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Wieland wußte nicht, auf welche Weise er Einlaß erlangen sollte, und überlegte eben noch in großer Ratlosigkeit, wie er es anstellen sollte, als der Führer der Abteilung ein Auge auf ihn warf und zu seinem nicht geringen Erstaunen ausrief:

»Leute, macht Platz für den Burschen da im orangegelben Rock. Komm vor, Musjö Hanswurst, und mach schnell. Was im Namen des Teufels hat Dich aufgehalten? Komm vor mit Deinem Weiblein da!«

Während der Führer diese dringende, wenn auch unhöfliche Aufforderung an Wieland richtete, die dieser kaum als ihm geltend auffassen mochte, machten die Yeomen schleunigst freie Bahn für ihn, und Wieland raunte nur noch schnell seiner Gefährtin zu, den Schleier dicht an das Gesicht zu ziehen, und ritt dann durch das Tor, ihr Pferd am Zügel führend. Aber er ritt mit so niedergeschlagnen Blicken herein und in seinem Gesicht kam Angst und Beklommenheit so deutlich zum Ausdruck, daß das Volk, empört darüber, daß dieser Mann einen Vorzug vor den andern haben sollte, ihm ein lautes Hohngelächter nachschickte.

Also in das Gehege hineingelassen, ritten Wieland und seine Schutzbefohlne vorwärts und sannen, was wohl für Schwierigkeiten ihnen zunächst begegnen würden. Sie folgten der breiten Allee, an der zu beiden Seiten ein langes Spalier von Söldlingen Wache hielt – sie waren alle mit Schwertern und Partisanen bewaffnet und trugen die Livree des Grafen von Leicester mit den Kennzeichen Bär und Knotenstock, den Emblemen des Earls. Sie standen auf der ganzen Strecke vom Eingang in den Park bis zur Brücke in einem Zwischenraum von drei Fuß voneinander.

Und als die Lady zuerst eine umfassende Ansicht des Schlosses hatte, als sie die stattlichen Türme emporragen sah, die lange, gebogne Linie der Außenmauern, die Zinnen und Türmchen und Plattformen erblickte, von denen manches herniederwallte – als sie das Gewoge von bunten Helmbüschen und Federn auf den Terrassen und Estraden gewahrte – da sank ihr beim Anblick all der ungewohnten Pracht das Herz, als wollte es aufhören zu schlagen, und sie fragte sich auf einen Augenblick, was sie denn Leicester geboten habe, daß sie es verdiente, die Herrin dieser fürstlichen Pracht zu sein. Aber ihr Stolz und Edelmut widerstanden dem Geflüster, das sie verzweifeln hieß.

»Ich habe ihm,« sagte sie, »alles gegeben, was ein Weib zu geben hat. Namen und Ruf, Herz und Hand habe ich dem Herrn all dieser Pracht gegeben am Altar, und Englands Königin könnte ihm nicht mehr geben. Er ist mein Gemahl – ich bin sein Weib. – Die Gott vereint, kann der Mensch nicht auseinanderreißen. Kühn und beherzt will ich mein Recht beanspruchen, um so kühner, als ich so unerwartet und so verlassen ankomme. Ich kenne meinen edeln Dudley gut! Er wird wohl ein wenig zürnen, daß ich ihm nicht gehorcht habe – aber Amy wird weinen, und Dudley wird ihr verzeihen.«

Aus diesen Betrachtungen schreckte sie ein Ruf des Erstaunens von ihrem Führer Wieland, der sich plötzlich von zwei dünnen, schwarzen Armen um den Leib gefaßt fühlte. Der, dem diese Arme gehörten, hatte sich von einer Eiche auf seines Pferdes Rücken herabgelassen, unter dem lauten Gelächter der Postenkette.

»Dies muß der Teufel oder wieder Flibbertitibitsch sein!« rief Wieland, nachdem er vergebens versucht hatte, sich loszumachen und den Kobold, der sich an ihn klammerte, vom Pferde zu setzen. »Tragen die Eichen um Kenilworth solche Eckern?«

»Freilich, Meister Wieland,« erwiderte sein unerwarteter Bundesgenosse, »und manche andern noch, die zu hart sind, als daß Du sie knacken könntest, wenn ichs Dich nicht lehrte. Wie wart Ihr wohl durchs Tor dort oben gekommen, wenn ich ihm nicht vorher gesagt hätte, daß unser erster Gaukler und Possenreißer nachkommen würde? Und hier habe ich nun auf Euch gewartet, und die andern werden wohl schon ganz aus dem Häuschen sein, weil ich nicht da bin.«

»Na, Du bist ein Stück vom leibhaftigen Teufel selber, guter Kobold,« sagte Wieland. »Ich füge mich Dir und will Deinen Rat befolgen. Nur, wie Du mächtig bist, sei auch barmherzig!«

Unter so unheilvollen Umständen und unter so seltsamer Gesellschaft näherte sich die Gräfin von Leicester zum ersten Male der prachtvollen Behausung ihres fast fürstlichen Gemahls.

Zehntes Kapitel

Als die Gräfin von Leicester an dem Außentore des Schlosses von Kenilworth anlangte, fand sie den Turm, unter dem der breite Torweg hindurchführte, auf seltsame Weise bewacht, auf den Zinnen standen riesenhafte Wächter, die mit Keulen und Streitäxten und andern vorzeitigen Waffen ausgerüstet waren und die Soldaten König Arturs darstellen sollten. Einige dieser furchtbaren Kerle waren wirkliche Menschen in Maske und Stelzenfuß, andre waren bloße Puppen aus Pappe und Steifleinwand, die, von unten gesehen, mitten unter den lebenden aufgestellt, den beabsichtigten Eindruck vortrefflich erzielten. Aber der gigantische Torwart, der am Tore unten die Wache hielt, verdankte die imposante, fast furchtbare Wirkung seiner Gestalt keinerlei künstlichen Mitteln. Er war ein Mann, der mit seiner gewaltigen Gestalt und der Kraft seiner Muskeln und Sehnen den Riesen Goliath hätte darstellen können, ohne sich auch nur um die Höhe eines Absatzes dem Himmel näher zu bringen. Beine, Knie und Arme dieses Enakssohnes waren nackt, an den Füßen trug er Sandalen. Ein pralles, kurzärmeliges Wams von scharlachrotem Sammet bedeckte seinen Leib und einen Teil seiner Glieder, und an Stelle eines Mantels trug er auf der Schulter das Fell eines schwarzen Bären. Seine Waffe war eine schwere Keule mit Stahlspitzen.

Als Wieland sich bescheiden näherte und an ihm vorbei wollte, als sei es ganz selbstverständlich, daß er hereingelassen würde, trat ihm der Riese in den Weg und rief mit donnernder Stimme: »Zurück!« Gleichzeitig stieß er seine Keule auf den Boden mit solcher Gewalt, daß das Pflaster Funken sprühte und der Torweg von dem Krach dröhnte.

Wieland folgte dem Rate Dickies und erklärte, er gehöre zu einer Schauspielertruppe, die ihn nicht entbehren könne – er sei durch Zufall zurückgehalten worden und habe nachkommen müssen – und manches dergleichen. Aber der Wärter blieb unerbittlich, bis Dickie Schlamm Wieland ins Ohr flüsterte:

»Nur ruhig, ich weiß, wo ihn der Schuh drückt und werde ihn im Augenblick kirre machen.«

Er sprang zum Pferde hinab, schlüpfte zu dem Pförtner hin, zupfte ihn an seinem Bärenfell, daß er seinen großen Kopf herabbücken mußte, und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der schreckliche Ausdruck im Gesicht des Riesen wich auf der Stelle, er warf seine Keule auf den Boden und hob Dickie Schlamm so hoch empor, daß der Kleine sich Hals und Beine hätte brechen können, wenn die mächtigen Arme ihn hätten fallen lassen.

»Stimmt schon,« rief er mit donnernder Stimme frohlockend aus, »stimmt schon, mein kleiner Knirps – aber wer zum Teufel hat es denn Dir sagen können?«

»Das laßt Euch nicht bekümmern,« sagte Flibbertitibitsch, »aber –« und er sah auf Wieland und die Dame und dämpfte seine Stimme zu unhörbarem Geflüster, was ihm nicht sehr schwer fiel, da der Riese ihn zu seiner Bequemlichkeit dicht an sein Ohr hielt. Der Pförtner streichelte dann Dickie zärtlich und setzte ihn auf den Boden, mit derselben Sorgfalt, mit der eine fürsorgliche Hausfrau eine chinesische Tasse, die schon einen Sprung hat, auf den Kaminsims stellt, und rief gleichzeitig Wieland und seiner Dame zu:

»Herein mit Euch – herein mit Euch – und seht Euch vor, daß Ihr nicht noch einmal zu spät kommt, wenn ich gerade die Wache habe.«

»Ja, ja, herein,« sagte Popanz, »ich muß noch ein kleines Weilchen bei meinem ehrlichen Riesen Goliath bleiben, aber ich bin gleich wieder bei Euch und geh Euerm ganzen Geheimnis auf den Grund, und wäre es so tief und so dunkel wie das Burgverließ.«