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»Beim Himmel, Jeanette!« rief die Gräfin, »der falsche Verräter lügt in seinen Hals hinein! Er muß lügen, es ist gar nicht anders möglich, denn er sagt etwas, was Mylord selber Schande macht – er lügt doppelt, denn er will dabei seine eignen, genau so fluchenswerten wie unerreichbaren Zwecke fördern.«

»Ihr habt mich mißverstanden, Lady,« sagte Varney, »laßt die Sache ruhen, bis Ihr Euch beruhigt habt, dann will ich alles erklären.«

»Du sollst nie eine Gelegenheit haben, das zu tun,« sagte die Gräfin. »Sieh ihn an, Jeanette, er ist schmuck gekleidet, er hat das Aeußre eines Edelmanns, und er ist hierher gekommen, mir vorzureden, es beliebe meinem Gemahl – nein, mehr noch, mein Gemahl befehle, daß ich mit ihm nach Kenilworth gehen und vor der Königin und den Edelherren und vor meinem eignen, mir angetrauten Herrn ihn – ihn, diesen Rockausbürster und Stiefelputzer – ihn da, diesen Lakai Mylords – ihn als meinen rechtmäßigen Herrn und Gemahl anerkennen sollte!«

»Ihr hört sie, Foster, und Ihr, junges Mädchen, hört diese Dame,« antwortete Varney, und benutzte die Pause, die die Gräfin wohl mehr aus Mangel an Atem als aus Mangel an Stoff machte, »Ihr hört, daß sie in ihrer Aufregung nun mir einen Vorwurf aus den Maßregeln macht, die unser guter Lord nur zu dem Zwecke anordnet, um gewisse Dinge geheim zu halten – wie er in eben dem Briefe schreibt, den sie in der Hand hält.«

»Der Himmel verzeihe mir!« rief die Gräfin. »Nie will ich glauben, daß der edle Dudley einem so feigen und schändlichen Plane zugestimmt hat! Und wenn er es wirklich getan hat, so zertrete ich seine Niederträchtigkeit und vernichte die Erinnerung daran für immer!«

Mit diesen Worten riß sie Leicesters Brief in Stücke und stampfte in ihrer überheftigen Erregtheit mit dem Fuß auf die Fetzen, als wollte sie selbst die kleinen Schnitzel noch zu nichts zermalmen.

»Seid Zeugen,« sagte Varney, sich fassend, »sie hat Mylords Brief zerrissen, um mir den Plan zur Last zu legen, der von ihm ausgeht – und obgleich ich nichts weiter davon habe, als Gefahr und Plackerei, will sie es doch mir in die Schuhe schieben, als ob ich einen Sonderzweck dabei verfolgte.«

»Du lügst, Du verräterischer Sklave!« rief die Gräfin trotz Jeanettens Versuchen, sie zur Ruhe zu bringen, »Du lügst – laß mich gehen, Jeanette! – Und wäre es das letzte Wort, das ich zu sprechen hätte, er lügt! – Er hat seinen eignen gemeinen Zweck dabei gesucht, und noch deutlicher hätte er mir seine eignen Ansichten enthüllt, hätte ich mich bezwingen und noch länger die Ruhe bewahren können, die ihn zuerst ermutigt hat, seine erbärmlichen Pläne aufzudecken.«

»Gnädige Frau,« sagte Varney, bei all seiner Frechheit aufs höchste bestürzt, »ich bitte Euch, glaubt mir, Ihr irrt Euch!«

»Ebenso gern will ich glauben, Licht sei Finsternis,« erwiderte die Gräfin, die sich gebärdete, wie ein in einer Schlinge gefangnes Wild, »habe ich denn Vergessenheit getrunken? Sind mir denn nicht frühere Zudringlichkeiten bekannt, die, wenn Leicester sie erführe, Dich an den Galgen brächten? – Ich wollte, ich wäre ein Mann nur fünf Minuten lang! Das wäre Zeit genug, einen Feigling wie Dich dahin zu bringen, daß er seine Schurkerei gestünde! Aber geh – geh Deiner Wege. Sag meinem Herrn, wenn ich den schändlichen Weg einschlagen muß, auf den Deine erbärmlichen Kunstgriffe führen müssen, so will ich ihm einen Nebenbuhler geben, der seines Namens ein wenig würdiger sein soll. Er soll nicht durch einen hündischen Lakaien ersetzt werden, dessen größtes Glück es ist, einen Anzug von seinem Herrn zu bekommen, ehe er abgetragen ist, und der höchstens das Zeug dazu hat, eine Vorstadtdirne zu verführen, indem er auf die alten Pantoffel seines Herrn neue Rosetten setzt! – Geh – geh Deiner Wege, Gesell! Ich verachte Dich so sehr, daß ich mich fast schäme, mich über Dich geärgert zu haben,«

Varney ging hinaus in stummer Wut, und Foster folgte ihm, dessen von Natur schwerfälliges Begriffsvermögen von diesem heftigen, überschäumenden Wutausbruch völlig in die Enge getrieben worden war. Zum ersten Male hörte er Laute der Empörung von den Lippen eines Wesens, das bis auf diesen Augenblick zu sanft und lammfromm geschienen hatte, um auch nur einen zornigen Gedanken zu hegen, geschweige denn ein maßloses Wort auszustoßen. Foster folgte daher Varney von Zimmer zu Zimmer und drang unablässig mit Fragen in ihn, auf die jedoch der andre nicht antwortete, bis sie auf der entgegengesetzten Seite des Vierecks und in der Bibliothek angelangt waren. Hier wandte er sich an seinen hartnäckigen Verfolger, und redete ihn in verhältnismäßig ruhigem Tone an, denn er war daran gewöhnt, seine Wut zu bezwingen, und der kurze Weg hatte ihm Zeit genug gegeben, sich zu beruhigen und seine Geistesgegenwart wiederzuerlangen.

»Toni,« sagte er mit seinem gewöhnlichen Grinsen, »der Teufel steckt in der Kanaille! Sie sah so verlockend drein und verstand es so meisterhaft, ihre Züge zu beherrschen, während ich ihr Mylords Botschaft ausrichtete, daß ich wirklich auf den Einfall gekommen bin, auch ein paar Worte für mich selber miteinzuflechten. Nun denkt sie, sie hat meinen Kopf unter ihrer Fuchtel – da irrt sie sich. – Wo ist Doktor Alasko? Ich bedarf seiner. Führe mich in sein Pandämonium!«

Mit schnellen, überstürzten Schritten folgte er Foster, der ihn durch geheime Gänge, von denen manche schon fast verfallen waren, wieder nach der gegenüberliegenden Seite des Vierecks führte, wo in einem unterirdischen Gemach der Alchimist Alasko hauste. In diesem selben Gewölbe hatte einst zum großen Aergernis seiner Brüderschaft einer der Aebte von Abingdon, der eine Vorliebe für okkulte Wissenschaften hatte, sich ein Laboratorium errichtet, worin er, wie viele andre Narren jener Zeit, viel kostbare Zeit und auch viel Geld in der Suche nach dem »großen Arkanum« verschwendet hatte.

Anton Foster blieb vor der Tür stehen, die ängstlich von innen verschlossen war, und schien sich zu bedenken, ob er den Weisen stören solle. Aber Varney klopfte ohne Zaudern an und rief solange, bis endlich langsam und mit Widerstreben der Insasse die Tür aufmachte. Der Alchimist erschien, seine Augen tränten von der Hitze und den Dünsten des Ofens oder Tiegels, über dem er gearbeitet hatte. Der Alte murmelte mit verächtlicher Ungeduld:

»Soll ich immer von dem Treiben des Himmels herab zu dem der Erde zurückgerufen werden?«

»Zum Treiben der Hölle,« versetzte Varney, »denn das ist Dein eigentliches Element. Foster, wir brauchen Dich bei unsrer Verhandlung.«

Foster trat langsam herein, Varney folgte und verriegelte die Tür, und sie setzten sich, um geheimen Rat zu pflegen.

Inzwischen durchmaß die Gräfin das Zimmer, und Scham und Zorn brannten noch immer auf ihrer Wange.

»Der Schurke,« sagte sie, »der kaltblütige, berechnete Sklave! Aber ich habe ihn entlarvt, Jeanette – ich habe die Schlange sich mit all ihren Ringeln vor mir aufrollen lassen, bis sie in ihrer nackten Mißgestalt vor mir kroch – ich habe meine Empörung bezwungen auf die Gefahr hin, vor Anstrengung zu ersticken, bis er mich tief auf den Grund seines Herzens hatte sehen lassen, das schlimmer ist als der finsterste Winkel der Hölle. – Und Leicester – aber es ist unmöglich, der Schurke hat in allem gelogen. Jeanette, ich will nicht länger hier bleiben – ich fürchte mich vor ihm – ich fürchte mich vor Deinem Vater – es tut mir leid, daß ich das sagen muß – aber ich fürchte mich vor Deinem Vater – und am meisten vor diesem abscheulichen Varney. Ich will von Cumnorplace entfliehen.«

»Ach, gnädige Frau, wohin wolltet Ihr denn fliehen, oder wie wolltet Ihr denn aus diesen Mauern entkommen?«

»Das weiß ich nicht, Jeanette,« sagte die unglückliche junge Frau, sah gen Himmel und rang die Hände. »Ich weiß nicht, wohin ich flüchten soll oder wie ich entrinnen soll, aber ich weiß, der Gott, dem ich gedient habe, wird mich in dieser furchtbaren Not nicht verlassen, denn ich bin in der Hand von Bösewichten.«