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»Ei, warum soll ich ihm solche Reden sparen?« lachte die Gräfin, »ist denn nicht seine ganze Natur angelegt zum Sparen!« Dann wandte sie sich wieder an den Hausierer: »Führt Ihr nicht auch Pomaden und Parfums in den jetzt modernen kleinen Flacons?«

Wieland beeilte sich, auf alle Wünsche und Fragen, die die Dame stellte, befriedigende Antwort zu geben, und dachte bei sich: »Wär ich richtiger Hausierer, so könnte ich hier das beste Geschäft machen! Aber wie soll es mir gelingen, ihren Sinn einen Augenblick auf ernste Dinge zu lenken?« Er breitete eine erlesene Sammlung der besten Parfums vor ihr aus und bemerkte, daß alles, was er führe, im Preise um das Doppelte gestiegen sei, infolge der großen Vorkehrungen, die vom Grafen von Leicester getroffen würden, um die Königin und den gesamten Hofstaat auf seinem Herrschaftssitze Kenilworth zu empfangen und zu bewirten.

»Ha!« rief die Gräfin, »so wäre doch etwas Wahres an dem Gerücht, Jeanette?«

»Ei, freilich,« nahm sogleich Wieland das Wort; »es muß mich wunder nehmen, daß Eure Gnaden noch nichts davon vernommen haben; die Königin von England wird auf ihrer diesjährigen Sommerfahrt bei dem edlen Grafen eine Woche lang verweilen; es geht sogar die Rede, England dürfe einen König bekommen, und Englands Königin Elisabeth ... des Himmels Segen auf ihr Haupt ... einen Gemahl, bevor das Ende der Sommerfahrt gekommen sei.«

»Das ist schändliche Lüge!« rief die Gräfin, in heftigen Zorn geratend, aus.

»Um Gottes willen, gnädige Frau Gräfin, wer wird glauben wollen, was Hausierermund im Lande herumträgt?«

»Du hast recht, Jeanette,« sagte in milderm Tone die Gräfin, »dergleichen Gerüchte, die den Ruf des edelsten Pairs von England schädigen, können bloß Glauben finden bei niedrigen, gemeinen Seelen.«

»Sterben will ich, gnädigste Frau Gräfin,« rief Wieland der Schmied, der recht gut wahrnahm, daß die Heftigkeit der Dame sich gegen ihn richtete, »auf der Stelle sterben, wenn ich etwas verbrochen habe, das mir Ihren Zorn zuzieht ... ich sage bloß wieder, was allgemein im Lande gesprochen wird.«

Die Gräfin hatte inzwischen die Fassung wiedergewonnen und bestrebte sich, ängstlich geworden durch Winke des Mädchens, allen Anschein von Unwillen und Empörung zu unterdrücken. Dann fragte sie, wie um dem Gespräch eine andre Wendung geben zu wollen, den Hausierer:

»Was ist das für Salbe, hier in dem silbernen Schächtelchen? Wohl was ganz Besondres, da sie in so kostbarem Behälter liegt?«

»Ein Mittel gegen Uebelkeit von einer Art, die Euer gräflichen Gnaden hoffentlich ein verschlossnes Buch ist ...« sagte Wieland. »Nimmt man von ihr so viel wie eine türkische Bohne, und zwar eine Woche lang an jedem Tage, so stählt sie das Herz gegen die finstern Gedanken, die durch Einsamkeit, Traurigkeit, unerwiderte Liebe oder getäuschte Hoffnung so gern entstehen ...«

»Seid Ihr ein solcher Tor, daß Ihr meint, ich werde Euch solchen Kram abkaufen um teures Geld? ... Wer hörte je, daß Herzeleid geheilt werden könne durch Arzneien für den Leib?«

»Mit gnädigstem Verlaub, Frau Gräfin,« versetzte er mit einem Tone, aus dem gewisse Empfindlichkeit klang, »ich bin ein ehrlicher Mann und verkaufe meine Ware zu Preisen, wie sie recht und billig sind. ... Zudem habe ich Euer Gnaden diese Arznei überhaupt nicht zum Kauf angeboten! Welchen Grund sollte ich mithin haben, Euch etwas vorzureden? Aber geholfen hat meine Medizin schon manchem, bei Hofe sowohl wie in Stadt und Land; erst neulich noch einem Junker mit Namen Tressilian drunten in Cornwallis, einem gar ehrenwerten Manne mit Namen Edmund ... der war, wie mir die Leute erzählten, in Schwermut versunken infolge einer unglücklichen Liebe, so daß seine Freunde Bange fühlen um sein Leben ...«

Er machte eine Pause, und auch die Dame schwieg eine Weile ... dann fragte sie, vergeblich bemüht, ihrer Stimme festen und gleichgültigen Klang zu geben:

»Und ist der Edelmann, von dem Ihr sprecht, nun wieder hergestellt?«

»Einigermaßen, gnädige Frau,« erwiderte der Schmied, »zum wenigsten klagt er nicht mehr über leibliches Weh.«

»Ich werde mir auch etwas von dieser Arznei kaufen, Jeanette,« sagte die Gräfin, »auch mich überkommt zuweilen jener Hang zur Melancholie, die den Geist mit trübem Gewölk umhüllt.«

»Das solltet Ihr doch lieber nicht tun, Madame,« sagte Jeanette, »wer steht uns gut dafür, daß es nichts Schädliches ist?«

»Ich will selbst dafür einstehen,« sagte Wieland, nahm ein Stück von der Medizin und schluckte sie hinunter.

Die Gräfin kaufte das andre, durch die Einwendungen des Mädchens eher bestärkt als abgelenkt, und nahm sogleich eine erste Dosis ein. Sie meinte, was wohl aber auf Einbildung beruhen mochte, es sei ihr schon jetzt leichter um das Herz und sie fühle sich heitrer gestimmt als vordem. ... Darauf nahm die Gräfin alles, was sie dem Hausierer abgekauft, auf den Arm, warf Jeanetten ihre Börse zu und hieß sie mit dem Hausierer abrechnen. ... Dann begab sie sich, wie wenn sie der Unterhaltung, die ihr zuerst so viel Freude bereitet hatte, müde sei, nach einem Gutenachtwunsch für den Hausierer, langsam ins Haus.

Auf diese Weise ging Wieland alle Gelegenheit verloren, sie zu sprechen. Er versuchte jedoch, sich mit Jeanette auszusprechen.

»Mädchen,« sagte er, »Du siehst mir ganz so aus, als seist Du Deiner Herrin in Liebe zugetan. Deine Herrin braucht treue Dienste gar nötig.«

»Und sie hat wahrlich auch ein Anrecht drauf!« erwiderte das Mädchen; »ich diene ihr auch treu ... aber wozu solche Rede?«

»Mädchen, ich bin durchaus nicht, was ich scheine,« sagte, die Stimme senkend, der Hausierer.

»Nichtsdestoweniger doch ein ehrlicher Mann?« meinte das Mädchen.

»Umsomehr das, was Du fragst,« versetzte Wieland, »da ich kein Hausierer bin.«

»Dann mach Dich auf der Stelle weg von hier, oder ich rufe um Beistand und Hilfe. Der Vater muß gleich da sein.«

»Sei nicht so flink,« sagte Wieland, »Du möchtest bereuen, was Du tust. Ich bin einer von denen, die es gut meinen mit Deiner Herrin. Es tun ihr mehr not von Leuten gleich mir, und es wäre unrecht von Dir, den wenigen, die sie besitzt, zum Verderben zu sein.«

»Wie soll ich Dir das glauben?«

»Schau mir ins Gesicht,« sprach Wieland der Schmied, »und sieh zu, ob aus meinem Blicke nicht Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit sprechen.«

Und wahrlich, wenn sein Gesicht auch nicht schön zu nennen war, so lag doch auf seinen Zügen der energische, scharfe Ausdruck des denkenden Geistes und klugen Sinnes, und der Blick seines lebendigen, glänzenden Auges, sein wohlgeformter Mund und das offne, verständige Lächeln, das seine Lippen umspielte, liehen seinem zugleich ansprechenden und doch nicht regelmäßigen Antlitz zuweilen Anmut und Interesse.

Jeanette betrachtete ihn mit der ihrer Sekte eignen klugen Einfalt. Dann erwiderte sie auf seine Worte:

»Trotzdem Du Deine Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit so sehr betonst, Freund, will es mir doch so vorkommen, als läge auf Deinem Gesicht etwas vom Hausierer und auch vom ... Schelm.«

»Du hast vielleicht nicht unrecht,« versetzte lachend Wieland der Schmied; »heute abend oder morgen wird jedoch mit Deinem Vater ein alter Mann herkommen, der den schleichenden Tritt der Katze, das scharfe Auge der Ratte, das zutuliche Wesen des Schoßhündchens und die Wildheit des Bullenbeißers in sich vereint.... Vor diesem hüte Dich! Vor diesem hüte Deine Herrin! ... denn, niedliche Jeanette, dieser Schleicher trägt unter erheuchelter Taubenunschuld böses Natterngift.... Welch schweres Unheil er gegen Euch hier plant, kann ich nicht raten; aber Tod und Jammer waren immer die Folgen seiner Gegenwart. ... Sprich hiervon nichts zu Deiner Herrin! ... Meine Kunst sagt mir, daß in dem Zustande, in welchem sie zurzeit befangen ist, Furcht vor Uebel nicht minder schädlich für sie ist als die Wirkung des Uebels selbst ...aber rede ihr zu von der Arznei zu nehmen, denn« ... er senkte wieder die Stimme, sprach aber um so eindringlicher ihr ins Ohr ... »es ist ein Gegengift . ... das verhindert, daß Gift, das ihr gegeben wird, ihr schadet. ... Doch horch, sie kommen, sie kommen!«