»Nun, bei König Heinrichs Seele!« rief die Königin, »das ist entweder Raserei oder Schurkerei! ... Sieh, sieh, Raleigh, Dein Freund ist gar zu bäuerisch-dichterisch angehaucht für eine Umgebung wie diese. Führe ihn anderswo hin, denn auf den Höhen vom Parnaß oder im Sankt Lukas-Spital ist kein Platz für seine hochfliegenden Ideen. ... Du selbst aber komm sogleich zurück, wenn er in schicklichen Gewahrsam gebracht worden ist. ... Wir hätten die Schönheit gar zu gern gesehen, die solches Unheil im Kopfe eines Weisen anzurichten vermochte.«
Tressilian suchte noch einmal an die Königin das Wort zu richten, aber Raleigh fiel ihm, gehorsam dem Befehle derselben, in den Arm, und zog ihn halb, halb führte er ihn mit Hilfe Blounts aus der Halle. Draußen hieß er Blount den Freund, der sich mit solchem Ungeschick benommen, in die für den Earl of Sussex und sein Gefolge bestimmten Räume führen und befahl, nötigenfalls ihm einen Mann als Wache dort zu lassen.
Tressilian folgte Blount ohne Widerstand in Raleighs Zimmer, wo er bald selbst einsah, daß keine Vorstellungen und Auseinandersetzungen ihm Beistand und Hilfe von Freunden früher verschaffen konnten, als bis die Zeit, in der er alles Handeln zu unterlassen versprochen hatte, verstrichen sei. Mit Mühe gelang es ihm, von Blount zu erreichen, daß er ihm die Schmach einer Ueberwachung ersparte.
Sechzehntes Kapitel
»Eine traurige Sache,« sprach die Königin, als Tressilian aus der Halle geführt worden war, »mit anzusehen, wie eines weisen und gelehrten Menschen Verstand so kläglich zerrüttet werden kann. Indessen gibt Uns dieser vor der Öffentlichkeit geführte Beweis seiner Gehirnschwäche die Zuversicht, daß seine Anklage und der von ihm behauptete Sachverhalt müßig waren; und darum, Mylord of Leicester, gedenken Wir Eures frühern Ansuchens zu gunsten Eures Gefolgsmanns Richard Varney, dessen getreue Dienste und Fähigkeiten, da sie für Euch von Nutzen sind, von Uns belohnt werden sollen; wissen Wir doch aus häufiger Erfahrung, wie sehr alles, was Euch angehört, auch Unsern Diensten treu und ergeben ist und von Nutzen. Und Wir wollen Eurem Diener auch darum diese Ehre erweisen, weil Wir Gast sind unter dem Dach Eurer Herrlichkeit und Euch, wie Wir fürchten, viel Last und Ungemach dadurch bereiten. Um deswillen wollen wir den wackern, greisen Ritter von Devon, dessen Tochter er zum Weibe genommen hat, erfreuen und zufrieden stellen, in der Hoffnung und Erwartung, daß dieses Zeichen Unsrer Huld und Gnade, das Wir ihm erweisen wollen, ihn aussöhnen werde mit seinem Schwiegersohne. ... Mylord Leicester, Euer Schwert!«
Der Graf löste sein Schwert vom Gürtel, faßte es an der Spitze und reichte der Königin den Griff, indem er sich auf ein Knie niederließ.
Die Königin nahm langsam das Schwert, zog es aus der Scheide und betrachtete, während die Damen sich schaudernd abwandle, mit seltsamen Blicken die fein damaszierte Klinge.
»Wär ich als Mann geboren,« sprach sie, »so hätte, glaub ich, kein einziger meiner Vorfahren sein gutes Schwert besser geliebt als ich. Doch auch als Weib lieb ich das Schwert und möchte wohl, gleich jener Zauberfee, von der ich in italienischen Versen gelesen, mir das Haar kämmen und frisieren in solchem Spiegel wie diesem. ... Richard Varney, tritt heran und knie nieder! Im Namen Gottes und des heiligen Georg, Wir schlagen Dich zum Ritter! Sei getreu, tapfer und glücklich! ... Und nun steh auf, Sir Richard Varney!«
Varney stand auf und verneigte sich tief zum Zeichen des Gehorsams und Dankes gegen eine Herrscherin, die ihn in solcher Weise und so hoch geehrt hatte.
»Der Sporn soll Euch morgen in der Kapelle überreicht werden,« sprach die Königin, »woselbst auch die andern rituellen Bräuche stattfinden sollen, die zu dieser feierlichen Handlung gehören. Denn Wir wollen Sir Richard Varney einen Ehrengenossen geben und fordern zu diesem Zwecke Unsern Vetter von Sussex auf, Uns einen Namen in Vorschlag zu bringen.«
Der edle Earl of Sussex, der seit seiner Ankunft auf dem Schlosse Kenilworth, ja wohl seit Beginn dieser Sommerreise, sich in einer, Lord Leicester untergeordneten Stellung befunden hatte, zeigte ein düstres Aussehen ... ein Umstand, der der Königin nicht entgangen war. In der Hoffnung, die Wolken zu verscheuchen, die sich auf seiner Stirn gelagert hatten, und getreu ihrem Prinzip, durch Wechsel ihrer Gunstbezeigung die Gemüter in Eifersucht zu halten, winkte sie jetzt den Grafen zu ihrem Throne. Sussex nahte ihr schnell, und auf die aus königlichem Munde wiederholte Frage, wen er zu dieser weitern Ehrung vorschlagen wolle, erbat er mit höherm Grade von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit als Politik und Klugheit die Auszeichnung durch den Ritterschlag für den Junker Tressilian, dessen tapferm Arme er sein Leben verdanke, und der ein ausgezeichneter Soldat und Gelehrter, auch von tadellosem Geschlecht stamme, »bloß,« sagte er, »fürchte er, die Ereignisse dieses letzten Abends ...«, und hier hielt er inne.
»Ich bin erfreut, daß Eure Lordschaft so rücksichtsvoll denkt,« sprach Elisabeth; »die Ereignisse dieses Abends dürften jedoch Uns bei Unsern Untertanen, wollten Wir diesen Augenblick erwählen zu solchem Gnadenbeweise für ihn, wohl in demselben Lichte von Gehirnschwäche erscheinen lassen, wie sie diesem armen Menschen zu eigen ist, denn Wir rechnen sein Benehmen ihm nicht an als Bosheit ...«
Die Herzogin von Rutland half dem Earl aus der Verlegenheit. Sie las es der Königin vom Gesichte ab, daß sie darauf gerechnet hatte, der Earl werde Walter Raleigh zum Ritter vorschlagen und hierdurch einem Herzenswunsch von ihr entgegenkommen. Die Herzogin nahm, nachdem es den beiden Grafen als Repräsentanten des Hofadels vergönnt worden, je einen Kandidaten für die Ritterwürde in Vorschlag zu bringen, das gleiche Recht für die Namen bei Hofe in Anspruch und erbat die hohe Auszeichnung für den Junker Walter Raleigh. ... »Seine Herkunft, seine Taten, seine Gewandtheit und stete Bereitwilligkeit, Unserm Geschlecht mit dem Schwerte oder der Feder zu dienen, machen ihn solcher Auszeichnung vor allen andern würdig.«
»Ich danke Euch, meine schönen Damen,« sprach die Königin mit Lächeln, »und gewähre gern Eure Bitte. ... Der im Scherz zum Ritter vom schmutzigen Mantel erhobne Junker soll also heute zum wirklichen Ritter geschlagen werden.«
Walter Raleigh trat, auf einen Wink der Königin, zum Throne heran und empfing mit dem Schwerte des Earls of Sussex von der Hand der jungfräulichen Königin den Ritterschlag, der wohl nie einem edleren und würdigern Untertan zur Auszeichnung geworden war.
Der Ruf zum Bankett ertönte, und auf dieses Zeichen hin begab sich die Hofgesellschaft durch den innern Schloßhof nach dem neuen Gebäude, woselbst sich das große Bankettzimmer befand. Dort war, mit einer dem festlichen Anlaß angemessnen Pracht, die Tafel hergerichtet worden.
Auf eine eingehende Schilderung dieses festlichen Abends dürfen wir verzichten. Wie großartig es dabei zuging, mag der Leser daraus ersehen, daß der Earl of Leicester, als er sich endlich zurückziehen konnte, wie betäubt zusammenbrach, und daß es seinem Vertrauten, dem neuen Ritter Richard Varney, längere Zeit große Mühe kostete, ihn so weit wieder zu sich zu bringen, daß er im stande war, sich mit ihm zu unterhalten.
Varney hatte seinen glänzenden Galaanzug abgelegt und stand im einfachen Rock bereit, seinen Gönner beim Schlafengehen zu bedienen.
»Ei, ei,« fügte lächelnd der Earl of Leicester, als er die Müdigkeit einigermaßen bekämpft hatte, »Euer neuer Rang schickt sich kaum zu der Niedrigkeit solcher Dienstleistung.«