»Eine gewisse Wahrheit liegt in Deinen Worten,« sagte Leicester, »und verhängnisvoll würde es ja sein, wenn sie hier erschiene ... doch muß sie sich in Kenilworth zeigen, denn Elisabeth wird nicht vergessen, daß sie das bestimmt hat.«
»Gönnt mir Zeit und Weile, diesen Punkt zu beschlafen,« erwiderte Varney; »sonst kann der Plan, den ich im Sinne habe, nicht reifen, der aber, ausgereift, sowohl der Königin als auch meiner geschätzten Gemahlin zur Befriedigung gereichen dürfte und dabei doch dieses verhängnisvolle Geheimnis in seinem Grabe lassen würde.... Hat Eure Herrlichkeit für die Nacht noch Befehle?«
»Ich wünsche allein zu sein,« versetzte Leicester. »Verlaß mich, Varney, und stell meine Kassette auf den Tisch ... doch halte Dich in Rufweite!«
Varney zog sich zurück und der Earl öffnete das Fenster, um lange und voll Unruhe auf das funkelnde Sternenmeer am Firmament zu blicken. Unwillkürlich entschlüpften ihm die Worte:
»Nie war mir ein freundliches Bild der Himmelskörper so nötig, wie zur gegenwärtigen Zeit und Stunde, denn mein Erdenpfad liegt dunkel vor mir und verworren.«
Daß zu der Zeit, in welcher diese Geschichte spielt, die eitlen Weissagungen der Astrologen in hohem Ansehen standen, ist bekannt, und Leicester, wenn auch im großen und ganzen nicht abergläubisch, stand doch in dieser Hinsicht nicht höher als seine Zeitgenossen, sondern lieh vielmehr den Doktoren dieser vermeintlichen Wissenschaft in einer Weise Förderung, die viel bemerkt wurde.
Der Graf trat jetzt an die Kassette, sah nach, ob sie noch unversehrt und nicht etwa geöffnet worden sei; dann schloß er sie mit einem Schlüssel, den er aus einem andern Behälter nahm, auf und langte zuerst einige Goldstücke heraus, die er in eine seidne Börse schob, sodann ein Pergament, auf dem planetarische Zeichen standen, wie auch jene Linien und Exempel, die zur Stellung eines Horoskops gebraucht wurden. Eine Weile hielt er den Blick hierauf geheftet, dann griff er nach einem andern größern Schlüssel, der an der Wand hing, schob die Tapete beiseite und schloß eine geheime Tür auf, die im Winkel des Gemachs zu einer in der Mauerdicke befindlichen Wendelstiege führte.
»Alasko,« rief der Earl mit gehobner Stimme, doch nur so laut als es notwendig war, um von dem Insassen des kleinen Turmes gehört zu werden, zu welchem hinauf die Stiege führte. »Alasco, erscheine!«
»Ich komme, Mylord,« antwortete von oben hernieder eine Stimme.
Ner Tritt eines alten Mannes wurde laut, der langsam die schmale Stiege herabkam; und Alasco trat in das Gemach.
Es war ein kleiner Mann, dieser Astrologe, und schien bereits sehr alt zu sein, wenigstens war sein langer Bart, der über sein schwarzes Wams bis zu dem seidnen Gürtel herniederhing, schneeweiß. Sein Haar zeigte die gleiche ehrwürdige Farbe, dagegen waren seine Brauen so kohlschwarz wie die scharfen, durchdringenden Augen, die von ihnen beschattet wurden; und diese Merkwürdigkeit gab dem Gesichte des Greises ein seltsames, schreckliches Gepräge. Seine Wangen waren noch frisch und hatten einen rötlichen Anstrich, und die Augen, von denen wir eben gesprochen, wiesen Ähnlichkeit auf mit denen einer Ratte, sowohl in der Scharfe wie auch in der Wildheit des Ausdrucks. Seinem Wesen gebrach es nicht an einer gewissen Würde, und der Sterndeuter schien sich, wenn er auch die Formen des Respekts wahrte, doch keineswegs beklommen zu fühlen, im Gegenteil schlug er in der Unterhaltung mit dem erklärten Günstling Elisabeths einen Ton an, der etwas Schulmeisterliches, ja nicht selten etwas von soldatischer Strenge an sich hatte.
»Eure Weissagungen haben sich nicht erfüllt, Alasco,« sagte der Graf, als sie einander begrüßt hatten, – »er ist genesen.«
»Mein Sohn,« erwiderte der Astrologe, »laßt mich Euch daran erinnern, daß ich seinen Tod nicht verbürgte – auch laßt sich aus den Himmelskörpern, ihren Aspekten und Konjunktionen, kein Prognostikum stellen, das nicht der Richtigstellung durch den Willen des Himmels unterworfen wurde. Astra regunt homines, sed regit astra Deus.« [Pentameter: Sterne regieren die Menschen, doch Gott regieret die Sterne]
»Welchen Wert besitzen dann Deine Mysterien?« fragte der Earl.
»Hohen Wert, mein Sohn,« versetzte der Greis, »weil sich durch sie der natürliche und wahrscheinliche Verlauf der Dinge erkennen läßt, wenn er auch einer höhern Macht untertan bleibt. So werden Eure Herrlichkeit, wenn Ihr das Horoskop betrachtet, das Ihr meiner Geschicklichkeit anvertraut, wahrnehmen, daß Saturn, der im sechsten Hause in Opposition zum Mars steht und zurück in das Haus des Lebens schreitet, nichts andres bedeuten kann, als lange und gefahrvolle Krankheit, deren Haus in der Macht des Himmels steht, wenn sie auch wahrscheinlich zum Tode führen dürfte ... doch wenn ich den Namen des Betreffenden oder Betroffnen wüßte, so würde ich ein andres Schema aufstellen.«
»Sein Name ist ein Geheimnis,« versetzte der Graf, »doch muß ich Dir bekennen, daß Dein Prognostikon, der Wahrheit nicht zuwider lief. Er ist krank gewesen, gefährlich krank, wenn auch nicht auf den Tod. Aber hast Du mein Horoskop gestellt, wie Dich Varney beauftragte, und bist Du im stande, mir zu sagen, welche Kunde die Sterne geben vom Stande meines gegenwärtigen Glücks?«
»Meine Kunst steht zu Eurem Befehl,« erwiderte der alte Mann, »und hier, mein Sohn, liegt die Karte Deiner Schicksale, funkelnd im Aspekt, wie je unter dem strahlenden Glanze jener gepriesenen Zeichen, durch die unser Leben beeinflußt wird, jedoch nicht gänzlich frei von Gefahren, Hindernissen und Befürchtungen.«
»Mein Los stände über dem der Sterblichen, wenn es sich anders verhielte,« sprach der Earl; »fahret fort, Vater, und seid überzeugt, daß Ihr mit einem Manne sprecht, der bereit ist, sich dem zu fügen, im Handeln wie im Leiden, was ihm vom Schicksal bestimmt ist ... ganz wie es sich ziemt für einen Edelmann des stolzen England.«
»Dein Mut im Tun und Tragen muß doch um eine Saite höher gespannt werden,« sagte der Greis. »Die Gestirne künden noch einen stolzern Titel, noch einen höhern Rang. Es ist Deine Sache zu erraten, zu raten, was sie künde, nicht meine, es zu verkünden.«
»Kündet mir es,« sprach Leicester, dessen Augen blitzten, während er auf den Greis zuschritt, »kündet es mir; ich beschwöre Euch.«
»Ich kann nicht und ich will nicht,« erwiderte der Greis. »Fürstenzorn ist wie Löwengrimm. Aber höre und dann urteile selbst. Hier die Venus im Aufstieg nach dem Hause des Lebens und in Konjunktion zur Sonne, schüttet jene Flut silbernen Lichts, mit Gold gesättigt, hernieder, Und das bedeutet Macht, Reichtum, Ehren und Würden; alles, was ein Mannesherz begehrt, verheißt es in solchem Uebermaß, daß selbst Augustus, der Herrscher über jenes alte, übermächtige Rom, nimmer aus dem Munde seiner Haruspices solch eine Kunde von Glanz und Herrlichkeit vernahm, wie Du, das Lieblingskind Fortunens.«
»Nu spaßest doch bloß mit mir, Vater,« sprach der Earl, erstaunt über den Schwall von Begeisterung, in welchem der Sterndeuter seine Weissagung gekündet hatte.
»Stände Scherz und Spaß wohl einem Manne an, der schon mit einem Fuß im Grabe steht?« erwiderte der Greis feierlich.
Der Earl schritt ein paarmal durch das Gemach, mit ausgestreckter Hand, wie jemand, der dem Wink eines Phantoms nacheilt, das ihn zu großen Taten ruft. Doch als er sich umdrehte, begegnete er dem Auge des Astrologen, das auf ihn geheftet war, während ein Blick schärfster Beobachtung unter dem Schirmdach seiner buschigen, dichten Brauen hervorzuckte. Leicesters stolze, argwöhnische Seele fing im Nu Feuer; und vom andern Ende des hohen Gemachs her schoß er auf den Greis zu und blieb erst stehen, als seine ausgestreckte Hand knapp einen Fuß vom Körper des Sterndeuters entfernt war.