicht außer acht lassend, und trat dann in das Audienzzimmer, sich vor der Königin verneigend. Die Majestät war sogar noch prächtiger gekleidet als sonst und war umgeben von jenen Edlen und Staatsmännern, deren Mut und Weisheit ihre Regierung unsterblich gemacht haben. Sie erwartete stehend die Huldigung ihrer Untertanen, erwiderte anmutig die Begrüßung des beliebten Grafen und blickte bald nach dem einen, bald nach dem andern. Eben schien sie ihre Rede beginnen zu wollen, da trat Bowyer – ein Mann von Mut, der die in Erfüllung seines Amtes ihm von Leicester offen angetane Schmach nicht auf sich sitzen lassen wollte, mit seinem schwarzen Stabe herein und kniete vor ihr nieder.
»Was gibt es, Bowyer?« fragte Elisabeth. »Ihr kommt ungelegen.«
»Meine allergnädigste Königin,« sagte er, während alle Höflinge um ihn her über seine Kühnheit zitterten, »ich komme nur zu fragen, ob in der Ausübung meines Amtes ich den Befehlen Eurer Hoheit oder denen des Grafen von Leicester zu gehorchen habe, der mir öffentlich mit seiner Ungnade gedroht und ehrenrührige Ausdrücke gegen mich gebraucht hat, weil ich einem aus seinem Gefolge den Zutritt verwehrt habe, gemäß den strengen Befehlen Eurer Majestät?«
Der Geist Heinrichs VIII. erwachte sofort im Busen seiner Tochter, und sie wandte sich an Leicester mit einer Strenge, die ihn und all sein Gefolge in Angst versetzte.
»Gottes Tod, Mylord!« das war immer ihr Ausruf, wenn sie erregt war, »was soll das heißen? Wir haben eine gute Meinung von Euch gehabt und Euch in die Nähe unsrer Person genommen, doch nicht zu dem Zweck, daß Ihr die Sonne unsern getreuen Untertanen verdunkeln solltet. Wer gab Euch Befugnis, unsern Befehlen zu widersprechen oder unsre Beamten zu kontrollieren? Ich will an diesem Hofe, ja in diesem Reiche, nur eine Herrin haben und keinen Herrn. Seht ja zu, daß Bowyer keinen Schaden erleidet, weil er seine Pflicht gegen uns getreu erfüllt hat. Denn so wahr ich ein christliches Weib und eine gekrönte Königin bin, Ihr sollt mir teuer dafür einstehen. – Geht, Bowyer, Ihr habt gehandelt wie ein ehrlicher Mann und ein treuer Untertan. Wir wollen hier nicht dulden, daß irgendwer sich zum Herrn des Palastes aufwirft.«