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Varney sah sich in dem Audienzsaale um, sein Auge wanderte von einer Dame zur andern, bis es mit einem Blicke tiefster Verehrung auf der Königin selber ruhte,

»Ich sehe keine Flechten, die solcher Gleichnisse würdig wären, in dieser Gesellschaft,« fügte er, »außer an einem Haupte, wo ich sie nicht anzuschauen wage.«

»Wie, Bursche,« sagte die Königin, »erdreistest Du Dich, anzudeuten ...«

»Nein, gnädigste Fürstin,« erwiderte Varney, die Augen mit der Hand beschattend, »die Strahlen der Maiensonne haben meine schwachen Augen geblendet.«

»Geh, geh, Du bist ein närrischer Bursch,« sagte die Königin, und sie wandte sich rasch von ihm ab und ging zu Leicester.

Gespannte Neugierde mit all den geteilten Hoffnungen, Befürchtungen und Leidenschaften, unter deren Einfluß alle Hofintriguen stehen, hatte das Audienzgemach beherrscht und im Banne gehalten, wie mit der Kraft eines morgenländischen Talismans, so lange dieses Zwiegespräch der Königin mit Varney währte. Die Männer unterließen jede, selbst die leiseste äußere Bewegung und hätten sogar das Atmen aufgeschoben, wenn die Natur eine solche Unterbrechung der Funktionen zuließe. Die Atmosphäre war ansteckend, und als Leicester alle um sich her von dem Wunsche, daß das Glück ihm lächeln möchte, oder von dem Wunsche, daß er stürzen möchte, beseelt sah, vergaß er alles, was ihm eben noch die Liebe eingegeben hatte, und sah nichts als Gnade oder Ungnade, die von dem Kopfnicken der Elisabeth und von Varneys Treue abhingen. Elisabeth ließ ihn nicht lange im Zweifel, denn die Herzlichkeit, die mehr war als bloße Gunst, mit der sie ihn jetzt anredete, entschied seinen Triumph in den Augen seines Nebenbuhlers und des versammelten Hofes von England.

»Ihr habt einen schwatzhaften Diener an diesem Varney, Mylord,« sagte sie; »es ist nur ein Glück, daß Ihr ihm nichts anvertraut, was Euch in unsrer Meinung herabsetzen könnte, denn, glaubt mir nur, er würde nicht reinen Mund halten.«

»Wenn er vor Eurer Hoheit etwas geheim halten wollte,« sagte Leicester und ließ sich anmutig auf ein Knie nieder, »das hieße Verrat begehen. Ich wollte, mein Herz selber läge offen vor Euch.«

»Wie, Mylord,« sagte Elisabeth und sah freundlich auf ihn nieder, »ist nicht ein einziger kleiner Winkel da, über den Ihr gern einen Schleier breiten möchtet? Ich sehe, die Frage verwirrt Euch, Und Eure Königin weiß, daß sie nicht zu tief auf den Grund der Treue ihrer Untertanen schauen sollte, damit sie nicht etwas erblicke, was ihr mißfallen könnte oder wenigstens sollte.«

Durch diese Worte von seiner Beklemmung befreit, brach Leicester in einen Strom von Beteuerungen tiefer und leidenschaftlicher Ergebenheit aus, die in diesem Augenblick vielleicht nicht ganz erheuchelt waren. Nie war er Elisabeth beredsamer, hübscher, interessanter erschienen, als jetzt, da er vor ihr kniete und sie beschwor, ihn all seiner Macht zu berauben und ihm nur den Namen ihres Dieners zu lassen.

»Nehmt dem armen Dudley,« rief er aus, »alles, wozu ihn Eure Güte gemacht hat, und heißt ihn wieder der arme Edelmann sein, der er war, als das Licht Eurer Gnade zum ersten Mal auf ihn fiel, laßt ihm nichts als diesen Mantel und sein Schwert, doch laßt ihn noch immer sich rühmen dürfen, daß er – was er in Wort und Tat noch nie verscherzt hat – die Wohlgeneigtheit seiner angebeteten Königin und Herrin besitzt!«

»Nein, Dudley,« sagte Elisabeth und richtete ihn mit der einen Hand auf, während sie die andre ihm zum Kusse hinreichte, »Elisabeth hat nicht vergessen, daß zur Zeit, da Ihr noch ein armer Edelmann und Eures erblichen Ranges beraubt waret, sie selber eine ebenso arme Prinzessin gewesen ist und daß Ihr in ihrer Sache alles gewagt habt, was die Unterdrückung Euch gelassen hatte – Leben und Ehre. – Steht auf, Mylord, und laßt meine Hand los! – Steht auf und seid, was Ihr stets gewesen seid, die Zierde unsers Hofes und die Stütze unsers Thrones. – Und so wahr mir Gott helfe,« setzte sie hinzu, sich an die Zuhörerschaft wendend, die mit verschiednen Gefühlen diese interessante Szene ansah, »so wahr mir Gott helfe, meine Herren, so denke ich, nie hat ein Landesfürst einen treuern Diener gehabt, als ich in diesem edeln Carl besitze.«

Ein Murmeln der Zustimmung ging durch die Leicester-Partei, dem die Anhänger des Grafen von Sussex nicht zu widersprechen wagten. Sie standen mit zu Boden gesenkten Blicken, bestürzt und erbittert zugleich über den öffentlichen und völligen Triumph ihrer Widersacher. Leicester benutzte die Vertraulichkeit, zu der die Königin ihn so offenkundig wieder erhoben hatte, um sich nach ihren Befehlen in der Angelegenheit seines Dieners Varney zu erkundigen.

»Dieser Bursche,« sagte er, »verdient freilich nur, Ungnade, aber wenn ich mirs anmaßen dürfte, ein Wort einzulegen ...«

»Wahrhaftig, wir hatten seine Sache ganz vergessen,« sagte die Königin. »Und das war nicht recht von uns, die wir unsern niedrigsten wie höchsten Untertanen Gerechtigkeit schuldig sind. Es gefällt uns sehr, Mylord, daß Ihr selber der erste seid, der uns an diesen Fall erinnert. – Wo ist Tressilian, der Ankläger? – Laßt ihn vor uns kommen.«

Tressilian erschien und machte eine tiefe Verbeugung. Sein Aeußeres hatte, wie schon früher bemerkt, einen Zug der Grazie und des Adels, der dem kritischen Blick der Königin Elisabeth nicht entging. Sie sah ihn aufmerksam an, als er unerschrocken und doch mit einer Miene tiefster Traurigkeit vor ihr stand.

»Dieser Herr tut mir wirklich leid,« sagte sie zu Leicester. »Ich habe Erkundigungen über ihn eingezogen, und sein Aeußeres bestätigt, was ich gehört habe, daß er nämlich ein Gelehrter und ein Soldat zugleich sei, in Künsten und in Waffen wohl bewandert. Wir Frauen, Mylord, sind launisch in unsrer Wahl – und ich hätte, wenn ich mein Auge urteilen ließe, jetzt gesagt, es könne eigentlich gar kein Vergleich zwischen Eurem Vasallen und diesem Herrn gezogen werden. Aber Varney versteht gut zu sprechen und die Wahrheit zu sagen, damit erreicht man viel bei uns vom schwächern Geschlecht. – Seht, Junker Tressilian, hat man einen Pfeil verschossen, so braucht noch nicht gleich der Bogen gebrochen zu sein. Eure treue Liebe – ich will Euer Gefühl gern dafür gelten lassen – scheint nur schlecht erwidert worden zu sein, aber Ihr habt Gelehrsamkeit und wißt, falsche Cressidas hat es schon gegeben von der Zeit der Trojaner an. Vergeßt, guter Herr, dieses Dämchen der leichten Liebe und lehrt Eure Neigung mit bessern Augen sehen. Dies sagen wir zu Euch und sprechen dabei mehr aus den Schriften gelehrter Männer, als aus eigner Erfahrung in solchem eiteln Spiel launischer Leidenschaft. Was den Vater dieser Dame anbetrifft, so können wir seinen Schmerz lindern, indem wir seinen Schwiegersohn zu einer solchen Stellung befördern, daß seine Gattin standesgemäß leben kann. Ihr selber sollt nicht vergessen werden, Tressilian – bleibt bei uns am Hofe, und Ihr sollt sehen, daß ein echter Troilus einigen Anspruch auf unsre Gnade hat. Denkt nur, daß dieser Schlaukopf, der Shakespeare sagt – doch potzblitz! Seine Scherze gehören jetzt nicht hierher, wir haben an andres zu denken.«

Und als Tressilian trotzdem stehen blieb in der Haltung eines Mannes, der gern sprechen würde, nur daß die tiefste Ehrfurcht ihm Schweigen gebiete, setzte die Königin ein wenig ungeduldig hinzu:

»Was will denn der Mann? Die Dirne kann doch nicht Euch beide heiraten. Sie hat ihre Wahl getroffen – vielleicht nicht eben eine kluge – aber sie ist Varneys angetraute Gattin.«

»Hier sollte mein Gesuch verstummen, allergnädigste Landesherrin,« sagte Tressilian, »und mit meinem Gesuche meine Rache. Aber ich halte das Wort dieses Varney nicht eben für eine gute Bürgschaft der Wahrheit.«

»Wäre dieser Zweifel anderswo ausgesprochen worden,« antwortete Varney, »so sollte mein Schwert –«

»Dein Schwert!« fiel ihm Tressilian verächtlich ins Wort; »– mit Eurer Majestät Erlaubnis soll jetzt mein Schwert –«