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»Den genießt jede Tochter Englands, solange sie seiner würdig ist,« versetzte die Königin; »aber Dein Unglück scheint eine tiefere Wurzel zu haben als die vergessne Rolle. Warum und in welcher Sache begehrst Du Unsern Schutz?«

Amy bemühte sich, schnell darüber klar zu werden, was sie am besten sagen würde, um sich vor den drohenden Gefahren zu schützen, die sie umgaben, ohne ihren Gemahl, zu gefährden, aber in dem Chaos, das ihr Gemüt bedrückte, fand sie keinen klaren Gedanken und konnte, auf die wiederholte Frage der Königin nur antworten:

»Ach! ich weiß es nicht!«

»Das ist Torheit, Mädchen,« sagte Elisabeth ungeduldig. »Wir find nicht gewöhnt, so oft Fragen zu stellen, ohne eine Antwort zu erhalten.«

»Ich bitte – ich flehe um Schutz –« stammelte die unglückliche Gräfin, »um Euern huldvollen Schutz gegen – gegen einen gewissen Varney.«

Sie würgte an dem verhängnisvollen Wort, das die Königin sofort aufgriff.

»Was Varney? – Ritter Richard Varney – der Diener Lord Leicesters? – was, Mädchen, seid Ihr ihm? was ist er Euch?«

»Ich – ich – war seine Gefangne – und er trachtet mir nach dem Leben – und ich bin geflüchtet...«

»Um Euch unter meinen Schutz zu begeben, ohne Frage,« sagte Elisabeth. »Du sollst ihn haben, – das heißt, wenn Du dessen würdig bist, denn wir wollen dieser Sache auf den Grund gehen. – Du bist,« fügte sie und heftete auf die Gräfin einen Blick, der ihr bis ins Tiefste der Seele dringen zu sollen schien, »Du bist Amy, die Tochter des Ritters Sir Hugh Robsart von Lidcotehall?«

»Vergebt mir, vergebt mir, meine huldvolle Fürstin!« sagte Amy und fiel abermals auf die Knie.

»Was sollte ich Dir vergeben, törichtes Mädchen?« fragte Elisabeth, »daß Du die Tochter Deines Vaters bist? Du bist nicht recht klar im Kopfe, wie mir scheint. Na, ich sehe, ich muß die Geschichte stückweis aus Dir herausholen. Du hast Deinen alten, ehrenwerten Vater betrogen ... Dein Blick gesteht es ... Du hast Junker Tressilian hintergangen ... Dein Erröten bekennt es ... und hast eben diesen Varney geheiratet.«

Amy sprang auf und unterbrach die Königin rasch:

»Nein, hohe Frau, nein – so wahr ein Gott über uns ist, ich bin nicht die Frau dieses verächtlichen Sklaven – dieses ausgemachten Schurken! Ich bin nicht die Frau Varneys! Eher möchte ich die Braut des Todes selber sein.«

Ihrerseits bestürzt durch Amys Heftigkeit, stand die Königin einen Augenblick still und sagte dann:

»Nun, Gott erbarme sich, Weib! – ich sehe, Dein Mundwerk ist flott genug, wenn das Thema Dir zusagt! Sage mir, Weib – denn bei Gottes Tage, ich will es wissen – wessen Weib oder Maitresse bist Du? – Sprichs aus und sei geschwind – Du möchtest eher mit einer Löwin spielen können als mit Elisabeth.«

Durch diesen harten Befehl getrieben, wie durch unwiderstehliche Gewalt zu dem Abgrund gezogen, den sie sah, aber nicht vermeiden konnte, – stammelte Amy schließlich in größter Verzweiflung:

»Der Graf von Leicester weiß alles.«

»Der Graf von Leicester!« rief Elisabeth in höchstem Erstaunen, – »der Graf von Leicester!« wiederholte sie, und ihr Zorn entfachte sich. »Weib, Du bist dazu gedungen worden – Du verleumdest ihn – er gibt sich nicht mit solchen Frauenzimmern ab, wie Du eins bist. Du bist erkauft worden, den edelsten Lord und den wahrherzigsten Edelmann Englands zu verunglimpfen. Aber wenn er auch Unsre rechte Hand oder Uns noch teurer wäre, Du sollst Gehör finden, und zwar in seinem Beisein. Komm mit mir – komm augenblicklich mit mir!«

Entsetzt wich Amy zurück – eine Bewegung, die die in Zorn entflammte Königin als Schuldbewußtsein auslegte. Elisabeth trat rasch zu ihr, faßte sie am Arme und eilte mit fliegenden, langen Schritten aus der Grotte heraus und die Hauptallee des Lustgartens entlang, die entsetzte Gräfin hinter sich herziehend, die sie noch immer am Arme hielt und die bei der größten Anstrengung nur knapp mit der empörten Königin Schritt halten konnte.

Leicester stand in diesem Augenblick inmitten einer glänzenden Gruppe von Lords und Ladys, die unter einem Säulengange am Ende der Allee sich versammelt hatte. Die Gesellschaft war hier zusammen gekommen, um die Befehle der Königin vor Beginn der Jagd entgegenzunehmen, und man kann sich ihr Erstaunen denken, als sie Elisabeth statt in ihrem gewohnten, gemessen würdevollen Schritte in solcher Hast unter sie treten sahen, daß sie in ihrer Mitte stand, ehe sie sie noch gewahr geworden waren. Sie sahen mit Furcht und Ueberraschung, daß ihr Gesicht von Zorn und Aufregung gerötet war, daß ihr Haar bei dem raschen Gange sich aufgelöst hatte und daß ihre Augen wild flammten. Nicht weniger erstaunt waren sie über die Erscheinung der blassen, erschöpften, halb toten und doch liebreizenden Frauensperson, die die Königin mit starkem Griff bei der Hand hielt, während sie mit der andern Hand die Lords und Ladys zur Seite winkte, die auf sie zudrängten in dem Glauben, sie sei plötzlich irre geworden.

»Wo ist Mylord von Leicester?« fragte sie in einem Tone, der die umstehenden Lords mit Schauder erfüllte. »Tretet vor, Mylord von Leicester.«

Wenn mitten am heitersten Sommertage, wenn alles in der Runde hell und lachend dreinschaut, ein Donnerkeil vom blauen Himmelsgewölbe herunterfiele und die Erde zu den Füßen eines sorglosen Spaziergängers zerrisse, so könnte der die rauchende Kluft, die unerwartet vor ihm gähnte, nicht mit halb so jähem Erstaunen und Grausen betrachten, wie Leicester bei dem Anblick empfand, der sich ihm so plötzlich darbot. Er hatte eben die halb ausgesprochnen, halb angedeuteten Glückwünsche der Höflinge zu der großen Gunst, die die Königin ihm erwiese, entgegengenommen, und er hatte in politischer Ziererei so getan, als streite er ab, was sie zu verstehen gaben, oder als verstünde er es nicht, und während noch ein gedämpftes, doch stolzes Lächeln um seine Lippen spielte, schoß die Königin in wildestem Ingrimm in den Kreis hinein; mit der einen Hand stützte und hielt sie, anscheinend ohne geringste Anstrengung, die bleiche, sinkende Gestalt seines halbtoten Weibes, und mit dem Finger der andern Hand deutete sie auf das verzerrte Gesicht und fragte mit einer Stimme, die in den Ohren der bestürzten Staatsmänner wie die Trompete des jüngsten Gerichts erklang:

»Kennst Du dieses Weib?«

Wie beim Trompetenstoß des jüngsten Gerichts die Schuldigen zu den Bergen rufen werden, daß sie über ihnen zusammenstürzen sollen, so flehte in seinen innersten Gedanken Lord Leicester zu dem prächtigen Bogen empor, den er in seinem Stolze erbaut hatte, er möge sein festes Gefüge sprengen und sie alle unter seinen Trümmern begraben. Aber das Bauwerk stand fest, und der stolze Herr selber ließ sich vor Elisabeth, wie von unsichtbarer Hand niedergedrückt, auf ein Knie nieder und senkte den Blick tief auf die Marmorsteine, auf denen sie stand.

»Leicester,« sagte Elisabeth mit vor Leidenschaft zitternder Stimme, »könnte ich glauben, daß Du mich hintergangen hast – mich, Deine Königin, – mich, Deine vertrauensvolle, Dir nur zu sehr geneigte Herrin – könnte ich glauben, Du hättest mir den gemeinen und undankbaren Betrug angetan, den Deine Verwirrung vermuten läßt, – bei allem, was heilig ist, Dein Haupt sollte fallen!«

Leicester hatte zwar kein Bewußtsein der Unschuld, das ihn stützen konnte, aber er hatte doch Stolz, er erhob langsam Stirn und Gesicht und antwortete:

»Mein Haupt kann nur fallen durch Urteil meiner Peers – und an sie will ich mich wenden, nicht an eine Fürstin, die mir meine treuen Dienste so vergilt.«

»Was! Mylords!« sagte Elisabeth und sah sich um. »Man bietet uns wohl gar Trotz – Trotz in demselben Schlosse, das Wir diesem stolzen Manne verliehen haben? – Mylord von Shrewsbury, Ihr seid Marschall von England, verhaftet ihn wegen Hochverrats.«

»Wen meint Eure Majestät?« fragte Shrewsbury höchst erstaunt, denn er war eben erst hinzugekommen.