»Wen sollt ich meinen, als den Verräter Dudley, Grafen von Leicester! Vetter von Hunsdon, laßt sofort Eure Wache ins Gewehr treten und nehmt ihn auf der Stelle in Gewahrsam. – Hört Ihr, Schurke, beeilt Euch!«
Hunsdon, ein rauher, alter Soldat, der mit den Boleyns verwandt war und sich daher mehr erlauben konnte, als mancher andre, erwiderte:
»Und vielleicht wirft Eure Majestät mich morgen in den Tower, wenn ich mich gar zu sehr beeilte. Ich ersuche Euch, habt Geduld!«
»Geduld?« rief die Königin. »Gottes Leben! Nennt mir das Wort nicht! Du weißt nicht, wessen er schuldig ist!«
Amy, die jetzt ein wenig zu sich gekommen war und erkannte, daß ihr Gatte von dem Zorne der gekränkten Herrscherin auf das schwerste bedroht war, vergaß augenblicklich das erlittne Unrecht und die eigne Gefahr, warf sich der Königin zu Füßen, umarmte ihre Knie und rief:
»Er ist schuldlos, hohe Frau – er ist schuldlos – niemand kann dem Grafen von Leicester etwas zur Last legen.«
»Ei, Du Affe,« antwortete die Königin, »hast Du nicht selber gesagt, der Earl of Leicester wisse um Deine ganze Geschichte?«
»Sagt ich so?« wiederholte die unglückliche Amy, »wenn ich es tat, so hab ich ihn schändlich verleumdet. So Gott mein Richter ist, er hat nie daran gedacht, mir ein Leid zuzufügen.«
»Weib!« sagte Elisabeth, »ich will wissen, wer Dich hierzu gebracht hat, oder mein Zorn – und der Zorn von Königen ist ein loderndes Feuer – soll Dich verzehren wie Reisig im Ofen!«
Als die Königin diese Drohung aussprach, rief der gute Engel in Leicester seinen Stolz zu Hilfe und hielt ihm die gänzliche Verworfenheit vor, die er in alle Ewigkeit auf sich lüde, wenn er sich so weit erniedrigte, unter der edelsinnigen Fürsprache seiner Frau Schutz zu suchen und sie an seiner Statt der Rache der Königin zu überliefern. Er hatte schon das Haupt erhoben, um mit der Würde eines Ehrenmannes seine Ehe zu bekennen und selber als Beschützer der Gräfin aufzutreten – da stürzte Varney – der, wie es schien, dazu geboren war, der böse Genius seines Herrn zu sein, – in die Versammlung hinein, mit allen Zeichen der Verwirrung und Bestürzung in Antlitz und Gebärde.
»Was drängt Ihr Euch so unanständig hervor?« fragte Elisabeth.
Mit der Miene eines von Schmerz und Verwirrung völlig niedergeschmetterten Mannes warf sich Varney ihr zu Füßen und rief:
»Vergebung, meine Königin, Vergebung! – oder laßt wenigstens Eure gerechte Strafe auf mich fallen, der sie verdient hat, aber verschont meinen edeln, meinen großmütigen, meinen unschuldigen Gönner und Herrn!«
Amy, die noch immer kniete, sprang auf, als sie den Mann, den sie am tiefsten haßte, so dicht neben sich erblickte, und wollte zu Leicester flüchten, aber die Unsicherheit und Furchtsamkeit, die seine Miene wieder angenommen hatte, als das Erscheinen seines Vertrauten eine neue Wendung herbeizuführen schien, scheuchte sie zurück und sie stieß einen schwachen Schrei aus und bat Ihre Majestät, sie im tiefsten Verließ des Schlosses einzukerkern, sie wie den schlimmsten Verbrecher zu behandeln, – »nur erspart mir, was mich noch vollends um den Verstand bringen wird, den Anblick dieses unsagbar schlechten, schamlosen Schurken!«
»Und warum, Püppchen?« fragte die Königin, »was hat dieser falsche Ritter, wie Du ihn nennst, Du getan?«
»O, Schlimmres, als Leid, hohe Frau, und Schlimmres als Beleidigung – er hat Zwietracht gesät, wo Friede sein sollte. Ich werde wahnsinnig, wenn ich ihn noch länger sehe.«
»Mich dünkt, Du bist, schon geistesgestört,« antwortete die Königin. »Mylord von Hunsdon, nehmt Euch des armen Weibes an und haltet sie in sicherm, aber ehrenvollem Gewahrsam, bis wir sie zu sehen begehren.«
Der Ritter führte die Unglückliche fort, die keinen Widerstand leistete, halb ohnmächtig, wie sie war. Die Königin sah ihr nach – mit der ihr eignen, Selbstbeherrschung, unter den Vorzügen eines Monarchen einer der ersten, hatte sie schon jeden äußern Schein von Gemütserregung verwischt und schien alle Erinnerung an ihren leidenschaftlichen Ausbruch tilgen zu wollen. Sie lächelte huldvoll und ließ die Blicke umherschweifen, um denen des Grafen von Leicester zu begegnen. Doch fand sie ihn noch nicht in der Stimmung, das nahegelegte Anerbieten einer Versöhnung anzunehmen. Sein Blick war auch mit verspäteter Reue der hingesunknen Gestalt gefolgt, die Hunsdon eben weggebracht hatte; jetzt haftete sein Auge finster auf dem Boden, aber mehr – so wenigstens kam es Elisabeth vor – mit dem Ausdruck eines, der eine ungerechte Kränkung erfahren hat, als voller Schuldbewußtsein. Sie wandte ärgerlich das Gesicht von ihm ab und sagte zu Varney:
»Sprecht, Ritter Richard, und erklärt diese Rätsel – Ihr seid bei Vernunft und habt auch noch den Gebrauch Eurer Zunge – was wir sonst hier vergebens zu suchen scheinen.«
Bei diesen Worten warf sie Leicester einen verdrießlichen Blick zu, wahrend der verschlagne Varney sich beeilte, sein Märchen vorzubringen.
»Eurer Majestät scharfes Auge,« sagte er, »hat bereits die grausame Krankheit meiner geliebten Frau entdeckt. Unglücklich, wie ich bin, wollte ich nicht ein ärztliches Attest darüber ausgestellt sehen, da ich zu verbergen strebte, was nun in um so fatalerer Weise doch offenbar geworden ist.«
»So ist sie geisteskrank?« fragte die Königin, »in der Tat, wir haben das selber vermutet – Ihr ganzes Benehmen verriet es. Aber wie ist sie hierher gekommen? Warum habt Ihr sie nicht in sicherm Gewahrsam gehalten?«
»Meine huldvolle Königin,« sagte Varney, »der würdige Herr, unter dessen Obhut ich sie gelassen habe, Anton Foster, ist soeben erst hier angekommen, so schnell Mann und Pferd reisen können, um mich von ihrer Flucht in Kenntnis zu setzen, die sie mit der, vielen solchen Kranken eignen Schlauheit ins Werk gesetzt hat. Er ist hier, wenn er gehört werden soll.«
»Laßt das auf ein andermal,« sagte die Königin. »Aber Ritter Richard, wir beneiden Euch nicht um Euer häusliches Glück, Eure Lady schalt garstig auf Euch und schien bei Euerm Anblick in Ohnmacht fallen zu wollen.«
»Es liegt in der Natur dieser geisteskranken Personen,« erwiderte Varney, »daß sie in ihrem Wahn sich am erbittertsten gegen die kehren, die sie in ihren lichtern Momenten am meisten lieben.«
»Wir haben das allerdings auch schon gehört,« sagte Elisabeth, »und glauben, was Ihr sagt.«
»Möge es denn Eurer Majestät gefallen,« sagte Varney, »zu befehlen, daß meine unglückliche Frau unter die Obhut ihrer Freunde zurückgebracht werde.«
Leicester fuhr jetzt auf, aber er zwang sich, ruhig zu bleiben, wahrend Elisabeth scharf antwortete:
»Ihr seid etwas zu eilig, Varney. Wir wollen uns erst einen Bericht über den Gesundheits- und Geisteszustand der Dame von unserm Leibarzt Masters abstatten lassen und dann bestimmen, was zu geschehen hat. Ihr sollt jedoch Erlaubnis haben, sie zu sehen, so daß – wenn ein ehelicher Zwist zwischen Euch bestehen sollte, – das soll ja auch bei einem Liebespaar mal vorkommen, soviel Wir gehört haben – Euch versöhnen könnt, ohne weitern Skandal für unsern Hof und ohne weitre Schererei für uns.«
Varney verneigte sich tief und antwortete nichts weiter.
Elisabeth sah wieder auf Leicester und sagte in einem Tone der Herablassung, der nur aus herzinnigster Anteilnahme kommen konnte:
»Zwietracht findet ihren Weg sogar in friedliche Klöster wie in enge Familien, und Wir fürchten, unsre Wachen und Türhüter können sie schwerlich von unserm Hofe fernhalten. Mylord von Leicester, Ihr zürnt uns, und Wir haben ein Recht, auch Euch zu zürnen. Wir wollen die Rolle eines Löwen übernehmen und der erste sein, der vergibt.«
Es kostete Leicester einige Mühe, eine glatte Stirn zu zeigen, aber er sagte, er habe nicht das Glück zu vergeben, denn die, die ihn dazu auffordre, stünde zu hoch, als daß er sich je von ihr beleidigt fühlen könne.
Elisabeth schien mit dieser Antwort zufrieden und gab Befehl zum Beginn der Jagd.