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»Ist es nicht so? Es quält mich ein Gespenst. Ich weiß ja, es ist wesenlos und nichtig, aber es will durchaus zu wirklichem Gebilde werden, will mich erfüllen mit seinem Graus, will mir zuflüstern, daß mein Bruder, feurig wie er war, seine Kraft in hunderterlei Dingen verzettelt hätte, daß aber ich es gewesen sei, die sie konzentriert habe auf ein einziges Ziel, und daß dieses Ziel, ihm zum Verderben hat werden müssen. O, hätt ich ihm doch ein einziges Mal nur zugerufen: »Wehe! wer mit dem Schwert tötet, wird mit dem Schwerte wieder getötet!" Aber nein, ich spornte seinen Feuergeist zu Unternehmungen, die außer dem Bereich des menschlichen Vermögens liegen, und die Hälfte des gräßlichen Unglücks, das nun sein Los ist, lastet auf meinem Gewissen!«

Edward bemühte sich durch Gründe, so wenig er auch Zusammenhang für sie fand, der verschiedensten Art, ihr diesen schrecklichen Gedanken auszureden. Er erinnerte sie an die Grundsätze, in denen sie erzogen worden sei, nach denen sie zu handeln für Pflicht gehalten hätte.

»Meinet nicht, Waverley, als hätte ich sie vergessen, als sei ich ihnen untreu. Nein, selbst nicht in diesem furchtbaren Augenblicke! Nach dieser Seite hin ist meine Seele ruhig. Aber daß es ein andres Ende nehmen könnte als dieses, das anzunehmen war Wahnsinn, war Verblendung! Und hierfür leidet jetzt mein Bruder!«

»Aber nicht immer schien es so zu sein, und Fergus mit seinem kühnen Geiste hätte es gewagt auch ohne Euren Ansporn.«

Aber Flora achtete schon seiner Worte nicht mehr, sondern hatte sich wieder über ihre Näharbeit gebeugt.

»Besinnt Ihr Euch noch,« sagte sie mit geisterhaftem Lächeln, »wie Ihr mich traft über der Näharbeit an einem Bräutigamsgeschenk für Fergus? ... Jetzt näh ichs ihm, sein Bräutigamsgewand! Seht her ... o, seht her! Und unsre Freunde hier,« setzte sie hinzu mit tiefer Erregung, »wollen dem Andenken des letzten Vich-Ian-Vohr eine Kapelle errichten, aber seiner Leiche wird eins fehlen ... der Kopf! der Kopf! Den werden sie spießen zur Warnung und aufstellen vorm Festungstor ... und ich ... ich werde ihm keinen Kuß zum Abschiede auf die heißen Lippen drücken dürfen!«

Und mit gräßlichem Angstschrei brach die Unglückliche zusammen.

Die Nonne trat wieder herein und bat Edward, sich aus dem Zimmer, nicht aber aus dem Hause zu begeben.

Als er nach Verlauf einer halben Stunde wieder hereingerufen wurde, hatte Flora sich dem Anschein nach beruhigt. Er wollte zu ihr sprechen, aber sie wehrte ihm.

»Nun eins noch, Mr. Waverley,« sagte sie gelassener, »ich habe einen Brief von meiner lieben Rosa bekommen. Kummer ist selbstsüchtig und greift gern um sich. Sonst hätt ich ihr schon geantwortet, hätt ihr gesagt, daß, so groß auch mein Schmerz ist, ich mich unendlich gefreut habe, von ihr zu hören, daß sie glücklichere Aussichten hat, und daß der gute alte Baron dem Schiffbruch entgangen ist. Hier, nehmt das! es ist das einzige, was ihre arme Flora ihr hinterlassen kann. Aber es ist das Geschenk einer Fürstin.«

Sie reichte ihm ein Kästchen mit einer Diamantenschnur, die sie im Haar zu tragen pflegte. Dann gab sie ihm die Hand, die er mit einem Strom von Tränen netzte. »Für mich ist alle Zukunft müßig,« sagte sie. »Freunde von uns haben mir im Benediktinerkloster in Paris ein Asyl verschafft. Wenn ich den morgigen Tag überlebe, dann trete ich mit dieser ehrwürdigen Schwester die Reise nach Paris an. Und nun, Mr. Waverley, lebt wohl! und lebt glücklich mit Rosa, wie es die liebenswürdigen Eigenschaften des guten Kindes verdienen. Gedenket zuweilen der Freunde, die Ihr verlöret! aber versucht nicht wieder, mich aufzusuchen, Mr. Waverley, ich würde nicht mehr für Euch zu sprechen sein.«

Mit diesen Worten schwankte sie aus dem Zimmer. Es waren die letzten Worte, die Edward aus dem Munde der einstigen Geliebten, von Flora Vich-Ian-Vohr, des letzten Gliedes des einst so berühmten und mächtigen Geschlechts, vernahm.

Zweiunddreißigstes Kapitel

Nach einer schlaflosen Nacht, kaum als der Morgen dämmerte, stand Waverley auf dem freien Platze vor dem alten gotischen Tore von Carlisle. Der Gerichtsschreiber, an den er sich gestern nach Schluß der Verhandlung um einen Erlaubnisschein zum Besuch des Delinquenten gewandt hatte, hatte sich erfolgreich dafür verwandt. Waverley hatte den Schein bei seiner Heimkunft abends gefunden. Ziemlich lange schritt er auf und ab, ehe die Tore geöffnet wurden und die Zugbrücke niederrasselte. Als er den Schein vorwies, wurde er sogleich eingelassen.

Es war ein dunkler Raum im Mittelpunkte des Schlosses, in einem uralten Turme, der dem Häuptling als Kerker angewiesen worden war. Mit unheimlichem Knarren wurden die alten Querbalken und Riegel weggeschoben, die Edward den Zugang vermittelten. Drinnen klirrten Ketten. Der Häuptling schritt wankend, fest und schwer geschlossen, auf dem steinernen Boden auf und ab. Es war sein letzter Morgen.

Wie versteinert blickte er den Freund an, als die Kerkerpforte sich auftat. Er wollte ihm entgegenfliegen, aber die Ketten hinderten ihn daran. Doch sprach er, als Edward zu ihm getreten war und ihm die Hand reichte, mit fester, klarer Stimme:

»Das ist wahrhaft freundschaftlich gehandelt, mein liebster Edward! Mit aufrichtiger Freude habe ich aus Floras Munde von dem Glücke gehört, das Eurer naht. Was macht denn unser wunderlicher Kamerad und Freund? Nun, in Euren Blicken lese ich, daß es beiden gut geht. Gott sei gedankt! Aber wer wird denn in dem neuen Wappen den Vorrang genießen, die drei schreitenden Hermeline der Waverleys oder Bär und Stiefelknecht der Bradwardine?"

»Fergus, wie könnt Ihr in solchem Augenblicke von solchen Dingen reden?»

»Freilich, Waverley, eingezogen sind wir ja in Carlisle unter andern, glücklichern Bedingungen. Ich meine jenen Tag, um Mitte November, an dem wir neben einander einmarschierten und die weiße Fahne auf den Zinnen aufpflanzten. Aber ich bin kein Knabe, um hier zu flennen, ich hab den Einsatz gekannt, den ich wagte. Das Spiel war kühn, der Gewinn konnte ungeheuer sein, und der Verlust soll männlich getragen werden. Aber meine Zeit ist kurz Drum schnell noch die wichtigsten Fragen: Ist der Chevalier den Bluthunden entgangen?«

»Er ist in Sicherheit.«

»Gott sei Dank!« ...

Und Waverley erzählte ihm, was über die Flucht des Prinzen bekanntgeworden war. Er hatte sich über Glasgow nach Frankreich auf einem Fischerboote gerettet. Die nächste Frage betraf das Schicksal seiner Clangenossen. Sie hatten weniger schwere Buße gelitten als andre Stamme, weil sie nach dem Verlust ihres Häuptlings nach damaliger Sitte im Hochland auseinander gelaufen und mithin bei Ausgang nicht mehr unter Waffen getroffen worden waren. Darüber freute sich Fergus von ganzem Herzen.

»Waverley,« sprach er nun, »Ihr seid reich, Ihr seid auch edel. Sollte Euch zu Ohren kommen, daß es den Mac-Ivors unter harten Aufsehern schlecht ergehen sollte, oder daß sie von Agenten der Regierung bedrückt werden sollten, so seid des Umstandes eingedenk, daß Ihr einmal ihren Tartan getragen habt und als Adoptivsohn ihres Clans galtet. Helft ihnen in schwerer Not! Der Baron, der unsre Sitten kennt, wird Euch Zeit und Mittel sagen, wann und wie Ihrs könnt. Versprecht Ihrs mir?«

Edward gelobte es und hielt sein Gelübde so, daß sein Name noch heute in den Gauen des alten Stammes als heilig gilt,

»Und nun, Waverley, liebster Edward, lebt wohl! lebt herzlich wohl! Es naht die Stunde, wo Fergus von Glennaquoich, der letzte des Geschlechts der Mac-Ivor, zu leben aufhören wird!«

In einem Winkel des Kellers rasselten Ketten. Evan Mac Dhu, der bis jetzt, um die beiden Männer nicht zu stören, mucksstill gelegen hatte, war aufgestanden. Edward hatte ihn nicht bemerkt, so ruhig und so still hatte er sich verhalten.

»Häuptling Mac-Ivor,« sprach er mit fester Stimme, »wir fochten manchen Strauß zusammen. Jetzt naht der letzte. Für mich ist solch Ende an meines Häuptlings Seite das Schönste.«

Edward reichte auch diesem Getreuen die Hand, und ob dieser letzten Auszeichnung traten dem Fähnrich ein paar Wassertropfen in die Augen, die er aber schnell mit der Faust weggewischt hatte. Dann sprach er mit wuchtigem Stolze: