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Varney folgte dicht hinter seinem Herrn als der erste im persönlichen Dienste des Grafen, und ihm war auch Seiner Lordschaft schwarze Sammetmütze anvertraut, die mit einer Schnalle von Diamanten und einer weißen Feder verziert war. Er behielt seinen Herrn beständig im Auge und war vielleicht von allen Dienern Seiner Lordschaft am meisten in Sorge, daß die Kraft und Energie seines Herrn erfolgreich diesen so so aufregenden Tag überstehen möge. Denn obwohl Varney eines der wenigen – der sehr wenigen moralischen Ungeheuer war, denen es gelingt, die Gewissensbisse ihrer Brust in Schlaf zu wiegen, so wußte er doch, daß in der Brust seines Gönners schon das Feuer, das nie gelöscht wird, erwacht war, daß sein Gebieter inmitten all der Pracht und Herrlichkeit schon das Nagen des Wurmes fühlte, der nicht stirbt.

Der Zug von Herren und Damen, der unmittelbar der Person der Königin folgte, bestand aus den tapfersten und schönsten ihres Geschlechts – den höchsten Edelherren und den weisesten Räten des großen Reiches. Dahinter kam eine zahlreiche Schar von Rittern und Edeln, deren Rang und Geburt – ob noch so hoch – doch schon wieder in Schatten gestellt war, wie sie denn auch hier in zweiter Reihe kamen.

Unter den Klängen einer rauschenden Musik sprengte die Kavalkade durch das Tor des Galerieturmes. Auf das Spiel dieser Kapelle antworteten wieder andre von verschiednen Teilen der Schloßmauern her und wieder andre aus dem Jagdgehege – wenn die Töne der einen noch in der Luft zitterten, und in leisem Widerhall verklangen, fiel auch schon von andrer Seite her wieder neue Musik ein. Wie durch Zauberei hervorgerufen, schienen diese Töne bald ganz dicht in der Nähe zu erklingen, bald hallten sie wider, durch die Ferne gedämpft, bald zogen sie leise und süß dahin, als würde die Entfernung noch mehr vergrößert, bis nur noch die letzten hingezognen Laute das Ohr erreichen konnten. Unter dieser zauberhaften Musik ritt die Königin über die lange Brücke, die vom Galerieturm bis zum Mortimerturm sich erstreckte und die schon tageshell war, so viele Fackeln waren zu beiden Seiten an den Palisaden festgemacht worden. Die meisten der Edelleute saßen hier ab und schickten ihre Pferde in die nahe Ortschaft Kenilworth, um der Königin zu Fuße zu folgen, was auch die Herren taten, die am Galerieturm sie empfangen hatten.

Bei dieser Gelegenheit wie auch bei verschiednen Anlässen am Abend richtete Raleigh ein paar Worte an Tressilian und wunderte sich nicht wenig über seine unbestimmten, unbefriedigenden Antworten. Wenn er dann bedachte, daß Tressilian sein Zimmer ohne einen triftigen Grund aufgegeben hatte, daß er vor der Königin in so unordentlichem Anzuge erschienen war, wo die hohe Frau doch leicht daran hatte Anstoß nehmen können, so erwachte in ihm der Argwohn, sein Freund leide unter einer zeitweiligen Geistesstörung.

Kaum hatte inzwischen die Königin die Brücke betreten, so war hier für ein neues Schauspiel gesorgt. Die Musik hatte das Zeichen gegeben, daß die Königin schon auf der Brücke sei, und es erschien ein Floß, das zu einer kleinen treibenden Insel ausgeschmückt war und von mannigfachen Fackeln beleuchtet war. Die Insel war umgeben von schwimmenden als Seepferde zurecht geputzten Stöcken, auf denen Tritonen, Nereiden und andre sagenhafte Gottheiten der Seen und Flüsse saßen. Sie kam hinter einem Versteck hervor und trieb langsam über den See hin, nach dem andern Ende der Brücke.

Auf dem Eiland erschien ein schönes Weib, das in einen meerfarbnen Mantel von Seide gekleidet war und an den nackten Armen und Füßen große goldne Bänder trug. In dem langen schwarzen Haar trug sie eine Krone aus künstlichem Mistelzweig und in der Hand einen Stab aus Ebenholz mit silberner Spitze. Zwei Nymphen in derselben antiken, mystischen Tracht saßen neben ihr.

Dieses Maskenspiel war so geschickt angeordnet, daß die Frau vom treibenden Eiland nach effektvoller, malerischer Fahrt mit ihren zwei Dienerinnen gerade in dem Augenblick am Mortimerturm anlangte, als Elisabeth dort eintraf. Das Fabelwesen richtete nun eine wohlentworfne Ansprache an die Königin. Sie sei die berühmte Jungfrau vom See, die in den Geschichten des Königs Arthur erscheine und deren Schönheit zu mächtig für die Weisheit und den Zauber Merlins gewesen sei. Seit dieser Zeit sei sie in ihrem kristallnen Reiche verblieben, und so viel berühmte und mächtige Männer auch seitdem in Kenilworth gewesen seien, sie habe ihretwegen doch nie ihr Haupt über den Wasserspiegel erhoben, in dem ihr kristallner Palast verborgen sei. Aber der größte Gast, den je Kenilworth gesehen, sei jetzt erschienen, und sie komme nun, in Huldigung und Treue die unvergleichliche Elisabeth zu bewillkommnen.

Die Königin nahm die Ansprache huldvoll entgegen, und als die Jungfrau vom See verschwand, erschien Arion, der sich unter den Meergöttern befand, auf seinem Delphin. Aber Lambourne, der diese Rolle an Stelle des verjagten Wieland auf sich genommen hatte, war halb erfroren von dem langen Aufenthalt in einem Element, auf das er überhaupt nicht gut zu sprechen war, auch konnte er seine Rede nicht auswendig. Er half sich also mit Unverschämtheit aus der Verlegenheit, riß schließlich seine Maske ab und schwur: Zum Kuckuck! er wäre weder Arion noch Orion, sondern der ehrliche Michael Lambourne, der vom Morgen bis in die Mitternacht auf das Wohl Ihrer Majestät getrunken hätte und ihr jetzt ein herzliches Willkommen im Schlosse Kenilworth zurufe.

Die Windbeutelei wirkte besser, als es die Ansprache, die er halten sollte, gekonnt hätte. Die Königin lachte herzlich und schwur (ihrerseits zur Erwiderung), er hätte die besten Worte gesprochen, die sie heute noch vernommen hätte. Lambourne, der sogleich erkannte, daß ihm sein Witz mit heiler Haut davon geholfen hatte, sprang ans Ufer, gab seinem Delphin einen Tritt und erklärte, er wolle sich nie wieder mit Fischen abgeben, höchstens bei Tische.

Als die Königin nun in das Schloß hineintreten wollte, wurde zum Schlusse noch das wunderbare Feuerwerk zu Wasser und zu Lande abgebrannt, das Meister Laneham, den der Leser schon kennen gelernt hat, in überschwenglicher Sprache beschrieben hat.

»So zahlreich flammten brennende Kugeln auf,« schreibt Meister Laneham, »so zahlreich schossen funkelnde Steine empor und Lauffeuer prasselte und Feuerfunken hagelten hernieder und Donnerbolzen blitzten knatternd auf, so ununterbrochen, so furchtbar und mit solcher Wucht, daß die Erde bebte und das Wasser in brausendem Gischt emporstieg.«

Fünfzehntes Kapitel

All die herrlichen Festlichkeiten, die zu Ehren der Anwesenheit der Königin zu Kenilworth gefeiert wurden, haarklein zu beschreiben, kann nicht unsre Absicht sein. Es mag vielmehr genügen, zu bemerken, daß Ihre Majestät unter flammendem Feuerwerk durch den Mortimerturm im Schlosse Kenilworth ihren Einzug hielt, daß ihr dort Götter und Göttinnen des heidnischen Altertums Gaben darreichten und Glückwünsche darbrachten, und daß sie, durch solch mythologisches Spalier, endlich zu der großen Schloßhalle gelangte, die zu ihrem Empfange mit den kostbarsten Seidentapeten ausgeschlagen war, in der ein wahres Meer von Wachskerzen strahlte und die erfüllt war von den herrlichsten Wohlgerüchen und von der lieblichsten Musik. Am obersten Ende dieses Prachtsaales stand ein Baldachin von wunderbarer Schönheit über einem Königsthrone, und ein köstliches Portal öffnete den Zugang zu einer langen Flucht von Gemächern, die für den Aufenthalt der Königin und ihrer Hofdamen bestimmt und auf das eleganteste und schönste hergerichtet waren.