Nachdem der Earl of Leicester die Königin zum Throne geleitet hatte, ließ er sich vor ihr auf ein Knie nieder und dankte ihr auf das wärmste und innigste für diese höchste Ehre, die eine Monarchin einem Untertan erweisen könne. Der Anblick dieses vor seiner Herrscherin knieenden Edelmanns war so berückender Art, daß sie sich versucht fühlte, den Auftritt länger auszudehnen, als eigentlich notwendig war; und ehe sie Leicester aufhob, fuhr sie ihm mit der Hand über das Haupt, so nahe und so dicht über seine langen, gewellten und wohlriechenden Haare, daß es fast so aussah, als hätte sie diese Handbewegung gar zu gern in eine Liebkosung verwandelt.
Endlich hob sie ihn auf, und als er nun neben ihr an dem Throne stand, gab er ihr Kenntnis von all den Vorkehrungen und Anordnungen, die zu ihrer Unterhaltung und Freude getroffen worden waren. Sodann bat der Graf die Königin um die Erlaubnis, sich mit den Edelleuten, die den Tag über Dienst bei ihr getan, auf kurze Zeit entfernen zu dürfen, um sich umzukleiden.
Nach empfangner Erlaubnis zog er sich mit den Herren vom engern Gefolge zurück, während jene andern Herren, die schon vor ihr auf dem Schlosse eingetroffen waren und bereits hofmäßige Tracht trugen, nun ihrerseits sich um den Thron gruppierten, aber, da sie zumeist nur den zweiten Rang bekleideten, in gemessner Entfernung. Das scharfe Auge der Königin entdeckte bald Walter Raleigh unter ihnen nebst einigen andern Herren, die ihr schon vorgestellt waren. Sie winkte die Herren huldvoll zu sich heran und richtete gnädig das Wort an sie, besonders an Raleigh, der ihr durch das Abenteuer mit dem Mantel noch lebhaft in der Erinnerung stand. Auf Tressilian, dessen schlichte Tracht gegen die Pracht und Eleganz der andern unvorteilhaft abstach, zeigend, fragte sie:
»Wer ist denn jener etwas ungehobelt aussehende Mensch?«
»Ein Poet, mit Eurer Majestät gnädigem Verlaub.«
Elisabeth lächelte und fuhr fort:
»Ich fragte nach dem Namen des wunderlichen Menschen und nicht nach seinem Stande.«
»Tressilian ist sein Name,« antwortete Raleigh mit innerlichem Widerstreben, denn er ersah aus der Art und Weise, wie sich Elisabeth nach seinem Freunde erkundigte, nicht viel Erfreuliches für ihn voraus.
»Tressilian!« antwortete Elisabeth, »o! also der Menelaos unsrer Romanze! Hm, er hat sich in ein Gewand gesteckt, das wohl nicht angetan sein dürfte, seine holde und falsche Helena in seine Arme zurückzuführen; weißwaschen könnte sie sich damit schon! ... Und wo ist Farnham, oder wie er heißt ... Mylord Leicesters Gefolgsmann meine ich ... der Paris dieser Devonshire-Idylle?«
Mit noch größerm Widerstreben zeigte nun Raleigh auf Varney, auf dessen äußre Erscheinung sein Schneider alle erdenkliche Sorgfalt verwandt hatte, und nannte seinen Namen.
Die Königin ließ den Blick von einem aus den andern gleiten und sagte dann:
»Wie mir scheint, ist dieser Herr Tressilian einer von jenen Kavalieren, die unser weiser Chaucer für zu gelehrt hält, daß sie klug sein könnten. Jedenfalls ist es ihm gar nicht eingefallen, vor wem er heut erscheinen soll. Was hingegen diesen Varney anbetrifft, so erinnre ich mich, daß es ein Musje mit aalglatter Zunge ist, der seine Worte sehr fein zu drechseln weiß, und da fürchte ich freilich, daß die schöne Dame, die sich auf solch unangenehme Weise entfernt hat, nicht ohne Ursache dazu gewesen ist.« Raleigh wagte hierauf keine Antwort, da er wußte, daß es dem Freunde wenig helfen werde, wenn er den königlichen Worten widerspräche; zudem neigte er der Ansicht zu, daß es schließlich das beste sei, wenn die ganze Angelegenheit, an die sich Tressilian umsonst mit ganzer Seele klammerte, durch die Macht der Königin einfür allemal aus der Welt geschafft würde.
Während diese Gedanken ihm durch sein reges Gehirn schossen, öffnete sich die untre Tür der Halle; und Leicester, in Begleitung einiger Herren von seinem Gefolge, trat wieder in die Halle von Kenilworth.
Der königliche Günstling erschien jetzt ganz in Weiß gekleidet, in Schuhen aus weißem Sammet, in Strümpfen, aus weißer Seide gewirkt, darüber kurze Beinkleider aus weißem Sammet, die bis zu halber Schenkelhöhe mit weißen Silberstreifen geschlitzt waren. Sein Wams war aus silberfarbner Seide, die darunter prall sitzende Weste aus weißem Sammet, mit Silber und weißen Perlen überreich gestickt. Auch der Gürtel und die Scheide seines Schwertes waren aus weißem Sammet, der Gürtel mit güldner Schnalle, die Scheide mit güldnem Beschlag. All diese Pracht umfloß ein weißer Atlasmantel, fußbreit mit güldner Stickerei besetzt, und die um das Knie geschlungne Kette des Hosenbandordens, mit dem azurblauen Bande selbst, setzte dem Anzug des Earl of Leicester, der seine schöne Gestalt und das Ebenmaß seiner Glieder vorzüglich heraushob, und den edlen Ausdruck des Antlitzes erheblich steigerte, die Krone auf. Kurz, wer ihn sah, mußte zugestehen, niemals einen schönern Mann gesehen zu haben. Der Earl of Sussex war nicht minder elegant gekleidet, die übrigen Edelleute desgleichen; aber an Pracht und Leibesanmut übertraf sie doch alle Lord Leicester.
Elisabeth empfing den Lord mit großer Huld.
»Wir haben einen Akt königlicher Justiz zu vollziehen,« sprach Elisabeth, »der Uns sowohl als Frau wie in dem Charakter einer Mutter und Hüterin des britischen Volkes obliegt.«
Ein unwillkürlicher Schauder überrieselte Leicester, als er sich tief verbeugte zum Zeichen seines Gehorsams gegen die Gebieterin, und einen ähnlichen Frostschauer empfand wohl auch Varney, dessen Augen an diesem Abend fast ununterbrochen auf seinen Gönner gerichtet waren. Aus der Veränderung, die Leicesters Züge zeigten, so geringfügig sie im Grunde genommen war, schloß er sogleich auf das Thema, wovon bei der Königin die Rede war. Leicester war sich jedoch insoweit schlüssig geworden, wie er es in seiner Zweizüngigkeit für den Fall für notwendig hielt; und als Elisabeth fortfuhr: »Von Tressilian und Varney sprechen Wir,« und ihm die Frage stellte: »Ist die Lady zur Stelle?« ... hielt er die Antwort bereit: »Huldvolle Fürstin! Nein, sie ist nicht zur Stelle.«
Die Königin runzelte die Brauen und zog die Lippen zusammen.
»Unsre Befehle, Mylord, waren streng und bestimmt,« lautete ihre Antwort.
»... und wären auch gehorsam erfüllt worden, gnädigste Fürstin,« erwiderte Leicester, »wären sie auch nur als leisester Wunsch verlautbart. Aber ... Varney, tritt vor ... dieser Edelmann wird Eurer Majestät die Ursache melden, warum die Dame – –« (er konnte seine rebellische Zunge nicht dazu bringen, statt der beiden letzten Worte zu sagen: seine Frau) »warum die Dame nicht vor königlicher Majestät erscheinen kann.«
Varney trat vor und meldete mit geläufiger Zunge, was er tatsächlich selbst glaubte, daß sich »die Betreffende – –« (in Leicesters Gegenwart wollte er sie auch nicht »seine Frau« nennen) – – in völliger Unmöglichkeit, vor der königlichen Majestät zu erscheinen, befände.
»Hier,« setzte er hinzu, »sind Atteste, gegeben von einem höchst gelehrten Arzte, dessen Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit meinem gnädigen Herrn sattsam bekannt sind, sowie von einem rechtschaffnen, frommen Protestanten, einem gewissen Tony Foster, dem Herrn, in dessen Hause sie zurzeit sich aufhält, Atteste, aus denen königliche Majestät ersehen, daß sie an einer Krankheit leidet, die es ihr absolut unmöglich macht, solche Reise aus der Gegend von Oxford hierher zu machen.«
»Das ändert freilich die Sache,« sprach die Königin, indem sie die Atteste aus Varneys Hand nahm und durchsah... »Tressilian soll vortreten.... Junker Tressilian, Wir empfinden für Eure Lage ein tiefes Mitgefühl, zudem es scheint, als ob Euer Herz innig an dieser Amy Robsart oder Varney hängt. Unsre Macht ist, dank Gott und dem willigen Gehorsam eines in Liebe ergebnen Volkes, vielvermögend, indessen gibt es Dinge, bis zu denen heran sie nicht reicht. Zum Beispiel sind Wir außer stande, einem losen jungen Dinge zu gebieten, Du mußt den und den Mann lieben, oder ihr vorzuschreiben, das Wams des oder des Hofmanns muß Dir besser gefallen als das jenes andern; desgleichen sind Wir außer stande, Krankheiten zu gebieten, wie zum Beispiel im vorliegenden Falle, der die Dame in die absolute Unmöglichkeit versetzt, hier zu erscheinen, wie Wir es gewünscht und auch befohlen haben. Hier sind die ärztlichen Atteste, wie auch diejenigen von dem Manne, in dessen Hause sie zurzeit weilt.«