»Das ist nur natürlich,« sagte der Alchimist mit seltsamem Lächeln, das aber größere Vertrautheit mit dem menschlichen Charakter zeigte, als die teilnahmlose, nüchterne Miene, die sein Gesicht bisher gezeigt hatte.
»So stehts,« sagte Varney; »ich sehe, Ihr versteht Euch auf Weiber, wenn es auch lange her sein mag, daß Ihr mit ihnen verkehrt habt ... Nun also, Du hörst, es darf ihr nicht widersprochen werden ... und darf ihr auch nicht gewillfahrt werden. ... Ein leichtes Unwohlsein, wohl verstanden, das ihr die Lust benimmt, sich vom Flecke zu rühren, das ihr nahe legt, sich an Euch zu wenden, mit Euch sich zu begnügen, den Aufenthalt bei sich zu Hause allem andern vorzuziehen, das wäre, mit einem Worte, dasjenige, was als ein guter Dienst anzuerkennen und als solcher auch zu belohnen wäre.«
»Das Haus des Lebens zu gefährden, wird also nicht von mir gefordert werden?« fragte der Alchimist.
»Im Gegenteil,« versetzte Varney, »an den Galgen sollst Du, sofern Du Dir solches beikommen läßt!«
»Und mir sollen,« setzte Alasco hinzu, »die Hände frei bleiben, es soll mir unbenommen sein, zu fliehen oder mich zu verbergen, falls die Sache entdeckt werden sollte?«
»Ganz wie Du willst, ganz wie Du willst, Du Ungläubiger, Du Heide in allen Dingen, die nicht zu Deinem unmöglichen, alchimistischen Unsinn gehören ... He, Mann, wofür hältst Du mich denn?«
Der Greis stand auf, nahm ein Licht und begab sich zu der Tür, die zu dem kleinen Schlafstübchen führte, wo er die Nacht zubringen sollte ... an der Tür drehte er sich uni und wiederholte langsam Varneys Frage, ehe er Antwort gab:
»Wofür ich Euch halte, Varney? ... hm, für einen schlimmern Teufel, als ich selbst gewesen bin. Aber ich bin in Euren Netzen und muß Euch dienstbar sein, bis meine Zeit um ist.«
»Gut, gut,« antwortete Varney eilig; »sei auf den Beinen, wenn der Tag graut. Wer weiß, vielleicht brauchen wir Deine Arznei nicht ... unternimm nichts eher, als bis ich selbst da bin ... hörst Du? ... Michael Lambourne wird Dich an den Ort Deiner Bestimmung schaffen.«
Als Varney hörte, daß der Adept die Tür abschloß und sich vorsichtig einriegelte, machte er einen Schritt vorwärts und schloß mit gleicher Vorsicht die Tür von außen ab, zog den Schlüssel ab und brummte vor sich hin:
»Schlimmer als Du, Du giftmischerischer Quacksalber und Hexenkoch, den der Teufel sich bloß deshalb nicht zum Sklaven genommen, weil ihm solcher Lehrjunge ein Greuel ist? Ich bin ein Sterblicher, und suche durch Mittel, wie sie Sterblichen zugänglich, Befriedigung für meine Leidenschaften und Förderung der Aussichten, die mir das Leben eröffnet ... Du aber, Du bist ein Vasall der Hölle, der richtigen Hölle! ... Heda, Michel Lambourne!« rief er zu einer andern Tür hinaus ... und Michel Lambourne trat herein mit geröteter Wange und unsichern Schrittes,
»Du bist betrunken, Schuft!« herrschte Varney ihn an.
»Ganz ohne Frage, edler Herr,« versetzte der schamlose Michel; »haben wir doch alle auf die rühmlichen Erfolge dieses Tages und auf Mylord Leicester und seinen tapfern und männlichen Stallmeister ein paar Pullen geleert.... Betrunken! Gott versorge mich! Betrunken! Wer an solchem Abend nicht ein paar Dutzend Gesundheiten hinunterschüttet, der muß ein madiger Philister, ein Dreckfilz von Gesinnung sein, dem jagte ich auf der Stelle meinen Dolch sechs Zoll tief in den Wanst!«
»Laß Dir raten, Hallunke! Werde im Nu nüchtern ... ich befehle Dirs! Ich weiß, Du kannst im Nu nüchtern sein, so betrunken Du auch bist, wenn Du bloß willst. Willst Du es heute nicht, dann mach Dich auf Schlimmes gefaßt.«
Lambourne ließ den Kopf sinken, ging aus dem Gemache und kam nach Verlauf einiger Minuten zurück, durchaus ein andrer. Sein Gesicht war ruhig und gesetzt, sein Haar war ordentlich gekämmt, sein Anzug saß richtig und sah sauber und manierlich aus.
»So? Bist Du jetzt nüchtern? Und verstehst Du mich jetzt?« sagte Lambourne mit strenger Stimme.
Lambourne verneigte sich zustimmend.
»Du mußt auf der Stelle nach Cumnor-Place mit dem ehrwürdigen Meister, der drüben in dem kleinen Gewölbe schläft. Hier ist der Schlüssel, damit Du ihn beizeiten wecken kannst. Nimm noch einen verläßlichen Burschen mit! Behandle ihn gut auf der Fahrt, aber laß ihn nicht entwischen! Schieß ihn nieder, wenn ihm die Lust hierzu ankommen sollte; ich wills verantworten. Du sollst von mir Briefe an Foster mitbekommen. Der Doktor soll die untern Zimmer vom östlichen Viereck bewohnen, und es soll ihm freistehen, das alte Laboratorium mit seinem Zubehör zu benutzen. ... Zu der Dame soll er keinen Zutritt haben, bis ich weiter darüber bestimme ... es müßte gerade sein, sie fände Freude an seinem gelehrten Krimskrams. Du selbst wartest in Cumnor-Place meine weitern Befehle ab; und wenn Dir Dein Leben lieb ist, dann meide die Bierbank und den Schnapstisch. Jeder Atemzug in Cumnor-Place muß frei bleiben von gemeinem Dunste!«
»Genug, Mylord ... wollte sagen mein verehrter Herr und Gebieter ... bald, hoffentlich recht bald, mein verehrter Herr und Ritter! ... Ihr habt mir meine Lektion gesagt und meine Lizenz erteilt ... ich werde die eine ausführen und die andre nicht mißbrauchen. Ich werde bei Tagesanbruch im Sattel sitzen.«
»Recht so, und erwirb Dir Gunst! ... Noch eins! Bevor Du gehst, füll mir noch einen Becher Wein – nicht aus der Flasche, Lümmel!« rief er, als Lambourne aus der Flasche eingießen wollte, aus der Alasco getrunken hatte ... »stich eine frische an!«
Lambourne gehorchte; und Varney trank, nachdem er sich den Mund mit einem Schluck ausgespült hatte, den Becher leer, dann nahm er eine Lampe und zog sich in seine Schlafkammer zurück.
»Seltsam!« sprach er unterwegs ... »ich bin so wenig wie nur irgendwer Sklave der Phantasie, und doch brauche ich bloß ein paar Worte mit diesem Kerl Alasco zu reden, so ist es mir zu Mute, als seien mir Mund und Lungen mit arseniksaurem Kalk verkleistert ... Pah!«
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Lambourne blieb noch stehen, weil er noch einen Schluck aus der aufgekorkten Flasche nehmen wollte.
»Es ist Johannisberger,« sagte er, »welcher vom Berge,« und er roch an der köstlichen Blume.... »Ha! Fürwahr, was Feines! ... Aber ich muß es nun lassen, damit ich eines Tages nach Lust und Laune davon trinken kann.«
Dann trank er ein volles Glas Wasser aus, um die Kraft des Rheinweins zu dämpfen, zog sich langsam nach der Tür zurück, blieb noch einmal stehen und ... konnte der Versuchung nicht widerstehen, sondern trat wieder zu der Flasche, setzte sie an den Mund, – auf die Form, den Wein in einen Becher zu gießen, verzichtend – und trank die Flasche leer bis auf die Neige.
»Wär bloß diese vertrackte Gewohnheit nicht,« sagte er, »so kletterte ich genau so hoch, wie Varney selbst. Aber wer kann klettern, wenn der Raum, in dem er sich befindet, um ihn im Kreise tanzt wie ein Quirl? ... Ach, ich wollte, die Entfernung wäre größer und die Straße holpriger zwischen Mund und Becherrand! ... Aber morgen trink ich keinen Tropfen Wein ... bloß Wasser ... Wasser ... nichts als klares Wasser!«
Drittes Kapitel
Die Gaststube des »Schwarzen Bären« in Cumnor, wohin unsre Erzählung zurückkehrt, durfte sich an dem Abend, von dem wir reden, einer nicht gewöhnlichen Versammlung von Gästen rühmen. Es war Markt in der Nachbarstadt gewesen, und der Schnittwarenhändler von Abingdon hatte mit einigen, andern dem Leser als Gäste und gute Bekannte von Giles Gosling bereits bekannt gewordenen Personen schon zeitig einen Kreis um das abendliche Feuer geschlossen und diskutierte mit ihnen eifrig die Tagesvorgänge.
Es war ein muntrer, pfiffiger, lauter Patron, dessen Warenballen nebst dem Ellenmaß aus Eichenholz, das mit messingnen Punkten angemessen übersät war, ihn deutlich als »einen von des Zukunft des Autolykos« kennzeichnete. Er nahm einen großen Teil der Aufmerksamkeit für sich in Anspruch und sorgte andrerseits fleißig für Unterhaltung. Die Hausierer jener Zeit waren, wie hier erinnert sein mag, Leute von weit größrer Wichtigkeit, als ihre verbummelten und von der Zeit überholten Kollegen von heute. In der Hand dieser »wandelnden Kaufleute« lag zum weitaus größten Teile der »Handel« mit den bessern Manufakturwaren »über Land« für die Frauentracht, der Zeit, und wenn es ein solcher Handelsmann so weit gebracht hatte, daß er ein Packpferd sein eigen nannte, so galt er schon als eine recht angesehene Person im Lande, und für jeden Landsassen, der ihm unterwegs begegnete, als eine durchaus anständige und willkommne Reisegesellschaft.