»Niederträchtiger Schurke!« antwortete Leicester, »spottest Du noch meiner in meinem Unglück? – Mach es, wie Du willst.« »Wenn es Euer Ernst ist, Mylord,« sagte Varney, »so müßt Ihr auf der Stelle nach Cumnorplace.«
»Geh Tu selber, Varney, der Teufel hat Dir die Beredsamkeit verliehen, die am stärksten ist, wenn es eine böse Sache gilt.«
»Wenn es Euch damit Ernst ist, Mylord,« sagte Varney, »daß ich die Aufgabe übernehmen soll, diese überaus erforderliche Maßregel durchzusetzen, dann müßt Ihr mir ein, Schreiben an Mylady mitgeben, das ich als Kreditiv vorzeigen kann.«
Leicester griff zum Schreibzeug und begann einige Male einen Brief an die Gräfin, den er nachher wieder zerriß. Endlich brachte er ein Paar verworrene Zeilen zu Papier, in denen er sie beschwor, aus Gründen, die dringend sein Leben und seine Ehre beträfen, auf ein paar Tage während des Festes zu Kenilworth den Namen Varneys anzunehmen. Er setzte hinzu, daß Varney ihr all die Gründe, die eine solche Täuschung erforderlich machten, mitteilen würde. Dieses Beglaubigungsschreiben unterzeichnete und versiegelte er, dann schleuderte er es über den Tisch hinweg Varney zu mit einer Gebärde, die ihn zum Aufbruch mahnte, und sein Ratgeber zauderte nicht, diesen Wink, den er sogleich verstand, auszuführen.
Varney nahm sich nicht einmal Zeit, die Kleidung zu wechseln, er warf sich sofort in den Sattel und verließ Berkshire, ein einziger Diener folgte ihm. Varney war voll höher Hoffnung. Er hatte Lord Leicester an den Punkt gebracht, wo er ihn hin haben wollte, daß er ihm die geheimsten Winkel seiner Brust aufschloß und ihn als Vermittler bei seinem vertraulichsten Verkehr mit seiner Gattin gebrauchte. Hinfort, das sah er voraus, würde es seinem Gönner schwer fallen, seiner Dienste zu entbehren oder seine Forderungen abzuwerfen, auch wenn sie unvernünftig waren. Und wenn die hochnäsige Dame, so nannte er die Gräfin, sich dem Verlangen ihres Gatten fügte, dann mußte Varney, der angebliche Gatte, zu ihr in ein derartiges Verhältnis treten, daß, es sich noch gar nicht absehen ließ, wo seine Kühnheit eine Grenze finden würde, ja vielleicht verschafften ihm die Umstände einen Triumph, den er mit teuflischen Empfindungen ausmalte, der ihm vor allem vollgültige Rache für ihre frühere Verachtung bringen würde. Dann erwog er wieder die Möglichkeit, daß sie auch gar nicht mit sich könne reden lassen und sich hartnäckig weigern könne, die ihr in dem Drama zu Kenilworth zuerteilte Rolle zu spielen.
»Dann muß Alasko das seine tun,« sagte er. »Krankheit muß dann die Entschuldigung gegenüber Ihrer Majestät sein, daß Frau Varney ihr nicht ihre Huldigung zu Füßen legen kann. – Ja, und vielleicht muß es eine schwere und verzehrende Krankheit sein, wenn Elisabeth noch weiterhin ein so huldvolles Auge auf den Grafen von Leicester wirft. Mags biegen oder brechen, ich will mir die Aussicht, der Günstling eines Monarchen zu sein, nicht Verscherzen. Vorwärts, gutes Pferd, vorwärts – Ehrgeiz und hochfahrende Hoffnung, Wollust und Rache treiben ihre Stachel so tief in meine Brust, wie ich Dir die Sporen in die Flanken drücke. Hei, gutes Pferd – der Teufel sitze uns beiden im Nacken!«
Sechstes Kapitel
Die Gräfin war mit ihrer Zofe in Geschwätz und Tändelei begriffen, als sie Hufschlag im Hofe hörte, ans Fenster eilte und ausrief:
»Das ist Leicester! Das ist mein edler Graf! Jeder Hufschlag klingt wie fürstliche Musik! Es ist mein Dudley!«
Ein Weilchen ging es im Hofe hin und her, und Foster kam mit seinem niedergeschlagnen Blick und seinem mürrischen Wesen herein und sagte:
»Meister Richard Varney ist vom Herrn Grafen hergekommen, er ist die ganze Nacht hindurch geritten und verlangt auf der Stelle Eure Ladyschaft zu sprechen.«
»Varney?« erwiderte die enttäuschte Gräfin, »doch er bringt Nachrichten von Leicester, also laßt ihn augenblicklich herein.«
Varney trat in das Boudoir, wo sie in all ihrem natürlichen Liebreiz saß, angetan mit einem prachtvollen und geschmackvollen Morgengewande. Aber das Schönste an ihr waren die vollen, üppigen, lichtbraunen Locken, die in reicher Fülle ihren Hals umfluteten und über einen von gespannter Erwartung wogenden Busen fielen.
Varney trat in das Gemach in demselben Anzug, in dem er am Morgen mit seinem Herrn am Hofe gewesen war, und die reiche Pracht dieses Anzuges nahm sich in der Unordnung nach einem eiligen Ritt in dunkler Nacht und auf schlechten Wegen absonderlich aus. Er sah abgespannt aus, und die Gräfin erschrak sogleich über seinen Anblick und rief:
»Ihr bringt Nachricht von Mylord, Meister Varney? Um Gottes willen ist er krank?«
»Nein, Gnädige, dem Himmel sei Dank!« sagte Varney. »Beruhigt Euch und laßt mich erst zu Atem kommen, ehe ich Euch meine Botschaft ausrichte.«
»Außer Atem, Herr?« versetzte die Lady ungeduldig. »Ich kenne Eure Theaterkniffe. Wenn Euer Atem ausgereicht hat. Euch hierher zu bringen, so wird er Wohl auch noch solange reichen, bis Ihr mir Eure Sache wenigstens in Kürze und in der Hauptsache vorgetragen habt.«
»Gnädige Frau,« versetzte Varney, »wir sind nicht allein, und die Botschaft Mylords war nur für Euer Ohr.«
»Verlaßt uns, Jeanette und Herr Foster,« sagte die Dame, »bleibt aber im Zimmer nebenan, daß wir Euch rufen können.«
Foster und seine Tochter gingen dem Geheiß der Lady Leicester zufolge in das nächste Gemach, das Gesellschaftszimmer, und die Tür zum Schlafzimmer wurde sorgfältig verschlossen und verriegelt. Vater und Tochter verharrten in gespannter Erwartung, aber es war von dem Gespräche nebenan nichts zu hören, die beiden dämpften, wenn sie überhaupt sprachen, ihre Stimmen so sehr, daß kein Wort zu vernehmen war.
Plötzlich aber erklangen ihre Stimmen hastig und durcheinander und überlaut, und gleich darauf rief die Gräfin im Tone höchster Entrüstung:
»Macht die Tür auf, Herr, ich befehle es Euch! – Die Tür auf! – Ich will kein Wort weiter hören!« rief sie und erstickte mit der Heftigkeit ihrer Stimme die leise gemurmelten Laute, die Varney zwischendurch hören ließ. »Hollah! Ihr da, heraus!«, und sie tat ein paar schrille Schreie. »Jeanette, mach Alarm im ganzen Hause! – Foster, brich die Tür auf da, heraus!«, und sie tat ein paar schrille Schreie. »Jeanette, – ich werde hier von einem Verräter festgehalten! – Nimm Axt und Hebebaum, Foster! tu's auf meine Verantwortung!«
»Was soll nicht nötig sein, Gnädige,« sagte Varney endlich deutlich. »Wenn Ihr Mylords wichtige Geheimnisse preisgeben Wollt, so will ich Euch nicht daran hindern.«
Die Tür wurde aufgeriegelt und weit geöffnet, und Jeanette und ihr Vater stürzten herein, begierig, die Ursache des Auftritts zu erfahren.
Während sie hereintraten, stand Varney an der Tür und knirschte mit den Zähnen, und Wut, Scham und Angst malten sich auf seinen Zügen. Die Gräfin stand mitten im Zimmer, aufgelöst in Wut und Raserei. Auf ihrer schönen Stirn traten die Adern in geschwollnen, blauen Linien hervor – Wange und Hals glühten wie Scharlach – ihre Augen glichen denen eines gefangnen Adlers, der rote Blitze gegen die Feinde schleudert, die er mit den Krallen nicht erreichen kann.
Sobald die Tür offen war, lief Jeanette zu ihrer Herrin hin, und langsamer, doch auch mit größerer Hast, als er sonst pflegte, ging Anton Foster auf Richard Varney zu.
»Was ist meiner gnädigen Frau?« rief die erstere.
»Was im Namen des Satans hast Du mit ihr gemacht?« fragte Foster seinen Freund.
»Wer? Ich? Nichts,« antwortete Varney, aber mit gesenktem Haupt und in verbissnem Tone. »Ich habe ihr bloß Seiner Lordschaft Befehle mitgeteilt, und wenn die Dame denen sich nicht fügen will, so muß sie ja besser wissen, als ich, wie sie es verantworten kann.«