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»Ich bitte zu Gott, daß Ihr eine willkommne sein möget!« sagte Jeanette schnell.

»Ich habe weiter keinen Wunsch,« sagte die Gräfin, »als mich in den Schutz meines Gemahls zu begeben. Die Niederträchtigkeit der Männer, mit denen er mich umgeben hat, hat mich aus dem Hause, das er mir angewiesen hat, vertrieben – aber in nichts sonst will ich seinen Befehlen zuwider handeln. Ich will mich an ihn allein wenden, ich will mich von ihm beschützen lassen, und ich will aus seinem Munde Weisungen entgegennehmen, wie ich mich in Zukunft zu verhalten habe. Und ich bin entschlossen, mein Schicksal mit einem Schlage zu erfahren, und zwar von meinem Manne selber; und ihn in Kenilworth aufzusuchen, ist das beste Mittel zu meinem Zweck.«

Nach einer Weile fragte sie: »Bist Du auch vorsichtig gewesen, Jeanette, und hast diesem Führer, dem ich mich anvertrauen muß, nicht das Geheimnis meiner Lage verraten?«

»Von mir hat er nichts weiter erfahren,« sagte Jeanette, »und ich glaube, er selber weiß auch nichts weiter, als was die Welt im allgemeinen von Eurer Lage vermutet.«

»Und was ist das?«

»Ihr hättet Euers Vaters Haus verlassen – aber ich kränke Euch, wenn ich weiter spreche ...«

»Nein, sprich weiter,« sagte die Gräfin, »ich muß das Uebel ertragen lernen, das ich selber verschuldet habe. Denken also die Leute, ich sei die Maitresse Leicesters?«

»Varneys, denken die meisten wohl gar,« erwiderte Jeanette, »und doch nennen einige ihn nur den Strohmann Seiner Lordschaft, aber sie wagen es nicht, diese Meinung allzu laut zu äußern, damit sie nicht wegen Beleidigung des Adels bestraft werden.«

»Sie tun gut daran, leise zu sprechen,« sagte die Gräfin. »Denn wehe dem, der den edlen Dudley den Spießgesellen eines solchen elenden Schuftes wie Varney nennt! – Wir sind am Hintertor. – Ach, Jeanette, ich muß Dir Ade sagen. Weine nicht, mein gutes Mädchen, wir sehen uns wieder!«

»Gott geb es, teure Lady!« sagte Jeanette.

Nach harter Mühe hatte endlich der Schlüssel das Schloß der Hintertür bezwungen, und nicht ohne Schaudern sah die Gräfin sich jenseits der Mauern, die das strenge Geheiß ihres Gemahls ihr als die Grenze ihrer Spaziergänge bezeichnet hatte.

Voller Angst auf ihr Erscheinen wartend, stand Wieland der Schmied, ein paar Schritte entfernt hinter einer Hecke am Wegesrande.

»Ist alles sicher?« fragte Jeanette ihn ängstlich, während sie behutsam näher traten.

»Alles,« erwiderte er, »ich habe nur kein Pferd für die Lady besorgen können, aber das macht nichts, sie muß auf meiner Mähre reiten und ich werde neben ihr her laufen, bis wir ein andres Pferd bekommen.«

Die Gräfin wurde von Wieland aufs Pferd gehoben.

»Ade! Und möge Gott mit Euch sein!« sagte Jeanette, wieder ihrer Herrin die Hand küssend, die ihren Segenswunsch mit stummer Liebkosung erwiderte. Dann rissen sie sich auseinander, und Jeanette rief Wieland noch zu:

»Möge der Himmel mit Dir verfahren, wie Du treu oder falsch sein wirst gegen diese hilflose, unglückliche Dame!«

»Amen, teuerste Jeanette!« erwiderte Wieland.

Achtes Kapitel

Die Reisenden waren ohne Unterbrechung bis nach Donnington gekommen. Hier mußte die Gräfin sich ein wenig ausruhen, während Wieland mit seiner gewohnten Geschicklichkeit und Umsicht die Anstalten traf, die unerläßlich waren, wenn sie ihre Reisen auch fernerhin ohne Gefahren fortsetzen wollten. Er besorgte für sich und die Gräfin Kleider, die ihnen das Aussehen wohlhabender Landleute gaben, und bestimmte seine Gefährtin, daß sie sich, um möglichst alles Aufsehen zu vermeiden, für seine Schwester ausgeben sollte. Auch ein gutes Pferd, das mit dem seinen Schritt halten konnte, hatte er bald besorgt.

Als die Gräfin sich nach einigen Stunden ruhigen Schlafes wieder bei Kräften fühlte, setzten sie die Reise am Nachmittag fort und schlugen den Weg über Coventry und Warwick nach Kenilworth ein. Es war ihnen aber nicht lange beschieden, zu reisen, ohne einer Gefahr zu begegnen.

Der Wirt des Gasthofes in Donnington hatte ihnen mitgeteilt, daß eine lustige Gesellschaft soeben von Donnington aufgebrochen sei, die in Kenilworth Maskenspiele aufzuführen beabsichtige. Wieland kam sofort auf den Gedanken, sich dieser Truppe anzuschließen, sobald sie sie auf der Heerstraße einholen würden, denn er würde auf diese Weise, sagte er sich, weniger Aufsehen erregen, als wenn er mit der Dame allein reiste. Die Gräfin, der nur daran lag, Kenilworth so schnell als möglich zu erreichen, war ganz damit einverstanden.

Sie trieben also ihre Pferde an, um die Schauspielertruppe zu erreichen und in ihrer Gesellschaft weiter zu reisen – und kaum wurden sie die Schar gewahr, die aus Reitern und ein paar Fußgängern bestand und eben auf der Spitze eines kleinen Hügels, eine halbe Meile von ihnen, hinzog – da erblickte Wieland, der unablässig in der Runde spähte, einen Reiter, der, von einem Diener begleitet, auf schnellem Pferde herankam.

Wieland sah genauer hin und erblaßte.

»Das ist Richard Varneys Renner – unter tausend Pferden möchte ich ihn erkennen – jetzt wird die Sache ernst.«

»Zieht Euer Schwert,« antwortete die Lady, »und durchstoßt mir die Brust, ehe Ihr mich ihm in die Hände fallen laßt.«

»Eher wollte ich ihn oder mich selber durchbohren. Aber Fechten ist nicht eben meine Stärke, und ich habe auch bloß ein verrostetes Rapier, und er hat doch sicher eine Klinge von Toledo. Außerdem ist noch ein Diener bei ihm – ich glaube, der Raufbold und Trunkenbold Lambourne – ich fürchte mich vor beiden nicht in meiner guten Sache – Euer Pferd könnte noch ein bißchen schneller laufen, wenn Ihr ihm die Sporen geben wolltet – doch nein, gebt ihm nicht die Sporen, es sieht sonst so aus, als ob wir uns vor ihnen fürchten wollten. Wenn wir nun die Truppe vor ihnen erreichen könnten, dann würden wir uns unter sie mischen und unbeachtet entkommen – es müßte denn sein, daß Varney ausgeritten ist, um uns zu verfolgen – und dann sei Gott mir gnädig!«

Das Glück war ihnen günstig, und sie langten auf dem Gipfel des Hügels an und sahen, daß in einem kleinen Tale am andern Abhange des Hügels die Gesellschaft Halt gemacht hatte. Wieland schöpfte nun Hoffnung, daß sie sie erreichen würden, ehe Varney sie noch eingeholt hätte. Wieland war um so mehr in Sorge, als seine Gefährtin totenbleich geworden war und vor Entkräftung vom Pferde zu fallen drohte. Sie trieb aber trotzdem ihr Pferd so sehr zur Eile an, daß sie die Truppe im Tale erreichten, als Varney und Lambourne eben oben auf dem Hügel erschienen.

In der kleinen Gesellschaft, die sich um einige in dem Tale gelegne Hütten gruppierte, schien große Verwirrung zu herrschen. Die Frauen liefen zu einer der Hütten aus und ein, und die Männer standen mit ratlosen Gesichtern herum.

Wieland und seine Begleiterin hielten wie aus Neugierde an und mischten sich dann, ohne gefragt zu werden und selber zu fragen, unter die Gesellschaft, als hätten sie schon immer zu ihr gehört.

Fünf Minuten mochten sie abseits von der Landstraße gestanden haben, als Lord Leicesters Stallmeister und Lambourne den Hügel herabgesprengt kamen, die Flanken der Pferde und die Sporen der Reiter trugen die blutigen Male fliegender Eile. An dem theatralischen Aufputz der Schar, die einen leichten, mit ihren szenischen Requisiten beladnen Karren mit sich führte, erkannten die Reiter sogleich, wen sie vor sich hatten und in welcher Absicht die Leute unterwegs waren.

»Ihr geht nach Kenilworth, um dort Spiele aufzuführen?« fragte Varney.

»Recte quidem, domine spectatissime« [Recht so, würdigster Herr], antwortete einer.

»Und was zum Teufel bummelt Ihr hier?« entgegnete Varney. »Nur bei größter Eile könnt Ihr noch rechtzeitig nach Kenilworth kommen – morgen speist die Königin in Warwick zu Mittag – und Ihr Schelme macht hier Rast?«

»Ei, mein Herr,« sagte ein kleiner Zwerg, der eine Larve mit zwei scharlachroten Hörnern vorm Gesicht trug und ein prallanliegendes, schwarzfarbnes Wams mit roten Strümpfen anhatte, während seine Schuhe die Form von gespaltnen Klauen zeigten, »der Teufel, mein Vater, zwingt uns hier Halt zu machen, denn er hat unsre Gesellschaft um einen Sprößling vermehrt.«