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Noch nie war mit solcher Hast und solchem Eifer der Weg frei gemacht worden für den »hohen Lord von Leicester« als heute, wie er durch die gedrängt voller Leute stehenden Vorzimmer schritt, um Ihre Majestät zu ihrer Barke zu geleiten. ... Noch nie hatte die Stimme der Herolde lauter geklungen bei dem Rufe: »Platz! Platz für den hohen Lord von Leicester!« ... Noch nie war diesen Rufen und Zeichen schneller und ehrerbietiger Folge geleistet worden als heute.... Noch nie hatten so viel Augen so begierig gehascht nach einem huldvollen Blicke von ihm... noch nie hatten so vieler niedrigen Diener Herzen sehnsüchtig gepocht, ihm ihre Glückwünsche auszusprechen oder ihrer Furcht Ausdruck zu geben, daß es ihm, der so unermeßlich hoch über ihnen stände, lästig sein müsse, sich von ihnen behelligt zu sehen.

Der ganze Hof betrachtete den Ausgang dieser Audienz, der mit so vielen Zweifeln und so großer Besorgnis entgegengesehen worden war, als einen entschiedenen Sieg des Earl of Leicester und empfand es als ausgemacht, daß der Stern seines Nebenbuhlers, wenn auch nicht völlig verdunkelt, so doch stark im Niedergange begriffen sei. Das war die Meinung bei Hofe sowohl als bei den Höflingen, bei hoch und niedrig, und demgemäß richtete sich alles Tun und Lassen.

Andrerseits hatte Leicester diese Grüße und Komplimente noch niemals mit solcher Huld und Höflichkeit erwidert wie jetzt, noch nie hatte er sich mit größerm Erfolg bemüht, »goldne Meinungen aus aller Leute Munde« zu ernten, wie jemand äußerte, der gerade in nicht zu großer Entfernung von ihm stand... wie an diesem Audienztage. Für alle hatte der von der Gunst seiner Königin getragne Earl einen Gruß, auch wohl eine Verneigung, zum wenigsten ein Lächeln, hin und wieder sogar ein huldvolles Wort. Zumeist galten diese Bevorzugungen solchen Höflingen, die heute lange schon in Vergessenheit geraten sind; aber auch andre befanden sich darunter, deren Namen seltsam in unsern Ohren klingen, wenn sie im Zusammenhang mit den gewöhnlichen Dingen des Lebens genannt werden, über die sie die Dankbarkeit der Nachwelt längst emporgehoben hat. Einige von Leicesters Worten und Reden, die er für seine Umgebung bei diesem Anlasse hatte, mögen hierher gesetzt sein:

»Ei, guten Morgen, Pointings, und was macht die Frau Gemahlin und das holde Fräulein Tochter? Und warum sieht man sie gar nicht bei Hofe?« ... »Adams, Euer Gesuch ist hinfällig – – die Königin will kein Monopol mehr erlassen; aber vielleicht kann ich Euch ein andermal besser dienen.« ... »Mein lieber Herr Alderman Aylford, das Gesuch der City, in betreff Queenhithes, soll, soweit mein bescheidnes Interesse dabei dienen kann, Förderung erhalten.« ... »Mein lieber Herr Edmund Spencer, in Sachen Eurer irländischen Bittschrift möchte ich Euch zu gern behilflich sein, bin ich den Musen doch gar nicht gram, aber Ihr habt Euch erlaubt, den Lord Schatzmeister zu bewitzeln.«

»Mylord, wäre es mir vergönnt, auseinanderzusetzen ...« hub der Poet an.

»Kommt in meine Wohnung, Edmund,« antwortete der Graf, »morgen oder nächster Tage nicht, aber bald, hört Ihr, bald?« ...

»Ei, sieh da, Will Shakespeare – – wilder Will! – – Du hast dem Philipp Sidney, meinem Neffen, Liebespulver eingegeben, und nun kann er nicht schlafen ohne Deine »Venus und Adonis« unter dem Kopfkissen.! Wir werden Dich aufknüpfen lassen als den schlimmsten Zauberkünstler von ganz Europa! Weißt Du, unwirscher Geselle! Deine Patentsache habe ich keineswegs vergessen, auch die Bärenangelegenheit nicht!«

Der Schauspieler verneigte sich und der Earl nickte und schritt weiter – so hätte man zu jener Zeit den Fall erzählt – in unsern Tagen aber vielleicht lieber gesagt, »der Unsterbliche habe dem Sterblichen gehuldigt.«

Der Nächste, dem der Hohe das Wort vergönnte, war einer seiner eifrigsten Parteigänger.

»Sieh da, Sir Francis Denning,« flüsterte er, als Antwort auf dessen schmeichelhaften Gruß, »dieses Lächeln hat Dein Gesicht um ein volles Drittel kürzer gemacht, als es mir heute früh vorgekommen ist. Muß das sein?« ... »Aber, mein lieber Herr Bowyer, bitte, einen Schritt zurück! Meint Ihr wirklich, ich trüge Groll gegen Euch in meinem Busen? ... Ganz im Irrtum! Habt Ihr doch heute morgen bloß Eure Pflicht getan! Und wenn ich mich des Vorgangs zwischen uns erinnre, soll es geschehen zu Euern gunsten.«

Hierauf trat, unter allerhand phantastischen Bücklingen, eine wunderliche Persönlichkeit zu dem Earl heran. Sie war absonderlich gekleidet in ein Wams aus schwarzem Sammet, das kuriose, mit karmesinrotem Atlas verbrämte Schlitzen aufwies. Eine lange Hahnenfeder auf dem Sammetbarett, das er in der Hand hielt, und eine ungeheure Halskrause, nach dem absurden Geschmack damaliger Zeit über die Maßen gestärkt, im Verein mit einem schneidigen, muntern, verschlagnen Gesichtsausdruck schienen einen eitlen, hohlköpfigen Gecken, einen Menschen von geringem Wissen zu verraten, während der Stab, den er in der Hand hielt, und ein gewisses amtliches »Air«, das er sich zu geben wußte, ihn als Menschen erscheinen ließ, der mit irgend einer Behörde im Zusammenhang stehen mochte. Hierauf ließ auch ein eigentümlicher Grad von Redegabe schließen, der dieser Persönlichkeit zu eigen war. Die spitze Nase und die hageren Wangen, die der Mann hatte, waren ständig von Röte bedeckt, eine Eigenschaft, die mehr von »gutem Leben« sprach, wie man sich auszudrücken liebt, als von Zurückhaltung und Mäßigkeit; und die Art und Weise, wie er sich dem Earl näherte, bestätigte solche Ansicht.

»Recht guten Abend, Meister Robert Laneham,« sagte Leicester, schien aber willens, mit diesen Worten an der Persönlichkeit vorüberzugehen.

»Ich habe ein Gesuch an Eure Lordschaft,« sagte die Persönlichkeit und ging dem Grafen keck hinterher.

»Und welcher Art, mein lieber Türsteher im Geheimratssaale?«

»Aufseher im Geheimratssaale, bitte,« versetzte Meister Robert Laneham mit Nachdruck, sowohl als Antwort wie als Verbesserung.

»Nun, leg Dir Deinen Titel zurecht, wie Du willst, Mann,« erwiderte der Earl, »was ist Dein Begehr von mir?«

»Nicht viel,« entgegnete Laneham, »weiter nichts als daß Eure Herrlichkeit wie bislang, mein lieber Herr, bleiben und mir das Recht verleihen möge, die Sommerreise nach dem schönen, von nichts übertroffnen Landsitze Eurer Herrlichkeit, dem Schlosse Kenilworth, mitzumachen.«