»Schurke!« schrie er, »wenn Du Dich erfrechst, mich zu betrügen, dann laß ich Dich lebendig schinden! ... Bekenne, daß Du erkauft bist, mich zu hintergehen und zu betrügen! ... daß Du ein Gauner bist und mich behandelst als Deine blöde Beute!«
»Was soll diese Heftigkeit bedeuten, Mylord,« erwiderte der Greis, »oder in welcher Hinsicht kann ich sie verdient haben um Euch?«
»Gib mir Beweise,« rief der Earl heftig, »daß Du mit meinen Feinden nicht unter einer Decke steckst.«
»Mylord,« nahm da der Greis das Wort mit Würde, »Ihr könnt keinen bessern Beweis haben als den, den Ihr selbst Euch wähltet. In diesem Turme habe ich die letzten vierundzwanzig Stunden zugebracht, unter Eurem persönlichen Verschluß, in Eurer Haft. Sogar den Schlüssel trugt Ihr bei Euch! Diese Stunden in Dunkel und Finsternis habe ich darauf verwandt, die Himmelskörper mit diesen vom Alter getrübten Augen zu betrachten, und die Stunden der Helle dazu, dieses altersschwache Gehirn zur Vervollständigung der Kombinationen zu zwingen, die mir diese Steinbilder darboten. Irdische Speise habe ich nicht genossen ... keine irdische Stimme vernommen ... Ihr wißt selbst, daß dergleichen nicht mein Wille war ... und doch sage ich Euch ... trotzdem ich in solcher Einsamkeit und über solchem Studium hier eingesperrt gewesen ... daß Euer Stern innerhalb dieser vierundzwanzig Stunden am Horizont zur Herrschaft aufgestiegen ist, und daß mithin entweder das helle Himmelbuch trügt oder daß sich in Euren irdischen Schicksalen eine Umwälzung vollzogen haben muß, die sich mit dem Stande der Gestirne deckt. Hat sich in dieser Zeitspanne nichts ereignet, was zur Sicherung Eurer Macht oder zur Mehrung von Gunst, die Ihr genießt, beigetragen hat, dann allerdings bin ich ein Betrüger und Gauner, und die himmlische Kunst, die zuerst geübt ward in den Gefilden des uralten Chaldäa, ist ein elender Tand, eine alberne Komödie.«
»Freilich warest Du,« sprach Leicester nach kurzer Ueberlegung, »im Turme eng eingeschlossen, und ferner trifft es zu, daß solche Wandlung in meiner Lage sich vollzogen hat, wie sie das Horoskop nach Deiner Rede kündete.«
»Weshalb also dieses Mißtrauen gegen mich, mein Sohn?« sagte der Astrologe, indem er den Ton eines Ermahners anschlug, »die Himmelsgeister ertragen kein Mißtrauen, auch nicht bei denen, die ihre Gunst genießen.«
»Frieden, Vater,« antwortete Leicester, »ich habe mich im Irrtum befunden, im Zweifel. Nicht zu sterblichen Wesen, geschweige zu himmlischen Geistern werden Dudleys Lippen auch nur ein einziges Wort weiter sagen ihnen zur Huldigung, ihm selber zur Entschuldigung! Reden wir vielmehr von dem gegenwärtigen Stande der Sterne ... Sterne! Inmitten der leuchtenden Verheißungen fand sich, sagtest Du, auch ein drohender Aspekt ... kann Deine Kunst künden, woher und von welcher Seite solche Gefahr droht?«
»Nur insoweit,« lautete die Antwort des Sterndeuters, »gibt meine Wissenschaft mir die Möglichkeit zu einer Antwort auf Eure Frage: Das Unglück droht durch den bösen und feindlichen Aspekt ... von seiten eines Jünglings ... und, wie ich meine, eines Nebenbuhlers ... aber ob er wider Euch ist auf dem Felde der Liebe oder der fürstlichen Gunst ... das zu sagen bin ich außer stande; auch kann ich weiteres über ihn nicht sagen, außer daß er aus dem westlichen Viertel herzieht.«
»Von Westen her? ... Ha!« erwiderte Leicester, »genug, genug! ... Freilich zieht das Gewitter herauf aus Westen! Cornwall und Devon ... Raleigh und Tressilian ... auf einen dieser beiden deutet das Gestirn ... vor ihnen beiden muß ich mich hüten ... Vater, ich habe Deiner Kunst unrecht getan ... ich will Dir eine fürstliche Belohnung geben!«
Er nahm aus der Kassette, die vor ihm stand, eine Börse voll Gold.
»Hier nimm den doppelten Lohn, den Varney Dir versprach ... sei getreu ... sei verschwiegen ... gehorche den Weisungen, die Du von meinem Stallmeister erhalten wirst, und grolle nicht über die kurze Haft, die Du erlitten, oder den Zwang, der Dir in meiner Sache auferlegt worden. Du sollst für alles reich entschädigt werden! ... Hier, Varney, geleite diesen ehrwürdigen Mann nach Deinem eignen Gemach ... sieh zu, daß er an nichts notleide ... aber achte darauf, daß er mit niemand in Verkehr trete.«
Varney verneigte sich, der Sterndeuter küßte dem Earl die Hand zum Zeichen des Abschieds und folgte dem Stallmeister in ein andres Gemach, wo Wein und Erfrischungen für ihn bereit standen.
Der Sterndeuter setzte sich zum Essen nieder, während Varney übervorsichtig zwei Türen abschloß, hinter die Tapete guckte, ob nicht etwa ein Fremder sich versteckt habe, und dann gegenüber dem Weisen Platz nahm.
»Habt Ihr mein Zeichen drüben vom Hofe gesehen?« begann er zu fragen.
»Jawohl,« antwortete Alasco, denn mit diesem Namen wurde er jetzt gerufen ... »und ich habe das Horoskop demgemäß gestellt.«
»Und der Graf ließ es gelten ohne Widerspruch,« fragte Varney weiter.
»Nicht ganz,« versetzte der Greis, »aber er ließ es gelten, und ich setzte hinzu, daß die Gefahr aus Westen drohe, von seiten eines Jünglings.«
»Mylords Furcht wird bei der einen und sein Gewissen bei der andern Prophezeihung Gevatter stehen,« bemerkte Varney. »Sicherlich hat es in der Welt nie einen Menschen gegeben, der solches Rennen wagte und dabei sich herumschlug mit solchen Zweifeln ... mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu seinem eignen Vorteil zu betrügen ... Was aber nun Eure Angelegenheit angeht, kluger Dolmetsch der Gestirne, so kann ich Euch von Eurem Geschick besser Kunde geben als Euer ganzes Firmament.... Ihr müßt den Stab von hinnen setzen!«
»Das will ich nicht,« entgegnete Alasco., »Ich bin in der letzten Zeit meines Lebens zu viel herumgejagt worden ... hab Tag und Nacht in einsamem Turme gesessen ... ich muß meine Freiheit genießen muß meine Studien fortsetzen, die von größrer Wichtigkeit sind als das Schicksal von fünfzig Staatsmännern und Günstlingen, die emporsteigen und bersten wie Schaumblasen in solcher Hofatmosphäre.«
»Ganz wie es Euch gefallt,« antwortete Varney, mit jenem boshaften Lächeln, das seinen Zügen zur Gewohnheit geworden war, und das bei den Malern als das Hauptcharakteristikum des Satans zu gelten pflegt ... »ganz wie es Euch gefällt,« sagte er, »Ihr dürft Euch Eurer Freiheit freuen und Euren Studien hingeben, bis die Dolche der Parteigänger des Earl of Sussex den Weg zwischen Euer Wams und Eure Rippen finden werden.«
Der alte Mann erbleichte, und Varney fuhr fort:
»Wißt Ihr nicht, daß er eine Belohnung ausgesetzt hat für die Auffindung des Quacksalbers und Giftmischers mit Namen Demetrius, der dem Koche Seiner Herrlichkeit gewisse köstliche Gewürze verkauft hat? ... He, alter Freund? Ihr werdet bleich? ... Erblickt Hali ein Unglück im Hause des Lebens!? ... Na, hört mal zu, wir wollen Euch in ein altes Haus auf dem Lande schaffen, das mir gehört, wo Ihr leben könnt mit einem alten, griesgrämigen Sklaven, den Eure Alchimie in Dukaten verwandeln mag, denn zu solcher Umwandlung allein ist Eure Kunst ja dienstbar.«
»Lüge, eitel Lüge ist es, was Deine Lippen reden,« rief Alasco, vor ohnmächtigem Zorn bebend, »Du böser Spötter! Es ist wohl bekannt, weit über dieses Land hinaus, daß ich dem Endgeheimnis näher gerückt bin als jeder andre Sterbliche! Von keinem halben Dutzend meiner Rivalen auf dem Boden der alchimistischen Wissenschaft läßt sich sagen, daß sie dem großen Arkanum, nach dessen Erkenntnis die Geister ringen, so nahe gekommen seien wie ich.«
»Na na, na na,« fiel ihm Varney ins Wort, »was ins Himmels Namen soll das heißen? Sind wir denn nicht Bekannte? Ich glaub Dir gern, daß Du es weit gebracht hast in der Kunst oder dem Geheimnis zu betrügen, daß Du Dich, nachdem Du alle Welt betrogen, nun selbst betrügst und, ohne deshalb aufzuhören, andre an der Nase zu führen, Dich selber an der Nase führst! Werde nicht rot deshalb, Mensch! ... ein gelehrtes Haus bleibst Du trotzdem ... kein andrer als Du selbst vermöchte Dich betrügen! ... Aber eins laß Dir ins Ohr sagen, alter Knabe! War das Gewürz, das Sussex die Suppe versalzen sollte, schärfer gewesen, so dächte ich besser von Deiner Kunst, mit der Du Dich so dick tust,«