Und weiter schritt die keusche Herrscherin,
Jungfräulich sinnend, stolz und leicht und frei.«
Walter Raleighs Stimme zitterte leicht, als er zu den letzten Strophen gelangte, gleich als ob er unsicher sei, wie die Königin, an die sich die zarte Huldigung richtete, sich dazu stellen werde. War dieses Zagen erkünstelt, so ließ sich nichts andres sagen, als daß es seine Politik sei; war es hingegen echt, dann war geringer Grund dazu vorhanden. Die Verse waren der Königin wahrscheinlich nichts Neues, denn wie hätte solche vornehme Schmeichelei nicht alsbald den Weg zu dem Ohre finden sollen, auf das sie gemünzt war? Indessen waren sie dort nicht minder willkommen aus eines solchen Deklamators Munde, wie Walter Raleigh war. Gleich entzückt durch den Inhalt, den Vortrag und die anmutige Gestalt, wie das lebhafte Mienenspiel des ritterlichen Jünglings und Rezitators, bezeichnete Elisabeth den Rhythmus durch Blick und Finger. Als der Deklamator geendet hätte, flüsterte sie, fast ohne zu wissen, daß sie belauscht werde, die letzten Strophen, und als sie, die letzte derselben sprach:
Jungfräulich sinnend,
stolz und leicht und frei,
da warf sie die Bittschrift des Aufsehers des königlichen Bärengartens, Orson Pinnit, in die Themse, mit dem Gedanken, sie möge zusehen, ob sie freundlichere Aufnahme fände in Sheerneß oder wo es ihr sonst belieben solle vorzusprechen.
Leicester wurde durch den glücklichen Erfolg, den der jüngere Höfling geerntet hatte, zum Wetteifer gespornt, wie der Veteran von Renner aufgescheucht wird, wenn ein kräftiges Füllen ihm auf der Bahn voransaust. Er lenkte die Rede auf Schaustellungen, Banketts, Aufzüge, Gepränge und auf die Rollen derjenigen, die bei solchen Szenen zumeist vertreten sind. Er vereinte scharfe Beobachtung mit leichter Satire in jenem richtigen Verhältnis, das frei war wie von hämischer Verleumdung so auch von fader Lobhudelei. Er ahmte höchst geschickt Redeweise und Gebärdenspiel der affektierten und possenhaften Leute nach, und die ihm persönlich eigne Anmut in Rede und Wesen schien sich, wenn er sich ihrer befliß, zu verdoppeln. Fremde Länder, ihre Bräuche und Sitten, das Zeremoniell an ihren Höfen, die Moden, ja auch der Anzug der Damen, dies alles war ihm gleich geläufig; und selten schloß er seine Rede, ohne der jungfräulichen Königin sowohl über ihre eigne Person als über ihre Hofhaltung und Regierung ein zartes und zutreffendes Kompliment zu sagen.
In dieser Weise wurde während dieser Lustfahrt die Unterhaltung geführt, an welcher sich auch die andern dem Hofe attachierten Herren durch muntre, mit Zitaten aus ältern und neuern Schriftstellern gewürzte Reden jeder an seinem Teile eifrig beteiligten, während die mitanwesenden Staatsmänner und Weisen gediegne Aussprüche über Staats- und Wirtschaftspolitik und Worte und Gedanken einer gesunden Moral hinzugaben, und also Weisheit mit dem leichtern Geplauder an einem Damenhofe einten.
Als man nach dem Palaste zurückkehrte, nahm oder vielmehr wählte Elisabeth Leicesters Arm als Stütze für den Weg von den Landungsstufen bis zum Haupttore. Es kam ihm sogar vor – eine Empfindung, die ihren Ursprung auch vielleicht nur in den schmeichlerischen Einflüsterungen seiner Phantasie hatte, als ob sich die Königin auf dieser kurzen Wegstrecke fester als sonst auf seinen Arm stütze, – fester, als es der nicht übermäßig schlüpfrige Boden notwendig mache. Ganz sicher wirkte bei der Königin Tun und Reden zusammen, einen Grad von Gunst zum Ausdruck zu bringen, den der Graf, selbst in seinen stolzesten Tagen, bisher noch nicht erlangt hatte. Sein Rival erfreute sich allerdings wiederholter Auszeichnung durch die königliche Huld; das geschah aber in einer Weise, die weniger aus spontaner Neigung zu entströmen, als durch Rücksicht auf seine mannigfachen Verdienste bedingt zu sein schien. Und in der Meinung vieler erfahrnen Höflinge wurde all die Huld, die sie ihm bezeigte, mehr denn aufgewogen durch die Aeußerung, die sie Lady Derby ins Ohr flüsterte, »daß sie nun merke, daß Krankheit eine weit bösere Älchimistin sei, als sie sich je gedacht habe, denn man sehe doch, daß sie das Kupfer auf der Nase des Lord Sussex in eitel Gold verwandelt habe.«
Der Scherz kursierte alsbald unter den Höflingen, und der Earl of Leicester weidete sich an seinem Triumph so recht, wie jemand, der Hofgunst als das Alpha und Omega seines Lebens ansieht, dieweil er im Rausch des Augenblicks die Wirrnisse und Fährlichkeiten seiner persönlichen Lage vergißt. Tatsächlich dachte er in diesem Augenblick, so seltsam es auch scheinen mag, weniger an die aus seiner geheimen Ehe erwachsenden Gefahren, als an die Beweise von Huld, die Elisabeth von Zeit zu Zeit dem jungen Raleigh spendete.
Im Laufe des Abends trug sich ein weitrer Umstand zu, der Leicesters Aufmerksamkeit noch stärker auf diesen Gegenstand richtete.
Die Edelleute und Höflinge, die die Königin auf ihrer Lustfahrt begleitet hatten, wurden mit königlicher Gastfreundschaft zu einem splendiden Mahl im Festsaale des Palastes geladen. Die Tafel wurde freilich nicht durch die Anwesenheit Ihrer Majestät ausgezeichnet, denn gemäß ihrer Vorstellung von Sittsamkeit und Würde war die jungfräuliche Königin gewohnt, bei solchen Gelegenheiten allein oder mit einigen Lieblingsdamen ihr einfaches und bescheidnes Mahl zu sich zu nehmen. Nach kurzer Frist traf der Hof in dem prächtigen Garten des Palastes wieder zusammen, und als man dort lustwandelte, richtete die Königin an eine ihr nahestehende Hofdame die Frage, was aus dem jugendlichen »Ritter Schmutzmantel« geworden sei.
Lady Paget antwortete, »sie habe Junker Raleigh erst vor drei bis vier Minuten gesehen, und zwar am Fenster eines kleinen Pavillons oder Lusthäuschens, das nach der Themse hinaus läge, und daß er mit einem Diamantringe die Fensterscheibe geritzt habe.« »Der Ring,« versetzte die Königin, »war ein Geschenk von mir, ein geringer Ersatz für den Mantel, den er sich verdorben hat. Komm, Paget, sehen wir zu, was er gemacht hat. Ich durchschaue ihn nun schon. Er ist ein merkwürdig kluger Kopf.«
Die Damen begaben sich zu der Stelle, von wo aus sie, wenn auch nur von weitem, das Fenster sehen konnten, an dem der junge Kavalier noch immer lehnte, gleich dem Vogelsteller, der seinen Sprenkel gestellt hat und nun auf das Vögelchen wartet, das sich fangen soll.
Die Königin näherte sich dem Fenster, an dem Junker Raleigh ihr Geschenk versucht hatte, um die folgende Strophe einzukritzeln:
»Gern stiege ich, wär bloß das Fallen nicht!«
Die Königin lächelte, las die Strophe aber- und abermals, las sie Lady Pagei vor und dann nochmals allein für sich.
»Ein hübscher Anfang,« meinte sie nach kurzer Erwägung, »aber mich bedünkt, die Musen haben den guten Weisen im Stich gelassen nach seiner ersten Lösung einer gestellten Aufgabe. Es wäre doch ganz nett, meinst Du nicht, Paget? wenn man den Vers an seiner Statt ergänzte: Versuche doch mal, was Du zu reimen vermagst!«
Lady Paget ... von Kindesbeinen an eine echt prosaische Natur, wie nur je eine Kammerfrau bei Hofe vor ihr oder nach ihr ... lehnte jede Möglichkeit, dem jungen Dichter beizuspringen, unbedingt ab.
»Nun, dann müssen Wir Uns selbst den Musen weihen!« sprach Elisabeth.
»Niemand kann süßern Weihrauchs sich gewärtigen,« sagte Lady Paget, »und Eure Hoheit wird den Damen vom Parnaß sehr schwere Verlegenheit bereiten ...«
»Pst, Pst!« sagte die Königin, »Ihr begeht ja Hochverrat an den unsterblichen neun Schwestern ... doch da auch sie jungfräulich sind geblieben, läßt sich vielleicht annehmen, daß sie sich einer jungfräulichen Königin hold erweisen werden ... und darum ... nun, versuchen wirs! ... Wie lautet seine Strophe?
Gern stiege ich, wär bloß das Fallen nicht! könnte die Antwort nicht ganz gut lauten:
Steig gar nicht erst, wenn Dirs an Mut gebricht!«
Die Ehrendame klatschte freudig überrascht Beifall über die so glückliche Lösung der gestellten Aufgabe. Die Königin, hierdurch ermutigt, zog einen Diamant vom Finger und sprach: