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»Du hast den Teufel im Leibe,« sagte Varney mit seinem sarkastischen Grinsen. »Und wie heißt denn die Teufelin, die sich die Zeit so schlecht ausgesucht hat?«

»Gaudet nomine Sybillae« [Sie erfreut sich des Namens Sibylle], sagte der, der zuerst gesprochen hatte, »sie heißt Sybille Laneham und ist die Frau des Herrn Laneham –«

»Des Pförtners vom Sitzungszimmer des Staatsrates,« erwiderte Varney, »das ist unverzeihlich von ihr, zumal sie doch schon darin genug Erfahrung hat, daß sie sich besser hätte vorsehen können. – Aber wer waren denn die Leute, ein Mann und eine Frau, die eben so eilig den Hügel hinaufritten? Gehören sie auch zu Eurer Gesellschaft?«

Wieland wollte selber schon auf diese beängstigende Frage antworten, als der kleine Teufel ihm zuvorkam.

»Mit Verlaub,« sagte er, indem er dicht an Varney herantrat und so leise redete, daß es niemand anders hören konnte, »der Mann ist unser Teufel senior, und er weiß Künste genug, daß er so ein Dämchen wie die Frau Laneham hundertmal ersetzen kann. Und die Weibsperson, das ist die kluge Frau, deren unsre leidende Gefährtin so dringend bedarf.«

»So, so, Ihr habt die Hebamme holen lassen? Na, man sah es ihr an, daß sie es eilig hatte. Und somit, wies im Stück heißt: Gott sei bei Euerm Werke!«

Mit diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen und galoppierte davon. Lambourne hinterdrein.

Der schlaue Zwerg machte jetzt einen Luftsprung und näherte sich dem Pferde Wielands.

»Ich habe nun gesagt, wer Ihr seid – nun sagt mir auch, wer ich bin.«

»Entweder Dickie Flibbertitibitsch, mein Popanz, oder im Ernst ein kleiner Teufel.«

»Du hasts getroffen,« erwiderte Richard Schlamm, »ich bin wahrhaftig Dein Popanz, Dein Flibbertitibitsch, und ich bin mit meinem gelahrten Lehrmeister aufgebrochen, wie ich Dir vorher gesagt habe, ob er wollte oder nicht. – Aber was hast Du da für eine Dame bei Dir? Ich sah, Du warst in der Klemme, als vorhin der Fremde nach Dir fragte – deshalb sprang ich ein und kam Dir zur Hilfe. Aber nun muß ich auch wissen, wer sie ist, lieber Wieland.«

»Du sollst fünfzigerlei viel schönre Sachen wissen, mein liebes Kleinchen,« sagte Wieland, »vorderhand aber laß Dein Gefrage. Ihr wollt nach Kenilworth und dahin will ich auch, aus Liebe zu Deinen Geschichtchen und Deiner spaßhaften Gesellschaft.«

»Als was willst Du denn mit uns reisen?«

»Als Gaukler, Du weißt, das Handwerk versteh ich,« erwiderte Wieland.

»Ja, aber die Dame?« antwortete Flibbertitibitsch, »ich denke doch, sie ist eine Dame – und Du bist in tausend Aengsten um sie in diesem Augenblick, das sehe ich Dir an Deinem fisprigen Benehmen an.«

»Sie, mein Junge? Sie ist eine arme Schwester von mir,« sagte Wieland, »sie kann singen und die Laute spielen.«

»Dann soll sie mir gleich was vorspielen,« sagte der Junge, »ich liebe das Lautenspiel.«

»Meine Schwester ist von der Reise erschöpft und bedarf der Ruhe,« versetzte Wieland, und zwischen die Zähne brummte er: »Hol der Teufel den Kobold mit seiner Neugierde! Ich muß mir ihn bei guter Laune halten, sonst fahren wir nur um so schlechter.«

Dann berichtete er dem Magister Feiertag von seinen Talenten als Gaukler und von der musikalischen Begabung seiner Schwester. Eine Probe seiner Geschicklichkeit wurde verlangt, die er so ausgezeichnet ablegte, daß die Gesellschaft entzückt war, solchen Zuwachs zu erhalten, und gern die Entschuldigung gelten ließ, die er vorgab, als auch eine Probedarbietung von seiner Schwester verlangt wurde. Die neuen Ankömmlinge wurden eingeladen, an der Mahlzeit teilzunehmen, die jetzt zubereitet wurde, und es bereitete Wieland nicht geringe Schwierigkeiten, sich mit seiner angeblichen Schwester während des Mahles ein wenig abseits zu halten. Er benutzte die Gelegenheit, sie zu ersuchen, daß sie auf kurze Zeit ihren Rang und ihren Schmerz vergessen und sich in die Gesellschaft der Leute mischen möge, mit denen sie reisen müßten, – denn nur so könnten sie hoffen, unentdeckt zu bleiben.

Die Gräfin sah die Notwendigkeit ein, aber im weitern Verlauf ihrer Reise kam Wieland selber auf den Gedanken, sich insgeheim von der Gesellschaft zu trennen, weil ihm Dickie Schlamm in seiner zudringlichen Neugierde zu viel zu schaffen machte.

»Deine Schwester, Wieland,« sagte er, »hat für eine Schmiedstochter einen hübschen Hals, und wenn man bedenkt, daß sie die Spindel gedreht hat, hat sie noch recht zierliche Finger, – ei, meiner Treu, ich will dran glauben, daß Ihr miteinander verwandt seid, wenn aus dem Krähenei mal ein Schwan auskriecht.«

»Geh zu,« sagte Wieland, »Du bist ein fürwitziger Bengel und verdienst die Knute für Deine Frechheit.«

»Schön,« sagte die Range und ging, »ich sage Dir weiter nichts, – denke dran, daß Du ein Geheimnis vor mir verbirgst, und wenn ich Dir das nicht gründlich versalze, so will ich nicht Richard Schlamm heißen.«

Diese Drohung und der Umstand, daß Popanz während der weitern Reise sich fern von ihm hielt, beunruhigten Wieland sehr, und er veranlaßte seine angebliche Schwester, daß sie unter dem Vorwande der Erschöpfung den Wunsch aussprechen solle, ein paar Meilen vor der Stadt Warwick Rast zu machen mit dem Versprechen, am andern Morgen die Truppe wieder einzuholen. Eine kleine Dorfherberge gab ihnen Obdach, und mit geheimer Freude sah Wieland die ganze Gesellschaft, Dickie Schlamm eingeschlossen, nach einem höflichen Abschiedsgruß weiterwandern.

»Morgen, gnädige Frau,« sagte er zu seiner Schutzbefohlenen, »wollen wir in aller Frühe aufbrechen, damit wir vor der großen Menge in Kenilworth eintreffen.«

Die unglückliche Gräfin von Leicester war von ihrer Kindheit an von ihrer Umgebung mit ebenso grenzenloser wie unvernünftiger Nachsicht behandelt worden. Durch die natürliche Milde ihres Charakters blieb sie davor bewahrt, in anmaßendes und übellaunisches Wesen zu verfallen. Aber die Grille, aus der heraus sie den hübschen, schmeichlerischen Leicester dem ehrlichen Tressilian vorzog, von dessen hoher Ehrenhaftigkeit und Zuneigung sie selber so felsenfest überzeugt war – dieser verhängnisvolle Irrtum, der das Glück ihres Lebens zerrüttet hatte, hatte seinen Ursprung in der schlecht angebrachten Güte, mit der ihr in ihrer Kindheit die schmerzliche, doch höchst notwendige Lehre der Unterordnung und Selbstzucht erspart worden war. Dieselbe Duldsamkeit hatte zur Folge, daß sie nur gewöhnt gewesen war, Wünsche zu hegen und auszusprechen, während es andern überlassen blieb, sie zu erfüllen; und so fehlte es ihr am gefährlichsten Punkte ihres Lebens nicht nur an Geistesgegenwart, sondern sie war auch völlig unfähig, für sich selbst einen vernünftigen und klugen Plan ihres Verhaltens zu entwerfen.

Mit zermalmender Wucht bedrückten diese Schwierigkeiten die unglückliche Dame an dem Morgen, der der Wendepunkt ihres Schicksals zu sein schien. Von jeder weitern Ueberlegung absehend, hatte sie nur gewünscht, in Kenilworth zu sein und mit ihrem Manne zusammenzukommen; und jetzt, da sie in beider Nähe war, drängten sich ihr tausend Bedenken zugleich auf, und sie sah sich von neuen großen Gefahren, teils wirklich, teils eingebildet, alle aber überspannt und gesteigert durch die völlig hilf- und ratlose Lage, umgeben.

Es traf sich gut, daß Wieland, der von seinen frühern Wanderschaften und seinem unsteten Leben her fast ganz England kannte, genau mit den Nebenwegen wie den Hauptstraßen in der schönen Grafschaft Warwick vertraut war. Denn so groß war die Menge, die von allen Richtungen her nach Kenilworth drängte, um den Einzug Elisabeths in das Schloß ihres Lieblings zu sehen, daß auf den Hauptstraßen ein Fortkommen nicht möglich war und sie die auf Umwegen zum Ziele führenden Nebenwege benutzen mußten, wenn sie ohne Aufenthalt vorwärts kommen wollten.