Lorenz packte den Gaukler, der keinen Widerstand versuchte, beim Kragen, während sich Lambourne eiligen Schrittes zu der versteckten Pforte begab, durch die Tressilian ins Schloß gelangt war und die nicht weit vom Mervynsturme, in der Mauer nach Westen zu, lag.
Raschen Schrittes mußte nun Wieland den Raum zwischen Turm und Hinterpforte durchlaufen, und vergebens sann er unterwegs, um auf eine List zu kommen, durch die er der armen Dame hätte helfen können, für die er, all der Gefahr ungeachtet, in der er schwebte, das innigste Mitleid fühlte. Als er aber zum Schlosse hinausgeführt wurde und Lambourne hinter sich her fluchen hörte, daß er im untersten Verließ verschmachten solle, wenn er sich noch einmal einfallen ließe, den Fuß aufs Schloß hinauf zu setzen, da hob er die Hände und Augen empor zum Himmel, wie wenn er Gott zum Zeugen anrufen wolle dafür, daß er, was in seinen Kräften gestanden, gewagt habe für die unglückliche Dame ... und dann wandte er dem Schlosse den Rücken, um sich fern von Kenilworth anderswo einen, wenn auch weniger vornehmen, so doch sicherern Zufluchtsort zu suchen.
Lambourne und Lorenz sahen dem Schmied eine Zeitlang nach. Dann begaben sie sich zurück zum Turme.
Vierzehntes Kapitel
Als Wieland von ihm gegangen war, war Tressilian unschlüssig, was er tun sollte. Da kamen Raleigh und Blount, Arm in Arm, zu ihm, ihrer Gewohnheit nach in eifrigem Zwiegespräch begriffen. In der augenblicklichen Stimmung hatte Tressilian kein großes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, aber es war unmöglich, ihnen jetzt aus dem Wege zu gehen; und verpflichtet, wie er durch sein Versprechen war, sich Amy nicht zu nähern oder einen Schritt in ihrem Dienste zu tun, fühlte er sehr wohl, daß er nichts Bessres tun könnte, als sich in die Gesellschaft zu mischen und nach außenhin von der Angst und Unschlüssigkeit, die ihm schwer auf dem Herzen lastete, so wenig wie möglich merken zu lassen. Er machte daher aus der Notwendigkeit eine Tugend und begrüßte seine Kameraden.
»Ich bin durch ein eigentümliches Mißverständnis um mein Zimmer gekommen,« sagte Tressilian dann. »Eben wollte ich Dich auffordern, Raleigh, mir in Deinem Gemach Quartier zu geben.«
»Von Herzen gern,« erwiderte Raleigh. »Ich wohne allerliebst. Fürstlich hat Leicester für uns gesorgt.«
»Was hat die Königin solange in Warwick aufgehalten?« fragte Tressilian.
»Eine Menge Narrenspossen,« antwortete Blount. »Ansprachen, Schauspieler, Hunde und Bären und Männer, die Affen aus sich gemacht haben und so weiter – ich wundre mich nur, daß die Königin es hat aushalten können. Aber kommt, laßt uns auf den Galerieturm gehen!«
Sie schritten über die lange Brücke und den Turnierplatz und stellten sich mit andern Edelleuten vor das Außentor des Galerie- und Eingangsturmes auf. Sie mochten ihrer etwa vierzig sein – eine erlesne Schar vom ersten Range nächst der Ritterschaft – und ordneten sich in Doppelreihen zu beiden Seiten des Tores, wie eine Ehrenwache innerhalb der dichten Hecke von Piken und Partisanen, die von Leicesters Söldlingen gebildet wurde. Die Edelherren trugen keine Waffen außer ihren Degen und Dolchen. Diese Junker waren so bunt herausgeputzt, wie die Phantasie es sich nur erdenken kann, und da die Mode der Zeit eine Entfaltung großer Pracht gestattete, so war nichts zu sehen als Sammet und Gold und Silber und Bänder und Federn und Edelsteine und goldne Ketten. Obwohl viel ernsterer Kummer ihn drückte, fühlte Tressilian doch ein leichtes Unbehagen, als er in seinem, wenn auch hübschen, so doch von dem letzten Ritt bestaubten Reitanzug – Raleigh und Blount hatten sich umgezogen und ihre Reitröcke gegen prächtige Kleider umgetauscht – sich inmitten dieser geputzten Herren erblickte, unter denen er sich doch recht unwürdig vorkam. Dies wurde ihm umsomehr zum Bewußtsein, als er sah, daß seine Freunde sich über seine unpassende Kleidung wunderten, während die Anhänger Leicesters verächtliche Bemerkungen darüber hören ließen.
Es war die Dämmerstunde eines Sommerabends des 9. Juli 1575, die Sonne war seit einiger Zeit schon untergegangen, und alles erwartete voll Spannung die unmittelbare Ankunft der Königin. Die Menge stand schon seit einigen Stunden versammelt, und ihre Zahl nahm noch immer zu. Eine reichliche Verteilung von Erfrischungen, darunter Rinderbraten und Bier, das in Fäßchen an verschiednen Stellen des Weges stand, hatte die Bevölkerung in guter Stimmung erhalten, daß sie für die Königin und ihren Günstling durchs Feuer gegangen wäre, – eine Ergebenheit, die leicht im Kurse hätte fällen können, wenn zu dem Warten auch noch das Fasten hinzugekommen wäre.
Das Volk vertrieb sich die Zeit mit Kreischen und Lärmen und tollen Spielen, und auf Feldern und Wegen herrschte ein Höllenlärm. Der größre Teil der Volksmassen stand am Jagdtore. Da mit einem Male sah man einzelne Raketen in die Luft steigen, und im selben Augenblicke, weithin über See und Feld hörbar, erklang das Läuten der großen Schloßglocke.
Totenstille herrschte für einen Augenblick, dann erscholl ein so lautes vielstimmiges Jubelgeschrei, daß das Land auf Meilen in der Runde widerhallte. Die am Wege dicht aufgestellten Wachen griffen das Geschrei auf, das wie ein Lauffeuer nach dem Schlosse hinzog und allen darinnen verkündete, daß Königin Elisabeth in Kenilworth eingezogen sei. Alle Musik verstummte sofort im Schlosse, und auf den Zinnen gab Artillerie eine Salve ab; aber der Lärm von Trommeln und Trompeten und selbst der Kanonendonner war nur schwach zu hören inmitten des Gebrülls und des andauernden Willkommengeschreis der Menge.
Als der Lärm allmählich nachließ, wurde vom Parktore her ein breiter Lichtschein sichtbar, der im Näherkommen greller noch und breiter wurde und sich auf der schönen Allee entlang bewegte, die von beiden Seiten mit Söldlingen Leicesters besetzt war. An diesem Spalier entlang lief jetzt die Parole: »Die Königin! Die Königin! Ruhe! und Stillgestanden!« Und heran kam die Kavalkade, beleuchtet von zweihundert dicken Wachsfackeln, in den Händen von ebenso vielen Reitern, die ein Licht wie das des hellen Tages um die ganze Prozession verbreiteten, vor allem aber um die Hauptgruppe, deren Mittelpunkt die Königin selber im prunkvollsten Staate und im Glanze von tausend Juwelen bildete. Sie saß auf einem milchweißen Pferde, das sie mit besondrer Grazie und Würde lenkte, und in ihrer edeln, stattlichen Haltung erkannte man die Tochter von hundert Königen.
Die Hofdamen, die neben ihrer Majestät ritten, hatten besondre Sorge dafür getragen, daß ihr Aeußres nicht prächtiger sei, als ihrem Range und der Gelegenheit eben entsprach, sodaß kein geringres Licht in dem Lichtkreise des königlichen Glanzes auffallen konnte. Aber ihre persönlichen Reize und die Pracht, durch die sie bei aller aus kluger Rücksicht auf die Majestät beobachteten Einschränkung doch ausgezeichnet waren, ließen in ihr die »crême« eines für Glanz und Schönheit so weit berühmten Königreiches erkennen. Die Herrlichkeit der Höflinge, die nicht durch die den Damen aus Klugheit gebotne Rücksicht beeinträchtigt war, zeigte sich in noch unbegrenzterm Maße.
Leicester, der wie ein goldnes Bildnis von Juwelen und goldnem Zierat glitzerte, ritt zur rechten Hand der Königin, in seiner Eigenschaft als Wirt wie als Stallmeister zu diesem bevorzugten Platz berechtigt. Das schwarze Pferd, das er ritt, hatte nicht ein einziges weißes Haar am Leibe und war einer der berühmtesten Renner von Europa, den der Earl für diesen königlichen Besuch besonders zu hohem Preise gekauft hatte. Wie das edle Tier, ungeduldig über den langsamen Gang des Zuges, den prachtvollen Nacken bog und in das silberne Gebiß knirschte, das seinen Ungestüm zügelte, flog ihm der Schaum vom Maule und befleckte seine wohlgeformten Glieder wie mit Flecken von Schnee. Wohl geziemte dem Reiter der hohe Platz, den er innehatte, und dem Rosse, das er ritt, denn kein Mann in England oder vielleicht in Europa war vollendeter in der Reitkunst und allen andern zu seinem Stande gehörenden Fertigkeiten als Dudley. Er war barhäuptig, wie alle Höflinge im Zuge, und das rote Fackellicht schien auf seine langen, lockigen Flechten schwarzen Haares und auf seine edeln Züge, an deren Schönheit nur der strengste Kritiker den herrischen Fehler – wie man es hätte nennen können – einer zu hohen Stirn gerügt hätte. An diesem stolzen Abend hatten diese Züge nur den Ausdruck der dankbaren Besorgnis eines Untertanen, der sich erkenntlich für die hohe Ehre erzeigen will, die die Königin ihm erweist, und den Stolz und die Befriedigung, die einem so ruhmvollen Moment entsprachen. Doch wenn auch das Auge und die Miene nur Gefühle ausdrückten, die der Gelegenheit angemessen waren, bemerkten doch einige von den persönlichen Begleitern des Earls, daß er ungewöhnlich blaß war, und sie äußerten gegeneinander ihre Besorgnis, er mute sich mehr zu, als seiner Gesundheit zuträglich sei.