»Ruhig, Ihr Buben! Alle beide!« rief die Königin. »Wißt Ihr, wo Ihr seid? Das kommt von Euern Streitigkeiten, Mylords,« setzte sie hinzu, sich an Leicester und Sussex wendend. »Eure Vasallen treibens ganz so wie Ihr selber – wie die Herren singen, so zwitschern die Diener. Gebt acht, Ihr Herren, wer mir vom Schwerterziehen spricht in irgend einem andern Zwist als im Kampfe für mich und England, – bei meiner Ehre, ich will ihm Armbänder von Eisen an Händen und Füßen anlegen lassen!« Dann hielt sie ein Weilchen inne und fuhr in sanfterm Tone fort: »Ich muß trotzdem zwischen diesen dreisten, aufrührerischen Burschen Recht sprechen. – Mylord von Leicester, wollt Ihr mit Eurer Ehre verbürgen – daß Euer Diener die Wahrheit spricht, indem er sagt, er habe diese Amy Robsart geheiratet?«
Dies war eine neue Wendung, die Leicester fast von neuem ins Verderben gestürzt hätte. Aber er war jetzt zu weit gegangen, um wieder umzukehren, und antwortete nach kurzem Besinnen:
»Nach meinem besten Gewissen – ja, nach meinem besten Wissen – sie ist angetraute Gattin.«
»Allergnädigste Frau,« sagte Tressilian, »darf ich danach fragen, wann und unter welchen Umständen diese angebliche Heirat –«
»Was, Du Fant!« versetzte die Königin, »angebliche Heirat! – Habt Ihr nicht das Wort dieses ausgezeichneten Grafen zur Bürgschaft für die Wahrheit der Angaben seines Dieners? Aber Du bist der verlierende Teil – und wir wollen Nachsicht mit Dir haben, – wir wollen die Sache näher untersuchen, wenn wir mehr Zeit haben. – Mylord von Leicester, ich denke, Ihr werdet nicht vergessen haben, daß wir willens sind, das Fest auf Euerm Schlosse Kenilworth in der folgenden Woche mitzumachen – wir wollen Euch gebieten, unsern guten und hochgeschätzten Freund, den Grafen von Sussex, zu ersuchen, daß er uns dort Gesellschaft leisten möge.«
»Wenn der edle, Graf von Sussex,« sagte Leicester und verneigte sich ungezwungen und graziös vor seinem Nebenbuhler, »meinem schlichten Hause so viel Ehre antun will, so will ich darin einen weitern Beweis für die freundschaftlichen Beziehungen erblicken, die Eure Majestät zwischen uns gepflogen zu sehen wünscht.«
Sussex war unbeholfner.
»Ich würde, Majestät,« sagte er, »Euch nur im Frohsinn stören, da ich eben erst von schwerer Krankheit genesen bin.«
»Und seid Ihr denn wirklich so krank gewesen?« fragte Elisabeth und sah ihn mehr mit Aufmerksamkeit an als zuvor. »Ihr seid wahrlich sehr verändert, und tief schmerzt mich das. Aber seid gutes Mutes, – wir wollen selber uns die Gesundheit eines so hochgeschätzten Dieners angelegen sein lassen, dem wir so sehr viel verdanken. Masters soll Euch Diät anordnen, und damit wir selber sehen, daß Ihr Euch nach seinen Vorschriften richtet, müßt Ihr auf dem Feste in Kenilworth mit uns zusammen sein.«
Dies wurde in so entschiednem Tone und dabei doch mit so viel Freundlichkeit gesagt, daß Sussex nichts weiter tun konnte, als sich in Gehorsam gegen die Befehle der Königin tief zu verneigen, so sehr es ihm auch zuwider war, bei seinem Nebenbuhler zu Gaste zu sein. Er sagte Leicester mit linkischer Höflichkeit die Annahme seiner Einladung zu.
»Mylords von Sussex und Leicester,« sagte die Königin, »Tressilian und Varney sind in Euern Diensten – Ihr werdet dafür sorgen, daß sie Euch nach Kenilworth begleiten – und da wir dann Paris und Menelaus in unsrer Nähe haben, so wollen wir auch die schöne Helena sehen, deren Untreue diesen Tumult verursacht hat. Varney, Dein Weib soll mit in Kenilworth sein und auf unsern Befehl sich zeigen. – Mylord von Leicester, wir erwarten, daß Ihr dafür sorgen werdet.«
Der Graf und sein Vasall verneigten sich tief und hoben den Kopf wieder, ohne daß sie die Königin oder sich selber anzusehen gewagt hätten, denn beiden war in diesem Augenblick zu Mute, als wenn die Netze und Stricke, die ihre eigne Falschheit gewoben hatte, sich dicht um sie schlössen.
Die Königin aber sah ihre Verwirrung nicht.
»Mylords von Leicester und Sussex,« fuhr sie fort, »wir benötigen Eurer Anwesenheit in dem geheimen Rat, der alsogleich tagen soll. Dinge von großer Wichtigkeit stehen auf der Tagesordnung. Dann wollen wir zu unsrer Kurzweil eine Wasserfahrt machen, und Ihr, Mylords, werdet uns begleiten. – Und das erinnert uns an noch etwas – vergeßt Ihr nicht, Herr Ritter vom beschmutzten Mantel« (dabei zeichnete sie Raleigh durch ein Lächeln aus), »daß Ihr auch an der Fahrt teilzunehmen habt. Ihr sollt mit geeigneten Mitteln versehen werden, Eure Garderobe in stand zu bringen.«
Und so endete diese gerühmte Audienz, auf der, wie durch ihr ganzes Leben, Elisabeth die Launenhaftigkeit ihres Geschlechts mit jenem feinen Verstand und mit jener tiefen Staatsklugheit vereint hatte, in denen kein Mann und kein Weib sie je wieder übertroffen haben.
Ende des ersten Bandes
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Während der kurzen Zeit, die zwischen dem Schlusse der Audienz und der Sitzung des Geheimen Rats lag, hatte Leicester Zeit, sich zu überlegen, daß er an diesem Morgen sein eignes Schicksal untersiegelt habe. »Es wäre ihm,« dachte er, »jetzt unmöglich, nachdem er angesichts des ganzen vornehmen Adels von England sich, wenn auch in zweideutiger Rede, für die Wahrheit der Varneyschen Aussage verbürgt hätte, sie zu widerrufen oder zu verleugnen, ohne sich selbst nicht bloß dem Verluste der Gunst des Hofes auszusetzen, sondern auch der höchsten Ungnade der Königin, seiner hintergangnen Gebieterin, und dem Spott und Hohn seines Nebenbuhlers und aller Vornehmen im Lande.« Diese Gewißheit überkam sein Gemüt zugleich mit all den Schwierigkeiten, denen er sich notwendigerweise aussetzen würde, wenn er ein Geheimnis hütete, das jetzt in gleicher Weise ausschlaggebend war für seine Sicherheit, seine Macht und seine Ehre. Er befand sich in einer Situation, wie jemand, der auf Eis Schlittschuh läuft, der alles Eis um sich her brechen sieht und keine andre Sicherheit für sich erblickt als festen, herzhaften Schrittes, ohne Zagen und Zaudern, weiter zu laufen. Die Gunst der Königin sich zu erhalten, der er so vieles zum Opfer gebracht, war jetzt für ihn Hauptsache; dazu mußte er alles aufbieten, durfte kein Mittel, keinen Weg scheuen, denn diese Gunst war die einzige Planke, die er in diesem Sturme betreten, auf der er Halt finden konnte! Er mußte deshalb alles daran setzen, sich die Parteilichkeit der Königin nicht bloß zu erhalten, sondern noch stärker auf seine Seite zu ziehen. Er mußte Elisabeths Günstling werden, oder er wurde schiffbrüchig an Ehre und Vermögen. Alle andern Erwägungen traten für den Augenblick in den Hintergrund, und die wilden Gedanken, die sein Gemüt bestürmten, wenn ihm Amys Bild vor das Auge trat, verjagte er energisch, indem er sich sagte, daß nachher Zeit genug sein werde, sich mit der Frage zu befassen, wie sich ein Ausweg aus dem Labyrinth schaffen lasse; der Lotse, der zu seinen Füßen eine Scylla sieht, sagte er bei sich, darf sich die Zeit nicht nehmen, an die in der Ferne drohenden Gefahren der Charybdis zu denken.
In dieser Stimmung nahm der Earl of Leicester an diesem Tage seinen Sitz in dem Geheimen Rat der Königin ein, und in derselben Stimmung, als die Amtsgeschäfte erledigt waren, auch den Ehrenplatz an ihrer Seite auf der Luftfahrt auf der Themse. Und niemals entfaltete er seine Gaben als Politiker ersten Ranges oder die ihm von der Natur verliehenen Talente eines vollendeten Höflings in höherm Glanze!
Der Zufall fügte es, daß an diesem Tage die Angelegenheiten der unglücklichen Maria Stuart in dem königlichen Geheimrate zur Sprache kamen, die nunmehr sieben Jahre in schmerzvoller Gefangenschaft gehalten wurde. Es waren Meinungen vor Elisabeths Rat gelangt, die zu gunsten dieser Fürstin sprachen und die mit nicht geringem Nachdruck von Sussex und andern Männern vertreten wurden, die das Völkerrecht und den Bruch des Gastrechts höher einschätzten als es, wenn auch in milder Form oder mit entschuldigenden Floskeln vorgebracht, den Ohren Elisabeths genehm zu hören war. Leicester vertrat mit Lebhaftigkeit die entgegengesetzte Ansicht und setzte beredt die Notwendigkeit auseinander, die Königin von Schottland nach wie vor in strenger Haft zu halten, sowohl um der, Sicherheit des Königreichs als um der persönlichen Sicherheit der Königin Elisabeth willen, denn ein Haar von dem geheiligten Haupte derselben müsse den Herren Lords höher stehen und Gegenstand ängstlicherer Fürsorge sein, als die Person ihrer unglücklichen Schwester von Schottland, die vergeblicher- und ungerechterweise zuerst die Hand ausgestreckt habe nach dem Throne von England, und auch jetzt noch, im Schoße ihres Landes wie auch anderwärts, die Hoffnung aller Feinde von Englands rechtmäßiger Königin sei. Leicester schloß seine Rede mit den Worten, daß er die hohen Räte um Verzeihung bitte, wenn er im Eifer der Rede irgendwem zu nahe getreten sei, aber die Sicherheit der Königin sei ein Thema, das ihn die Grenzen der Mäßigung immer vergessen lasse. Elisabeth verwies ihm, wenn auch in gelinden Worten, die ungebührliche Wichtigkeit, die er ihren persönlichen Interessen beimesse; doch ließ sie gelten, daß sie, seitdem es Gott dem Herrn gefallen habe, dieses ihr persönliches Interesse mit dem Wohl ihrer Untertanen zu vereinen, lediglich ihre Pflicht tue, wenn sie solche Maßregel der Selbsterhaltung träfe, wie sie durch die Verhältnisse und Umstände ihr aufgenötigt würden; und wenn der Rat in seiner Weisheit es für angemessen erachte, daß die Person ihrer unglücklichen Schwester von Schottland auch weiterhin in Haft gehalten werden müsse, so halte sie persönlich sich versichert, daß niemand sie um deswillen tadeln werde, daß sie die Gräfin von Shrewsbury ersuche, ihr alle Güte und Milde angedeihen zu lassen, die sich mit der Hut über ihre Person nur irgend vereinen lasse.