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»Mit königlicher Majestät Verlaub,« nahm nun Tressilian das Wort, voller Hast und in seiner Beunruhigung wegen der Folgen dieses an der Königin begangnen Betrugs, zum Teil wenigstens, des Amy gegebnen Versprechens eingedenk, »diese Atteste sprechen nicht die Wahrheit.«

»Wie, Junker!« sprach die Königin, »Zweifel an Lord Leicesters Wahrhaftigkeit? Doch Ihr sollt volles Gehör finden. Vor Unserm Throne wird der niedrigste Unsrer Untertanen Gehör finden wider den höchsten und der unbekannteste wider den begünstigtsten. Drum sollt Ihr unumschränktes Gehör finden, doch hütet Euch, Dinge auszusprechen, für die es Euch an gutem Zeugnis gebricht. Nehmt diese Atteste zur Hand, prüft sie fürsorglich und sagt ehrlich und männlich, ob Ihr ihre Wahrheit anzufechten vermöget, und auf grund welches Zeugnisses?«

Während dieser Worte der Königin bestürmten das Gemüt des unglücklichen Tressilian das gegebne Versprechen und seine Folgen, und ein schwerer Kampf war es, den seine Empfindungen kämpften, einen Betrug zu entschleiern, den ihm die eignen Augen offenbart hatten; ein Kampf, so schwer, daß über sein ganzes Wesen eine Unentschlossenheit und Unsicherheit kamen, die sowohl die Königin als die übrigen Anwesenden gegen ihn einnahmen. Er wandte die Papiere um und um in der Hand, wie wenn er von Blödsinn geschlagen wäre und gar nicht die Fähigkeit besäße, sie auf ihren Inhalt hin zu prüfen.

Die Ungeduld der Königin zeigte sich immer deutlicher.

»Ihr seid ein gelehrter Herr, Junker,« sprach sie, »und, wie mir zu Ohren gekommen, von einiger Bedeutung; doch scheint es Euch eigentümlich schwer zu fallen, Geschriebnes zu lesen? Wie lautet Eure Meinung über diese Atteste? Sind sie echt oder falsch?«

»Majestät,« nahm jetzt Tressilian das Wort, mit sichtlicher Verlegenheit und Unsicherheit, der Folge seiner Unruhe darüber, daß es ihm geschehen könne, etwas für richtig anzuerkennen, dessen Richtigkeit er dann widerrufen müsse, und doch auch andrerseits beherrscht von dem Bemühen, das Amy gegebne Wort zu halten und ihr dadurch Zeit zu schaffen, daß sie ihre Angelegenheit nach eignem Willen führen könne. »Majestät, Euer Gnaden verlangen von mir, Echtheit von Attesten zu beweisen, was doch Sache sein müßte derer, die diese Papiere beibringen.«

»Hm, hm, Tressilian, Du bist ebenso sehr Kritiker wie Poet,« sagte die Königin, indem sie einen Blick des Mißbehagens auf ihn heftete, »Uns will bedünken, da diese Atteste vorgelegt werden in dem Schlosse des edlen Earl und in seiner Gegenwart, und da seine Edlen mit ihrer Ehre für die Echtheit derselben sich verbürgt haben, dürften Wir weitern Zeugnisses nicht bedürfen ... und solches Zeugnis müsse auch genügend sein für Dich. ... Da Du indessen so sehr am Förmlichen klebst, ... so möge Varney oder vielmehr Lord Leicester – denn die Angelegenheit berührt zunächst doch Euch« – (und ob auch diese Worte gewissermaßen nebenher gesprochen wurden, schnitten sie doch dem Earl wie ein Messer in die Brust) – »Lord Leicester sagen, welches Zeugnis er hat für die Echtheit dieser Atteste?«

Varney beeilte sich, dem Lord zuvorzukommen.

»Mit Verlaub, huldvolle Majestät, der junge Lord of Oxford, der hier zugegen ist, kennt die Handschrift des Herrn Anthony Foster und auch ihn selbst persönlich.«

Der Earl of Oxford, ein junger Sausewind, dem Foster wiederholt Geld und Wucherzins geliehen, sagte nun zufolge dieser Aufforderung aus, daß er genannten Mann als einen reichen und unabhängigen Freisassen kennte, und bezeugte die Echtheit seiner Handschrift.

»Und wer verbürgt die Echtheit des ärztlichen Zeugnisses?« fragte die Königin. »Alasko, dünkt mich, ist sein Name.«

Masters, der Leibarzt der Königin, mehr wie gern geneigt, durch sein Zeugnis Leicester zu nützen, dagegen dem Earl of Sussex und seiner Partei zu schaden, deponierte, daß er sich wiederholt mit dem Doktor Alasko über schwierige Fälle unterhalten habe, und schilderte ihn als einen höchst gewissenhaften und außerordentlich tüchtigen Mann, wenn er auch keine regelmäßige Praxis ausübe. Der Earl of Huntingdon, Schwager des Lord Leicester, und die alte Gräfin Rutland, priesen auch noch Alaskos Verdienste, und beide erkannten die zierliche, italienische Handschrift auf dem Atteste als dieselbe, in welcher sie die Rezepte von ihm geschrieben bekommen hätten.

»Und nun dächte ich, Herr Tressilian,« sprach die Königin, »Wir dürften diese Angelegenheit als erledigt beiseite legen... Wir wollen noch heute abend einiges veranlassen, was den alten Herrn Robsart mit dieser Heirat auszusöhnen vermag. Ihr habt Eure Pflicht tapfrer erfüllt, als manch andrer an Eurer Statt es vermocht hätte; aber Wir müßten nicht selbst Weib sein, wollten Wir mit den Wunden, die treue Liebe schlägt, kein Mitgefühl haben. Darum verzeihen Wir Euch Eure Kühnheit ebenso wohl wie Eure ungebürsteten Stiefel, die trotz der Parfüms, mit denen Lord Leicester diese Halle erfüllt hat, unsre Geruchsnerven auf das unangenehmste berühren.«

Also die Königin. Aber Tressilian hatte sich in dieser Zeit gesammelt, so verblüfft er auch im ersten Augenblick gewesen war über die bodenlose Frechheit solchen Betrugs, der tatsächlich den Sieg davontrug über die mit eignen Augen gesehne Wahrheit. Er stürzte vorwärts, sank vor der Königin auf die Knie und faßte das königliche Gewand am Saume.

»So wahr Ihr eine christliche Frau seid, Madame,« rief er, »und so wahr Ihr gekrönte Königin seid, gleiche Gerechtigkeit zu üben gegen alle Eure Untertanen, gleichwie Ihr vor Gott Gehör zu finden hoffet an jenem letzten Gericht, vor dem wir alle erscheinen müssen, gewährt mir eine geringe Bitte! Entscheidet in dieser Sache nicht so schnell! Gewährt mir bloß vierundzwanzig Stunden Frist, und ich gelobe, in dieser kurzen Zeit Zeugnis beizubringen, das unwiderruflich beweisen soll, daß diese Atteste, welche aussagen, die unglückliche Dame sei krank in Cumnorplace verblieben, falsch sind wie die Hölle.«

»Laßt mein Gewand los,« rief Elisabeth, empört über solche Heftigkeit, obgleich zu viel von Löwennatur ihr eigen war, als daß sie hätte Furcht empfinden sollen ... »der Mensch muß von Sinnen sein ... der witzige Mussje, mein Patchen Harrington mag ihn in seinen Strophen des Orlando furioso besingen! ... und doch, bei dem Licht der Sonne! es liegt etwas Seltsames in dieser Heftigkeit seiner Bitte – sprecht Tressilian! was willst Du tun, wenn die vierundzwanzig Stunden um sind und Du kannst solch feierlich bezeugte Tatsache, wie die Krankheit dieser Dame, nicht entkräften?«

»Mein Haupt will ich dann auf den Block legen,« versetzte Tressilian fest.

»Pst, pst!« rief die Königin, »Du sprichst, bei Gott! wie ein Narr. Welch Haupt fällt in England, als durch richterlichen Spruch? Ich frage Dich, Mann ... wenn Du Verstand hast, mich zu verstehen, ... dann antworte mir: Willst Du, falls der Beweis Dir nicht, gelingt, mir einen triftigen Grund angeben, warum Du Dich darin eingelassen hast?«

Tressilian überlegte und zögerte wiederum mit der Antwort, weil er sich sagte, daß sich innerhalb der begehrten Frist am Ende Amy Robsart mit ihrem Gemahl wieder aussöhnen könne, und daß es dann seinerseits ihr den schlimmsten Dienst erwiesen hieße, wollte er die sämtlichen Umstände vor Elisabeth wieder aufrollen und dartun, wie diese weise und eifersüchtige Königin durch falsches Zeugnis irregeführt worden sei. Das Bewußtsein dieser schwierigen Lage brachte von neuem in seine Miene, seine Stimme, seine Haltung den frühern hohen Grad von Verlegenheit zurück; er zauderte, sah zu Boden, blickte auf die Königin, die ihre Frage mit strenger Stimme und blitzendem Auge wiederholte, und gab dann zu mit unsichern Worten: »Daß es ja doch sein könne – daß er nicht positiv sagen könne – indessen würde er unter gewissen Umständen und Bedingungen die Ursachen und Gründe nennen können, die ihn zu solcher Handlungsweise bestimmt hatten.«