»Wenn ich bloß meinen Führer wiederfände,« dachte sie; »dann erführe ich doch, ob er meinen Brief abgegeben hat. Oder wenn ich wenigstens Tressilian träfe! ... nun, ich will warten und hoffen ... unter so vielen menschlichen Wesen wird sich ja doch ein mildes Herz finden, das ermessen und mitfühlen kann, was mein armes Herz so schwer bedrückt!«
Freilich, es gingen viele im Garten auf und ab ... aber ... das waren immer solche, die das Herz voller Freude hatten ... die zusammen lachten und scherzten und allerhand Kurzweil trieben ... wie sollten die Sinn und Gefühl haben für Leid? ...
Das Versteck, das sich die Gräfin ausgesucht hatte, war recht geeignet, sie vor andrer Blicke zu schützen. Es war eine mit Moosbänken versehne Grotte, in deren Hintergrunde eine Fontäne spielte. Wenn sie sich dort aufhielt, so konnte sie, ohne bemerkt zu werden, abwarten, bis der Zufall eine einzelne Person herführte, die es vielleicht für geraten hielt, sich zu entdecken. Auf solchen Zufall wartend, trat sie hinter die Fontäne und blickte in den hellen Spiegel ihrer Flut, erschreckend über das eigne Bildnis, denn ihre Erscheinung war durch die letzterlebten Stunden in ihrer Schönheit um vieles gemindert worden. Aber der helle Wasserspiegel ermöglichte ihr eine rasche Toilette, und als sie damit fertig war, setzte sie sich auf eine der Moosbänke, harrend, daß ihr das Schicksal einen Ausweg zeigen oder einen Beschützer zuführen werde.
Achtzehntes Kapitel
Es traf sich an diesem denkwürdigen Morgen, daß eine der ersten, die in aller Frühe im vollen Jagdschmuck aus ihrem Zimmer trat, die Fürstin selber war, der all diese Lustbarkeiten galten, Englands jungfräuliche Königin. Sie hatte kaum einen Schritt über die Schwelle ihres Gemaches getan, als Leicester auch schon an ihrer Seite war und ihr den Vorschlag machte, bis zur Beendung der Jagdrüstungen den Lustgarten zu besichtigen.
Sie gingen selbander zu dieser neuen Stätte der Augenweide – gelegentlich stützte Leicesters Arm die Königin, wo lange Reihen von Stufen – damals eine beliebte Zierde in Gärten – sie von Terrasse zu Terrasse führten. Die begleitenden Hofdamen waren klug genug, nicht in der Nähe der Königin zu bleiben, obwohl sie sie nicht aus den Augen ließen, und so wurde das Gespräch zwischen der Königin und dem Grafen weder gestört noch belauscht.
Was sie miteinander sprachen, ist im einzelnen nicht überliefert worden. Noch die, die sie aus einiger Entfernung beobachteten – und die Augen von Höflingen und Hofdamen sind sehr scharf – , waren der Meinung, daß noch nie die hohe Würde, die Elisabeth sonst in Gebärde und Gang bewahrte, so offenkundig sich habe gehen lassen und Unentschlossenheit und zärtliche Vergessenheit verraten habe. Ihr Schritt war nicht nur langsam, sondern auch unsicher – etwas ganz ungewohntes in ihrer Haltung. Ihre Augen waren auf den Boden geheftet – ja, einige wollten sogar eine Träne in ihrem Auge und eine Röte auf ihren Wangen gesehen haben. Zu welchen Schlüssen diese Beobachtungen führten, ist klar, und wahrscheinlich waren diese Schlüsse auch nicht völlig grundlos. Edelmänner so gut wie Schäferburschen sagen in solchem kritischen Augenblick mehr, als sie eigentlich wollten, und Königinnen so gut wie Dorfschönen hören länger zu, als sie sollten. So hatte Elisabeth mit mehr Gunst als sonst den romantischen Galanterien gelauscht, mit denen sie immer angeredet zu sein liebte, und der Graf ging aus Eitelkeit oder aus Ehrgeiz oder aus beidem immer mehr aus sich heraus, bis die Sprache der Liebe selber von seinen Lippen kam.
»Nein, Dudley,« sagte Elisabeth, doch in gebrochnem Tone, »nein, ich muß die Mutter meines Volkes sein. Andre Bande, die die niedrige Maid glücklich machen, sind der Landesherrin versagt. Nein, Leicester – drängt nicht weiter in mich. Wäre ich wie andre und stünde es mir frei, mir mein eignes Glück auszusuchen – dann, ja dann! – aber es kann nicht, kann nicht sein. Schiebt die Jagd auf – schiebt sie auf eine halbe Stunde auf und verlaßt mich, Mylord.«
»Wie, Euch verlassen, Majestät?« sagte Leicester. »Hat mein Wahnwitz Euch beleidigt?«
»Mit nichten, Leicester!« antwortete die Königin rasch. Wahnwitz ist es wirklich und darf nicht wieder aufgebracht werden. Geht – aber geht nicht weit von hier – und bis dahin laßt niemand mich stören.«
Während sie so sprach, verneigte Dudley sich tief und zog sich leise und wie tief betrübt zurück. Die Königin sah ihm nach und murmelte vor sich hin: »Wäre es möglich – wäre es doch nur möglich! Doch nein – nein – Elisabeth muß allein Englands Frau und Mutter sein!«
Das Gemüt dieser Elisabeth Englands mochte wohl durch diese Unterredung ein wenig aus seinem Gleichgewicht gebracht worden sein – aber dank ihrer Festigkeit und Entschlossenheit hatte sie bald ihre natürliche Stimmung wieder erlangt. Als sie mit langsamem Schritt sich dem Innern der Grotte näherte, hatte ihr Gesicht wieder seinen würdevollen Blick und ihre Miene wieder ihren herrischen Ausdruck erlangt.
Da sah die Königin, daß eine weibliche Gestalt neben und zum Teil hinter einer Alabastersäule stand, an deren Fuß der helle Springbrunnen emporstieg, der in der innersten Tiefe der von Halbdunkel erfüllten Grotte sprudelte. Im Nähertreten blieb sie im Zweifel, ob sie eine Statue oder eine Gestalt von Fleisch und Blut vor sich hätte. Die unglückliche Amy stand regungslos – sie verlangte danach, ihre Hilflosigkeit einer ihres Geschlechts mitzuteilen, und empfand doch auch Furcht vor der erhabnen Gestalt, die sich ihr näherte, und in der ihre Furcht, obwohl ihr Auge sie noch nie erschaut hatte, sie doch sofort die Person erkennen ließ, die sie wirklich war. Amy war von ihrem Sitze aufgestanden in der Absicht, die Dame anzureden, die allein und – wie sie zuerst dachte – zu so gelegner Stunde die Grotte betrat. Aber als sie daran dachte, daß Leicester immer mit größter Unruhe davon gesprochen hatte, die Königin könne einmal von ihrer heimlichen Ehe etwas erfahren, und als sie immer mehr die Ueberzeugung gewann, daß die Person, die sie vor sich sah, Elisabeth selber sei – da blieb sie stehen – einen Fuß vor und einen zurückgesetzt, Arme, Haupt und Hände völlig regungslos und die Wange so bleich wie die Alabastersäule, an der sie lehnte.
Auch als Elisabeth bis auf ein paar Schritte herangekommen war, blieb sie noch im Zweifel, ob sie sich nicht getäuscht habe. Sie blieb daher stehen und heftete auf die interessante Erscheinung ihr fürstliches Auge so fest und scharf, daß das Erstaunen, das Amy in Regungslosigkeit hatte verharren lassen, der Furcht wich und sie unter dem gebietenden Blick der Fürstin allmählich den Blick niederschlug und das Haupt senkte. Bei dieser tiefen und langsamen Neigung des Hauptes blieb aber doch ihre Gestalt sonst ohne Bewegung und ihr Mund ohne Laut.
Die Kleidung und das Kästchen, das sie instinktiv in der Hand hielt, brachten Elisabeth natürlich auf die Vermutung, die Person, die sie erblickte, sei eine Darstellerin in einem Maskenspiele, wie deren schon verschiedne zu ihrer Huldigung veranstaltet worden waren, und das arme Mädchen hätte, aus Furcht vor ihrer Nähe, entweder ihre Rolle vergessen oder den Mut verloren, sie zu spielen. Sie sagte daher im Tone herablassender Güte:
»Wie, Du schöne Nymphe dieser Grotte, hat Dich ein Zauber im Bann oder bist Du von dem bösen Hexenmeister, den die Menschen Furcht nennen, mit Taubheit geschlagen?«
Anstatt zu antworten, fiel die unglückliche Gräfin vor der Königin auf die Knie, ließ ihr Kästchen aus der Hand fallen, schlug die Hände ineinander und sah zu der Königin empor, mit einem Ausdruck der Angst und der flehentlichen Bitte, der Elisabeth sichtlich rührte.
»Was soll das bedeuten,?« sagte sie. »Du bist in größrer Erregung, als dem Anlaß entspräche. Steh auf, Mädchen – was willst Du von Uns?«
»Schutz, hohe Frau,« stammelte die unglückliche Bittstellerin.