»Glaubt das nicht, teure Lady,« sagte Jeanette, »mein Vater ist barsch und schroff und verrichtet streng seinen Dienst, aber doch ...« In diesem Augenblick trat Anton Foster herein, einen gläsernen Becher und einen kleinen Flacon in der Hand. Sein Benehmen war sonderbar: denn wenn er bisher auch der Gräfin mit der ihrem Range gebührenden Achtung gegenüber getreten war, so hatte er doch immer die hartnäckige Griesgrämigkeit seines Wesens merken lassen, die sich, wie es bei Leuten seines unglücklichen Temperaments immer der Fall ist, hauptsächlich an denen ausließ, die durch die Verhältnisse ihm unterstellt waren. Aber in diesem Augenblick ließ er nichts von dem finstern Autoritätsbewußtsein merken, das er unter einem plumpen Gebaren der Höflichkeit und Unterwürfigkeit zu verbergen pflegte, wie ein Strauchdieb Pistole und Dolch unter seinem lumpigen Kaftan versteckt.
Und doch schien es, als lächle er mehr aus Furcht als aus Höflichkeit, und als trüge er schon eine weitre Bosheit im Sinne, als er die Gräfin aufforderte, von dem kostbaren, stärkenden Tranke zu genießen, der ihr nach der letzten Aufregung gut tun und beruhigend auf sie wirken würde. Seine Hand zitterte auch, seine Stimme stockte, und sein ganzes äußres Wesen wirkte in der Tat so verdachterregend, daß seine Tochter Jeanette ihn ein Weilchen erstaunt ansah und sich mit einem Male zu einem kühnen Entschluß aufzuraffen schien. Sie hob den Kopf, nahm eine entschiedne und gebieterische Haltung an, trat langsam zwischen ihren Vater und ihre Herrin, nahm ihm das Glas aus der Hand und sagte in leisem, aber entschlossnem Tone:
»Vater, ich will meiner edeln Herrin einschenken, wenn sie es wünscht.«
»Nu, mein Kind?« rief Foster furchtsam, »nein, mein Kind! Nicht Du sollst der Lady diesen Dienst erweisen.«
»Und warum denn nicht,« erwiderte Jeanette, »wenn es überhaupt angebracht wäre, daß meine edle Herrin von dem Tranke genießt?«
»Warum? Warum?« sagte der Seneschall zaudernd, und dann brach er in Wut aus, das Feste Mittel, wenn sich keine Gründe finden lassen. »Weil es mir so paßt, und nun mach, daß Du in die Abendandacht kommst!«
»Nun, so wahr ich noch einmal eine Andacht zu hören hoffe,« erwiderte Jeanette, »ich will heute abend nicht hingehen, ehe ich nicht beruhigt bin, daß meiner Herrin kein Leid geschieht. Gib mir das Fläschchen, Vater,« und sie nahm es ihm aus der widerstrebenden Hand, während er es wie unter Gewissensbissen losließ. »Und nun, Väter,« sagte sie, »was meiner Herrin gut tun soll, das kann mir nichts schaden. Vater, ich trinke Dir zu.«
Ohne ein Wort zu sprechen, stürzte Foster auf seine Tochter zu und riß ihr das Fläschchen aus der Hand.
»Das ist sonderbar, mein Vater,«, sagte Jeanette und hielt den Blick fest auf ihn geheftet, »soll ich weder meiner Herrin einschenken noch selber trinken?«
Die Gräfin verdankte es nur ihrem mutigen Herzen, daß sie diese Szene so ruhig mit angesehen hatte, deren Bedeutung ihr um so klarer war, als der geheime Zweck mit keinem Worte erwähnt wurde. Ihre Wange war wohl beim ersten Schreck blaß geworden, aber ihr Auge sah ruhig und fest verächtlich drein.
»Wollt Ihr von diesem kostbaren Trunke kosten, Meister Foster? Vielleicht weigert Ihr Euch nicht, uns Bescheid zu tun, wenn Ihr es auch Jeanetten nicht erlaubt. Trinkt, Herr, ich bitte Euch.«
»Ich will nicht,« antwortete Foster.
»Und für wen ist denn das köstliche Getränk bestimmt?« fragte die Gräfin.
»Für den Teufel, der es gebraut hat!« antwortete Foster und stürzte hinaus.
Jeanette sah ihre Herrin mit einem Antlitz voll Scham, Entsetzen und Schmerz an.
»Weine nicht um mich, Jeanette,« sagte die Gräfin sanft.
»Nein, gnädige Frau,« versetzte ihre Zofe unter Schluchzen, »nicht um Euch weine ich, sondern um mich selber – und um diesen unglücklichen Mann. Wer vor den Menschen entehrt ist – und von Gott verflucht ist, der hat Grund zu klagen – nicht der, der unschuldig ist. Lebt wohl, Herrin!« setzte sie rasch hinzu und nahm hastig den Mantel, in dem sie auszugehen pflegte.
»Verläßt Du mich, Jeanette?« rief ihre Herrin. »Willst Du von mir gehen in so großer Not?«
»Euch verlassen, liebe Frau?« rief Jeanette, lief zu ihr zurück und deckte ihre Hand mit Küssen, »Euch verlassen? Eher mag mich die Hoffnung auf Gott verlassen! – Nein, Gnädige, mit Recht habt Ihr gefügt, der Gott, dem Ihr dient, werde Euch einen Weg zur Befreiung erschließen. Es gibt einen Weg zur Flucht. Ich habe Tag und Nacht gebetet um Licht, daß ich erkennen möchte, wie ich meiner Pflicht gegen jenen unglücklichen Mann und gegen Euch zugleich genügen könne. Schrecklich und grell ist dieses Licht jetzt aufgedämmert, und die Tür, die Gott aufmacht, darf ich nicht schließen. Fragt mich, nichts weiter. Ich bin binnen kurzem wieder zurück.«
Mit diesen Worten hüllte sie sich in den Mantel und ging hinaus.
Inzwischen war ihr Vater wieder ins Laboratorium getreten, wo er die Helfershelfer seines geplanten Verbrechens antraf.
»Hat der süße Vogel genippt?« fragte Varney mit einem Lächeln, während der Astrolog dieselbe Frage mit den Augen tat, doch ohne ein Wort zu sagen.
»Nein, und sie soll es auch nicht von meiner Hand,« versetzte Foster, »ich soll vor den Augen meiner Tochter zum Mörder werden?«
»Ist Dir nicht gesagt worden, Du verbissner und doch schwachherziger Sklave,« antwortete Varney bitter, »daß von Mord, wie Du es nennst, dabei keine Rede ist? Ist Dir nicht gesagt worden, daß eine kurze Krankheit – ein Unwohlsein, wie es die Weiber oft aus bloßer Launenhaftigkeit erheucheln, das Ganze ist, was hierbei erzielt werden soll? Hier dieser gelehrte Mann wird es Dir beschwören beim Schlüssel zum Schlosse der Weisheit.«
»Ich beschwöre es,« sagte Alasko, »das Elixir, das Du dort in der Flasche hast, schadet dem Leben nichts. Ich schwöre es bei der unsterblichen, unzerstörbaren Quintessenz von Gold, die jede Substanz in der Natur durchzieht, wenn auch ihr geheimes Vorhandensein allein von dem nachgewiesen werden kann, dem Trismegistus den Schlüssel der Kabbala verleiht.
»Das, ist ein nachdrücklicher Schwur,« sagte Varney. »Du warst schlimmer als ein Heide, daß Du nicht daran geglaubt hast. Gib her, ich werde gleich wieder hier sein.«
Mit diesen Worten nahm Varney Foster das Fläschchen aus der Hand und ging hinaus.
Er ließ die beiden allein. Als er nach einiger Zeit wiederkehrte, war seine erste Frage:
»Weißt Du auch ganz bestimmt, Alasko, daß Du nicht mehr und nicht minder hineingemischt hast als das genaue, richtige Maß?«
»Ja,« sagte der Alchimist, »so genau, wie Menschenhände überhaupt bei diesen heikeln Messungen verfahren können.«
»Nun, dann fürchte ich nichts,« sagte Varney, »ich weiß, Du bist bezahlt worden, eine Krankheit zu erzeugen, und Du würdest es für verwerfliche Verschwendung halten, zu demselben Preise einen Mord zu begehen. Komm, wir wollen ein jeder auf unser Zimmer. – Wir werden morgen sehen, wie die Sache wirkt?«
»Wie hast Du sie dazu gebracht, daß sie getrunken hat?« fragte Foster schaudernd.
»Nichts hab ich getan,« antwortete Varney, »ich habe sie nur angesehen mit jenem Blick, der Tollhäusler, Weiber und Kinder in Bann hält. Im Sankt Lukas-Hospital haben sie mir gesagt, ich hätte den richtigen Blick, einen widerspenstigen Patienten zu bewältigen. Die Krankenwärter machten mir ihr Kompliment deswegen. Wenn die Hofgunst mich verläßt, so weiß ich wenigstens, womit ich mir mein Brot verdienen kann.«
»Und fürchtest Du nicht, die Dosis könnte nicht genau abgemessen sein?« fragte Foster.
»In dem Falle wird sie nur um so tiefer schlafen,« versetzte Varney. »Die Furcht davor soll mir nicht die Ruhe rauben. Gute Nacht, Ihr Herren.«
Siebentes Kapitel
Der Sommerabend war zur Neige gegangen, und Jeanette kehrte rechtzeitig zurück, ehe sie durch zu langes Ausbleiben Verdacht in dem argwöhnischen Hause erregt hätte, und eilte in das Gemach, wo sie ihre Herrin verlassen hatte. Sie fand sie an einem Tische, beide Arme hatte sie darauf gelegt, und das Haupt lag auf ihren Armen. Als Jeanette hereinkam, sah sie weder auf, noch rührte sie sich.