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Die Zahlmeister der Königin hatten im ganzen Lande in Meiereien und Dörfern all die Dinge aufgekauft, die bei einer Reise der Königin in der Regel gebraucht wurden. Die Hausverwalter des Grafen Leicester hatten zu demselben Zwecke das Land durchstöbert, und viele seiner Freunde und Bundesgenossen von nah und fern benutzten die Gelegenheit, sich bei ihm in Gunst zu setzen, und schickten ihm große Massen an Proviant und Delikatessen aller Art, dazu Wild in großen Stücken und ganze Tonnen von den besten fremden und heimischen Weinen und Schnäpsen. So waren die Heerstraßen versperrt von großen Zügen von Ochsen, Schafen, Kälbern und Schweinen und von schwerbeladnen Karren, deren Achsen unter der Last von Weintonnen und Bierfässern und Kolonialwaren und geschossenem Wild und gesalznem Fleisch und Säcken voll Mehl, ächzten. Ununterbrochen fanden in dieser Folge von Wagenzügen Stockungen statt, wobei es zwischen den fluchenden Fuhrknechten oft gar zu Schlägereien kam.

Hier waren ferner Schauspieler und Masken, Gaukler und Spezialitäten aller Art. In lustigen Banden zogen sie die Pfade, die nach dem »Palast zur fürstlichen Lust« führten. So hatten die fahrenden Sänger Kenilworth in den Liedern genannt, die schon als ein Vorgeschmack der dort erwarteten Festlichkeiten herausgebracht worden waren. Inmitten dieser buntscheckigen Prozession stellten Bettler ihre wirklichen oder vorgegebnen Gebrechen zur Schau – ein seltsamer, doch alltäglicher Kontrast zwischen den Eitelkeiten und dem Elend des Menschenlebens. Alle diese trieben dahin mit der Hochflut von Volk, das aus purer Neugierde zusammengeströmt war.

Das Gedränge und der Wirrwarr war jedoch von frohlauniger und heitrer Art. Alle kamen herbei, um etwas zu sehen und sich zu vergnügen, und alle lachten über die kleinen Unannehmlichkeiten, die zu einer andern Zeit leicht böses Blut hätten machen können. Abgesehen von dem gelegentlichen Schimpfen jener leicht erregbaren Klasse, der Fuhrleute, waren die gemischten Töne, die aus dieser Menschenmasse emporstiegen, nur Laute der leichtsinnigen Fröhlichkeit und jener Ausgelassenheit, die sich im siebenten Himmel fühlt.

Nichts bereitet einem in Trübsal versunknen Gemüt mehr Schmerz, als wenn es sich in eine Szene der Lustigkeit und Schwelgerei versetzt sieht, wo alles eine so mißtönende Begleitung zu den eignen Gefühlen abgibt. Die Gräfin von Leicester aber fühlte sich durch den Lärm und das wirre Treiben der bunten Szene abgelenkt von ihren eignen trüben Gedanken, und es war ihr bei dem Leben um sie her unmöglich, über ihr eignes Unglück nachzusinnen oder furchtbare Ahnungen ihres künftigen Schicksals wachzurufen. Sie reiste, wie im Traume befangen, und folgte blindlings der Führung Wielands, der mit großer Geschicklichkeit jetzt sich durch das Gedränge vorschob, jetzt Halt machte, bis sich eine neue günstige Gelegenheit bot, wieder ein Stück weiter vorzudringen, und oft auch von dem Hauptwege abbog und einen kleinen Umweg auf einem Nebenwege machte, der sie wieder auf die Hauptstraße brachte, nachdem sie ein beträchtliches Stück bequemer und schneller zurückgelegt hatten.

Auf diese Weise umging er Warwick, in dessen Schlosse Elisabeth die verflossne Nacht verbracht hatte und wo sie bis zum Mittag – der damals in ganz England üblichen Essenszeit – bleiben wollte, um dann nach der Mahlzeit nach Kenilworth weiterzureiscn.

Endlich kam das fürstliche Schloß in Sicht, an dessen Einrichtung und äußrer Umgebung der Graf von Leicester umfassende Verbesserungen hatte vornehmen lassen, die ihm die Summe von 60 000 Pfund Sterling – nach unsrem jetzigen Gelde nahezu eine halbe Million Mark – gekostet haben sollen.

Die Außenmauer dieses herrlichen und gigantischen Baues umschloß sieben Morgen Land, einen Teil davon nahmen ausgedehnte Stallungen und ein Lustgarten ein, den Rest bildete der große Außenhof des edeln Schlosses. Das herrliche Gebäude selber, das nahe dem Mittelpunkt dieser umfangreichen Umhegung sich erhob, setzte sich aus einem gewaltigen Komplex von kastellartigen Bauten zusammen, die anscheinend zu verschiednen Zeitaltern entstanden waren. Jeder Teil der prachtvollen Gebäudemasse trug seinen Namen und sein Wappen nach einem mächtigen Häuptling, der schon längst dahingegangen war. Alle diese Einzelbauten waren um einen Innenhof herum errichtet. Eine große, wuchtige Feste, die die Zitadelle des Schlosses bildete, war von unbestimmtem, doch sicher sehr hohem Alter und trug den Namen Cäsar – vielleicht weil sie dem Turme dieses Namens im Tower von London ähnelte.

Allen frühern Besitzern hatte Leicester es zuvorgetan, so fürstlich und mächtig sie auch gewesen waren. Er hatte ein neues riesiges Gebäude aufführen lassen, das jetzt unter seinen eignen Trümmern begraben liegt – ein Denkmal des Ehrgeizes seines Besitzers. Die äußre Mauer dieses königlichen Schlosses war an der Süd- und Westseite geziert und verteidigt zugleich durch einen teilweise künstlich angelegten See, über den Leicester eine prachtvolle Brücke hatte schlagen lassen, damit die Königin auf einem bisher noch unbetretnen Wege ins Schloß einzöge, anstatt auf dem gewöhnlichen Wege von der Nordseite her, über dem er ein Torhaus hatte errichten lassen, das noch vorhanden ist und sich an Größe und baulicher Schönheit mit dem Schlosse manches Barons aus dem Norden messen kann.

Jenseits des Sees lag ein ausgedehntes Gehege voll Rot- und Damwild und aller andern Jagdbeute, überreich an hohen Bäumen, und von diesem Walde aus sah man die weithin sich streckende Front und die massigen Türme des Schlosses in Majestät und Schönheit emporragen. Um diesen fürstlichen Palast herum, wo Prinzen schlemmten und Helden fochten, bald im blutigen Ernst von Schlacht und Belagerung und bald in ritterlichen Spielen, wo Schönheit den Preis verteilte, den die Tapferkeit erworben hatte, ist jetzt alles Einöde. Das Bett des Sees ist nur ein von Binsen überwucherter Morast, und die wuchtigen Ruinen des Schlosses zeigen nur, was einst für Pracht hier gewesen, und der sinnende Besucher kann den Gedanken über den hinfälligen Wert menschlichen Besitzes und das Glück derer nachhängen, die ein bescheidnes Los in Zufriedenheit genießen.

Mit ganz andern Gefühlen sah die unglückliche Gräfin von Leicester die grauen, massigen Mauern zum erstenmal über die schattigen Wälder hinweg ragen. Sie, die unbestrittne Gemahlin des großen Grafen, des Lieblings der Elisabeth von Englands mächtigen Günstlings, näherte sich ihrem Manne und der Königin, dieses Mannes unter dem Schutze mehr als der Führung eines armen Gauklers, und obwohl sie die unbestrittne Herrin dieses stolzen Schlosses war, deren flüchtigstes Wort hätte genügen müssen, die Tore in ihren schweren, wuchtigen Angeln sich drehen zu machen zu ihrem Einlaß, so konnte sie sichs doch nicht verhehlen, mit welchen Schwierigkeiten und Gefahren es für sie verknüpft war, in ihre eignen Hallen hineinzukommen.

Gefahr und Schwierigkeiten schienen in der Tat mit jedem Augenblick zu wachsen und drohten endlich ihnen völligen Stillstand zu bereiten an dem großen Tore, das zu einem breiten, schönen Wege führte. Dieser Weg lief etwa zwei englische Meilen weit durch das Gehege, gewährte mehrere schöne Ansichten von dem Schloß und dem See und endete an der neu errichteten Brücke, über die die Königin bei diesem denkwürdigen Besuche das Schloß betreten sollte.

Das Tor, das zu dieser Allee führte, fanden die Gräfin und Wieland von einer Abteilung berittner Garde-Yeomen der Königin bewacht, die kurzweg allen den Zutritt verwehrten außer den zu dem Feste geladnen Gästen oder solchen Personen, die in den geplanten lustigen Veranstaltungen eine Rolle spielen sollten.

Das Gedränge an diesem Eingang war infolgedessen sehr groß, und Personen aller Art gaben alle möglichen Vorwände an, um hereingelassen zu werden. Die Wache hatte für all das ein taubes Ohr und wies alle schönen Worte und sogar annehmbare Trinkgelder mit dem Hinweis auf ihre strengen Befehle ab. Mit denen, die sich mit diesen Gründen nicht zufrieden gaben, gingen sie gröber um und trieben sie ohne Umstände zurück, indem sie mit ihren mächtigen Gäulen auf sie eindrängten oder ihnen derbe Hiebe mit den Kolben ihrer Karabiner versetzten.