»Mit Verlaub, Mylord of Sussex,« sprach die Königin, »diese Angelegenheit ist zum Vortrag gelangt in Unserm Rate, und Wir wünschen nicht, daß diesem Burschen größres Unrecht nachgeredet werde, als er begangen hat. Von einem Kusse ist keine Rede gewesen und der Verteidiger hat die Abrede im Protokoll vermerkt. Aber was sagt Ihr zu seinem dermaligen Gewerbe, Mylord, zu seinem Komödiantentum? Denn hiervon sprechen Wir jetzt, nicht aber von seinem Vorleben und den Torheiten, die in dessen Zeit fallen.«
»Je nun, Madame,« entgegnete Sussex, »wie ich vordem bemerkt habe, so will ich nicht, daß der Mann in Schaden komme, Verschiednes von der lüderlichen ... ich bitte Ihre Majestät ob dieses Beiworts um Verzeihung ... Dichterei des Menschen ist mir durch Mark und Bein gedrungen, das bekenne ich; aber im großen und ganzen ist es doch eitler Tand, was er macht. Es ist weder Fisch noch Fleisch, wie ja Ihre Majestät auch selbst empfinden werden. Was ist solch ein halbes Dutzend Wichte mit verrosteten Schwertern und zerfetzten Schilden, die bloß so tun, als wenn sie sich schlügen, im Vergleich zu dem königlichen Treiben von Bärenhatzen, die durch die Anwesenheit sowohl Ihrer Majestät wie Hochdero Vorfahren in diesem Ihrem Königreiche so oft ausgezeichnet worden und in der ganzen Christenheit berühmt sind durch die unvergleichlichen Bulldoggen und verwegnen Bärenkämpfer?«
»Fürwahr, Mylord,« sagte die Königin mit Lachen, »Ihr nehmt Euch dieser Angelegenheit mit großem Feuer an, und was Ihr sagt, soll nicht auf toten Boden fallen. Wir denken, in Unserm Leben noch nicht der letzten Bärenhatz beigewohnt zu haben. ... Jedoch, wer will nun zur Sache sprechen?«
»Darf ich mich für befreit ansehen von dem mir auferlegten Zwang zu schweigen, königliche Gebieterin?« nahm der Earl of Leicester nun das Wort.
»Sicherlich, Mylord,« antwortete huldvoll die Königin, »das heißt mit dem Vorbehalt, daß Ihr Euch kräftig genug fühlt, an Unserm Scherze teilzunehmen und in dem Wortgefecht Euren Mann zu stehend ... Und doch,« fügte sie bei, »wenn ich an Euer Wappen denke, den Bären mit dem Knüppel, so meine ich, es hatte sich ein Redner lieber melden sollen, der in geringerm Maße Parteimann hierbei ist.«
»Huldvolle Fürstin, nein!« hub der Graf von Leicester an, »wenngleich mein Bruder Ambrosius von Warwick und ich das alte Bild im Wappen führen, dessen sich Ihre Majestät zu erinnern geruhen, so ist es nichtsdestoweniger mein Wunsch, daß ehrlich Spiel walte oder, wie es bei solcher Hatz als Motto gilt, »dem Hunde, was dem Hunde, dem Bären, was dem Bären zukommt!« Was nun die Komödianten anbetrifft, so muß ich sagen, es sind gar kecke Gesellen, durch deren Witz und Späße aber die große Menge des Volkes abgelenkt wird von der Aufmerksamkeit für die politischen Fragen, desgleichen der Zeit beraubt wird, schlimme, dem Staate schädliche Reden, hohle Gerüchte und illoyales Gefasel mit anzuhören. Befaßt sich die Menschheit mit Leuten wie Marlowe, Shakespeare und andern solchen Bühnenfexen, verfolgt sie den »Knoten«, wie sie sich in ihrer Fachsprache auszudrücken belieben, ihrer Bühnenstücke, dann wird ihr Geist davon abgelenkt, sich mit dem Leben und der Aufführung derer zu beschäftigen, in deren Händen das Regiment über sie ruht.«
»Wir fühlen jedoch nicht den Wunsch, die Aufmerksamkeit Unsrer Untertanen von Unserm Tun und Lassen abzulenken, Mylord,« erwiderte Elisabeth, »weil ihnen die wahren Beweggründe für Unsre Handlungen um so klarer ersichtlich sein dürften, je schärfer sie dieselben beobachten und verfolgen können.«
»Mir ist indessen zu Ohren gekommen,« nahm der Dekan von St. Asaph das Wort, ein hervorragender Puritaner, »daß diese Komödianten in ihren Aufführungen nicht bloß profane, häßliche Ausdrücke gebrauchen, die danach angetan sind, Sünde und Lotterei zu verbreiten, sondern auch Reden über die Regierungen, über Ursprung und Zweck derselben im Munde führen, die wohl im stande sein können, Unzufriedenheit zu wecken, und die festen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft zu erschüttern. Mit Ihrer Majestät Verlaub, es will mir demnach nicht am Platze zu sein scheinen, daß solchen windigen, sich übler Rede befleißigenden Patronen gestattet werde, Menschen, die sich eines gottgefälligen Wandels befleißigen, um ihrer Zucht und ihrer Sitte halber zu bewitzeln und durch gotteslästerliche Reden und Schmähungen der Diener Gottes alles göttliche und irdische Gesetz in den Staub zu ziehen.«
»Könnten Wir glauben, Mylord, daß es in Wahrheit sich also verhielte,« nahm Elisabeth des Wort, »so würden Wir solches Beginnen ohne Zaudern streng ahnden. Aber es ist eine üble Sache, sich eine Meinung gegen einen Brauch aus seinem Mißbrauch zu bilden. Was den besagten Shakespeare angeht, so sind Wir der Ansicht, daß sich in seinen Komödien mancherlei findet, was ein paar Dutzend Bärengärten aufwiegt, und daß die neue Schöpfung seiner, wie er es nennt, »Chroniken«, den lebenden Untertanen Unsrer Regierung nicht allein, sondern auch künftigen Geschlechtern zu gute kommen dürfte.«
»Eurer Majestät Regierung wird solcher schwachen Mittel nicht bedürfen, um in der Erinnerung der Nachwelt bestehen zu bleiben,« ergriff Leicester das Wort; »und doch hat gerade dieser Shakespeare in dieser Hinsicht mancherlei Ereignisse aus Ihrer Majestät glorreicher Regierung in so trefflicher Weise zur Darstellung gebracht, daß alle Beschwerden, die Seine Hochwürden der Dekan von St. Asaph hier vorgebracht hat, reichlich aufgewogen werden. Mir fallen da einige Strophen ein ... schade, daß mein Neffe Philipp Sidney nicht zur Stelle ist, denn er führt sie fast immer im Munde, sie kommen in einem Feenstücke vor, das, soviel ich weiß, »Liebeszauber« oder ähnlich heißt; aber diese Strophen sind wunderschön, so kurz sie sind und so wenig sie den Gegenstand erschöpfen, auf den sie mit nicht zu verkennender Kühnheit anspielen. ... Mein Neffe zitiert sie, glaube ich, sogar in seinen Träumen.«
»Ihr legt Uns Tantalusqualen auf, Mylord,« sagte die Königin, »Junker Philipp Sidney ist, wie Wir recht wohl wissen, ein Günstling der Musen, und Wir freuen Uns, daß es an dem ist. Ritterlicher Sinn erglänzt nie heller und schöner, als wenn er sich paart mit edlem Geist und Liebe zu den Wissenschaften. Sicherlich sind aber manch andre unter Unsern jungen Höflingen, die sich auf Dinge nicht besinnen können, die Eurer Lordschaft aus dem Gedächtnis entschwunden sind unter weit wichtigern Geschäften. – Junker Tressilian, Ihr werdet Mir beschrieben als ein Verehrer Minervens ... besinnet vielleicht Ihr Euch auf diese Strophen?«
Tressilian war das Herz zu schwer, die Aussichten, die ihm das Leben eröffnet hatte, waren zu grausam vernichtet worden, als daß er hätte den Ehrgeiz fühlen sollen, solche Gelegenheit wahrzunehmen, wie sie sich ihm bot, die Aufmerksamkeit seiner Königin zu fesseln, aber er fand Kraft zu dem Entschlusse, seinem jungen und ehrgeizigern Freunde diesen Vorteil zuzuweisen, entschuldigte sich mit Gedächtnisschwäche und bemerkte, daß seines Wissens Walter Raleigh die schönen Verse, deren Lord Leicester Erwähnung getan, im Gedächtnis haben dürfe.
Auf den Befehl der Königin zitierte dieser Kavalier mit einer Betonung und einem Anstand, die ihrem ausgesucht köstlichen Zartsinn und ihrer lieblichen Schönheit noch einen wunderbareren Reiz verliehen, die berühmte Vision Oberons:
Ich sah zur selben Zeit (Du sahst es nicht),
Kupido schwebend zwischen Mond und Erde,
Er war bewaffnet, und sein hehres Ziel –
Jetzt eine schöne Priesterin der Vesta
Auf einem Thron im Abendland – es flog
Der Pfeil vom Bogen rasch, als sollt er dringen
Durch hunderttausend Herzen, doch die Glut
Des Pfeils erlosch in Dianens feuchten Strahlen,