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»Daß so etwas in Deutschland geschehen sei, ist allerdings verlautet,« meinte Leicester.

»Der reizenden Gesponsin, die Ihr aus wahrer Liebe erkoren habt, gehören die geheimen Stunden Eurer Zärtlichkeit, Eurer Erholung,« fuhr Varney fort. »Dabei könnt Ihr jedoch der Königin alle gebührende Aufmerksamkeit widmen ... es gehört nichts weiter dazu, als eine offne Stirn und geschlossne Lippen! Ueberlaßt es mir, Euch eine geschützte Laube zu bauen, zu der keine eifersüchtige Königin den Eingang finden soll!«

Leicester schwieg eine Weile, tat einen tiefen Seufzer und sprach sodann:

»Sir Richard Varney, gute Nacht! Was Ihr andeutet, ist unmöglich. ... Indessen verzeiht noch einen Augenblick! Wißt Ihr mir zu sagen, warum Tressilian heute vor der Königin in solch geringem Anzuge erschien?«

Varney lachte höhnisch.

»Recht gemacht hat ers, glaube ich. Wie sollte er anders tun, sein Herz zu trösten? ... Er hat doch einen Kameraden, einen weiblichen Geschlechts ... eine Jungfer oder so etwas wie die Frau oder Schwester eines Komödianten mit aufs Schloß gebracht ... hat sie mit bei sich im Mervynskäfig, wo ich ihn aus gewissen Gründen persönlicher Natur untergebracht habe.«

»Eine Jungfer? ... sagtest Du? ... meinst Du, eine Buhlerin?«

»Jenun, Mylord! Bliebe wohl eine andre in eines ledigen Herrn Gemache?«

»Meiner Treu! zur rechten Zeit erzählt am rechten Orte, gäbe das eine, gar köstliche Anekdote!« sagte Leicester. »Ich habe diesen Bücherwürmern und Stubenhockern, diesen heuchlerischen, gleisnerischen Tugendbolden nie im Leben getraut ... gut, gut! Junker Tressilian beliebt mit meinem Hause ein wenig keck umzuspringen! ... Wenn ich die Augen darüber zudrücke, so verdankt er es lediglich gewissen Rücksichten, gewissen Erinnerungen. ... Ich möchte ihm nicht weher tun als schon geschehen.... Behalt ihn indessen im Auge, Varney!«

»Eben weil ich meinte, daß dies von nöten sei, habe ich ihn im Mervynsturme untergebracht...« versetzte Varney, »dort bewacht ihn mein, wenn auch immer betrunkner, so doch immer getreuer und wachsamer Michael Lambourne, den ich Eurer Hoheit empfohlen hatte.«

»Hoheit?« wiederholte Leicester... »was ist der Sinn solches Beiworts in Deinem Munde?«

»Es entfuhr mir unbewußt, Mylord und doch klingt es so durchaus natürlich, daß ich es nicht zurücknehmen kann.«

»Deine eigne Erhöhung hat Dir das Gehirn verdreht,« sagte Leicester mit Lachen. »Neue Ehren berauschen wie junge Weine.«

Seinem Gönner gute Nacht wünschend, verließ Varney das Gemach.

Siebzehntes Kapitel

Unsre Erzählung kehrt nunmehr zurück zum Mervynskäfig, dem Gemach oder vielmehr Gefängnis der unglücklichen Gräfin Leicester, die eine geraume Weile ihre Ungeduld und Bangigkeit zu beherrschen suchte. Sie sagte sich, daß es wohl möglich sei bei solchem Wirrwarr, solcher Anstrengung, daß ihr Brief nicht gleich in die Hände ihres Mannes habe kommen können, daß es leicht auch einige Zeit dauern könne, bis ihr Mann sich von seinem Amte bei der Königin frei machen könne, um zu ihr nach dem Mervynsturme zu kommen.

»Vor Abend will ich, gar nicht auf ihn rechnen,« sprach sie bei sich, »es läßt sich wohl denken, daß er sich von seinem königlichen Gaste nicht entfernen kann, selbst um nach mir zu sehen. Wenn es ihm möglich ist, wird er früher da sein. Das weiß ich. Aber wie gesagt, vor Einbruch des Abends will ich nicht auf ihn rechnen.«

Und dennoch wartete sie auf ihn, wartete auf ihn die ganze Zeit, während sie sich fortwährend vom Gegenteil zu überzeugen suchte; jedes eilige Geräusch von all den Hunderten, die zu ihren Ohren drangen, klang ihr wie Leicesters rascher Schritt, wenn er die Treppe hinauf rannte, um in ihre Arme zu fliegen.

Die körperliche Anstrengung, die Amy in der letzten Zeit zu ertragen gehabt, zusammen mit der bei solch grausamem Zustande von Ungewißheit natürlichen Gemütserregung begann allmählich auf ihr Nervensystem zu wirken, und die Furcht, es könne ihr langsam die Kraft ausgehen, das, was ihr vielleicht noch bevorstände, zu tragen, fing an, sie zu beschleichen. Indessen war ihr, wenn auch durch zu nachsichtige, manchmal wohl weichliche Erziehung geschädigt, eine große Gemütsstärke von Natur eigen, und zu ihr trat ein durch ihre Teilnahme der Jagden des Vaters gestählter Körper. Sie gebot zufolgedessen über eine äußerst kräftige Gesundheit und nahm jetzt alle Kräfte zusammen, um keine seelische Erschlaffung und keine Nervenschwäche aufkommen zu lassen.

Als jedoch vom Cäsarsturm herab, der unfern von dem als Mervynsturm bekannten stand, die große Schloßglocke die Ankunft des königlichen Zuges durch mächtige Pulse verkündete, da drang ihr Schall so scharf zu ihren Ohren und schnitt ihr so schmerzvoll durch die Seele, daß sie angstvoll zusammenfuhr und sich kaum wehren konnte, bei jedem dröhnenden Schlag der unbarmherzigen Glocke aufzuschreien.

Gleich nachher schoß der Widerschein flammenden Feuerwerks zu den Fenstern des kleinen Gemachs herein, dasselbe taghell erleuchtend, daß es der einsamen Frau zu Mute ward, als stiege jede Rakete dicht neben ihr empor und ströme ihr Feuer dicht neben ihr aus, und als fühle sie dessen Hitze in allen Gliedern. Sie zwang sich zum Aufstehen und kämpfte all den wunderlichen Schreckenstanz, den die Feuergebilde vor ihrem geistigen Auge aufführten, mit Gewalt nieder, trat zum Fenster und blickte hinaus, starr und unverwandt, auf eine Szene, die zu jeder andern Zeit ihr Herz sicher weniger mit Furcht als mit Freude erfüllt hätte.

»Großer Gott im Himmel droben!« rief sie leise vor sich hin, »wie gleicht doch dieser vergängliche Glanz dem Flitter meiner eignen Hoffnungen! Ein einziger Funke, der im Nu verschlungen wird von Finsternis ringsum, ein flüchtiger Strahl, der für einen Augenblick emporschießt, um desto tiefer zu fallen! O, Leicester! Ist es denn möglich, nach alledem, was Du gesprochen, was Du geschworen hast, Deine Amy sei Dein Leben, Dein alles, Deine Liebe ... ist es denn möglich, daß Du der Zauberer seiest, auf dessen Wink all diese Wunderwerke erstehen? und daß ich, Deine Amy, ihnen zuschaue als Verstoßne, als Turmgefangne?« ...

Von allen Seiten her erklang jetzt Musik, von fern her und aus der Nähe, daß es war, als sei nicht das Schloß allein, sondern die ganze Umgegend der Schauplatz des herrlichen Festes zu Ehren königlich britischer Majestät. Aber der einsamen Frau führte die Musik keine Freude ins Herz, sondern nur den gleichen schmerzlichen Gedanken näher und näher, und als nach langer, langer Zeit das Echo der Klänge erstarb, da war es der Gräfin, als stürbe auch in ihrem Herzen alles, alles dahin, was dort von Lust und Freude geherrscht hatte; und sie trat, düstrer, schmerzlicher betroffen als je, zurück vom Fenster, zurück in das kleine Gemach und dessen Dunkelheit....

Es war Nacht geworden, wohl stand der Mond am Himmel, aber sein Licht erhellte den Raum, der ihr als Aufenthalt angewiesen worden war, nur spärlich. Seitdem Tressilian so leicht Zutritt zu ihm, trotzdem er von innen verschlossen war, sich hatte schaffen können, traute sie dem Schlüssel nicht mehr, der im Schlosse steckte. Aber das einzige, was sie zur Mehrung ihrer Sicherheit tun konnte, beschränkte sich darauf, daß sie einen Tisch vor die Tür rückte. Sicher, durch das Geräusch geweckt zu werden, das entstehen müsse, wenn jemand versuchen sollte, heimlich eindringen zu wollen, aufs höchste abgespannt und erschöpft, gab sie endlich dem Drange nach Ruhe Folge und trat zu ihrem Lager; und die Forderung der Natur, nachdem die Arme noch lange wach gelegen, noch lange gewartet hatte, überwand endlich Liebe, Herzeleid und Furcht, ja selbst die Pein der Ungewißheit... und Amy schlief ein....