In der Tat näherte sich lauter Lärm, Freudenrufe, untermischt mit lauten Reden, der Gartentür. Hierdurch beunruhigt, sprang Wieland in ein Dickicht, während Jeanette sich mit dem Rest der Einkäufe, den ihre Herrin nicht mitgenommen hatte, sich in ein Gartenhaus flüchtete, um nicht gesehen zu werden.
Ihre Angst war jedoch unnütz, denn ihr Vater mit seinem alten Knecht, Lord Leicesters Diener und der Sterndeuter kamen in den Garten gerannt, hinter Lambourne her, dessen wilde Weise sie in die höchste Unruhe gesetzt hatte, und den sie vergebens zum Schweigen zu bringen suchten.
Der elende Wicht war nun sternhagelbetrunken, war aber, wie es häufig der Fall bei Trunkenbolden, noch immer Herr seiner Bewegungen sowohl wie seiner Rede.
»Was?« schrie er mit aller Stärke seiner Stimme, »ich soll hier ohne Willkommen bleiben? soll kein Saufgelage halten? trotzdem ich Eurem alten, vermaledeiten Hundeloch Glück bringe in der Gestalt eines Satansknechts, der Schiefer in spanische Taler zu wandeln vermag! Hierher, Tony Foster, Feuerbrand, Papist, Puritaner, Heuchler, Dreckfilz, Schandbube, Gottseibeiuns, Kompositum, aus allen Sünden aller Menschen! Hierher und knie nieder und bete den an, der jenen Götzen in Dein Haus bringt, den Du anbetest!«
»Um Herrgotts willen, rede leiser,« sagte Foster, »komm ins Haus herein ... Nu sollst Wein haben und wonach Dir sonst der Sinn steht!«
»Nein, Du Hexenbalg, Du Kobold, Du Schwein! Herausgebracht haben will ich ihn,« schrie der betrunkne Wicht, »hier draußen will ich ihn trinken, al fresco will ich ihn haben, wie der Italiener sich ausdrückt. ... Nein, nein! Mit dem giftigen Teufel, mit diesem Meister in allem schlimmen Hexenbräu trinke ich nicht im Hause drinnen hinter verschlossnen Türen, wo ich ersticken würde von all den Dünsten, die Arsenik und Quecksilber verbreiten. ... Davor auf der Hut zu sein, hat mich der Schurke Varney gelehrt.«
»Holt ihm Wein her, im Namen aller bösen Feinde!« sagte der Sterndeuter.
»Aha! Willst ihn mir wohl würzen? Du alter Pfennigfuchser? He, hast sie schon bei der Hand? ... Deine Gift-Würze? ... Grünspan, Helleborum, Vitriol und Aquafortia und was Du sonst an Teufelszeug verarbeitest! Zwanzigerlei und mehr treibt Blasen in meinem Hirnkasten, wie die Hexenbrühe im Zauberkessel, wenn der Gottseibeiuns sich einfinden soll. ... Hol Du selber den Wein, alter Scheiterhaufenanstecker ... und laß ihn auskühlen, ... warmen mag ich nicht, den hast Du doch noch übrig von den Feuersteinen, auf denen Ihr die alten Bischöfe geschmort habt. ... Oder warte mal, laß bloß erst Leicester König sein von England, wenns ihm paßt ... schön ... und Varney, Schuft Varney, Großwessir vom Reiche ... ha, brillant! ... Und was werd ich dann sein? ... Ha, Kaiser, Kaiser Lambourne! ... Und jetzt? ... ha! jetzt will ich das auserlesne Exemplar von Schönheit sehen, das sie hier eingemauert haben zum Privatvergnügen ... zur Zeitwürze ... heute nacht soll sie mir meinen Humpen kredenzen und mir die Nachtmütze über die Ohren ziehen. ... Was will denn ein Kerl mit zwei Weibern? Und war er zwanzigmal Earl? ... Darauf gib Du mal Antwort, Tony, Du alter hartgesottner Hund von Heuchler! Du alter Bischofröster! Du gotteslästerlicher Glaubenswüterich! ... He! Darauf gib Du mal Antwort!«
»Mein Messer jag ich dem Kerl in den Wanst!« sagte Foster in leisem, aber vor Leidenschaft bebendem Tone:
»Ums Himmels willen, kein Blutvergießen!« rief der Sterndeuter. »Hier, wackrer Lambourne, willst Du mir Bescheid tun auf das Wohl des edlen Earl of Leicester und Junkers Richard Varney?«
»Freilich, alter Albumasar, – freilich, Du alter Rattengiftverkäufer! – – Küssen wollte ich Dich, wenn Du bloß nicht so erbärmlich nach Schwefel und schändlichem Apothekerkram röchest! ...«
Eine Pause machte der Elende, dann schrie er wieder:
»Es lebe Varney! Hoch die Gläser! Und Leicester daneben! Hoch die Gläser! Hoch die beiden edlen, hochfliegenden Geister! die im Trüben fischen, im Tiefen wühlen und auf zum Horizonte streben! Die bösen, grimmen, ehrsüchtigen Missetäter! – Na, weiter sage ich nichts – aber wer mir nicht Bescheid tut, dem stech ich meinen Dolch in den Wanst! – – Also meine Herrschaften, los, los!«
Mit diesen Worten leerte Lambourne den Humpen, den ihm der Sterndeuter gereicht hatte, und der nicht Wein, sondern destillierten Spiritus enthielt. Mit einem gräßlichen Fluche ließ Lambourne den leeren Humpen aus der Faust fallen, griff mit der Hand nach dem Schwerte, war aber nicht mehr im stande, es zu ziehen, schwankte hin und her und schlug ohne Bewußtsein, ohne sich noch einmal zu regen, in die Arme des Dieners, der ihn in seine Schlafkammer schleppte und zu Bett brachte.
In dem allgemeinen Durcheinander, das hier herrschte, war es Jeanette gelungen, die Gemächer ihrer Dame zu erreichen, zitternd am ganzen Leibe wie Espenlaub, aber fest entschlossen, die furchtbaren Mutmaßungen, die sie aus den trunknen Reden Michael Lambournes gewonnen hatte, vor ihrer Gebieterin geheim zu halten. Aber wenn auch ihre Befürchtungen noch keine feste Gestalt besaßen, so hielten sie doch Schritt mit der Warnung aus dem Munde des Hausierers; der Rat, den er ihr erteilt, erschien ihr jetzt wertvoller als vordem, und sie gelobte sich, ihre Herrin in dem Vorsatze, die Medizin des Mannes einzunehmen, zu bestärken, was sonst wohl kaum der Fall gewesen wäre.
Aber auch Wieland hatte die Worte des Trunkenbolds' vernommen und verstand es besser, ihren Sinn zu deuten. Er empfand tiefes Mitleid mit der liebenswürdigen und jetzt so unglücklichen Dame, die er vordem in so glücklichen Verhältnissen gesehen hatte und die sich jetzt in den Händen solcher Schurken sah. Sein Grimm war wild erregt worden durch die Stimme jenes Greises, den er schlimmer fürchtete als das Feuer und ärger haßte als den Tod; und so gefahrvoll auch das Unternehmen war, das er wagte, so besaß er doch Vertrauen zu seiner Klugheit genug, um nicht zurückzuschrecken, faßte vielmehr in dieser Nacht den festen Entschluß, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen und der unglücklichen Dame, wenn irgend möglich, Hilfe zu bringen».
Fünftes Kapitel
Der Glanz der bevorstehenden Festlichkeiten zu Kenilworth bildete jetzt das Gespräch durch ganz England, und alles, was zu der Lustbarkeit oder der Pracht bei dem geplanten Empfange der Königin im Hause ihres bevorzugtesten Günstlings beitragen konnte, wurde daheim zusammengebracht oder von auswärts beschafft. Mittlerweile schien Leicester in der Gunst der Königin immer mehr zu gewinnen. Im Rate war er ständig an ihrer Seite – in den Ruhepausen zwischen den Staatsgeschäften hörte sie ihm gern zu – es kam zwischen ihnen ab und zu sogar zu herzlicher Vertraulichkeit– alle, die bei Hofe irgendetwas zu hoffen hatten, sahen zu ihm empor – fremde Minister buhlten um seine Gunst unter den schmeichelhaftesten Achtungsbeweisen von ihren Landesherren – er war das alter ego der erhabnen Elisabeth, die jetzt, wie man allgemein glaubte, nur noch Zeit und Gelegenheit erwog, daß sie ihn durch Heirat zum Gefährten ihrer Landesherrlichkeit mache.
In dieser Hochflut des Glücks war dieses Nesthäkchen in der Gunst der Königin vielleicht der unglücklichste Mensch in dem Reiche, das ihm zu Füßen zu liegen schien. Der Charakter seiner Herrin war ihm bis in die verborgensten Regungen bekannt; seine eingehende Vertrautheit mit ihren Launen im Verein mit seinen hervorragenden geistigen Fähigkeiten und glänzenden äußern Vorzügen hatte ihm einen so hohen Platz in ihrer Gunst verschafft; und eben diese Vertrautheit mit ihrer Launenhaftigkeit hielt ihn stets in der Furcht vor einer plötzlichen, vernichtenden Ungnade. Die Gunst, in der ein Walsingham oder ein Burleigh stand, war, wie Leicester wohl wußte, auf Elisabeths klugem und zielbewußtem Urteil, nicht auf ihrer willkürlichen Neigung gegründet und war daher auch vor all den Möglichkeiten einer Wandlung und eines Sturzes gesichert, der notwendigerweise eine lediglich auf persönlichen Vorzügen, und weiblicher Bevorzugung fußende Gunst angesetzt war. Diese, großen und weisen Staatsmänner wurden von der Königin nur nach den Ratschlägen, die sie erteilten, und den Gründen, mit denen sie ihre Meinung verfochten, beurteilt; der Erfolg aber von Leicesters Laufbahn war abhängig von all dem leichten, veränderlichen Wechselspiel der Grille und der Laune, das einem Verehrer den Weg zum Herzen seiner Herrin bald beschwerlich, bald glatt und eben macht – und obendrein war sie eine Herrin, die immerfort befürchtete, die Würde zu vergessen oder sich in ihrer Autorität als Königin etwas zu vergeben, wenn sie sich den Regungen des Weibes überließ. All dieser Schwierigkeiten war sich Leicester voll bewußt, und ob er nun nach Mitteln sann, mit Sicherheit von seinem hohen Posten herabzusteigen, er sah nur wenig Hoffnung, daß ihm das eine oder andre gelingen würde. In solchen Momenten verweilten seine Gedanken bei seiner geheimen Ehe und ihren Folgen, und voller Bitterkeit gegen sich selber und auch gegen die unglückliche Gräfin, schrieb er diesem voreiligen Schritt, der in der Hitze einer unbedachten Leidenschaft – wie er sie jetzt nannte – getan worden war, alle Schuld zu, daß er einerseits seine Macht nicht auf festen Grund stellen könne, und daß ihm andrerseits in jedem Augenblicke ein jäher Sturz drohte.