Выбрать главу

Wie andre großen Ereignisse hatte sich auch die Ankunft der Königin von Stunde zu Stunde verzögert, und ein Bote, der atemlos herankam, meldete, daß die Majestät – zurückgehalten von dem Wunsche, die Huldigung ihrer Untertanen, die sich in Warwick zusammengedrängt hätten, entgegenzunehmen – erst in der Dämmerstunde nach Kenilworth kommen würde. Diese Nachricht ließ nun denen, die in der Erwartung auf eine augenblickliche Ankunft der Königin sich schon die Rollen zurechtgelegt hatten, die sie bei der Feierlichkeit zu spielen hatten, noch eine kurze Frist; und als Wieland ein paar Reiter in das Schloß hereinkommen sah, hoffte er schon, Tressilian wäre darunter. Aber während er noch eifrig nach dem ausspähte, den er doch nicht sehen konnte, wurde er von jemand, vor dem er am liebsten sich nicht hier hätte sehen lassen, am Aermel gezupft.

Dies war Dickie Schlamm oder Flibbertitibitsch, und was Wieland auch innerlich empfinden mochte, so hielt er es doch für nötig, über das unerwartete Zusammentreffen Freude zu bekunden.

»Ei, Du bist es, mein kleiner Kobold? Sage mir doch nur, wie bist Du denn mit dem dickköpfigen Riesen fertig geworden?«

»Das ist mein Geheimnis,« versetzte der kleine Kerl. »Aber sagt mir doch, wollt Ihr mir nicht die Geschichte von dieser Dame, Eurer Schwester, erzählen, die ebenso wenig Eure Schwester ist wie ich?«

»Was könnte Dir das nützen?« fragte Wieland.

»O, steht es so zwischen uns?« fragte der Junge, »na, ich kümmre mich ja nicht weiter drum – bloß wenn ich ein Geheimnis wittre, so versuche ich im guten oder im bösen dahinter zu kommen, und somit guten Abend.«

»Nein, aber lieber Dickie,« sagte Wieland, der die rastlose Ränkesucht des Knaben zu gut kannte, um nicht sich vor seiner Feindschaft zu fürchten, – »warte doch, lieber Dickie, – reiß nicht so kurzweg vor Deinen alten Freunden aus! – Du sollst alles, was ich über die Dame selber weiß, eines Tages ja schon noch erfahren!«

Aber Richard Schlamm war schon mit einem Luftsprung aus dem Torweg, lief mit der ihm eigentümlichen außerordentlichen Geschwindigkeit über die Brücke auf den Galerieturm zu und war im Augenblick verschwunden.

Tressilian aber, den Wieland hier so ängstlich erwartete, war schon auf anderm Wege wieder ins Schloß gelangt. Allerdings war er mit der Kavalkade des Earls nach Warwick geritten. Als er aber Varney unter Leicesters Gefolge sah, und dieser sich ihm zu nähern und ihn anzureden schien, hielt er es für geraten, ein solches Zusammentreffen jetzt zu vermeiden. Er war daher wieder zu Pferde gestiegen und nach Kenilworth zurückgeritten, das er auf einem fernen Umwege erreichte und durch eine kleine Pforte in der Westmauer betrat, zu der man ihn als einen der Anhänger des Grafen von Sussex ohne weitres hineinließ – denn Leicester hatte befohlen, gegen Sussex und seine Leute die weitgehendste Höflichkeit zu üben. So kam es, daß er Wieland nicht traf, der ihn ungeduldig erwartete, und den er selber ebenso sehnlichst zu sehen wünschte.

Nachdem er sein Pferd seinem Diener übergeben hatte, erging er sich ein Weilchen im Lustgarten, mehr um in verhältnismäßiger Einsamkeit seinen Gedanken nachzuhängen, als um die einzigen Schönheiten der Natur und der Kunst zu bewundern, die die Großartigkeit Leicesters hier zusammen gebracht hatte. Während es in allen andern Teilen des Schlosses lärmte, war der Garten still, und nur die Blätter rauschten, die Insassen eines großen Vogelkäfigs zwitscherten um die Wette mit ihren glücklichern Gefährten, die noch unter freiem Himmel wohnten, und die Springbrunnen plätscherten, die, von Bildwerken phantastischer und grotesker Art in die Luft geschleudert, lautlos in die großen Becken von italienischem Marmor zurückfielen.

Tressilian riß sich aber endlich aus seiner traurigen Verlorenheit, und um sich selber zu andern Gedanken zu zwingen, verließ er den Lustgarten, um sich unter die lärmende Menge auf den Wällen zu mischen. Aber als er das lustige Stimmengewirr und das Lachen und die Musik hörte, fühlte er ein unzähmbares Widerstreben, und es war ihm unmöglich, sich in dieser Gesellschaft zu verlieren; so beschloß er, auf das ihm zugewiesne Zimmer zu gehen und sich mit Studien zu befassen, bis das Läuten der großen Schloßglocke die Ankunft Elisabeths verkünden würde.

Tressilian schritt daher zu dem dritten Stock vom Mervynsturm hinauf und klinkte an der Tür des kleinen Gemachs, das ihm zuerteilt worden war – er war erstaunt, es abgeschlossen zu finden. Aber es fiel ihm ein, der Kammerdiener hatte ihm einen Schlüssel gegeben und ihm geraten, bei dem jetzigen Wirrwarr im Schlosse seine Tür möglichst immer verschlossen zu halten. Diesen Schlüssel steckte er jetzt ins Schloß, der Riegel sprang auf, und er trat ein. Im selben Augenblick sah er eine Frauengestalt in dem Zimmer sitzen und erkannte in ihr Amy Robsart.

Das Erstaunen der Gräfin war kaum geringer, obwohl sie von Wieland gehört hatte, daß er im Schlosse sei. Sie war aufgesprungen und stand ihm jetzt gegenüber, die Blässe auf ihren Wangen war einer tiefen Röte gewichen.

»Tressilian,« sagte sie endlich. »Wie kommt Ihr hierher?«

»Nein, wie kommt Ihr hierher, Amy?« entgegnete Tressilian. »Es sei denn, um endlich die Hilfe anzurufen, die, soweit das Herz und der Arm eines Menschen reichen können, Euch auf der Stelle erwiesen werden soll?«

Sie schwieg einen Augenblick, und dann antwortete sie in mehr traurigem als ärgerlichem Tone:

»Ich bedarf keiner Hilfe, Tressilian, und es gereichte mir eher zum Schaden als zum Nutzen, wenn Ihr mir irgendwelche Dienste anbieten wolltet. Glaubt mir, ich bin in der Nähe eines Mannes, der durch Gesetz und Liebe verpachtet ist, mich zu beschützen.«

»Der Schurke hat Euch also die klägliche Gerechtigkeit angedeihen lassen, die allein noch in seiner Macht war,« sagte Tressilian, »und ich sehe vor mir die Gattin dieses Varney?«

»Varneys Gattin!« versetzte sie mit allem Nachdruck der Verachtung. »Mit welchem gemeinen Namen, Herr, brandmarkt Eure Frechheit die – die – die –«

Sie stockte und sah zu Boden, während die zornige Rede ihr auf den Lippen erstarb, und schwieg voller Verwirrung, denn sie dachte gleich daran, was für verhängnisvolle Folgen es haben könne, wenn sie den Satz mit den Worten »die Gräfin von Leicester« vollendete. Das wäre ein Verrat des Geheimnisses, von dem das Glück ihres Gatten abhing, wie er ihr selber versichert hatte – das hieße es nicht nur Tressilian, sondern auch Sussex und der Königin und dem ganzen versammelten Hofe verraten.

»Nimmer,« dachte sie, »will ich das Schweigen brechen, das ich versprochen habe. Lieber will ich jeden Verdacht auf mich fallen lassen.«

Die Tränen traten ihr in die Augen, während sie schweigend vor Tressilian stand. Er sah sie voller Schmerz und Mitleid an und sagte:

»Amy, Amy, Eure Augen widersprechen Eurer Zunge. Diese spricht von einem Beschützer, der willens und im stande sei, Euch zu behüten, und jene sagen mir, daß Ihr zu Grunde gerichtet und verlassen seid von dem Elenden, an den Ihr Euch gehängt habt.«

Sie sah ihn mit einem Blick voll funkelnden Zornes an, den die Tränen nicht verschleierten, aber sie wiederholte nur die Worte: »Von dem Elenden!« mit dem Nachdruck der Entrüstung.

»Ja, von dem Elenden!« sagte Tressilian; »denn wenn er etwas Bessers wäre, warum seid Ihr hier und allein in meinem Zimmer? Warum sind nicht die erforderlichen Vorbereitungen für einen ehrenvollen Empfang getroffen worden?«

»In Eurem Zimmer?« wiederholte Amy. »In Eurem Zimmer? Das soll sofort von meiner Gegenwart befreit werden.« Sie eilte auf die Tür zu, aber der betrübende Gedanke an ihre Verlassenheit bedrückte sie sogleich wieder, und sie blieb auf der Schwelle stehen und setzte in unsäglich leidensvollem Tone hinzu:

»Wehe! Ich vergaß – ich weiß ja gar nicht, wohin ich gehen soll.«