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»Wir haben gewartet, Mylord of Leicester.«

»Madame und huldvollste Fürstin,« sprach Leicester, »die Sie so viele Schwächen verzeihen können, die Ihr Herz nimmer kennt, Sie können am besten jenen Erschütterungen des Busens, die Kopf und Glieder zugleich angreifen, Ihr königliches Mitleid schenken. Ich trat heute vor Ihre Majestät als Mensch, dessen Herz erfüllt ist von Zweifeln, als Untertan, auf den sich Anklagen häuften; Ihre Majestät zerteilten durch Ihre Huld die Wolken der Verleumdung und stellten meine Ehre wieder her, und, was noch teurer ist, erhielten mir Ihre Gunst ... Ist es verwunderlich, daß mich mein Stallmeister, wenn es auch für mich höchst unangenehm war, in einem Zustande traf, der mir kaum gestattete, den Weg hierher zurückzulegen, hierher zu diesem Platze, weil ein einziger, wenn auch, ach! zorniger Blick von Eurer königlichen Hoheit Kraft genug besaß, für mich zu tun, worin Aeskulap sich als ohnmächtig erwiesen hatte!«

»Wie verhält sich das?« sprach Elisabeth hastig, zu dem Stallmeister des Grafen gewandt; »war Eurem Herrn nicht wohl?« »Es war ein Anfall wie von einer Ohnmacht,« erwiderte der redegewandte Varney, »wie Ihre Majestät wohl erkennen wird aus Mylords derzeitigem Aussehen. Hat mir doch Mylords Eile nicht einmal ermöglicht, seine Kleidung in Ordnung zu bringen.«

»Das ist von keinem Belang,« sprach Elisabeth, indem sie den Blick auf dem edlen Angesicht und der eleganten Gestalt des Grafen ruhen ließ, dem sogar der Sturm von Leidenschaft, durch die er in jüngster Zeit erschüttert worden war, nur ein interessanteres Aussehen zu leihen vermochte... »macht, bitte, Platz für meinen edlen Lord, – Euer Platz, Varney, ist besetzt; Ihr müßt zusehen, einen Platz in einer andern Barke zu finden.«

Varney verneigte sich und ging.

»Und auch Ihr, junger Ritter vom Mantel,« setzte sie hinzu mit einem Blick auf Raleigh, »müßt für diesmal Euch in die Barke unsrer Ehrenjungfrauen begeben. Was Tressilian betrifft, so hat er bereits zu viel von Weiberlaunen gelitten, als daß ich ihm noch wehe tun möchte durch diese Wandlung meines Planes, insoweit er davon berührt wird.«

Leicester nahm seinen Sitz in der Barke, dicht neben der Königin ein; Raleigh stand auf, um sich zurückzuziehen, und Tressilian hätte sich, unbewandert in höfischer Sitte, beinahe der Taktlosigkeit schuldig gemacht, seinem Freunde seinen eignen Platz zu räumen, hätte nicht der schnelle und scharfe Blick Raleighs selbst, der jetzt in seinem Element zu sein schien, ihn eines Bessern belehrt, dahin, daß solche Ablehnung königlicher Gnade als schwere Kränkung und Taktlosigkeit aufgefaßt werden könne. So saß er schweigend da, während Raleigh mit tiefer Verbeugung und einem Blick demütigster Ergebenheit sich anschickte, seinen Platz zu verlassen.

Ein edler Höfling, der ritterliche Lord Willoughby, meinte in dem Antlitz der Königin etwas zu lesen, das mit Raleighs echtem oder gemachtem Anschein von Kränkung Mitleid auszudrücken schien.

»Es schickt sich nicht für uns ältre Höflinge,« sagte er, »den jüngern Herren den Sonnenschein zu entziehen. Mit ihrer Majestät Erlaubnis werde ich auf die Zeit von einer Stunde auf dasjenige Verzicht leisten, was Ihrer Majestät Untertanen das Köstlichste ist, nämlich auf die Wonne der Gegenwart von Ihrer Majestät, und mich selbst in den Nachteil setzen, im Sternenlicht zu wandeln, dieweil ich auf kurze Zeit dem Glanze von Dianens Strahlen entsage. Ich werde mich in das Boot begeben, das die Damen trägt, und diesem jugendlichen Kavalier, seine Stunde verheißnen Glücks lassen.«

Die Königin erwiderte mit einem Ausdruck, halb Schmerz, halb Ernst:

»Falls Ihr so willig seid, Uns zu verlassen, Mylord, so trifft Uns keine Schuld an Eurem Kummer; indessen erlaubt Uns, daß Wir, für so alt und erfahren Ihr Euch auch halten möget, den Vorbehalt, daß Wir Euch Unsern jungen Ehrendamen doch nicht anvertrauen mögen. Euer ehrwürdiges Alter, Mylord,« fuhr sie fort und lächelte, »dürfte sich doch besser eignen für das Alter Unsers Lord Schatzmeisters, der Uns im dritten Boote folgt, und dessen Erfahrung ja auch durch die Unsers Lords Willoughby geläutert werden kann.«

Lord Willoughby verbarg seine Enttäuschung unter einem Lächeln; er wurde verlegen, lachte, dann verneigte er sich und verließ die königliche Barke, um sich an Bord Lord Burleys zu begeben. Leicester, der sich bemühte, seine Gedanken von aller seelischen Tätigkeit abzulenken, dadurch, daß er sie auf das, was um ihn her vorging, lenkte, nahm unter andern auch diesen Umstand wahr. Als aber die Barke vom Ufer abstieß unter den Klängen der Musik von einer sie begleitenden Barke, und als vom Ufer herüber die Jubelrufe des Volkes schallten und ihm dies alles die Lage in das Gedächtnis rief, in die er geraten war, da lenkte er durch eine energische Anstrengung sein Sinnen und Empfinden ab von allem andern und richtete seine ganze Aufmerksamkeit, einzig und allein auf die Notwendigkeit, sich die Gunst seiner Königin zu erhalten. Er bot all sein Talent auf, durch die ihm von der Natur verliehenen Gaben zu gefallen und zu fesseln, mit solchem Erfolge, daß die Königin, einerseits entzückt durch seine Unterhaltung, andrerseits besorgt um seine Gesundheit, ihm endlich zeitweilig gebot, sich still zu verhalten, mit scherzhaften, doch von ängstlicher Fürsorge um seine Gesundheit diktierten Worten.

»Mylords,« sprach sie, »nachdem wir Unserm lieben Lord Leicester zeitweilig Stille auferlegt haben, wollen Wir Eure Gedanken mit einer lustigen Sache befassen, für deren Beratung sich die jetzige Zeit, da uns Musik und Fröhlichkeit beherrschen, besser schickt, als die ernsten Stunden, die wir dem Staat und seinem Wohl zu widmen haben. ... Wer von den Herren Lords weiß etwas zu erzählen,« fragte sie mit Lächeln, »von einer Bittschrift eines gewissen Orson Pinnit, seines Zeichens Aufseher, wie er sich selbst zu titulieren liebt, über unsre königlichen Bären? Wer steht zu seinem Gesuch Gevatter?«

»Das ist mein Fall, Majestät, mit Ihrer gnädigen Erlaubnis,« sprach der Graf von Sussex. »Orson Pinnit war ein wackrer Kriegsmann, ehe er durch die Skenes des irischen Mac Donaugh zu solchem Krüppel wurde, und wie Ihrer Majestät Huld und Gnade Ihren getreuen Untertanen immer zugewandt ist, so wird sie wohl auch diesem, der nicht zu den schlechtesten gehörte, nicht fehlen.«

»Sicherlich ist es,« sprach die Königin, »Unsre Absicht, Unsern Untertanen, vor allem Unsern armen Soldaten und Seeleuten, die für geringen Sold ihr Leben wagen, Unsre Huld zuzuwenden. Wir möchten eher,« fügte sie mit blitzenden Augen hinzu, »jenen königlichen Palast dort drüben zum Spital für sie einrichten lassen, als im Lichte der Undankbarkeit bei ihnen stehen wollen. ... Aber,« sprach sie weiter, und ihre Stimme, die zufolge der patriotischen Regung einen gewissen Schwung angenommen hatte, verfiel in den leichtern Klang fröhlicher Unterhaltung, »darum dreht sich die Angelegenheit nicht, denn das Gesuch dieses Orson Pinnit geht um einiges weiter. Er beschwert sich darüber, daß infolge des großen Interesses, das beim Volke jetzt für die schauspielerischen Aufführungen eines gewissen Will Shakespeare eingekehrt sei, ... von dem wir, meine Herren Lords, wohl sämtlich auch bereits gehört haben ... das männliche Vergnügen der Bärenhetzen langsam ganz in Verfall gerate; denn den Menschen sei es jetzt bequemer und angenehmer, zuzusehen, wie sich Komödianten im Spaß umbringen, als daß sie sich noch selbst in Lebensgefahr setzen – – was sagt Ihr hierzu, Earl of Sussex?«

»Je nun, huldvolle Madame,« nahm Sussex das Wort, »Sie dürfen wahrlich von einem alten Kriegsmann gleich mir nicht erwarten, daß er sich begeistre für Schlachten auf Theaterboden, sofern sie in Parallele gestellt werden mit Schlachten im Ernstfalle; nichtsdestoweniger, meiner Treu! will ich nicht Will Shakespeares Schaden. Er ist ein Kerl, der seinen Mann steht im Stoß mit dem Stab und im Kampf mit dem kurzen Schwert wie selten einer, wenngleich er, wie mir zu Ohren gekommen, hinkt. Es heißt, er habe noch vor kurzem erst einen strammen Strauß bestanden mit ein paar Förstern oder Treibern Sir Thomas Lucys of Charlecot, weil er in den Wildpark desselben eingebrochen ist und der Tochter des einen der Förster oder Treiber einen Kuß geraubt hat.«