Выбрать главу

»Sollte dieser Rang mich von Mylord trennen,« sagte Varney, »oder zwischen Mylord und mir eine Kluft bringen, so würde ich lieber auf die Ritterschaft verzichten.«

»Du bist ein dankbarer Gesell,« versetzte Leicester, »doch kann ich nicht dulden, daß Du etwas verrichtest, was Dich in den Augen Deiner Mitmenschen herabsetzen müßte.«

Indessen litt er, während er so sprach, ohne Weigerung die Dienstleistungen Varneys, der sich übrigens so emsig und eifrig um den Earl bemühte, daß es tatsächlich den Anschein hatte, als hätte er wirkliche Freude an diesen Verrichtungen.

»Was die Leute sagen,« erwiderte er auf Lord Leicesters Aeußerung, »danach frage ich wenig oder gar nicht, besonders darum nicht, weil meiner Meinung nach ... erlaubt mir, bitte, die Halskette zu lösen... hier im Schlosse zurzeit kaum jemand weilen dürfte, der nicht die Ueberzeugung mit mir teilte, daß es sich binnen kurzem Männer von weit höherm Rang als ich zur Ehre anrechnen werden, Eure gräflichen Gnaden beim Zubettgehen zu bedienen.«

»Freilich hätte das der Fall sein können,« erwiderte der Graf mit unwillkürlichem Seufzer, um sodann hinzuzusetzen, »meinen Schlafrock, Varney... ich will einen Blick in die Nacht hinaus tun.... Ist nicht jetzt Vollmond?«

»Dem Kalender nach, denke ich, ja,« antwortete Varney.

In dem Gemach war ein Fenster mit abschüssigem Boden, durch das man auf den Balkon hinaus gelangte, einen kleinen steinernen Vorbau, wie man sie in gotischen Bauwerken in der Regel findet. Der Graf öffnete dies Fenster und trat in die frische Luft hinaus. Von dem Platz aus, wo er nun stand, hatte man einen weiten Blick über den See und die angrenzende Waldung. Der Vollmond spiegelte sich in den blauen Fluten und schimmerte durch die Zweige der Eichen und Ulmen im Park. Alles schien wie in Schlummer versunken, nur von Zeit zu Zeit klang der Ruf der Wächter herüber, denn Leibgardisten waren ständig bei der Königin; dazwischen Hundegebell in der Ferne, von der Meute herrührend, die durch die Stallknechte und Jäger zu der glänzenden Jagd in Bereitschaft gehalten wurde, die auf dem Programm des nächsten Tages stand.

Lord Leicester blickte zu dem blauen Himmelsgewölbe auf, und in seinen Gebärden wie auf seinem Gesicht kam angstvolle Freude zum Ausdruck, während Varney, der in dem dunklen Raume verblieben war, ohne selbst bemerkt zu werden, mit heimlicher Genugtuung seinen Gönner beobachtete, wie er die Arme gen Himmel streckte, mit Gebärden so eindringlicher Art, daß es aussah, als wolle er die Sterne zu sich herunter ziehen.

»Ihr fernen Kreise lebendigen Feuers,« so lautete die leise Anbetung der Gestirne in Leicesters Munde... »schweigend vollendet ihr euren geheimnisvollen Lauf, aber des Menschen Weisheit gab euch eine Stimme. Kündet mir also, zu welchem Ausgang meine hohe Laufbahn führt! Wird die Größe, die ich erstrebe, leuchten und dauern und alles überragen gleich der eurigen? oder soll ich ausersehen sein zu einem zwar glänzenden, aber bloß kurzen Lauf durch nächtliches Dunkel, um dann zur Erde niederzusinken, gleich dem wertlosen Staube einer verpuffenden Rakete?«

In tiefem Schweigen blickte er ein paar Minuten zum Himmel hinauf; dann schritt er in das Gemach zurück, wo Varney dem Anschein nach sich damit befaßt hatte, das Geschmeide des Grafen in eine Kassette zu legen.

»Was sagt Alasko von meinem Horoskop?« fragte Leicester. »Schon einmal sagtet Ihr es mir; doch ist es mir entfallen, weil ich zu wenig von dieser Kunst halte.« »Daß Euer Stern jetzt im Mittagskreise flammt, und der widrige Einfluß ... einfachre Ausdrücke braucht er nun einmal nicht, ... wenn auch noch nicht völlig zerstört, sich doch in sich selbst verzehrt oder, so sagte er wohl, in retrograder Bewegung sich befinde.«

»Genau so ist es,« erwiderte Leicester, auf ein Blatt mit astrologischen Exempeln blickend, das er in der Hand hielt; »der stärke Einfluß gewinnt die Oberhand und die schlimme Stunde zieht, so scheint es mir, vorüber. Helft mir, Sir Richard, den Schlafrock auszuziehen ... und verweilt, sofern es Eurer Ritterschaft nicht zu beschwerlich ist, noch eine Weile hier, bis ich mich in den Schlaf gefunden habe. Der Lärm heute hat, wie ich fürchte, mein Blut in Feuer gejagt, denn es rast mir wie siedendes Blei durch die Adern ... noch einen Augenblick verzeiht, bitte ... ich möchte meine Lider, ehe ich sie schließe, schwer, recht schwer im Kopfe fühlen.«

Varney half dem Grafen beim Zubettgehen und stellte eine Nachtlampe von gediegnem Silber auf den marmornen Tisch, der zu Häupten des Lagers stand. Dann legte er ein kurzes, breites Schwert daneben. Entweder um das Licht der Lampe nicht zu sehen, oder um sein Gesicht dem Blicke Varneys zu entziehen, zog Leicester die seidnen, mit Gold durchwirkten Vorhänge zu, so daß sein Kopf ganz im Schatten lag.

»Varney,« hub der Graf endlich an, nachdem er eine Weile vergebens gewartet hatte, daß der neue Ritter, der sich an das Kopfende des Bettes gesetzt hatte, die Unterhaltung anfangen werde, »die Leute sprechen also von der Gunst, die mir die Königin erwiesen?«

»Gewiß, mein gütiger Herr,« versetzte Varney. »Wie wäre das auch anders möglich, da sie Euch doch so offen auszeichnet!«

»Ich weiß, was ich davon zu denken habe,« erwiderte der Graf voller Ungeduld, »wenn Du auch Deine Worte heute abend mit ganz besondrer Vorsicht setzest ... Du willst mir plausibel machen, es stände nur bei mir, mich mit der Königin zu vermählen.«

»Das sagt Ihr, Mylord; aber über meine Lippen ist es nicht gekommen!« erwiderte Varney, »doch gleichwohl, wer es sagt, im großen England sagen es von hundert Menschen neunundneunzig.«

»Ja, aber,« sagte Leicester, indem er sich in seinem Bette auf die andre Seite wandte, »dieser hundertste weiß es besser. Du zum Beispiel kennst das Hindernis, das sich nicht überspringen läßt.«

»Und doch muß es, wenn die Sterne wahr reden, übersprungen werden,« sagte Varney mit Sammlung und Ruhe.

»Du hast recht,« erwiderte Leicester, sich abermals im Bette umdrehend. »Die Welt wünscht diese Verbindung. Es ist Nachricht an mich gelangt, von den reformierten Gemeinden Deutschlands, aus den Niederlanden, aus der Schweiz ... und alle sprechen es übereinstimmend aus, daß Europas Sicherheit davon abhängig sei. ... Frankreich wird nicht dagegen sein, und in Schottland erblickt die herrschende Partei ihr größtes Glück in dieser Verbindung, während Spanien sie fürchtet ... aber nicht zu hindern vermöchte ... und doch weißt Du, Varney, daß sie nicht stattfinden kann!«

»Daß ich nicht wüßte, Mylord!« sagte Varney, ... »die Gräfin ist unpäßlich.«

»Schurke!« rief Leicester, indem er auf seinem Lager emporsprang und nach dem Schwerte griff, das neben ihm auf dem Nachttische lag, »zielen dorthin Deine Gedanken? ... Einen Mord begingest Du doch nicht?«

»Für wen oder was haltet Ihr mich, Mylord?« sagte Varney, indem er sich der Ueberlegenheit eines zu Unrecht verdächtigen Unschuldigen versicherte, »ich habe nichts gesagt, was zu dieser furchtbaren Anschuldigung, die Eurer Heftigkeit enteilt, auch nur das leiseste Recht gäbe! Ich habe bloß gesagt, die Gräfin ist unpaß ... und mag sie zehnmal Gräfin sein und noch so liebenswert sein und noch so sehr geliebt werden ... unsterblich machen könnt Ihr sie nicht. ... Warum also sollte sie nicht sterben können und Eure Hand wieder frei und ledig machen?«

»Hinweg! Hinweg! ... Hiervon kein Wort mehr!« rief Leicester.

»Gute Nacht, Mylord!« sagte Varney, indem er sich stellte, als fasse er die Worte des Grafen als Befehl, sich zu entfernen; aber Leicesters Stimme störte ihn in seinem Vorhaben.

»Auf solche Weise entschlüpfest Du mir nicht, Sir Narr,« rief er; »die neue Würde hat Dir, wie mir scheint, das Gehirn verschoben. Gestehe, daß Du von unmöglichen Dingen gesprochen hast, als ob es möglich sei, daß sie geschehen könnten.«

»Mylord, Gott schenke Eurer schönen Gräfin recht langes Leben!« erwiderte Varney. »Ich sehe aber nicht ein, wie Ihr nicht dessenungeachtet König von England werden könntet. Hat man nicht oft schon gehört von Heiraten zur linken Hand, die in andern Ländern geschlossen werden zwischen Personen ungleichen Standes? Heiraten, die den Gatten nicht gehindert haben, nachher eine seinem Stande angemessenere Heirat einzugehen?«