»Oder steckt dahinter mehr, als wir jetzt sehen – vielleicht mehr, als Ihr, Mylord, wünscht, daß wir sehen sollen? Ruft mir sofort diesen Varney her und auch den in der Bittschrift genannten Tressilian – führt beide vor uns.«
Der Befehl wurde ausgeführt, und Tressilian und Varney kamen herein. Varneys erster Blick fiel auf Leicester, sein zweiter auf die Königin. In den Blicken der letztern las er bevorstehenden Sturm, und in der niedergeschlagnen Miene seines Gönners konnte er keine Weisungen entdecken, auf welche Weise er sein Schiff für dieses Zusammentreffen seefähig zu machen hätte – dann sah er Tressilian, und sofort erkannte er die Gefahr der Lage, in der er sich befand. Aber Varney hatte eine freche Stirn und einen schlagfertigen Witz und war, verschlagen und kannte keine Bedenken – ein gewandter Lotse in großer Gefahr, der sich voll bewußt war, wie große Vorteile er erringen konnte, wenn es ihm gelang, Leicester aus dieser Klemme herauszubringen, und wie unrettbar ihm selber das Verderben drohte, wenn es ihm nicht glückte.
»Ist es wahr, Herr,« sagte die Königin mit einem jener forschenden Blicke, denen stand zu halten nur wenige die Kühnheit hatten, »daß Ihr eine junge Dame von edler Herkunft und Erziehung, die Tochter des Sir Hugh Robsart von Lidcote-Hall, zur Schande verführt habt?«
Varney kniete nieder und erwiderte mit einer Miene tiefster Zerknirschung, es habe zwischen ihm und Amy Robsart ein Liebesverhältnis bestanden.
Leicesters Fleisch erzitterte vor Empörung, als er seinen Vasallen dieses Geständnis ablegen hörte, und für den Augenblick war es ihm, als sollte er sich ein Herz fassen und hervortreten, dem Hofe und der Hofgunst Lebewohl sagen und das ganze Geheimnis von der heimlichen Heirat preisgeben. Aber er sah auf Sussex, und der Gedanke an das triumphierende Lächeln, das bei diesem Bekenntnis auf dem Antlitz seines Nebenbuhlers liegen würde, versiegelte ihm die Lippen. Fest und gefaßt reckte er sich wieder empor und hörte aufmerksam auf jedes Wort, das Varney sprach, und war wieder entschlossen, bis zum letzten Augenblick das Geheimnis zu wahren, von dem sein Glück als Höfling abhing. Inzwischen fuhr die Königin in ihrem Verhör fort:
»Ein Liebesverhältnis!« sagte sie, die letzten Worte wiederholend. »Warum, Du Schuft, hast Du nicht bei dem Vater um die Hand der Dirne angehalten, wenn Du es mit Deiner Liebe ehrlich meintest?«
»Mit Verlaub, Eurer Majestät,« sagte Varney, noch immer knieend, »das wagte ich nicht, denn ihr Vater hatte ihre Hand einem Herrn von Geburt und Ehre versprochen – ich will ihm Gerechtigkeit erweisen, obgleich ich weiß, daß er mir feindlich gesinnt ist – einem gewissen Junker Edmund Tressilian, den ich jetzt unter den Anwesenden erblicke.«
»So!« erwiderte die Königin, »und inwiefern hattest Du ein Recht, die dumme Närrin durch Deine Liebelei, wie Du es heuchlerisch und dreist nennst, dahin zu bringen, daß sie ihres Vaters Absicht vereitelt hat?«
»Allergnädigste Frau« versetzte Varney, »es ist vergebens, der menschlichen Schwäche das Wort zu reden vor einer Richterin, die selber keine Schwäche kennt, oder die Sache der Liebe zu verfechten vor einer Frau, die gegen die Leidenschaft gefeit ist –« er hielt einen Augenblick inne und setzte dann ganz leise und schüchtern hinzu, »mit der sie andre entflammt.«
Elisabeth versuchte die Stirn zu runzeln, aber sie lächelte unwillkürlich und antwortete:
»Du bist ein wunderbar unverschämter Bube. Bist Du mit dem Mädchen verheiratet?«
Leicester hatte jetzt das Gefühl, als ob sein ganzes Innere fest in sich verkrampft wäre und als ob sein Leben abhinge von der Antwort, die Varney geben würde. Dieser erwiderte nach kurzem Zögern: »Ja.«
»Du falscher Schurke!« rief Leicester in einem Wutausbruch, aber er vermochte weiter kein Wort hinzuzufügen.
»Nein, Mylord,« sagte die Königin, »wir wollen, wenns erlaubt ist, zwischen diesen Burschen und Euern Zorn treten. Wir sind noch nicht fertig mit ihm. – Wußte Euer Herr, Mylord von Leicester, von dieser saubern Geschichte? Sprich, die Wahrheit, ich befehle es Dir.«
»Allergnädigste Frau,« sagte Varney, »die Wahrheit des Himmels zu gestehen, Mylord war selber schuld an der ganzen Sache.«
»Du Schurke, willst Du mich etwa verraten?« knirschte Leicester.
»Sprich weiter,« sagte die Königin, ihre Wange rötete sich und ihre Augen funkelten – »sprich weiter – höre jetzt auf keinen Befehl, als auf den unsern.«
»Euer Befehl ist allgewaltig, allergnädigste Herrin,« erwiderte Varney, »und vor Euch kann es kein Geheimnis geben. – Doch möchte ich nicht gern,« setzte er hinzu, »vor andrer Ohren von den Angelegenheiten meines Herrn sprechen.«
»Tretet zurück, Mylord,« sagte die Königin zu denen, die um sie herumstanden, »und Ihr sprecht weiter. – Was hat der Earl mit dieser strafbaren Intrigue von Dir zu tun? Sieh zu, Schurke, daß Du ihn mir nicht verleumdest.«
»Fern sei es von mir, meinen edeln Gönner in falschen Leumund zu bringen,« erwiderte Varney, »doch ich bin gezwungen, zu gestehen, daß seit einiger Zeit eine tiefe, überwältigende, doch geheime Leidenschaft im Herzen meines Herrn sitzt – sein Sinn ist nicht wie sonst bei den Angelegenheiten seines Haushalts, die er doch sonst mit religiöser Strenge zu regeln pflegte – und er hat uns Gelegenheiten finden lassen, Torheiten zu begehen, deren Schmach zum Teil, wie in diesem Falle, auf unsern Gebieter fällt. Ohnedem hätte ich weder die Gelegenheit noch die Muße gefunden, die Dummheit zu begehen, die mir seine Ungnade eingebracht hat – das schwerste Unglück für mich, immer abgesehen von dem noch mehr gefürchteten Zorn Eurer Majestät.«
»Und nur in diesem Sinne und keinem andern trägt er Mitschuld an Deinem Vergehen?« fragte Elisabeth.
»Gewiß, allergnädigste Frau, in keinem andern,« antwortete Varney, »aber da ihm etwas zugestoßen sein muß, so kann man ihn kaum zur Rechenschaft ziehen, denn er ist nicht mehr sein eigner Herr. Seht ihn an, Gnädigste, wie bleich und zitternd er dasteht – wie ganz unähnlich seiner sonstigen majestätischen Erscheinung – und doch was hat er zu fürchten von den Eröffnungen, die ich Eurer Hoheit machen könnte? Ach, allergnädigste Herrin, seit er jenes Päckchen erhalten hat ...!«
»Was für ein Päckchen und von wem?« rief die Königin begierig.
»Von wem, Gnädigste, das kann ich nicht erraten, aber ich stehe seiner Person so nahe, daß ich weiß, er hat seitdem stets am Halse und zunächst seinem Herzen jene Haarlocke getragen, die in einem kleinen, herzförmigen Goldschmuck ruht – er spricht zu ihm, wenn er allein ist – er trennt sich von ihm nicht im Schlafe – kein Heide hat je einen Fetisch mit solcher Hingebung angebetet.«
»Du bist ein fürwitziger Gesell, Deinem Herrn so scharf aufzupassen,« sagte Elisabeth und errötete, doch nicht vor Zorn, »und eine Plaudertasche obendrein, daß Du seine Torheiten ausschwätzest. Von welcher Farbe mag die Locke gewesen sein, von der Du da redest?«
Varney antwortete: »Ein Dichter könnte sie einen Faden von dem goldnen Gewebe, das Minerva gesponnen hat, nennen. Meines Dünkens aber war sie noch blasser als selbst das reinste Gold – mehr wie der letzte scheidende Sonnenstrahl des sanftesten Tages im Lenze.«
»Ei, Ihr seid selber ein Dichter, Junker Varney,« sagte die Königin lächelnd, »aber ich habe nicht Genie genug, Euern köstlichen Metaphern zu folgen. Seht Euch unter diesen Damen, um. Ist hier (sie stockte und zwang sich, eine Miene der größten Gleichgültigkeit anzunehmen), ist unter dieser Gesellschaft eine Dame, deren Haar die Farbe jener Locke hat? Ich möchte zwar nicht in die Liebesgeheimnisse des Lords von Leicester dringen, doch dünkt mich; ich erführe ganz gern, welche Art von Locken wie der Faden von Minervas Gewebe sind oder wie der – wie, war es doch? – wie der letzte Strahl der Sonne an einem Tage im Maien.«