»Das muß ich sagen, Herr Oberst, Ihr habt mich in große Schuld bei Euch gesetzt durch diese Wiederherstellung meiner Familienzeichen, aber ich kann doch nicht umhin, meiner Verwunderung darüber Ausdruck zu geben, daß ich nirgendswo Euer eignes Helmstück angebracht finde, Herr Oberst, das doch meines Wissens ein Hofhund ist; wenigstens wurde es so gehalten bei dem berühmten Grafen Shrewsbury, mit dem Eure Familie ja doch blutsverwandt ist.«
»Ich glaube, Baron,« versetzte lächelnd der Oberst, »daß Eure Bären- und unsre Hundebrut vom gleichen Wurfe sind. Sollte es unter den Helmstücken zur Fehde kommen, nun, dann mögen sich, wie schon das Sprichwort sagt, Bär und Hund zusammen raufen.«
Unter solchem Gespräch betraten sie das Haus, nämlich der Baron, Miß Rosa, Lady Emily, Frank Stanley und der Schösser, während Edward mit der übrigen Gesellschaft auf der Terrasse verweilte, um ein neues Gewächshaus zu bewundern, das mit den herrlichsten Pflanzen gefüllt war. Der Baron knüpfte an seine Rede an:
»Auch über ein anderes muß ich mich wundern, Herr Oberst, daß Ihr, da Ihr doch ein so hohes Maß von Amor Patriae [Vaterlandsliebe] an den Tag legtet, als wir in Edinburg beisammen waren, und alle andern Länder neben England so gering achtetet, Euch dazu entschlossen habt, Eure Lares [Hausgötter] dermaßen procula patriae finibus [fern von des Vaterlandes Grenzen] aufzurichten, daß Ihr Euch halb und halb aus dem eignen Vaterlande verbannt habt.«
»Nun denn, Baron, ich sehe nicht ein, warum ich das Geheimnis dieser wunderlichen Leutchen, Waverleys und meiner Frau, noch länger hüten soll; drum hört denn, daß ich von dieser Marotte noch ganz und gar nicht befreit bin, denn ich habe mir nicht Eure Baronie, sondern bloß ein kleines Stück Land von etwa 250 Ackern mit einem kleinen Landhäuschen bei uns gekauft, Brerewood-Lodge, welches den einzigen Vorzug hat, von Waverley-Würden bloß ein paar Stunden ab zu liegen.«
»Aber wer hat dann diese Besitzung gekauft?« rief der Baron.
»Danach müßt Ihr Euch bei diesem Herrn hier erkundigen,« versetzte der Oberst, indem er auf den Schösser Duncan Macwheeble zeigte, der eben in das Haus trat, nachdem er die ganze Zeit von einem Fuße auf den andern, wie von Ungeduld gemartert, herumgetrippelt war.
»Ihr könnts mir sagen, Schösser?« fragte der Baron.
»Das kann ich, Euer Gnaden, das kann ich,« rief Schösser Macwheeble, indem er aus seiner Tasche ein Bündel Schriften langte, von dem er mit zitternder Hand das rote Bändchen löste. »Hier ist die Abtretungsurkunde, unterzeichnet von Malcolm Inch-Grabbit von Bradwardine und bestätigt in aller gerichtlichen Form, daß er Gut und Baronie Bradwardine nebst Tully-Beolan e.c., mit Burg und Herrenhaus e.c. ...«
»Aber kommt doch zur Sache!« rief ungeduldig der Oberst.
»An Cosmo Comyne Bradwardine Esq., seine Erben und vollmächtigten, für immer und unwiderruflich a me vel de me« [an mich oder von mir]...
»Weiter, weiter,« drängte der Oberst.
»Mit dem Vorbehalt jedoch ... « nahm Macwheeble wieder das Wort.
»Das geht ja übers Bohnenlied, Mensch,« rief der Oberst, »also, Baron, ums kurz zu machen, Euer Familiengut ist wieder Euer freies und unbeschränktes Eigentum, mit keiner weitern Belastung, als der Rückerstattung der vorgestreckten Summe, die übrigens meines Erachtens zum Werte des Gutes außer allem Verhältnis steht.«
»So ists, so ists,« bestätigte Macwheeble, »und wollt Ihrs etwa nicht glauben, dann braucht Ihr bloß einen Blick ins Grundbuch zu werfen. Da stehts! da stehts!«
»Und diese Summe ist von Edward Waverley voll bezahlt worden aus dem Erlöse, den er aus dem durch mich erstandenen Landgute seines verstorbnen Vaters gelöst hat,« fuhr der Oberst fort, »und steht eingetragen als Leibgut seiner Gemahlin, Eurer Tochter, mit dem Erbrecht für die aus ihrer Ehe etwa entstammenden Kinder.«
Ob sich der Baron mehr gefreut haben mag über die Wiedererlangung seines Stammgutes oder über das Zartgefühl, wie man, ihm diese Sache mitgeteilt hatte, das wollen wir dahingestellt sein lassen ... bloß eins müssen wir noch, um dem seltsamen Charakter des Mannes gerecht zu bleiben, erwähnen. Er nahm plötzlich Macwheeble beim Rockknopfe und führte ihn in eine Fensternische, und was er ihm da sagte, bezog sich sicher auf Pergament und Stempelbogen, denn was hätte sonst die Aufmerksamkeit des Schössers in solch intensivem Maße in Anspruch nehmen sollen?
»Ich verstehe Euer Gnaden vollkommen,« sagte der Schösser, »ich werde morgen einen Entwurf anfertigen, eine Entsagungsurkunde also in favorem [zugunsten] mit Bevorzugung des zweiten Sohnes, wenn die Ehe damit gesegnet sein sollte, der Namen und Wappen derer von Bradwardine zu führen hat, ohne jeglichen andern Namen und Beisatz.«
Damit endete die heimliche Unterhaltung zwischen Baron und Schösser, und nun galt es, die Gäste zu bewillkommnen, die zur Feier des Tages geladen worden waren. Es waren der Major Melville von Cairnvreckan und der Ortspfarrer Morton von Cairnvreckan und eine ganze Reihe andrer Bekannten und Nachbarn des Barons, und als nun von Saunders Saunderson die Nachricht verkündet wurde, daß der Baron wieder den Besitz seines alten Gutes angetreten habe, da klang aus dem Dorfe herauf ein Jubelgeschrei über das andre zu den Schloßfenstern herauf.
Und dann ging es an die Tafel, die durch Lady Emilys Fürsorge aufs herrlichste gedeckt worden war, und bei der »Alexander ab Alexandro« in voller Tracht als Haushof- und Kellermeister aufwartete, mit allen einstigen Unterbedienten, die man wieder zusammen getrommelt hatte bis auf einige wenige, von denen man seit der Schlacht bei Culloden nichts wieder gehört hatte. Im Keller lag wieder herrlicher Wein, und für die Hörigen sprudelte heute die Fontäne nicht Wasser, sondern einen famosen Branntweinpunsch.
Als die Tafel aufgehoben worden, warf der Baron, im Begriff, einen Spruch auszubringen, einen besorgten Blick auf das Buffet, das manches von dem alten Schloßgeschirr wieder enthielt, das einst den Stolz des Geschlechts gebildet hatte, und das die benachbarten Edelleute den Soldaten aus ihren Beutestücken abgekauft und dem alten Baron von Bradwardine zum Präsent gemacht hatten.
»Zu diesen Zeiten,« hub er an, »muß seinem lieben Gott dankbar sein, wer Leben und Land behalten hat. Aber indem ich zu diesem Spruche mich erhebe, muß ich zuvörderst eines alten Erbstücks gedenken, dessen Verlust mich betroffen hat, Lady Emily, eines poculum potatorium, Obrist Talbot ... «
Hier wurde sein Arm leicht angestoßen, und als er sich umsah, erblickte er in den Händen seines Alexandri ab Alexandro den berühmten Becher des heiligen Duthac, den geweihten Bär von Bradwardine! ... Und sicher, selbst die Wiedergabe seines Stammguts traf sein Herz nicht so unmittelbar, wie der Wiederfund dieses Kleinods! ... »Bei meiner Ehre!« rief er begeistert, »Lady Emily, an Zauberfeen möcht ich glauben, wenn Eure Liebden zugegen sind!«
»Ich fühle mich überglücklich,« erklärte der Obrist, »daß es mir gelungen ist, dies alte Kleinod wieder aufzufinden und Euch den Beweis zu erbringen, daß ich an allem, was meinen jungen Freund Edward anbetrifft, einen herzlichen Anteil nehme. Aber damit Ihr mir nicht meine Frau für eine Zauberin haltet, will Ich Euch vertrauen, daß mein Neffe das alte Erbstück wieder beigebracht hat, und zwar durch meinen alten Lakei und Kriegskamerad Spontoon, der es bei einer Frau Rosebag vorgefunden hat, die es einem der hier quartiert gewesenen Soldaten abgekauft hatte. Ich hoffe nur, daß sich der Wert des Bechers nicht dadurch in Euren Augen verringert hat, weil Ihr ihn durch meine Hände zurückerhaltet.«