»Zu welchem Zwecke, lieber Meister Laneham?« erwiderte der Earl; »erwäge, daß ich mit vielen Gästen werde rechnen müssen.«
»Aber nicht mit ihrer so vielen,« erwiderte der Bittsteller, »daß es Eurer Herrlichkeit nicht möglich sein sollte, für einen so alten Diener wie mich das bißchen Unterschlupf und das bißchen Speise und Trank übrig zu haben. Bedenkt, Mylord, wie notwendig Euch dieser Stab ist, all jene Lauscher hinwegzuscheuchen, die sonst so gern beim Geheimrat sich einnisten und durch die Ritzen und Schlüssellöcher lugen möchten, wenn mein Stab nicht hantierte, wie eine Fliegenklatsche in einem Fleischerladen.«
»Mich bedünkt, Dir beliebe hier ein recht fliegenwedliger Vergleich für den hohen Geheimrat, Meister Laneham,« sagte der Earl; »aber gib Dir nicht erst Mühe, das zu rechtfertigen. Komm nach Kenilworth, wenn es Dich gelüstet; Narren werden dort in Menge zu treffen sein, und so wirst Du auch hinpassen.«
»Nun, sollten dort Narren sein, Mylord,« erwiderte Laneham mit lustigem Lachen, »so will ich, verlaßt Euch darauf, für Spaß unter ihnen sorgen, denn es kann sich kein Jagdhund mehr darauf freuen, einem Hasen hinterherzusetzen, als ich mich gecke, wenn es glückt, einem Narren eins auszuwischen. Aber noch eine weitre Gunst besondrer Art habe ich mir von Eurer Lordschaft zu erbitten.«
»Sag, was Du willst, und laß mich dann in Ruhe,« sprach der Earl; »ich denke, daß die Königin jeden Augenblick kommen wird.«
»Mein gnädigster Lord, ich wollte mir erlauben, einen Bettkameraden mitzubringen.«
»Was faselst Du da, Du unverschämter Wicht?« rief Leicester.
»Nun, Mylord, nur etwas, was durchaus im Rahmen des Anstands und der guten Sitte sich bewegt,« entgegnete sein Bittsteller, dessen Röte um deswillen nicht aus dem Gesichte verschwand, »ich habe ein Weib, das an Neugierde ihrer Großmutter nichts nachgibt, die sich die verbotne Frucht gut schmecken ließ, den Apfel des Paradieses. Nun mag ich sie nicht so geradezu mitbringen, da Eure Herrlichkeit doch so strenge Befehle gegen alle Bediensteten erlassen hat, ihre Ehegesponse auf dieser Reise daheim zu lassen und den Hof nicht mit Weibsvolk zu behelligen. Aber was ich von Eurer Herrlichkeit erbitten möchte, ist, mir die Mitnahme meines Weibes unter irgend einer Vermummung zu gestatten, so daß also niemand verspürt, daß es ein Frauenzimmer ist, und also dadurch keinerlei Aergernis entstehen kann.«
»Hol der böse Feind Euch alle beide,« sagte Leicester, durch die Erinnerungen, die hierdurch in ihm geweckt wurden, aufs äußerste erbittert, »weshalb haltet Ihr mich auf mit solchem Tratsch!«
Der erschrockne »Aufseher des Geheimratssaals«, niedergeschmettert durch diesen Zornesausbruch, den er so ahnungslos hervorgerufen hatte, ließ seinen Amtsstab fallen und starrte auf den erzürnten Earl mit einem blitzdummen Gesicht, auf dem sich Schreck und Staunen zugleich malten, die aber durch Leicester sogleich beseitigt wurden.
»Ich wollte bloß sehen, ob Du auch die Kühnheit besitzest, die Dein Amt erfordert,« sprach er hastig. »Komm nach Kenilworth und bring den Satan mit, wenn Du willst.«
»Mein Weib hat den Satan bis jetzt nur in einem Mysterium zur Zeit der Königin Maria gespielt – aber es wird uns wohl noch an manchen Requisiten fehlen.«
»Hier hast Du eine Krone für Dich,« sagte der Earl, »... nun laß mich aber in Frieden ... die große Glocke schlägt.«
Meister Robert Laneham war noch eine Weile ganz perplex über die Erregung, die er hervorgerufen hatte, und dann sprach er bei sich, während er sich bückte, um seinen am Erdboden liegenden Stab aufzuheben:
»Der edle Graf ist heute bei schlimmer Laune, aber wer Kronen austeilt, erwartet von uns klugen Leuten Unterwürfigkeit gegen ihre Launen, und, meiner Treu! wenn sie nicht die Gnade haben wollten zu bezahlen, so würden wir ihnen schon die Daumschrauben ansetzen.«
Leicester ging schnell hinweg, ohne sich der Höflichkeit, die er heute so freigiebig für alle an den Tag gelegt hatte, noch weiter zu befleißigen. Mit eiligen Schritten durchmaß er den Raum, schob beiseite, wer ihm von dem Hofgesinde im Wege stand, bis er ein kleines Nebengemach erreicht hatte. Hier blieb er eine Weile stehen, um unbeobachtet und allein für sich wieder zu Atem zu kommen.
»Was ist geworden aus mir,« sprach er bei sich, »daß mich solcher gemeine, verkommne, hohlköpfige Tropf durch seine Faseleien dermaßen beeinflussen kann! ... Gewissen, Du bist ein Bluthund, dessen Geknurr beim leisen Vorbeihuschen einer Maus ebenso flink laut wird, wie beim Schritt eines Löwen. ... Kann ich mich denn nicht durch einen einzigen kühnen Streich aus solchem qualvollen, solchem ehrlosen Zustande befreien? Wie, wenn ich vor Elisabeth einen Kniefall täte, wenn ich ihr alles bekennte und mich ihrer Gnade überantwortete?«
Während er diesem Gedanken nachhing, ging die Tür des Gemaches auf, und Varney trat ein.
»Gott sei Dank, Mylord, daß ich Euch gefunden habe!« lautete sein Ausruf.
»Dem Teufel sei Dank, dessen Diener Du bist!« lautete die Erwiderung des Grafen.
»Richtet Euren Dank, an wen Ihr wollt, Mylord,« versetzte Varney, »aber eilet, eilet, daß Ihr ans Ufer kommt. Die Königin ist bereits an Bord und fragt nach Euch.«
»Geh, sag, daß mir plötzlich schlecht geworden sei,« erwiderte Leicester, »denn beim Himmel, mein Hirn vermag dies alles nicht mehr zu ertragen.«
»Freilich kann ich das bestellen,« antwortete Varney herb, »sind doch Euer Platz wie auch der meinige bereits ausgefüllt. Was soll ich noch als Stallmeister auf Euch warten, wenn Ihr niemand mehr braucht, Euer Roß zu halten? Euer Platz in der Barke der Königin ist besetzt. Hört Ihrs, Leicester? ... Der neue Schoßhund, Walter Raleigh, und unser alter Bekannter, Tressilian, sind berufen worden, unsre Plätze einzunehmen, gerade als ich wegrannte, Euch zu holen.«
»Du bist ein Teufel, Varney,« rief Leicester hastig, »aber zurzeit führst Du das Regiment ... ich folge Dir.«
Varney gab keine Antwort, sondern schritt voran aus dem Palast und nach dem Flusse hinunter. Sein Herr folgte ihm, gleichsam mechanisch, bis sich Varney umsah und in einem Tone, der, wenn er nicht befehlend klang, doch wenigstens stark ans vertrauliche streifte. ...
»Was soll das heißen, Lord? Euer Mantel hängt auf einer Seite ... Euer Beinkleid ist in Unordnung ... gestattet mir ...«
»Du bist verrückt, Varney! Ein ebensolcher Narr wie Du ein Schurke bist!« sagte Leicester, indem er ihn von sich wegstieß und seine Dienstleistung ihm wehrte, »wir sind gut so, wie wir sind ... und wenn wir Eure Dienste begehren, um unsre Person in Ordnung zu bringen, so wissen wir Euch zu finden, aber für jetzt brauchen wir Euch nicht!«
Bei diesen Worten fand der Graf schnell sein herrisches Wesen wieder und damit auch die Herrschaft über sich selbst; mit einem heftigen Ruck schob er den Mantel in noch krassere Unordnung und schritt an Varney vorbei mit dem Wesen und in der Haltung eines Herrn und Gebieters, und begab sich nun seinerseits zum Themseufer.
Die königliche Barke war gerade im Begriff, abzustoßen. Der dem Earl of Leicester sonst eingeräumte Sitz am Stern und der für seinen Stallmeister vorhandne Platz am Bug waren bereits besetzt. Aber als Leicester sichtbar wurde, trat auf einen Augenblick Stille ein. Die Ruderer hielten inne. Es war, wie wenn sie erwarteten, daß eine Wandlung in der Gruppierung der Gesellschaft sich vollziehen werde. Auf dem Gesicht der Königin zeigte sich jedoch der rote Fleck, der immer auf Aerger deutete, und der Klang ihrer Stimme nahm jene Kälte an, durch die die vornehme Welt innre Aufregung zu verhüllen sich befleißigt, da sie ihrer Würde etwas vergeben würde, wollte sie solcher Stimmung gegen andre Ausdruck leihen. Eisig klangen die Worte aus ihrem Munde: