Der Handelsmann, von dem hier die Rede ist, nahm demzufolge an der fröhlichen Zeche, die in dem gemütlichen »Schwarzen Bären« in Cumnor von den Stammgästen desselben gehalten wurde, einen tätigen und allgemein willkommen geheißenen Anteil. Er liebäugelte mit der niedlichen »Jungfer Cilchen«, lachte mit dem Wirt und scherzte mit Herrn Goldfaden, der diesmal, ohne es zu wollen, für die Gesellschaft die Zielscheibe des Witzes war. Er war mit dem Hausierer in einen heftigen Diskurs geraten über den Vorzug, der den spanischen Strümpfen gegenüber den schwarzen Gamaschen, die aus der Gascogne eingeführt wurden, gebühre, und der Herr Wirt hatte eben den Gästen zugeblinzelt, wie wenn er ihnen sagen wollte: »Jetzt aufgepaßt, meine Herrschaften, jetzt werden wir was erleben!« ... als im Hofe Pferdegetrappel laut wurde und mit lauter Stimme nach dem Wirt gerufen wurde, dazwischen hinein, auch einige der damals landesüblichen Flüche geschrieen wurden.
Wie ein Sturmwind war Will, der Hausknecht, draußen und hinter ihm her sauste, wie ein andrer Sturmwind, Johann der Kellner; und hinter beiden her der ganze Troß der Bedienerschaft, die alle von ihren Posten gewichen waren, um ein bißchen teilzunehmen an den Zechfreuden, die heute hier herrschten. Auch der Herr Wirt stürzte hinaus, um seinen neuen Gästen den Willkommen zu bieten, und kam sogleich wieder herein, seinen würdigen leiblichen Neffen, Michael Lambourne, vor sich herschiebend, der ziemlich anständig betrunken war und den Astrologen, am Schlafittchen führte.
Alasco, wenngleich noch immer ein kleines altes Männchen, hatte doch dadurch, daß er sein Wams mit einem Reitrocke vertauscht und sich Bart wie Brauen abgeschnitten hatte, ein Aussehen um zwanzig Jahre jünger gewonnen und konnte jetzt für einen rüstigen Mann zu Anfang oder Mitte der sechziger gelten. Er zeigte ein äußerst unruhiges Wesen und hatte viel in Lambourne hineingeredet, nicht erst im Gasthofe Einkehr zu halten, sondern ohne Aufenthalt sich an das Ziel ihrer Fahrt zu begeben. Aber Lambourne hatte nichts davon hören mögen.
»Onkel!« schrie Lambourne, als er die Gaststube glücklich erreicht hatte, »ein großes Maß von Euerm besten Sekt! es gilt eine Runde für den edlen Lord of Leicester! ... Was? Sollen wir einander nicht begrüßen? Sollen wir unsre Verwandtschaft nicht begießen? Ha, das wäre noch schöner! Wir beide, und nicht mitsammen einem paar Pullen die Hälse umdrehen! Hahaha! Das wäre!«
»Gewiß, Vetter! Das tun wir und mit ganzem Herzen!« sagte der Wirt drauf, auf dessen Gesicht aber ziemlich deutlich zu lesen stand, daß er den Patron am liebsten wieder los wäre, »aber kannst Du soviel Wein auch berappen?«
Diese Frage, die manch andern Zecher in Verlegenheit gesetzt hätte, änderte an dem Vorsatz Michael Lambournes nicht das geringste.
»Nanu, Onkel! Nach Geld fragt Ihr? Holt Euch Bescheid in Mexiko und Peru!« und bei den Worten warf er eine Handvoll Goldstücke auf den Tisch; »stellt Eure Frage an den Lordschatzmeister der Königin ... Gott segne Majestät! ... meines guten Herrn gnädige Dame!«
»Schön, schön, mein lieber Neffe,« versetzte drauf der Wirt, »mein Geschäft ist, Wein an Leute zu verkaufen, die bezahlen können ... , na, Johann, Nu kannst nun auftragen ... Aber gern erfuhr ich aus Deinem Munde, auf welche Weise man so schnell' zu Geld kommt, Michel?«
»Hm, Onkel, dies Geheimnis will ich Euch künden.... Seht Ihr das kleine Männchen da? Ein Kerl, verwelkt wie ein Span, mit dem sich der Teufel ein Süppchen gekocht! ... Und doch, Onkel, unter uns gesagt, in seinem Gehirn hat Witz seinen Sitz ... Mord und, Tod! Der Kerl macht aus Häckerling Gold! flinker als ich fluchen kann!«
»In meinem Beutel mag ich aber doch nichts haben aus seiner Münze, Michel,« meinte der Wirt; »ich weiß, was für Strafe drauf steht, wenn man falsches Geld unter die Leute bringt.«
»Du bist ein Esel, Onkel, so alt Du sein magst – zieh mich doch nicht am Aermel, Doktor; auch Du bist ein Esel! Ein gründlicher Esel! Und da Ihr beide Esel seid, so sage ich Euch hiermit, daß ich bloß im Bilde gesprochen habe.«
»Seid Ihr von Sinnen? Steckt der Teufel in Euch? ... Könnt Ihr uns nicht hier ruhig sitzen lassen, ohne daß sich alle Gäste nach uns umsehen!« flüsterte Alasco.
»Meinst Du?« sagte Lambourne, »da bist Du im Irrtum, Alter. ... Keiner soll Dich ansehen, darauf gebe ich Dir mein Wort! Hörst Du? ... Beim Himmel, Leute! Wer sich erfrecht, dem alten Männchen hier ins Gesicht zu sehen, dem stech ich mit meinem Dolch die Augen ans dem Schädel! ... So, nun setz Dich, Alterchen, und sei vergnügt ... die Leutchen hier sind meine Sippe ... meine alten Kumpane und Kameraden, die werden niemand verraten oder hineinlegen.«
»Wärs nicht gescheiter, Neffe,« meinte Giles Gosling, »Du nimmst Dir ein besondres Zimmer ... Du redest gar so wunderliche Dinge, und Aufpasser und Horcher gibts doch überall!«
»Um die scher ich mich nicht,« rief der großspurige Michael. ... »Aufpasser? Prrr! ... Ich bin in Diensten bei Lord Leicester ... Da kommt der Wein ... Füll einen Becher, Mundschenk! eine Runde für den edlen Lord of Leicester, die Blume von England! Für den edlen Lord Leicester, sage ich ... wer nicht mir Bescheid trinkt, ist ein Schwein von Sussex, und er soll mir auf den Knien saufen oder ich schneid ihm die Keulen vom Leibe und räuchre sie zu Schinken!«
Keiner riskierte es daraufhin, dem rohen Patron nicht Bescheid zu tun, und Michael Lambourne, dessen Trunkenheit natürlich durch diese neue Füllung nicht gemindert wurde, fuhr in seiner rüpelhaften Weise fort, in dem Gastzimmer herumzuschreien, erneuerte mit manchen der Gästen die frühere Bekanntschaft, von denen manche ihm mit Respekt, manche mit Furcht, manche mit einer zwischen beiden schwankenden Empfindung entgegentraten, denn es waren wahrlich genug Gründe vorhanden, auch dem niedrigsten von Leicesters Dienerschaft, besonders wenn er ein Mensch war wie Lambourne, mit Vorsicht zu begegnen.
Mittlerweile ließ der alte Mann, da er seinen Führer in dieser unzurechnungsfähigen Laune sah, weitere Einreden sein, setzte sich in die finsterste Ecke der Stube und bestellte sich ein kleines Glas Warmbier, über dem er, wie es schien, einzunicken anfing. So viel wie möglich entzog er sich der allgemeinen Beachtung, tat wenigstens nichts, was seine Gegenwart dem Reisegefährten in die Erinnerung führen konnte, der sich zu seinem alten Kameraden Goldfaden von Abingdon gesetzt hatte und Erinnerungen aus frühern Tagen mit ihm aufwärmte.
»Wenn ich sage, muntrer Michel, ich war über Deinen Anblick nicht so froh wie über den meines besten Kunden, der mirs Geld auf den Tisch legt,« sagte Krämer Goldfaden, »so glaubtest Du mir doch nicht! ...Ei, Freund Michel, Du kannst sicher bei einem Fest oder Maskenspiel einem Freund zu einem guten Plätzchen verhelfen ... ja, und wohl auch Mylord was ins Ohr flüstern ... wenn er in die Gegend herkommt und einen neuen Kragen oder sonstwas braucht ... kannst ihm sagen, da ist ein alter, guter Freund von mir, der Lorenz Goldfaden aus Abingdon, der hat gute Ware, ist auch ein hübsches Mannsbild, wie nur eins in Berkshire, und könnte es für Eure Herrlichkeit aufnehmen mit jedem andern seines Schlages ... dann könntest Du noch sagen ...«