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»Ich durchschaue das alles,« sagte Tressilian und sprang an ihre Seite und führte sie zu dem Stuhle zurück, auf den sie niedersank, »Ihr bedürft der Hilfe – Ihr bedürft des Schutzes, wenn Ihr es auch nicht zugeben wollt, und Ihr sollt dessen nicht lange bedürftig bleiben. An meinen Arm gelehnt, neben mir als dem Vertreter Euers ausgezeichneten, vom Herzeleid gebrochnen Vaters, sollt Ihr an der Schwelle des Schloßtores vor Elisabeth treten, und die erste Tat, die sie in den Hallen von Kenilworth tun soll, wird ein Akt der Gerechtigkeit gegen ihr Geschlecht und ihre Untertanen sein. Im starken Vertrauen auf meine gute Sache und die Gerechtigkeit der Königin soll die Macht ihres verhätschelten Günstlings meinen Entschluß nicht erschüttern. Ich will auf der Stelle Sussex aufsuchen.«

»Um alles nicht!« rief die Gräfin bestürzt – sie fühlte, daß es vor allem notwendig war, Zeit zum mindesten zur Ueberlegung zu gewinnen. »Tressilian, Ihr wart sonst immer edelmütig, – gewährt mir eine Bitte und glaubt mir, wenn es Euer Wunsch ist, mich vor Elend und Wahnsinn zu retten, so werdet Ihr durch das Versprechen, das ich von Euch erbitte, mehr für mich tun, als Elisabeth mit all ihrer Macht kann.«

»Bittet mich um alles, wofür Ihr triftige Gründe angeben könnt,« sagte Tressilian, »doch verlangt nicht von mir ...«

»O, setzt Eurer Güte keine Grenzen, lieber Edmund!« rief die Gräfin aus, – »einst lag es Euch ja am Herzen, daß ich Euch so nennen sollte – schränkt nicht Eure Güte durch Gründe ein! Denn meine Seele ist eitel Wahnsinn, und die Tollheit muß die Ratschläge leiten, die allein mir helfen können.«

»Wenn Ihr so wirr und wild redet,« sagte Tressilian, während er abermals über dem Erstaunen seinen Entschluß und seinen Schmerz vergaß, »so muß ich Euch in der Tat für unfähig halten, für Euch selber zu überlegen und zu handeln.«

»O nein!« rief sie aus und sank vor ihm auf ein Knie, »ich bin nicht von Sinnen – ich bin nur ein unsäglich unglückliches Geschöpf, und durch die allerseltsamsten Umstände werde ich in den Abgrund gezogen, vom Arme dessen, der eben mich davor bewahren will – eben Euch, Tressilian, den ich geehrt, hochgeschätzt – wenn auch nicht geliebt habe – und doch auch geliebt, ja, auch geliebt, Tressilian – wenn auch nicht so, wie Ihr es wünschtet.«

Es lag in ihrer Stimme und in ihrem Wesen eine Energie – eine Selbstbeherrschung – ein Sichhingeben – ein unbegrenztes Vertrauen auf seine Großmut, daß er tief gerührt war. Er hob sie auf und bat sie in gebrochnen Lauten, sich zu trösten.

»Ich kann mich,« sagte sie, »ich will mich nicht trösten, ehe Ihr mir nicht meine Bitte gewährt! Ich will so deutlich sprechen, wie ich darf – ich erwarte jetzt die Befehle eines Mannes, der ein Recht hat, mir Befehle zu erteilen – die Einmischung eines dritten, besonders Eurer Person, Tressilian, wäre mein Verderben – mein gänzliches Verderben. Wartet nur vierundzwanzig Stunden, und es kann sein, daß die arme Amy in der Lage sein wird, zu zeigen, daß sie Eure uneigennützige Freundschaft schätzt und zu belohnen weiß – daß sie selber glücklich und auch in der Lage ist, Euch glücklich zu machen – es ist sicherlich der Mühe wert, sich auf so kurze Zeit zu gedulden.«

Tressilian schwieg und erwog im Geiste die verschiednen Möglichkeiten, die eine energische Einmischung seinerseits mehr schädlich als vorteilhaft gestalten könnten, er bedachte auch, daß sie in den Mauern von Kenilworth sei und daß sie zum mindesten vor allen Unbilden solange gesichert sei, als das Schloß durch die königliche Gegenwart geehrt und durch die königlichen Wachen geschützt sei – und er war im Grunde selber der Meinung, daß er ihr mehr einen bösen als einen guten Dienst erwiese, wenn er das in ihrer Sache von ihm an Elisabeth gerichtete Gesuch jetzt durch sie selber vertreten ließ.

»Amy,« sagte er, indem er seine traurigen und ausdrucksvollen Augen auf sie heftete, während sie die ihrigen in ihrem Uebermaß von Zweifel, Furcht und Ratlosigkeit zu ihm aufschlug, »ich habe immer erkannt, wenn andre Euch kindisch und eigensinnig nannten, es lag unter diesem äußern Anschein von jugendlicher und eigenwilliger Torheit tiefes Gefühl und kraftvoller Verstand. Und auf diese beiden will ich vertrauen und auf die Zeit von vierundzwanzig Stunden Euer Schicksal in Eure eignen Hände legen, ohne mich mit Worten oder Taten einzumischen.«

»Versprecht Ihr mir das, Tressilian?« fragte die Gräfin. »Ist es möglich, daß Ihr jetzt noch so großes Vertrauen zu mir haben könnt? Versprecht Ihr, so wahr Ihr ein Edelmann und ein Ehrenmann seid, Euch weder durch Reden noch durch Handlungen in meine Angelegenheiten zu mischen, auch wenn Ihr sonst etwas hören und sehen mögt, was Euch zur Anteilnahme reizen könnte? Wollt Ihr mir so weit vertrauen?«

»Ich will es – bei meiner Ehre,« sagte Tressilian, »aber wenn diese Zeit um ist –«

»Wenn diese Zeit um ist,« sagte sie, ihm ins Wort fallend, »könnt Ihr nach Gutdünken und ganz nach Euerm eignen Urteil handeln.«

»Kann ich sonst nichts für Euch tun, Amy?« fragte Tressilian.

»Nichts,« sagte sie, »nichts als mich verlassen – sofern Ihr mir Euer Zimmer auf vierundzwanzig Stunden abtreten könnt.«

»Das ist höchst wundersam!« rief Tressilian. »Was könnt Ihr zu hoffen haben in einem Schlosse, wo Ihr nicht einmal über ein Zimmer gebieten könnt?«

»Sucht nicht nach Gründen, sondern verlaßt mich,« sagte sie, und als er langsam und widerstrebend ging, setzte sie hinzu: »Edler Edmund! Die Zeit kommt wohl noch, wo Amy zeigen kann, daß sie Deine edle Zuneigung verdient hat.«

Zwölftes Kapitel

Als Tressilian in seltsamer Erregung kaum ein paar Stufen der Wendeltreppe herabgestiegen war, begegnete er zu seinem großen Erstaunen und Mißbehagen Michael Lambourne, der ihm mit so unverschämt vertraulicher Miene entgegentrat, daß Tressilian sich fast versucht sah, ihn die Treppe hinunterzuwerfen. Aber er besann sich, daß Amy, um die allein er besorgt war, Unannehmlichkeiten haben könne, wenn er sich zu dieser Zeit und an diesem Orte zu irgendwelcher Gewalttat hinreißen ließ.

Er sah daher Lambourne nur starr an, wie einen, der gar nicht wert ist, bemerkt zu werden, und versuchte an ihm vorbeizukommen ohne irgend ein Zeichen des Erkennens. Aber Lambourne, der bei der überreichen Gastlichkeit dieses Tages nicht verfehlt hatte, einen gehörigen Humpen Wein zu trinken, wenn auch noch nicht so viel, daß er völlig betrunken gewesen wäre – war nicht in der Laune, sich von irgendwem über die Achsel behandeln zu lassen.

Ohne die geringste Verlegenheit hielt er Tressilian auf der Wendeltreppe an und redete ihn an, als wenn er auf vertrautem Fuße mit ihm stände:

»Was? doch kein böses Blut zwischen uns wegen alter Geschichten, Meister Tressilian? – Nein, ich bin einer, der eine Freundlichkeit länger behält als einen Streit – ich will Euch den Beweis liefern, daß ich es ehrlich und gut mit Euch gemeint habe.«

»Ich wünsche keine Vertraulichkeit von Eurer Seite,« sagte Tressilian. »Verkehrt Ihr mit Euresgleichen.«

»Nu, gleich wieder hui, hui!« sagte Lambourne. »Nur gemach! Wie doch die nobeln Herren, die ohne Frage aus dem Porzellan der Erde gemacht sind, verächtlich auf den armen Michael Lambourne herabsehen! Ihr wollt den Heiligen spielen, Meister Tressilian, und vergeßt, daß Ihr doch eben zur Schmach für das Schloß Mylords in Eurem Schlafzimmer selber ein Weibchen habt, ha ha ha! Hab ich Euch erwischt, Junker Tressilian?«

»Ich weiß nicht, was Ihr wollt,« sagte Tressilian, aber er mußte doch annehmen, daß dieser unverschämte Gesell Kenntnis von Amys Anwesenheit in seinem Zimmer erlangt haben müsse. »Aber wenn Ihr hier auf die Zimmer aufzupassen habt, und ein Trinkgeld haben wollt, so ist hier eins, dafür laßt Ihr wohl mein Zimmer unbehelligt?«

Lambourne sah das Geldstück an und steckte es in die Tasche.

»Ich weiß nicht,« sagte er, »aber durch ein freundliches Wort hättet Ihr vielleicht mehr bei mir erreicht als durch dieses glänzende Stückchen. Aber im Grunde – wer mit Gold bezahlt, bezahlt gut, und Lambourne ist nie ein Spielverderber gewesen. Leben und leben lassen, das ist mein Motto. Aber wenn ich Euer Geheimnis bewahre, Meister Tressilian, so könnt Ihr mich wenigstens anständig angucken – der beste unter uns, seht Ihr, macht gern mal so ein kleines Späßchen – und so macht mit Euerm Zimmer, was Ihr wollt, und mit dem Vögelchen drin auch – Michael Lambourne schert sich den Kuckuck drum!«