»Madame, ich spreche im Ernst – Varney ist mein getreuer Diener, mein erprobter und ehrlicher Diener, der in meine tiefsten Geheimnisse eingeweiht ist ... Besser, ich verlöre meine rechte Hand, als seine Dienste in solcher Zeit wie dieser! Ihr habt keine Ursache, ihn so zu schelten, wie Ihr jetzt tut.«
»Ich könnte jemand anschuldigen, Mylord,« versetzte die Gräfin, »und ich sehe ihn erbeben, diesen jemand, so fest und sicher er sich stellt. Aber jemand, der Euch so nötig ist, wie die rechte Hand, ist frei jedweder Anschuldigung durch mich. Möge er Euch treu sein, möge er wahr gegen Euch sein! und damit er sich so erweise, vertraut ihm nicht allzu viel! Doch genug! verlaßt Euch, Mylord, daß ich mit ihm nicht gehe, außer Ihr treibt mich mit Gewalt ... und daß ich ihn nie, nie als meinen Gemahl weder erkenne noch nenne, und wenn alles, alles sich gegen mich ...«
»Es ist ja nur ein zeitweiliger Behelf ...« sagte Leicester, verdrießlich über ihre Weigerung, »aber notwendig zu unser beider Sicherheit, die gefährdet worden ist durch Euch, durch Eure Launen, durch Euren vorzeitigen Wunsch, eine Stellung zu bekleiden, zu der ich Euch erhoben, doch nur unter der Bedingung, daß unsre eheliche Verbindung eine Zeitlang verborgen bleiben sollte. Mißfällt Euch mein Vorschlag, dann ruft Euch ins Gedächtnis, daß Ihr selbst die Veranlassung dazu geschaffen habt. Es gibt kein andres Mittel ... Ihr müßt tun, was Eure ungeduldige Torheit selbst notwendig gemacht hat ... ich befehle es Euch.«
»Ich vermag Euren Befehl, Mylord,« erwiderte die Gräfin, »mit denen der Ehre und des Gewissens nicht in Einklang zu bringen, und werde Euch in diesem Falle nicht gehorchen! Ihr mögt die eigne Ehre weiter aufs Spiel setzen, bis zur Ehrlosigkeit, dem Ende, zu welchem solche krumme Wege immer führen ... ich aber will und werde nichts tun, was meine eigne Ehre im geringsten gefährden könnte! Wie möchtet Ihr mich je als Eure Gattin anerkennen wollen, wenn ich im Lande herumziehen wollte als das Weib eines ... Subjektes wie dieses Varney?«
»Mylord,« mischte hier sich Varney ein, »Mylady ist leider von zu feindseliger Gesinnung gegen mich erfüllt, als daß sie Vorschlägen zustimmen könnte, die aus meinem Munde kommen; immerhin finden sie doch vielleicht eher ihren Beifall als die, die sie jetzt vernommen hat. Mylady hat viel Vertrauen zu Herrn Tressilian; ich glaube, sie könnte ihn leicht dazu bestimmen, sie zurück nach ihrem väterlichen Herrensitze zu führen; in Libcote-Hall könnte sie doch ganz gut die Zeit verweilen, die verstreichen muß, bis das Geheimnis verlautbart werden darf.«
Leicester schwieg, stand aber da und schaute gespannten Blickes auf Amy ... Argwohn und Unwillen erglühten zugleich in seinem Blicke.
Die Gräfin sprach nichts weiter als:
»O, wollte Gott, ich wäre in meines Vaters Hause! ... als ich den Fuß hinaussetzte, da dachte ich kaum, daß ich die Ruhe meines Gemüts und meine Ehre hinter mir lassen würde!«
Varney fuhr in einem Tone, der verriet, daß er sich seiner Sache sicher fühlte, fort:
»Zweifelsohne wird solcher Schritt es notwendig machen, daß gewisse fremde Personen Einblick in die Angelegenheiten Mylords gewinnen – – doch dürfte die Frau Gräfin ohne Frage für Junker Tressilians Schweigen ebenso einstehen, wie für dasjenige ihres Vaters und ihrer andern Angehörigen ...«
»Still, Varney!« rief Leicester, »mein Dolch soll Dir in die Geweide fahren, wenn Du noch einmal Tressilian als Träger meiner Angelegenheiten nennst!«
»Und weshalb nicht?« fragte die Gräfin ... »sie müßten denn in seiner Hand nicht anders ruhen denn in den Händen dieses Menschen! ... doch kenne ich Junker Tressilian als einen Mann von unbefleckter Ehre ... Mylord, Mylord, blickt mich nicht so finster an ... es ist die Wahrheit, und mein Mund ists, aus dem sie Euch klingt ... Um Euretwillen tat ich Tressilian einst weh ... ich mag nicht weiter unrecht an ihm tun dadurch, daß ich schweige, wenn seine Ehre in Betracht steht. ... Ich kann es unterlassen,« setzte sie hinzu mit einem Blick auf Varney, »der Heuchelei die Maske wegzureißen, aber ich werde nicht zugeben, daß Tugend in meiner Gegenwart geschmäht werde.«
Eine Totenstille trat jetzt ein. Leicester stand verdrießlich, aber unschlüssig da, der schwachen Füße, auf denen seine Sache stand, sich mehr als bewußt, während Varney mit erheucheltem Schmerze und erheuchelter Demut die Blicke zum Erdboden niederschlug.
Ruhigen Schrittes, mit edler Würde im Blick und im Wesen, trat Amy auf den Grafen zu. ... Umsonst rang ihre starke Liebe mit ihrer Festigkeit, die ihr Wahrhaftigkeit und Rechtsbewußtsein liehen, zu gunsten des geliebten Mannes.
»Ihr habt Eure Meinung ausgesprochen, Mylord,« sagte sie, »in einem Falle von solcher heiklen Art, daß ich mich leider außer stande sehe, Euch zu Willen zu sein. Dieser Edel ... Mensch, will ich sagen ... hat einen andern Ausweg angedeutet, gegen den ich nichts zu sagen wüßte, außer daß er Euch mißfällt. Gefällt es Eurer Lordschaft, anzuhören, was ein junges, schüchternes Weib, doch Euer Euch in innigster Liebe zugetanes Weib in diesem Falle schlimmer Bedrängnis rät?«
Leicester schwieg, aber er neigte vor der Gräfin das Haupt, wie zum Zeichen, daß sie nicht behindert werde, fortzufahren.
»Zu all diesem Herzeleid hat bloß eines geholfen, das ist die Unwahrhaftigkeit, die geheimnisvolle Doppelzüngigkeit, in die Euch zu hüllen, Ihr verleitet worden seid. Befreit Euch mit einem einzigen Ruck aus diesen unwürdigen Netzen, Mylord! Seid ein echter englischer Edelmann, Ritter und Graf, der Wahrheit als das Fundament aller Ehre ansieht und aufrecht hält und dem diese Ehre so teuer ist wie der Atem seiner Lungen. Nehmt Euer von Unglück geschlagnes Weib an der Hand, tretet mit ihr vor den Thron Eurer Königin ... bekennet, daß Ihr in einem Augenblick des Rausches, bewogen durch ihre vermeintliche Schönheit, von der jetzt wohl niemand mehr auch nur die Trümmer zu erkennen vermöchte ... Amy Robsart Eure Hand zum Bunde fürs Leben gegeben habt! ... Damit werdet Ihr mir Gerechtigkeit verschaffen, Mylord, und Eurer Ehre desgleichen; und sollte alsdann Gesetz oder Gewalt von Euch fordern, daß Ihr Euch von mir lossagt, so werde ich mich dem nicht widersetzen ... weil ich mich dann, wenn auch gebrochnen Herzens, mit Ehren in jenen Schatten zurückbegeben kann, wohin Ihr mich weiset. ... Dann, Mylord, habt bloß ein Weilchen noch Geduld .... und Amy wird Euch nicht lange mehr im Wege stehen ... weder Euch noch Eurer strahlenden Zukunft!«
Dem Grafen schienen die Schuppen von den Augen zu fallen ... wie erschüttert stand er da ob dieses Uebermaßes von Würde, das aus diesen Worten der edlen Frau zu ihm sprach ...
»Ich bin Deiner, Amy, nicht würdig,« sprach er; »wie konnte ich alles, was Ehrgeiz zu bieten vermag, einsetzen gegen ein Herz wie Deines? Eine schwere Buße harrt meiner, da ich vor meinen höhnischen Feinden und meinen verblüfften Freunden alle Maschen meiner trügerischen Gelbsucht aufdecken muß. ... Und die Königin? ... Doch mag sie mir das Haupt vom Rumpfe schlagen lassen, wie sie gedroht hat!«
»Euer Haupt, Mylord?« sagte die Gräfin; »weil Ihr Euch jene Freiheit nahmt, die jedem britischen Untertan gehört, ein Weib Euch zu nehmen, wie es Eurem Herzen gefiel? ... Pfui! eben dieses Mißtrauen gegen die Gerechtigkeit der Königin, diese Furcht vor einer eingebildeten Gefahr ist es, was Euch abgelenkt hat von dem Pfade der Wahrheit, der immer sowohl der beste wie auch der sicherste ist.«
»Ach, Amy, Du weißt wenig!« sagte Dudley, aber sogleich tat er sich Einhalt und fügte hinzu: »Doch sie soll in mir kein wehrloses, bequemes Opfer ihrer Rache finden gleich Norfolk ... nein! ich habe Freunde, habe Verbündete ... Amy! sei ohne Furcht! Du sollst Dudley würdig sehen des Namens, den er trägt! ... Laß mich gehen; ich muß mich auf der Stelle in Verkehr setzen mit jenen Freunden, auf die ich mich am festesten verlassen kann; denn wie die Dinge zurzeit stehen, könnte ich leicht Gefangner werden in meinem eignen Schlosse!«