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»Die Leute sagen,« so gingen ihm die Gedanken in diesen Augenblicken der Furcht und Reue, »ich könnte Elisabeth heiraten und König von England werden. Alles deutet darauf hin. In Liedern wird die Heirat besungen und der Pöbel wirft die Mützen in die Luft. In Schulen ist die Rede davon gewesen – im Audienzsaal hat man davon geflüstert – von der Kanzel herab wird sie warm befürwortet – in den kalvinistischen Kirchen wird sie erfleht – und diese kühnen Andeutungen haben keinen Widerspruch erfahren, sind nicht unter Zorn und Verdruß zurückgewiesen worden, nicht einmal mit der üblichen weibischen Beteuerung, sie würde als jungfräuliche Königin sterben. – Ihre Worte sind zuvorkommender als je, obwohl sie weiß, was für ein Gerücht umgeht – ihre Haltung mir gegenüber ist noch anmutiger – ihre Blicke noch freundlicher als je zuvor – alles scheint darauf hinzuzielen, daß ich König von England werden soll, endlich den Stürmen der Hofgunst weit entrückt! – Und da ich nun diese Hand ausstrecken könnte zu dem kühnsten Griffe, da ist sie durch ein geheimes, unlösliches Band gefesselt! – Und hier sind Briefe von Amy,« fuhr er fort und nahm sie mit einer Gebärde des Verdrusses auf, – sie dringt in mich, sie öffentlich anzuerkennen – ihr und mir selber Gerechtigkeit anzutun – und wer weiß, was noch! Mich dünkt, ich habe mir selber zunächst nicht im mindesten Gerechtigkeit angetan – nichts weniger als das. Und sie redet gerade, als ob Elisabeth die Eröffnung mit der Freude einer Mutter hören würde, die erfährt, daß ihr hoffnungsvoller Sohn sich glücklich verheiratet hat! – Sie, die Tochter Heinrichs, der in seinem Zorn keinen Mann und in seiner Wollust kein Weib verschonte! Wenn sie entdeckt, daß man sein Spiel mit ihr getrieben hat, daß man sie durch eine Gaukelei der Leidenschaft dahin gebracht hat, daß sie einem Untertan ihre Liebe gesteht – und nachher entdeckt sie, daß eben dieser Mann schon verheiratet ist – wenn Elisabeth erführe, daß man mit ihr getändelt habe, wie ein Höfling mit einer Dorfschönen scherzen kann, dann würden wir wohl erfahren, was es heißt: furens quid femina!«

Dann hielt er inne und rief nach Varney, der jetzt öfter als sonst um Rat gefragt wurde, und ihre Beratung endete gewöhnlich mit emsigen Erwägungen, wie man wohl die Gräfin in Kenilworth vorführen solle. Diese Beratungen hatten fast zu dem Entschlüsse geführt, die Festlichkeiten zu verschieben. Aber schließlich wurde ein endgültiger Entschluß erforderlich.

»Elisabeth will absolut, daß sie zugegen sei,« sagte der Earl. »Ob nun ein Verdacht sich in ihre Seele gestohlen hat oder ob die Bittschrift des Tressilian von Sussex oder einem andern geheimen Feinde immer wieder aufs Tapet gebracht wird, das weiß ich nicht, aber selbst wenn sie noch so huldreich mit mir spricht, so kommt sie doch oft auf die Geschichte der Amy Robsart zu sprechen. Gib mir jetzt Deinen Rat, Varney, diese unlösbare Schwierigkeit zu beseitigen. Ich habe alle möglichen Vorwände angewendet, die ich nur irgend mit Anstand, vorbringen konnte, dieses verfluchte Fest zu verschieben, aber das Gespräch von heute hat sie alle über den Haufen geworfen. Sie hat in sehr freundlichem, aber stets bestimmtem Tone zu mir gesagt: »Wir wollen Euch keine Zeit mehr zu Vorbereitungen lassen, Mylord, damit Ihr Euch nicht noch etwa ganz und gar dem Bankerott ausgesetzt. Am Sonnabend, dem 9. Juli, wollen wir mit Euch in Kenilworth sein. Wir bitten Euch, keinen der festgesetzten Gäste zu vergessen, vor allem nicht dieses putzige Püppchen, die Amy Robsart.« Nun, Varney, wende alle Deine Erfindungskunst an – Deine Ränke haben uns schon oft geholfen; denn so wahr ich Dudley heiße, die Gefahr, die mir durch mein Horoskop angedroht worden ist, zieht sich jetzt finster um mich zusammen.«

»Ist Mylady auf keinen Fall zu bewegen, auf eine kurze Zeit die niedre Rolle zu übernehmen, die die Verhältnisse ihr auferlegen?« fragte Varney zaudernd.

»Wie, Bursche? Meine Gräfin soll sich Deine Frau nennen? das ist weder mit ihrer noch mit meiner Ehre vereinbar.«

»Und doch hält Elisabeth sie für nichts andres,« sagte Varney, »und ihr in dieser Meinung widersprechen hieße alles entdecken.«

»Denke etwas andres aus, Varney,« sagte der Earl in großer Erregung. »Diese Erfindung ist unbrauchbar, denn wenn ich auch mich dazu verstehen könnte, so doch sie nicht. Denn ich sage Dir, Varney, so Du es noch nicht weißt: Elisabeth auf dem Throne hat nicht mehr Stolz als diese Tochter eines niedern Edelmanns von Devonshire. Es ist unmöglich. Weder durch Bitten noch durch Gewalt ist sie dazu zu bringen, Deinen Namen auch nur für eine Stunde anzunehmen.«

»Das ist freilich recht bitter,« sagte Varney trocken, und dann setzte er hinzu: »Wenn wir nun eine Person finden würden, die sie vertreten könnte? Solche Maskeraden sind schon oft dagewesen.«

»Das ist purer Blödsinn, Varney,« antwortete der Earl. »Die falsche Gräfin würde Tressilian gegenübergestellt werden, und die Entdeckung wäre unvermeidlich.«

»Tressilian könnte vom Hofe entfernt werden,« sagte der skrupellose Varney.

»Auf welche Weise?«

»Es gibt mancherlei Mittel,« sagte Varney, »durch die ein Staatsmann in Eurer Lage, Mylord, einen unbequemen Burschen, der sich in Eure Angelegenheiten mischt und sich in gefährliche Opposition zu Euch stellt, vom Schauplatz verschwinden lassen kann.«

»Sprich mir nicht von derartigen Kunstgriffen, Varney,« sagte der Earl hastig. »Im vorliegenden Falle würde es uns nicht einmal was nützen. Es sind viele andre am Hofe, denen Amy bekannt sein mag. Und wenn Tressilian nicht mehr da ist, so wird ihr Vater oder einer ihrer Bekannten unverzüglich hierher gerufen werden. Strenge noch einmal Deinen erfinderischen Kopf an!«

»Mylord, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber wenn ich in der Klemme säße, so würde ich auf der Stelle mich nach Cumnorplace begeben und meine Frau zwingen, in die Maßregeln zu willigen, die die Rücksicht auf ihre und meine Sicherheit vorschreiben. Ich möchte doch wissen, ob Mylady Euch zu Danke verpflichtet ist, oder ob das Verhältnis bei diesem schönen Bunde so liegt, daß Ihr der Lady Dank schuldig seid. Ich möchte wohl wissen, wer die meiste Ursache hat, dem andern gefällig zu sein und auf die Wünsche, Anordnungen und die Sicherheit des andern Rücksicht zu nehmen.«

»Ich sage Dir, Varney,« sagte der Graf, »alles, was in meiner Macht lag, ihr zu geben, hat sie tausendmal vergolten, allein durch ihre Tugend und Schönheit.«

»Na, wenn Eure Lordschaft so sehr zufrieden gestellt ist, so ist ja das recht erfreulich,« antwortete Varney, mit seinem gewohnten sardonischen Lächeln, das selbst die Achtung vor seinem Gönner nicht zu unterdrücken vermochte, »Ihr werdet Zeit genug haben, die Gesellschaft einer so graziösen und schönen Frau ungestört zu genießen, das heißt, sobald die Kerkerhaft vorüber ist, durch die Ihr das Verbrechen, Elisabeth Tudor hintergangen zu haben, werdet büßen müssen.«