Bowyer küßte die Hand, die sie ihm reichte und kehrte zu seinem Posten zurück, erstaunt über den Erfolg seiner Kühnheit. Ein Lächeln des Triumphes ging durch die Partei des Grafen von Sussex, die Leicester-Partei schien in demselben Maße bestürzt, und der Günstling selber nahm eine Miene der tiefsten Demut an und hütete sich, ein Wort zu seiner Verteidigung vorzubringen.
Daran tat er weise, denn Elisabeth war es nur darum zu tun, ihn zu demütigen, nicht ihn in Ungnade fallen zu lassen. Die Würde der Königin war befriedigt, und das Weib in ihr begann bald selber den Verdruß zu bedauern, den sie ihrem Liebling bereitet hatte. Ihr scharfes Auge bemerkte auch, daß die Partei des Sussex heimlich Blicke der Beglückwünschung austauschte, und es entsprach durchaus ihrer Politik, keiner der beiden Parteien einen entscheidenden Triumph zu gewähren.
»Was ich zu Mylord von Leicester sagte,« sprach sie nach kurzer Pause, »das sage ich ebenso zu Euch, Mylord von Sussex. Auch Ihr dürft nicht am Hofe von England an der Spitze einer eignen, kampflustigen Partei erscheinen.«
»Meine Vasallen, gnädige Fürstin,« sagte Sussex, »sind in der Tat in Eurer Sache kampflustig gewesen in Irland, in Schottland und gegen jene rebellischen Grafen im Norden. Ich wüßte nicht, daß –«
»Wollt Ihr mit Blicken und Worten mit mir streiten, Mylord?« unterbrach ihn die Königin. »Ich dächte, Ihr hättet von Mylord von Leicester zum mindesten die Bescheidenheit lernen können, zu schweigen, wenn ich Euch einen Verweis erteile. Ich sage Euch, Mylord, mein Vater und schon mein Großvater sind so klug gewesen, den Edlen dieses zivilisierten Landes zu verbieten, daß sie mit solchen wüsten Gefolgen herumzögen; und meint Ihr wohl, weil ich eine Haube trage, würde ihr Szepter in eine Kunkel verwandelt werden? Ich sage Euch, kein König der Christenheit wird so streng darauf halten, daß an seinem Hofe und in seinem Reiche keine Streitigkeiten geschehen und daß der Friede seines Königtums nicht durch die Arroganz zu hoch aufgeschossener Macht zerstört werde – kein König strenger als die Frau, die jetzt mit Euch spricht. – Mylord von Leicester, und Ihr, Mylord von Sussex, ich befehle Euch beiden, Freundschaft unter einander zu halten, oder bei der Krone, die ich trage, Ihr sollt eine Feindin finden, die zu stark für Euch beide sein wird.«
»Gnädigste Frau,« sagte der Earl of Leicester, »Ihr, die selber der Urquell der Ehre seid, wißt am besten, was der meinen geziemt. Ich stelle sie Euch anheim und sage nur, daß die Spannung zwischen mir und Lord von Sussex nicht durch mich hervorgerufen worden ist, auch hatte er keine Veranlassung, mich für seinen Feind zu halten, als bis er mir schweres Unrecht angetan hatte.«
»Ich meinesteils,« sagte Graf von Sussex, »muß mich dem Belieben Eurer Majestät fügen, aber ich würde sehr zufrieden sein, wenn Mylord von Leicester sagen würde, worin ich – wie er es nennt – ihm unrecht getan habe, denn meine Zunge hat nie ein Wort gesprochen, für das ich nicht jederzeit eingetreten wäre, ob nun zu Pferde oder zu Fuß.«
, »Und was mich anbetrifft,« sagte Leicester, »immer mit Verlaub meiner allergnädigsten Königin, – meine Hand wird ebenso bereit sein, meine Worte zu verfechten, wie die irgend eines Mannes, der sich Ratcliffe geschrieben hat.«
»Mylords,« sagte die Königin, »in diesem Tone, können wir hier nicht verhandeln; und wenn Ihr Euer Ungestüm nicht zügeln könnt, so werden wir Mittel finden, Euch Brauseköpfe ein wenig abzukühlen. Ich will sehen, Mylords, daß Ihr Euch die Hände schüttelt und Eure eitle Feindseligkeit vergeßt.«
Die beiden Nebenbuhler sahen einander mißmutig an und keiner wollte den ersten Schritt tun, dem Befehl der Königin nachzukommen.
»Sussex, ich bitte – Leicester, ich befehle Euch ...«
Doch waren die Worte so betont, daß die Bitte wie Befehl und dar Befehl wie eine Bitte klang. Sie standen still und steif, bis sie ihre Stimme zu einer Höhe erhob, die zugleich Ungeduld und unbedingtes Gebot aussprach.
»Sir Henry Lee,« sagte sie zu einem Offizier in der Nähe, »haltet eine Wache sofort in Bereitschaft und bemannt auf der Stelle eine Barke. Mylords von Sussex und Leicester, ich gebiete Euch noch einmal, Euch die Hände zu reichen, – und, Gottes Tod! Wer sich weigert, soll die Luft in unserm Tower atmen und vorderhand unser Angesicht nicht wieder schauen. Ich will Eure stolzen Herzen gebeugt haben, ehe wir auseinander gehen, und das verspreche ich Euch, so wahr ich eine Königin bin.«
»Das Gefängnis,« sagte Leicester, »wäre zu ertragen, aber Euer Majestät nicht mehr zu schauen, das hieße Licht und Leben mit eins zu verlieren. Hier, Sussex, ist meine Hand.«
»Und, hier,« sagte Sussex, »ist meine in Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.«
»So soll es sein,« sagte die Königin und sah sie huldvoller an. »Wenn die Hirten sich vereinigen zum Schütze der Herden, dann ist es um die Herden, die wir zu hüten haben, gut bestellt. Denn, Mylords, ich sage Euch rund heraus, Eure Torheiten und Streitereien führen zu arger Verwirrung unter Euern Dienern. Mylord von Leicester, Ihr habt einen Herrn in Euerm Gefolge namens Varney?«
»Ja, allergnädigste Fürstin,« erwiderte Leicester, »ich habe ihn vorgestellt, Eurer Majestät die Hand zu küssen, wie Ihr das letzte Mal in Nonsuch wart.«
»Nun, sein Aeußeres war nicht uneben,« sagte die Königin, »aber doch nicht so schön, sollte ich meinen, daß ein Mädchen von ehrbarer Geburt und guten Aussichten um seiner schönen Augen willen ihren guten Namen hingeben und seine Maitresse hätte werden können. Und doch ist es so. Dieser Bursche von Euch hat die Tochter eines guten, alten Ritters aus Devonshire, des Sir Hugh Robsart von Lidcote-Hall verführt, und sie ist mit ihm aus ihres Vaters Hause geflüchtet. – Mylord von Leicester, seid Ihr krank, daß Ihr so totenblaß ausseht?«
»Nein, gnädigste Frau,« sagte Leicester, und es erforderte alle Anstrengung, diese paar Worte vorzubringen.
»Ihr seid sicherlich krank, Mylord!« sagte Elisabeth hastig und ging fast bestürzt auf ihn zu, und Sprache und Gang bekundeten die tiefste Sorge um ihn. »Ruft Masters – ruft unsern Leibarzt – wo sind diese saumseligen Narren – wir werden den Stolz unsers Hofes verlieren durch ihre Nachlässigkeit. Oder ist es möglich, Leicester,« fuhr sie fort, und sah ihn mit sehr sanftem Blick an, »kann Furcht vor unsrer Ungnade Dir so nahe gegangen sein? Glaub nicht, edler Dudley, daß wir Dich wegen der Torheit, Deines Lehnsmanns tadeln könnten – Dich, dessen Gedanken, wie Wir wissen, ganz wo anders weilen!«
»Merkt Ihr das?« sagte Sussex zu Raleigh. »Der Teufel steht ihm bei, das steht fest, denn was andre zehn Klafter tief stürzen würde, scheint ihm nur die Fahrt noch zu erleichtern. Hätte einer von meinem Anhang so gehandelt –«
»Gemach, Mylord,« sagte Raleigh, »gemach in Gottes Namen. Wartet ab, bis das Wetter anders wird, es scheint schon jetzt umschlagen zu wollen.«
Der Scharfblick Raleighs hatte recht gesehen, denn Leicesters Verwirrung war so groß, und in der Tat schien er für den Augenblick so völlig überwältigt, daß Elisabeth ihn verwundert ansah und, als sie auf die ungewöhnlichen Ausdrücke der Huld und Zuneigung keine verständliche Antwort erhalten hatte, ihren raschen Blick über den Kreis der Höflinge hinfliegen ließ. In den Gesichtern las sie vielleicht etwas, was mit ihrem erwachten Verdacht übereinstimmte, und sie fragte plötzlich: