»Mr. Waverley, Ihr seht, welchen Dampf die Rotröcke noch jetzt vor uns gehabt haben. Mit solch schwerem Eisenzeug haben sie uns gekettet, wie wilde Bestien, weil sie uns doch nicht trauten, wir könnten ihren alten Turm am Ende auch jetzt noch stürmen! Und als uns die Glieder brandig zu werden drohten und sie das Eisenzeug von uns nehmen mußten, da haben sie uns sechs Mann mit geladnen Gewehren hier hineingesteckt, um auf uns aufzupassen. Hahaha! das sind wackre Kerle!«
Der Posten trat ein und Edward mußte gehen. Nicht lange hatte er draußen im Hofe gestanden, so rasselten Wagen über den Hof, und Soldaten traten ins Glied. In ihrer Mitte hielt die Schleife, auf der die Delinquenten zum Richtplatz geführt werden sollten. Sie war schwarz gestrichen und wurde von einem Schimmel gezogen. Auf dem hintersten Brett saß in seiner schrecklichen Tracht der Profoß mit dem Richtbeil als Zeichen seines Gewerbes in der Hand. Dann kamen die Gerichtspersonen und dann der Scharfrichter mit dem Strick in der Hand. Hinter ihm die Delinquenten, die von seinen Gehilfen auf die Schleife gebunden wurden. Dann wieder Soldaten, die in Doppelgliedern den Zug beschlossen.
»Ein großer Apparat für zwei solch arme Wichte wie wir,« meinte Fergus mit Lächeln.
Evan Dhu aber blickte mit Hohn auf die Dragoner und rief laut vernehmlich auf englisch: »Das sind die nämlichen Wichte, Fergus, die wir bei Gladsmuir so verteufelt in die Pfanne gehauen haben. Hier können sie freilich die stolzen Krieger spielen!
Der Priester ermahnte ihn, sich ruhig zu verhalten. Die Schleife setzte sich in Bewegung. Fergus winkte Waverley mit der Hand einen letzten Gruß. Dann war er den Blicken des Freundes entschwunden. ... Am Abend besuchte ihn der Priester, um ihm zu sagen, daß Fergus Mac-Ivor gestorben sei, mutig und stark, wie er gelebt habe, und daß sein letzter Gedanke dem Freunde gegolten habe. ... Er fügte hinzu, daß er Flora gesehen habe, wie sie mit Schwester Teresa dem Hafen zugeschritten sei, um sich nach Frankreich einzuschiffen. Auch sie habe ihm noch einen letzten Gruß an den Freund des Bruders aufgetragen. Waverley bat den würdigen Mann, einen Geldbetrag von ihm anzunehmen, für den ein paar Seelenmessen für den Gerichteten gelesen werden könnten.
Am andern Morgen in aller Frühe schied Waverley von Carlisle mit dem festen Vorsatze, diese Stadt nie wieder zu betreten. Er wagte es nicht, den Blick auf die Zinnen zu richten.
»Hier am gotischen Tore stecken sie nicht,« sagte Alick, der Bursche, den Waverley im Dienste behalten hatte, »sondern am Schottentore, da stecken sie nebeneinander, aber der vom Häuptlinge um etwa eine Elle höher als der von Evan Mac Dhu. Der Festungskommandant verstößt in keiner Sache gegen die Regeln.«
Dreiunddreißigstes Kapitel
Der Schrecken, der von seinem Gemüte Besitz ergriffen hatte, als er aus Carlisle herausfuhr, wandelte sich langsam in Schwermut. Aber als er endlich die uralten Eichen des Waverley-Parkes wieder vor Augen sah, da wich die Schwermut von ihm, und die alte Freude zog wieder ein in sein Herz. Wie malte er sich die schöne Zeit aus, wenn er an das Glück dachte, das ihn hier mit Rosa vereinen sollte, wenn er an ihrer Seite unter diesen lauschigen Bäumen wandeln, mit ihr Arm in Arm all die Lieblingsplätzchen besuchen würde, an denen er als Knabe und Jüngling geweilt hatte! Dann kamen die ehrwürdigen Türme des uralten Herrenhauses über den Kronen der Bäume in Sicht ... und dann das Herrenhaus selbst ... und dann lag er in den Armen der geliebten und getreuen Verwandten, denen er so viel Dank und Liebe schuldig war, und denen er so schweres Herzeleid, wenn auch vielleicht neben verhaltner Freude, bereitet hatte! Aber das Glück des Wiedersehens trübte kein einziges Wort des Vorwurfs, im Gegenteil; die Unruhen, die Sir Everard und Mrs. Rachel erlitten hatten, gewährten ihnen den Trost, daß der Erbe des Edelsitzes Waverley-Würden die Traditionen des alten Geschlechts in seinem Herzen trug. Zudem hatte Obrist Talbot seinem jungen Freunde den Weg gut geebnet, hatte viel erzählt von seiner guten Führung als Soldat und von seinen tüchtigen militärischen Kenntnissen, vor allem von seiner bei Preston an den Tag gelegten Tapferkeit, Großmut und Kühnheit, bis schließlich durch allerhand Zutat der Phantasie und zärtlicher Liebe aus Edward eine Art Heros wurde, der sich dreist mit seinen Taten neben die alten Helden des Hauses Waverley, neben einen Nigel und einen Hildebrand und Willibert, stellen konnte. ...
Sein wettergebräuntes Aussehen, seine durch militärische Disziplin straff gewordne Haltung, sein durch die Strapazen und Märsche im Hochlande gestählter, muskulöser Körper gaben diesen Vorstellungen nicht bloß bei den Verwandten einen außerordentlich wirksamen Vorschub, sondern setzten alle Bewohner von Waverley-Würden in Staunen. Mr. Pembroke zollte ihm unverblümtes Lob, weil er seiner Kirche so treu geblieben sei und solche Ehre gemacht habe, konnte aber doch auch nicht umhin, ihm leise Vorwürfe darüber zu machen, daß er mit Manuskripten ein bißchen gar zu leichtfertig umgegangen sei. Auch ihm seien, als der Baronet in Haft genommen worden sei, Unannehmlichkeiten dadurch erwachsen, so daß er es für geraten gehalten habe, sich eine Zeitlang in einem Schlupfwinkel, dem sogenannten »Pfaffenloch«, zu verstecken. Indessen seien auch gegen ihn alle weiteren Schikanen eingestellt worden, seitdem der Baronet damit verschont wurde. Und das sei ihm wie eine Erlösung vorgekommen, denn mit der Beköstigung habe es während dieser Zeit manchmal recht kümmerlich ausgesehen und sein Bett sei auch immer bloß aller zwei Tage gemacht worden. Unwillkürlich wanderten bei diesen Worten Waverleys Gedanken zurück zu dem Baron von Bradwardine und zu dessen um so viel schlechtern Aufenthalt in seiner Höhle, der »schwarzen Hexe«, für das er mit seinem schönen Humor noch immer den Namen eines Patmos gefunden, trotzdem er mit ein paar Schütten Stroh und den magern Bissen der alten Janet hatte fürlieb nehmen müssen. Aber er unterließ alle Vergleiche, die für seinen alten lieben Lehrer doch nur kränkend hätten ausfallen können. Alles war jetzt in lebendiger Tätigkeit, um Edwards Hochzeit auszurichten. War es doch ein Ereignis, dem der greise Sir Baronet und seine Schwester Mrs. Rachel mit solcher Freude und Liebe entgegengesehen hatten. Diese Heirat erfüllte auch all ihre geheimen Wünsche, da die Braut, abgesehen von materiellen Schätzen, alle Bedingungen in sich vereinte, auf die in dem alten Edelgeschlechte der Waverleys, auf dem alten Edelsitze Waverley-Würden seit jeher der eigentliche Wert gelegt worden war. Darum wurde nun zum andern Male Herr Beutelschneider nach Waverley-Würden beschieden, diesmal jedoch unter günstigern Auspizien für die Entfaltung seiner Amtstätigkeit, als sie letztmals, also im Anfang unsrer Erzählung, ihm winkten. Aber Herr Beutelschneider kam nicht allein diesmal, sondern in der Gesellschaft eines kleinen Beutelschneiderleins, seines Neffen, den der Oheim langsam in die Praxis einführte, und mit dem er jetzt seine Rechtskanzlei unter der Firma »E. Beutelschneider und Haltfest« gemeinschaftlich betrieb. Die beiden gelahrten und klugen Herren bekamen Auftrag, den Ehekontrakt ganz nach den glanzvollen Normen aufzusetzen, die in England gelten, wenn ein junger reicher Erbe eine unabhängige Erbin aus dem ältesten Adel heimführt, die an die Fransen seines Hermelinmantels ihr väterliches Stammgut hängt.
Der Tag der Hochzeit wurde auf den sechsten Tag nach Edwards Ankunft in Waverley-Würden festgesetzt. Der Baron von Bradwardine, für den Hochzeiten, Kindtaufen und Begräbnisse als hohe Feste rangierten, bei deren Feier der höchste Glanz entfaltet werden müsse, dessen ein Haus fähig sei, bemerkte mit einiger Bitterkeit, daß mit Einschluß der Familie Duchran und der gesamten nächsten Nachbarschaft bloß dreißig Personen geladen weiden konnten, »denn bei seiner Hochzeit seien an dreihundert Edelleute von echtem Adel mit all ihrer Dienerschaft und etwa zwanzig hochländische Lairds anwesend gewesen.«