Der Schmied sprach seine Bereitwilligkeit hierzu aus, und Tressilian, der recht gut wußte, daß der Schmied mit der Natur der Geschäfte, die er bei Hofe hatte, nicht unbekannt war, setzte ihn nun vollständig in Kenntnis davon und ließ auch nicht unerwähnt, welche Abmachung er mit Giles Gosling getroffen hatte, wie er ihm auch erzählte, was Varney an jenem Tage in dem Audienzgemach erzählt und wofür sich Leicester verbürgt habe.
»Du siehst,« setzte er nach einer Weile hinzu, »daß es mir unter den Umständen, in die ich geraten bin, wohl geziemt, auf das Tun und Lassen solcher grundsatzlosen Menschen wie Varney und seiner Komplizen, Foster und Lambourne, ein ebensolch scharfes Auge zu halten wie auf Lord Leicester selbst, der, wie ich argwöhne, teilweise Betrüger und keineswegs Betrogner in dieser Sache ist. Hier ist mein Ring als Pfand und Ausweis für Dich bei Giles Gosling, hier auch Gold, das dreifach vermehrt werden soll, wenn Du mir treu und redlich dienst. Und nun auf nach Cumnor! Und sieh zu, was dort geschieht.«
»Ich gehe mit zwiefach gutem Willen,« erwiderte der Schmied, »erstlich, weil ich Euer Ehren diene, der so gütig gegen mich gewesen ist, und dann, um meinem alten Meister zu entgehen, der, sofern er nicht der Satan in Fleisch und Blut ist, doch wenigstens unheimlich viel vom Satan an sich hat, in seinem Willen sowohl wie in seinem Wort und seinem Handeln, wie nur je in einem Menschen zur Schande der Menschheit vorhanden gewesen sein mag.... Und doch soll er sich hüten vor mir! Ich fliehe vor ihm wie ehedem, aber gleich dem Wildochsen Schottlands reizt mich die häufige Hetze zur Wildheit, bis ich Haß und Verfolgung gegen ihn kehre. ... Will Euer Ehren Befehl geben zum Satteln meines Kleppers? Ich will nur Mylord die Medizin noch reichen, die ich in die verschiednen Portionen zerlegt habe, und einige Weisungen dazu hinterlegen. Sein Wohlbefinden und seine Rettung wird dann abhängen von seiner Dienerschaft und seinen Freunden. ... Vor dem, was geschehen, ist er außer Gefahr, aber, vor der Zukunft bewahrt und hütet ihn wie ein rohes Ei!«
Wieland der Schmied empfahl sich nun bei dem Grafen, gab ihm einige Winke für seine Diät und über seine sonstige Lebens- und Verhaltungsweise, Dann verließ er, ohne den Anbruch des Morgens abzuwarten, Says-Hof.
Zweites Kapitel
Als Leicester in seinen Palast zurückkehrte nach einem so wichtigen und sorgenvollen Tage, fühlte er sich, trotzdem sich seine Flagge zuletzt siegreich behauptet hatte, auf den Tod erschöpft, ganz wie ein Seemann nach gefährlichem Orkan. Als ihm sein Kämmrer den Mantel abnahm und ihm dafür den mit Zobel verbrämten Schlafrock reichte, sprach er kein Wort, und als ihm der gleiche Bedienstete meldete, daß Junker Varney mit Seiner Lordschaft zu sprechen begehre, erwiderte er bloß durch ein schwerfälliges Nicken.
Varney sah dieses Nicken als Erlaubnis an und trat ein, worauf der Kämmerer sich zurückzog.
Der Earl verhielt sich schweigend und rührte sich fast nicht in seinem Sessel. Sein Kopf ruhte in seiner Hand, und mit dem Ellbogen stützte er sich auf den Tisch, der vor ihm stand. Er schien den Eintritt seines Vertrauten kaum zu bemerken.
Varney wartete ein paar Minuten, ob der Earl das Wort nehmen werde. Als dies nicht der Fall war, sah er sich , erpicht darauf, zu erfahren, welche Stimmung das Gemüt des Grafen jetzt beherrsche, endlich genötigt, selbst das Wort zu nehmen.
»Darf ich Eurer Herrlichkeit gratulieren zu dem gestern errungnen Siege,« fragte er, »über den höchst gefährlichen Nebenbuhler?«
Leicester hob das Haupt und antwortete finster, aber ohne Grolclass="underline"
»Du, Varney, weißt doch am besten, wie wenig Ursache im vorliegenden Falle ist zu Gratulationen, ist es doch lediglich Deine Kombinationsgabe, die mich in dieses Spinngewebe von Falschheit und Niedertracht verheddert hat!«
»Tadelt Ihr mich, Mylord,« sagte Varney, »weil ich nicht auf den ersten Anlauf ein Geheimnis preisgab, von dem Euer Glück abhängig und das Ihr so oft und mit so viel Ernst mir als heilig zu hüten ans Herz gelegt habt? Eure Lordschaft war persönlich anwesend und hätte mir widersprechen können, hätte sich durch ein Bekenntnis der Wahrheit selbst zu gründe richten können; ganz ohne Zweifel war es aber nicht Sache eines getreuen Wieners, so zu handeln ohne unmittelbaren Befehl von Eurer Lordschaft.«
»Was kann ich nicht in Abrede stellen, Varney,« erwiderte der Graf, indem er aufstand und quer durch das Gemach schritt; »mein eigner Ehrgeiz ist zum Verräter meiner Liebe geworden.«
»Sagt lieber, Mylord, daß Eure Liebe zum Verräter geworden ist an Eurer Größe und Euch eine Aussicht sperrt auf Ehre und Macht, wie sie die ganze große Welt keinem zweiten ihrer Söhne wieder bieten kann. Dadurch, daß Ihr meine werte Frau zur Gräfin erhobet, habt Ihr dem Glück entsagt, daß Euch persönlich ...«
Er machte eine Pause und schien keine Lust zu haben zur Vollendung des Satzes.
»Welches persönlichen Glücks?« fragte Leicester; »sprich es aus, Varney, was Du meinst!«
»Des Glückes, selbst ein König zu werden,« ergänzte, Varney seine Rede, »des Glückes, König von England zu werden! ... So zu sprechen ist kein Verrat an unsrer Königin. Indem sie Euch erwählte, hätte sie den Wunsch all ihrer Untertanen erfüllt und ihrem Lande einen lustigen, edlen und ritterlichen König gegeben!«
»Du rasest, Varney,« antwortete Leicester. »Uebrigens haben doch gerade wir in unsern Tagen genug davon gesehen, was Männern für Heil wird durch Kronen, die ihnen zufallen aus Weibergunst! Nimm bloß in Schottland Darnley!«
»Der!« sagte Varney, »ein Trottel, ein Narr, ein dreifach gesottner Esel, der sich wie eine Rakete beim ersten Freudenfeuerwerk in die Luft abschießen ließ! ... Hätte Maria das Glück gehabt, den edlen Earl zum Gemahl zu besitzen, der einst ersehen war, den Thron mit ihr zu teilen, so hätte sie einen Ehemann aus ganz anderm Holze kennen gelernt, und ihr Mann hätte in ihr eine Frau gefunden, so dienstwillig und liebevoll, wie das Gespons des niedrigsten Squire im Lande, die den Hunden zu Pferde folgt und ihm den Zaum beim Aufsteigen hält.«
»Möglich, daß Du recht hast, Varney,« sagte Leicester, über dessen sorgenvolles Gesicht ein kurzes Lächeln der Genugtuung huschte. »Henry Darnleys Weiberkenntnis war gleich Null ... mit Maria hätte ein Mann, der mit Frauen umzuspringen wußte, mancherlei Chancen gehabt, das eigne Geschlecht zur Geltung zu bringen. Nicht aber mit Elisabeth, Varney – denn ich denke, Gott, der ihr das Herz eines Weibes schenkte, gab ihr dazu den Kopf eines Mannes, um des Herzens Torheiten im Zaume zu halten. – Nein, ich kenne sie. – Sie wird ein Liebesunterpfand hinnehmen und in gleicher Form und Güte erwidern, wird gezuckerte Sonette in ihren Busen schieben, ja, und mit gleicher Ware dafür zahlen, wird die Galanterie bis auf jene Spitze treiben, wo Neigungsaustausch aus ihr wird – dann aber schreibt sie zu allem folgenden nil ultra und würde kein Jota von ihrer eignen höchsten Gewalt für das gesamte Alphabet Cupidos und Hymens zum Tausche geben.«
»Um desto besser für Euch, Mylord,« sagte Varney, »das heißt, wenn sie wirklich solchen Charakters ist ... und wenn Ihr eben meint, auf die Eigenschaft eines Ehegemahls keine Anwartschaft zu haben. Ihr Günstling seid Ihr und dürftet es bleiben, sofern die Dame in Cumnor-Place in ihrer dermaligen Dunkelheit verbleibt.«
»Arme Amy,« sagte Lord Leicester mit tiefem Seufzer; »ach, und sie ersehnt es so innig, vor Gott und den Menschen als meine angetraute Gattin sich zu zeigen.«
»Ei ja doch, Mylord,« sagte Varney, »hat aber ihr Wunsch Sinn und Verstand? Das ist die Frage. Die religiösen Zweifel der guten Dame sind gelöst ... sie ist ein Weib in Ehren und ein geliebtes Weib ... sie erfreut sich der Gesellschaft ihres Herrn Gemahls, so oft ihm seine höhern Pflichten vergönnen, in ihre Nähe zu eilen. ... Was möchte sie noch weiter wünschen? Meiner Ueberzeugung nach verbringt solch innig liebendes Weib, solch artiges, verständiges Weib ihr Leben lieber weiter in Abgeschlossenheit, – die übrigens auch nicht schlimmer oder härter ist, als sie es von ihrem Leben in Lidcote-Hall gewohnt ist – als daß sie ihrem Herrn Gemahl Eintrag, und sei er noch so gering, täte an Ehre und Größe durch vorzeitigen Versuch, beides zu teilen.«